Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1859 - Charles Richard Weld
Der 12. August oder: Auf zur Moorhuhnjagd!
Brawl (Braal) Castle, Halkirk

 

Es ist der 11. August, und der Tag der Tage für jeden Mohrhuhnjäger steht bevor. Ein Beobachter, der nicht wüsste, was wir vorhaben, müsste annehmen, dass wir das Schloß auf einem Sturmangriff vorbereiten. So viele Gewehre, Schießpulver und Pulvertaschen! An Munition gab es genug, um sogar nur mit Munition Nr. 7 [für kleine Vögel] das erste Bataillon Hochlandschotten zu vernichten, das möglicherweise seinen Fuß nach Caithness setzen wollte.
   Jeder war eingehend mit seinem Gewehr beschäftigt und hoffte auf anerkennende Bemerkungen der anderen zu dessen exquisiter Qualität.
   Und in der Tat, wo könnte es gelungenere Stücke geben als das moderne, 50 Guinees teure, zweiläufige Gewehr, das von Westley Richards und anderen erstklassigen Büchsenschmieden kommt? Kein anderes Präzisionsinstrument arbeitet genauer; wenn man also den Vogel verfehlt, hat man eindeutig selber Schuld.
   Natürlich hatten wir Hinterlader, und natürlich gab es heiße Diskussionen über die Vorteile dieser neuen Erfindung. Ein besseres oder leichter zu handhabendes Gewehr existiert nicht, und wenn schnell gefeuert werden muss, kann ein Hinterlader zweifelsohne mehr Tod und Verderben bringen als eine gewöhnliche Flinte. Man muss aber sehr darauf achten, dass die Patronen knochentrocken bleiben, sonst wird das Pulver feucht und mit dem Schießen ist es aus. Es ist in jedem Fall besser, nicht mehr Patronen vorzubereiten als man innerhalb der nächsten paar Tage wohl braucht.
   Das war die Waffenkammer, nun zum Hundezwinger. Gab es jemals zwölf beeindruckendere Schönheiten? Jeder Hund frisch wie der junge Morgen und lebendig wie ein Kitz, mit kräftigen Gliedern, denn ein leicht gebautes Tier taugt nicht für die Moore von Caithness. Zäh und stark wie sie sind, werden sie doch, so behaupte ich, in einer Woche ganz anders aussehen.
   Und nun zu den Gillies. Es ist bekannt, dass wir mehrere brauchen, und hier kommen sie die Auffahrt hinauf, um sich zu verdingen. Feine starke Leute sind die meisten, in der Lage, die riesigen Jagdtaschen gut gefüllt und auch richtig vollgestopft zu schleppen.
   Es gab eine Zeit, und die ist gar nicht mal lange her, als ein Caithness Gilly, mit Moorhühnern beladen, für einen Shilling am Tag unverdrossen über Stock und Stein marschierte. Heutzutage, da alles, was mit Sport zu tun hat, so viel teurer geworden ist, verlangt ein Gilly drei Shillings pro Tag, darunter tut er es nicht, und dazu erwartet er Frühstück und Mittagessen und Whisky in unbegrenzter Menge.
   Den Lohn von drei Shillings lehnten wir entschieden ab und gingen mit uns zurate. Da derbe und starke Frauen für zehn Pennies einen ganzen langen Tag auf den Feldern arbeiten, meinten wir, zwei von ihnen machten mehr als einen Gilly aus, und es wäre es überhaupt die Sensation, mit zwölf muskulösen Mädchen auf die Jagd zu ziehen. [Ein Shilling entsprach zwölf Pennies.] Und so erklärten wir allen Ernstes, keine männlichen Gillies in Dienst zu nehmen, da wir weibliche Gillies zu entschieden besseren Preisen bekommen könnten.
   Die Leute vom Hochland sind nur selten zum Lachen aufgelegt. Man kann auch von diesen Leuten, die in kaltem Nebel und Düsternis aufwachsen, nicht erwarten, dass sie fröhlich sind wie die Kinder des sonnigen Südens, und im Verstehen von Witzen sind sie auch nicht besonders schnell. Unser loses Gerede wurde ernst genommen, und obwohl der eine oder andere sich zu der Meinung verstieg, wir Herren meinten das doch wohl nicht so, reagierte die Mehrheit traurig mit einer Verringerung ihrer Forderung.
   Nun gab's einen Whisky, ein Glas für jeden, und damit waren wir Herren über sechs Gillies. Als ehrliche, arbeitsame Leute stellten sie sich allesamt heraus und straften damit die vorherrschende Meinung in Caithness Lügen, dass Gillies unzuverlässige Leute wären. Wahrscheinlich findet man noch hie und da einen Gilly, der, eingedenk der ehrwürdigen Tradition seiner Vorfahren, vergnügt auf Kosten der Nachbarn zu leben, mit einer moralischen Sehschwäche behaftet ist, die immer mal wieder den Unterschied zwischen Mein und Dein verwischt.
   Wir waren froh, dass wir die Gillies nur für die Jagd brauchten, denn es wäre ein bedenklich großes Unternehmen geworden, wenn wir so viele hätten beschäftigen müssen wie ein Hochland-Lord in den guten alten Tagen mit sich zu führen pflegte; man beachte die folgende Liste von Dienern: Ein gilly-more, der das Schwert trug; ein gilly-casflue, der ihn über Bäche und Flüsse trug; ein gilly-courtraine, der sein Pferd über gefährliches Gelände führte; ein gilly-trushanamish, verantwortlich für das Gepäck; und der piper's gilly mit dem Dudelsack.
   »The morn is up again, the bracing morn«: Der Morgen ist gekommen, der Tag der Moorhuhnjagd.
   Wir springen aus dem Bett, belebt von dem Gedanken, dass eine neuer 12. August angebrochen ist, streben eilig und heroisch in ein Duschbad, das unsere Schultern mit Eiszapfen zu foltern scheint, verlassen das Bad rot wie ein gekochter Hummer und gespannt wie ein Flitzebogen, ziehen uns an und setzen uns zum Frühstück, aber ganz anders als die Frühstücksgeister während der Ballsaison in London, an denen man die Wahrheit des französischen Sprichwortes erkennen kann, dass man erst am Morgen danach weiß, wie gut man am Abend zuvor gegessen hat.
   Gut gemacht, verehrter Küchenmeister, du versorgst uns bestens! Wer sagt, in Caithness gibt es nichts? Schinken, Rindfleisch, Pasteten, Lachs; delikate Zunge (wenn auch nicht sehr gesprächig), Eier, Butter, Sahne, frisch, goldfarben und fett. Hier kann man nicht verhungern. Kein Herumstochern in winzigen Portionen – wir essen von allem und hinterlassen so wenig Reste, dass kein Hund mehr davon satt würde. Das Fleisch muss nämlich auch als Mittagessen zählen, und obwohl wir meinen, dass wir jetzt unmöglich mehr essen können, setzen wir große Hoffnung in die appetitanregende Luft von Moor und Heide setzen und freuen uns darauf, uns bis zur Brust in der blühenden Heide niederzulassen und uns über das Mittagessen und die morgendliche Jagd zu unterhalten.
   Und nun zum Füllen der Schnapsflaschen – habe ich Flaschen gesagt? Es sind eher Fässchen, diese moderne Erfindung mit Glasscheiben oben und unten, durch die man die Flüssigkeit sehen kann. Das sind Folterwerkzeuge für den immer durstigen Gilly, der, wenn das Spundloch sicher verschlossen ist, noch nicht einmal die Lippen mit dem begehrten Stoff netzen kann. Unsere Gillies aber wurden nicht gefoltert, denn wenn wir auch ein Fass Bier aus Tunbridge hatten kommen lassen, so hatten wir doch vorgezogen, die Fässchen mit Tee ohne Milch und Zucker zu füllen. Aus reichlicher Erfahrung wussten wir, dass Tee das erfrischendste Getränk für einen langen und ermüdenden Jagdtag ist.
   Die Gillies fanden das natürlich nicht gut; denn ein schottischer oder zumindest ein Gilly aus Caithness hat es noch nicht zu der Erkenntnis gebracht, dass ein Pfund Tee, das 3 Shillings and 6 Pence kostet, mehr Erquickung bietet als eine Gallone [4,5 l] Whisky, die 16 Shillings kostet. Deshalb hatten wir – oder eher sie – zusätzlich Flaschen mit feurigem Whisky dabei, den sie genau so nebenbei tranken wie ein Kind ein Glas Milch. Ich glaube sogar, dass der Whisky umso höher geschätzt wird, je stärker er ist.
   Und nun sind wir bereit: Die Wagen stehen vor der Tür, in die mit viel Mühe die Hunde verfrachtet worden sind, die Gillies sind da, nichts wurde vergessen, denken wir, und los geht es. Wir haben eine lange Fahrt vor uns, denn unsere Jagdgebiete sind nicht in der Nähe von Brawl: einige liegen zehn Meilen weit weg, die nächsten vier. Der Tag ist fantastisch: Der Himmel ist mit Wolken betupft, aus Westen weht eine angenehme Brise. Am Ende der Auffahrt teilt sich unsere Gruppe: Waidmannsheil für alle! Wir beeilen uns, in die Heide zu kommen – durch das weit gestreute Dorf Halkirk, vorbei an den kleinen Stückchen bebauter Äcker, und dann haben wir nichts als Moor um uns. Es ist aber nicht durchgehend öde und leer, denn an den Rändern gibt es viele verschiedene Wildblumen, und das Moor ist gesprenkelt mit vielen Büscheln von Wollgras, das durch seine Größe und silbriges Weiß auffällt. Das ist eins der schönen Dinge im Moor von Caithness. Ossian vergleicht die Brüste der schönen Jägerin Strina Dona mit dieser Pflanze.
   Weiter geht es und weiter, durch die große Wildnis bis zum Dörfchen Dale. Hier lassen wir unseren Wagen zurück und sind nach ein paar Minuten im Land der Moorhühner.
   Ich will nicht mit einer Chronik dessen langweilen, was wir trieben: wie Ponto Hasen jagte, die Schneehasen, die alles durcheinanderbringen und die es zum Unglück des Moorhuhnjägers in Caithness außer den normalen Hasen auch noch gibt; wie Rap wild wurde und Juno ruhig blieb; wie einige gut zielten und andere schlecht; denn all das ist einfach so bei der Moorhuhnjagd. Aber zu den Moorhühnern von Caithness möchte ich einige Anmerkungen machen. Dieser Vogel, true red grouse, tetrao scoticus (warum scoticus und nicht britannicus, da er doch in Nordengland, Wales und Irland ebenso vorkommt wie in Schottland, wenn auch sonst nirgendwo in der Welt?) unterscheidet sich von seinen Artgenossen anderswo, weil er größer ist. Ich habe das Recht, den Preis für die Größe oder Schwere an die Moorhühner von Caithness zu vergeben, weil diese Kenntnis von einem Gentleman aus Caithness habe, dem Sohn eines der größten Landbesitzers, und es auch durch eigenen Augenschein bestätigt bekommen habe. Dieser Herr hat mich wissen lassen, dass das Durchschnittsgewicht der schottischen Moorhühner 25 Unzen [gut 700 g], das der von Caithness 25 ½ Unzen beträgt. Darüber hinaus haben die von Caithness den Vorteil, dass sie auch lange nach dem 12. August an Ort und Stelle bleiben; während diejenigen in den Bergen nach der ersten Woche Schießerei scharfsinnig feststellen, dass man hinter ihnen her ist, und sich rar machen.
   Wie man sich vorstellen kann, war die Jagd nicht gerade ein Zuckerschlecken. Sind Sie ein Mann von schwachen Kräften? Dann denken Sie besser nicht an einen Jagdausflug in Brawl. Denn da gibt es »Hags«, die wie Inseln hervorstehen, und Moos, in dem man verschwinden kann, um vielleicht eines fernen Tages als Fossil ausgegraben zu werden, zur Verwunderung der Spezies, die dann den jetzt von Menschen bewohnten Landstrich beherrscht. Es war zum Lachen und zum Weinen, wie die Hunde in ihrer wilden Aufregung immer wieder in Sumpflöcher gerieten und nach langem zähem Kampf gefärbt und gegerbt wieder herausfanden. Zum Weinen, weil uns klar war, dass diese körperliche Anstrengung sich schnell bemerkbar machen würde; und in der Tat, nach zwei oder drei Tagen hintereinander auf der Jagd waren sie so ausgelaugt, dass sie eine lange Ruhepause brauchten, bevor sie sich so weit erholt hatten, dass sie wieder eingesetzt werden konnten. Und da schon die Hunde so mitgenommen waren, kann man sich vorstellen, dass ihre Herren es auch nicht für das leichteste Terrain hielten. In einer Hinsicht ging es den Vierfüßlern sogar besser als den Zweifüßlern: Denn die Hunde konnten sich hinlegen, wir aber fanden sehr schnell heraus, dass das wohlige Hinstrecken zur Mittagspause inmitten der reich blühenden purpurnen Heide von Caithness einfach unmöglich war für jemanden, der nicht über eine dicke Haut verfügte. Sich hinzusetzen kam nicht in Frage – sogar einen Moment stehen zu bleiben erforderte große Kraft und Widerstandswillen. Nirgendwo, wage ich zu sagen, kommt einem das Sprichwort »Einigkeit macht stark« so treffend vor wie auf dem Moor von Caithness, denn nirgendwo gibt es mehr von diesen kleinen Wundern der Natur, den Mücken. Mir spreche keiner von Einsamkeit im Moor! Auf jedem Fleckchen leben Millionen von diesen kleinen Harpyien, die einem mit unvermuteter Wildheit und Unersättlichkeit das Blut aussaugen. Woher sie kommen, ist ein Rätsel. So lange man sich bewegt, sind sie unsichtbar, aber wenn man stehen bleibt, bildet sich ein Nebelschleier um Füße und Beine, der höher steigt und sich ausdehnt, bis man schmerzhaft feststellt, dass es sich um eine Wolke von Mücken handelt.
   Insektenforscher haben herausgefunden, dass es mehrere Arten von Mücken gibt. Die Stiche aller Arten sind unangenehm, aber am schlimmsten sind die der »Gnat«, die nicht nur ihre hautdurchbohrende Waffe mit fürchterlicher Wirkung einsetzt, sondern auch noch Gift in die Wunde spritzt.
   Ob wohl die Insektenforscher eine Erklärung dafür haben, warum es die Mücken, die im Moor so häufig sind, an den Ufern des Thurso überhaupt nicht vorkommen?
   Die Moore von Brawl sind so weit, dass es nur an den Rändern menschliche Siedlungen gibt. Wann immer möglich, begaben wir uns dorthin, denn obwohl sie ausgesprochen einfach waren, schützten sie uns doch vor unseren Insektenfeinden, und manchmal bekamen wir dort auch köstliche Milch.
   Und nun ist der sportbegeisterte Leser sicher begierig zu hören, was unsere Jagdtaschen denn enthielten, denn danach bemisst sich die Güte eines Jagdreviers zu Lande wie auch auf dem Wasser. Unser Gastgeber führte das Jagdbuch sehr genau, und er sagte mir, dass unsere sportliche Betätigung im Durchschnitt 15 Paar Moorhühner pro Tag und Gewehr ergeben hätte; daneben enthielt die Jagdstrecke aber auch immer Schnepfen und Hasen, manchmal auch Wildenten und Kiebitze. Diese Zahl nimmt sich gegenüber den staunenerregenden Meldungen der schottischen Zeitungen gegenüber sehr bescheiden aus, die Zahlenkolonnen über das Schlachten in bestimmten Jagdgebieten veröffentlichen. Aber ich bin nicht dafür, Jagdgründe gut zu finden, die wie ein Hühnerhof sind, sondern ziehe die vor, die Geschicklichkeit und gute Hunde zum Aufstöbern der verborgenen Beute erfordern. 15 Paar Moorhühner als Ergebnis eines Jagdtages sollten eigentlich jeden zufrieden stellen; und man sollte hinzufügen, dass dieses Ergebnis nur mit harter Arbeit erreicht werden konnte, und dass unsere Gruppe abends so lange auf der Jagd war, dass es, bis wir heimgefahren waren und uns umgezogen hatten, gegen zehn Uhr war, bevor wir uns zum Essen setzten.
   Natürlich haben wir mehr Moorhühner erlegt, als wir selbst essen konnten. Der größere Teil der Beute wurde uns abgekauft, und wir schickten eine große Anzahl an Freunde in England. Und es ist der Erwähnung wert, dass, wenn man die eben erlegten Vögel zu sechs oder zehn Paaren ohne Heidekraut dazwischen oder in Einzelverpackung in Kisten packt, sie immer in exzellenter Verfassung an ihrem Bestimmungsort ankamen, auch wenn der in der Regel so weit weg war wie London.

 

Weld, Charles Richard
Two Months at the Highlands, Orcadia, and Skye
London 1860
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Ulrike Keller (Hrg.)
Reisende in Schottland seit 325 v. Chr.
Wien 2008

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