Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1580 - Michel de Montaigne
Auf Kavalierstour in Augsburg

 

Diese Stadt gilt als die schönste Deutschlands, wie Straßburg als die festeste. Was uns zuerst auffiel - ein Beweis ihrer Reinlichkeit - war, daß die Stufen der Wendeltreppe unseres Gasthauses ganz mit Leinenzeug belegt waren, über das wir gehen mußten, um nicht die Stufen der Treppe zu beschmutzen, die man eben, wie alle Sonnabende, gewaschen und gebohnert hatte. Nie haben wir Spinnweben oder Schmutz in diesen Gasthäusern bemerkt, in einigen gibt es auch Vorhänge, die man nach Belieben vor die Fensterscheiben ziehen kann. Tische gibt es nicht in den Zimmern, außer denen, die am Fuß der Bettstelle angebracht sind und in Scharnieren hängen, so daß man sie nach Belieben auf- und zuklappen kann. Die Bettfüße ragen oft zwei bis drei Fuß über das Bettgestell hinaus und sind oft so hoch wie das Kopfkissen. Serviert wird auch hier auf sehr blanken Zinntellern, in die aber hölzerne Teller eingelegt sind zur Schonung. Oft beziehen sie die Wand neben den Betten mit Leinwand und Vorhängen zum Schutz der Wand gegen das Spucken. Die Deutschen lieben die Wappen sehr; in allen Gasthöfen findet man sie massenhaft an den Wänden.
   Das Schild unseres Gasthofes zeigte einen Baum, den man dortzulande Linde heißt; es war neben dem Palast der Fugger, denen zumeist die Verschönerung Augsburgs zu danken ist. Das Fuggerhaus ist mit Kupfer bedeckt. Die Häuser sind im allgemeinen schöner, größer und höher als in irgendeiner französischen Stadt, die Straßen viel breiter. Nach Tisch besuchten wir ein Schaufechten in einem öffentlichen Saal, der gedrängt voll war. Man bezahlt Eintritt wie bei den Gauklern und außerdem noch den Platz auf der Bank. Es wurde mit dem an beiden Enden mit Eisen beschlagenen Stab und dem kurzen Breitschwert gefochten. Dann sahen wir Preisschießen mit Armbrust und Bogen in einem noch prächtigeren Raum als dem in Schaffhausen.
   Der Stadtrat erwies Herrn Estissac und Herrn von Montaigne die Ehre, ihnen vierzehn große, mit einheimischem Wein gefüllte Krüge zu übersenden, und zwar durch sieben Stadtsoldaten in Livree und einen Ehrenoffizier, den sie zum Essen einluden. So will es der Brauch; den Trägern schenkt man etwas; sie gaben ihnen einen Taler. Der Offizier, der mit ihnen speiste, sagte Herrn von Montaigne, sie seien zu dritt in der Stadt mit dem Amte betraut, den Fremden von Stand aufzuwarten, und sie haben sich nach ihrem Rang zu erkundigen, um dementsprechend die gebührenden Formen einzuhalten. Man bekommt je nachdem mehr oder weniger Wein. Einem Herzog überreicht ihn einer der Bürgermeister. Uns hielten sie für Barone und Ritter. Aus gewissen Gründen hatte Herr von Montaigne gewollt, daß man sich nicht zu erkennen gebe und ihren Rang verschweige. So ging er auch den ganzen Tag allein in der Stadt umher. Vielleicht wurden sie gerade deswegen noch mehr geehrt. Diese Ehrung wurde ihnen in allen Städten Deutschlands zuteil.
   Es vergehen wenig Mahlzeiten, ohne daß man einem Zuckerwerk und Büchsen mit Eingemachtem anbietet. Das Brot ist denkbar ausgezeichnet. Die Weine sind gut und, wie überhaupt in Deutschland, meist weiß; sie lassen sie in Augsburg fünf bis sechs Tagreisen weit herkommen. An verschiedenen Orten besteht die Sitte, wohlriechendes Räucherwerk in den Zimmern und auf den Öfen zu verbrennen.
   Die Stadt war zuerst ganz zwinglisch. Später, nachdem die Katholiken zurückgerufen waren, nahmen die Lutheraner die zweite Stelle ein. Herr von Montaigne machte auch den Jesuiten einen Besuch und fand einige recht gelehrte Leute. Herr von Montaigne beklagte es sehr, daß er abreisen mußte, ohne die Donau zu sehen, die nur eine Tagreise entfernt war, sowie die Stadt Ulm, an der sie vorbeifließt, und auch ein Bad, eine halbe Tagreise von dort, namens Sauerbrunnen. Jedoch rückte der Winter zu nahe heran. Ich hinterließ ein Schild mit dem Wappen des Herrn von Montaigne, das vorn an der Türe unseres Zimmers angebracht wurde.

 

Montaigne, Michel de
Gesammelte Schriften
Band 7, München/Leipzig 1908

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