Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1828 - Adolph Erman
Jekaterinburg

 

Hier in der regsamen und reichen Gegend, an dem Scheidepunkt der Landstraßen, die aus Europa als auch aus Asien zum südlichen und nördlichen Ural führen, hat sich denn auch wieder einmal die Anlegung eines Wirtshauses für den Unternehmer belohnend gezeigt. Sogar auf zierliche Anordnung des Inneren ist der Besitzer des Hauses bedacht gewesen, und hat z. B. die Wände der Zimmer mit papiernen Tapeten (oboi) von russischer Fabrik bekleidet.
   Wir trafen hier Beamte von den nördlichen Uralischen Werken und Kaufleute von Tjumen und Tobolsk, welche teils mit eingetauschten Waren von dem Jahrmarkt zu N. Nowgorod in das Innere von Sibirien zurückkehrten, teils erst jetzt von ihren Wohnorten nach dem kleineren Markt von Irbit (in gerader Linie 160 Werst NOzO von Jekaterinburg [1 Werst =1,07 km]) sich begaben.
   Der Jahrmarkt von Irbit hat in den neusten Zeiten an Bedeutung verloren. Früher war er der eigentliche Mittelpunkt des Pelz- und Teehandels, denn sibirische Kaufleute brachten fast ausschließlich dorthin das bei den östlichen Jägervölkern gesammelte Rauchwerk so wie die zu Kjachta eingetauschten Waren und überließen sie den Händlern des europäischen Russlands, welche nach Beendigung der großen Messe an der Wolga sich alljährlich nach Irbit begaben.
   Gleichzeitig auch fanden sich armenische und griechische Kaufleute in Menge zu Irbit ein und erstanden das Pelzwerk großenteils gegen englische Waren, welche sie in der Levante aufgekauft hatten. Die feinsten englischen Zeuge gelangten damals auf diesem Wege zu ziemlich mäßigen Preisen nach Sibirien, und nur so kann man verstehen, wieso das im Jahr 1807 auch von der russischen Regierung erlassene Verbot der Einfuhr englischer Waren die Armenier sowohl wie die Griechen von Irbit wegzubleiben bewog, und wie dadurch die dortige Messe ihre frühere Bedeutsamkeit einbüßte. Von dieser Zeit an geschah es weit häufiger, daß sibirische Händler teils selbst nach Nischni Nowgorod reisten, teils auch zu Jekaterinburg oder an anderen Punkten der Heerstraße ihre Waren den ihnen entgegenkommenden europäischen Kaufleuten überließen.
   […]
   Nächst den sibirischen Kaufleuten waren es die die Händler mit geschliffenen und geschnittenen Edelsteinen, deren Bekanntschaft sich hier zu Jekaterinburg dem Reisenden gar bald aufdrängte. Männer, Weiber und Kinder bieten diese zierlich gearbeiteten und wertvollen Gegenstände feil, und zwar teils für Rechnung reicherer Kaufleute, welche Edelsteingruben besitzen und das Geförderte hier im Ort verarbeiten lassen; teils gehört der Ertrag den Steinschleifern selbst, welche den meist geringen Preis der rohen Materialien zu bezahlen vermögen.
   […]
   Mannichfaltige Geschmeide verfertigen die Steinhändler aus den Topasen, Amethysten und den wasserhelleren Abänderungen des Bergkristalls. Die Steine versteht man zu diesem Behufe äußerst zierlich und geschmackvoll zu schleifen; in der Anordnung der Fassung ist man weniger geschickt, doch ist die gewöhnlich stattfindende zu große Schwere derselben für den Käufer nicht nachteilig, weil das dazu angewendete Gold aus den hiesigen Schmelzwerken entnommen wird und in dem ihm dort gegebenen Zustand der Reinheit von 7,1 Silber und 3,6 bleiischen Kupfers auf 89,3 reinen Goldes verbleibt.
   Außerdem ist die Schleifung von Petschaften aus Amethysten, Bergkristallen und Jaspis eine Hauptbeschäftigung dieser Privatarbeiter, und in der Kunst des Einschneidens von Buchstaben und mannichfachen Figuren in die harten Gesteine haben sie es, meist nur durch eigene Versuche, zu großer Vollkommenheit gebracht. Auch der Handel mit unverarbeiteten Steinen wird von ihnen sehr eifrig betrieben. Namentlich sieht man Aquamarine, teils von Musinsk, teils aus dem Nertschinsker Grubendistrikte. Die letzteren sind die geachtetsten und sie unterscheiden sich stets durch eine eigentümliche Längsstreifung im Innern der durchsichtigen säulenförmigen Kristalle.
   Wir besuchten einzelne dieser Arbeiter und sahen bei ihnen die einfachen Drehbänke, deren sie sich zu ihrem Gewerbe bedienen. Die weicheren Steine scheiden sie mittels eiserner, die härteren aber durch kupferne runde Scheiben, welche die Drehbank um ihre Achse bewegt. Auf die schleifenden Metallstücke wird teils ein am Ural häufig vorkommener eisenschüssiger Jaspis in Pulvergestalt als Schleifmittel aufgetragen Gesteinen, wahrer Schmirgel, den man durch den Handel aus Deutschland bezieht. Um die einmal erlangte Geschicklichkeit vielfältiger zu nutzen, gravieren sie auch oft Namenszüge und sinnreiche slavonische Denksprüche in metallene Petschafte, welche durch die reisenden sibirischen Kaufleute nach den Märkten befördert werden.
   Große Reinlichkeit herrscht in den bescheidenen Holzhäusern dieser betriebsamen Handwerker. Sie sind meist freie Bürger, die trotz ersprießlichen Wohlstandes, stets bei der volkstümlich einfachen Kleidung und Lebensart beharren. Eine sehr regelmäßige und schöne Gesichtsbildung haben wir, besonders bei den Frauen dieser Volksklasse, vorherrschend bemerkt.
   Sowohl diese Handwerker als auch die meisten der überaus reichen Kaufleute von Jekaterinburg bekennen sich zu der Religionssekte der Altgläubigen (starowjerzi); die letztgenannten aber so, daß sie an einem der Hauptgrundsätze dieses Bekenntnisses: „nur was aus dem Munde gehe entheilige den Menschen“ durchaus nach dem strengen Wortsinn sich halten, und daher den Tabaksrauch und gewisse Mißbräuche der Rede verabscheuen, sonst aber mit äußerster Üppigkeit sich der übrigen sinnlichen Lebensgenüsse erfreuen.
   […]
   Die prächtigen steinernen Häuser mehrerer der Jekaterinburgschen Kaufleute würden auch einer europäischen Hauptstadt als Zierde gereichen, und der äußeren Vollendung der Wohnungen entspricht auch im Übrigen das Wohlleben ihrer Besitzer; denn daß viele derselben noch jetzt Leibeigene sind und alljährlich einen wahrhaft königlichen Tribut ihren Lehnsherren bezahlen, gilt auch hier kaum für ein drückendes Verhältnis.
   Eine große Zahl von Beamten, welche mit dem Bergwesen und mit einigen anderen Zweigen der Verwaltung beschäftigt sind, bilden den übrigen Teil der Bevölkerung von Jekaterinburg. Die teilen zwar niemals mit den vorgenannten Ständen die besonderen religiösen Grundsätze und die sonstigen altertümlichen Sitten, haben sich aber durch langen Aufenthalt genugsam mit ihnen befreundet. Die Familien der Bergbeamten sind großenteils schon seit einigen Generationen in dem uralischen Distrikt ansässig; viele derselben sind deutschen Ursprungs, da aber in der letzten Zeit die Männer stets sehr frühzeitig nach Petersburg geschickt und in der dortigen Erziehungsanstalt für Bergleute aufgenommen wurden, so besitzen sie jetzt nur noch selten eine Kenntnis ihrer ursprünglichen Muttersprache oder anderweitige Spur ihrer Abkunft.
   Das Äußere der Stadt ist sehr freundlich und anziehend, und trotz vieler Eigentümlichkeiten erinnert es an reiche europäische Fabrikorte.
   Auf der Ebene, welche das südöstliche Ufer des Isetsees und den ihn durchströmenden Fluß gleichen Namens umgibt, sind die Gebäude über einen weiten Raum verteilt. Eine zierliche Brücke führt über den Fluß, an der Stelle, wo man durch Eindämmung das Wasser desselben zum Betriebe mannichfacher Hüttenwerke gespannt hat. Hier liegen auf dem rechten Ufer des Flusses die großartigen Gebäude der Münze, die Scheifmühlen, die Magazine zur Aufbewahrung der bergmännischen Materialien und Gerätschaften und ein Wachthaus für die Besatzung des Ortes, sämtlich von schöner Bauart, einen weiten quadratischen Marktplatz einschließend.
   An dem etwas höher gelegenen entgegengesetzten Ufer sieht man noch eine lange Reihe von Holzhäusern der arbeitenden Leute und zwischen ihnen einzelne hohe steinerne Gebäude der Beamten.
   Bei weitem größer ist aber die Ausdehnung der Stadt auf dem rechten Ufer, wo südlich von dem erwähnten Hauptplatz breite und an mehrstöckigen steinernen Gebäude reiche Straßen sich erstrecken. Dort liegen, außer dem ausgedehnten Kaufhofe und Kornmagazine, die erwähnten Wohnhäuser der Kaufleute und mehrerer Besitzer uralischer Hüttenwerke. Ein reiches steinernes Kloster und viele Kirchen zieren diesen Stadtteil. Eigentliche Blockhäuser sieht man äußerst selten in Jekaterinburg, vielmehr hat die einmal herrschend gewordene deutsche Form der Gebäude sich auch auf die hölzernen Häuser übertragen.
   Alle Straßen sind geradlinig angelegt, ungepflastert, aber an den Seiten mit hölzernen Brückenwegen versehen. Die bedeutendste derselben erstreckt sich in einiger Entfernung vom Flusse, parallel mit dessen rechtem Ufer, während Querstraßen, senkrecht auf den Iset gerichtet, an dessen steilen aber nie über 30 Fuß hohen Uferhügeln enden und an mehreren Stellen den für die Bedürfnisse der Einwohner unerläßlichen Zutritt zum Flußwasser gewähren.
   Oftmals gingen wir zu dem nordwestlichen Ende der Stadt, von welchen aus die Straße zu dem nördlichen uralischen Distrikt beginnt. Dort steht noch jetzt eine militärische Besatzung und Überreste der Befestigung, welche früher die Stadt gegen Angriffe der mächtigen Ureinwohner schützte. Späterhin hat man dieses Wachthaus zur Beaufsichtigung der nach Irbit reisenden Kaufleute bestimmt, welche gezwungen sind, zu Jekaterinburg einen Marktzoll zu bezahlen; gleichzeitig aber dienen die sich jetzt in der Stadt aufhaltenden Soldaten , die Verbannten zu bewachen, die, nachdem sie sich von der bisherigen Wanderung ausgeruht haben, teils zu den Bergwerken des Ural, teils gegen Osten in das Innere von Sibirien geleitet werden.

 

Erman, Adolph
Reise um die Erde …
Abt. 1, Band 1, Berlin 1833

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