Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1903 - Theodor Koch-Grünberg
Gummiboom in Manaus
Brasilien

 

Manaos hat in den letzten Jahrzehnten einen fast nordamerikanischen Aufschwung genommen. Noch vor 50 Jahren war es kaum mehr als ein kleines schmutziges Indianernest ohne nennenswerte Bedeutung, von dem Ave-Lallemant in seinen köstlichen Schilderungen sagen konnte: „Alles sah aus, als ob man erst noch auf etwas wartete, was allem den rechten Impuls geben sollte.“ (Nach einem brasilianischen Bericht aus dem Jahre 1852 hatte damals Manaos 8500 Einwohner, darunter 4080 reinblütige Indianer und nur 900 Weiße, die übrigen Neger und Mischlinge. Vgl. Robert Ave-Lallemant: Reise durch Nordbrasilien im Jahre 1859. II. Teil, S. 126/127. Leipzig 1860.)
   Dieses „Etwas“ ist rascher gekommen, als man damals ahnte. Heute ist Manaos mit seinen über 50.000 Einwohnern die bedeutendste Handelsstadt des inneren Amazonasgebietes, die Ausfuhrstation für die ungeheuren Mengen Kautschuk, die alljährlich in mühevoller und gefährlicher Arbeit an den zahlreichen Nebenflüssen des gewaltigen Stromes gewonnen und auf den europäischen und nordamerikanischen Markt gebracht werden. Mehrere europäische Dampferlinien, darunter die Hamburg - Amerika - Linie und die Booth - Linie, vermitteln einen komfortablen Verkehr mit den Vereinigten Staaten und der Alten Welt, und zahlreich sind die größeren und kleineren Flußdampfer, die von dieser Zentrale aus bis hoch in die Quellgebiete der Amazonaszuflüsse vordringen, um den vorgeschobenen Posten die „Segnungen der Zivilisation" zu bringen und dafür mit hohem Gewinn das „schwarze Gold" einzutauschen, von dem man freilich nicht sagen kann: „Non ölet!“
   Die Zahl der Deutschen in Manaos ist verhältnismäßig stark, sind doch die beiden bedeutendsten Geschäftshäuser mit ihrem zahlreichen Personal deutsche Firmen. Die Totalsumme der Kautschukausfuhr des Jahres 1905 betrug 23.529.566 kg.
   Diese Zahl mag einen kleinen Begriff geben von der Bedeutung, die Manaos im Welthandel hat. Doch soll damit nicht gesagt sein, daß man dort mühelos Reichtümer erwerben könne, daß einem sozusagen die gebratenen Tauben in den Mund flögen. Auch wenn man das böse „Manaosfieber", das fast jährlich eine Anzahl Ausländer hinrafft, glücklich hinter sich hat, so gehört doch noch eine gesunde Natur und gewaltige Energie dazu, oft bis spät in die Nacht hinein in den düsteren, schlecht ventilierten Kontors zu sitzen und angestrengt zu arbeiten, und zwar in den Sommermonaten, wenn nach dem in den engen Straßen doppelt glühend heißen Tag eine schwüle Nacht kaum etwas Abkühlung bringt. Was Wunder, wenn der junge Geschäftsmann nach des Tages Last und Hitze seine Erholung sucht, und an Gelegenheiten dazu fehlt es in Manaos nicht, verschieden je nach Neigung und Geldbeutel. Der feinere Ästhetiker eilt in das Theater, das, viel zu groß und prächtig angelegt, mit seinem in buntem Mosaik gehaltenen, mächtigen Kuppelbau die Stadt überragt. Bescheidenere Kunstfreunde begnügen sich mit dem Varieté, auf dessen weltbedeutenden Brettern manche Pariser Chansonette ihre alten Tage versingt. Der ganz Bescheidene aber amüsiert sich - vielleicht am besten - in den volkstümlichen Tanzlokalen, wo man mit den braunen Schönen die „Matchiche“ tanzt, eine Art Bauchtanz, der wohl aus Afrika seinen Weg hierher gefunden hat. Wer seine Sinne noch mehr auf das Materielle richtet, findet reichliche, wenn auch für durstige Kehlen etwas kostspielige Erfrischung in den größeren Cafés beim Glase echten Pschorrbräus.
   Auf der Hauptstraße von Manaos, der schönen, breiten „Avenida Eduardo Ribeiro“, trifft sich tagtäglich die Gesellschaft. Hier findet man sich nach Sonnenuntergang an kleinen runden Tischen zusammen zum stark geeisten „Shop", einem „Whisky com Soda“ oder der matteren Limonade. Man schwatzt und lärmt, schließt Geschäfte ab, politisiert, besonders die älteren Herren, man macht ein Spielchen, Billard, Schach, knobelt die Zeche aus und findet immer noch Zeit, die eleganten Damen der Welt und Halbwelt zu bekritteln, die zwischen den auf den breiten Trottoirs aufgestellten Tischen Revue passieren. Eine beliebte Erholung, besonders am Sonntag Vormittag, ist eine Fahrt mit der nach nordamerikanischem Muster eingerichteten elektrischen Bahn durch den Urwald, der sich in tropischer Wildheit unmittelbar hinter der Stadt erstreckt, bis zur Endstation Flores, einigen Indianerstrohhütten, wo man eine bescheidenen Ansprüchen genügende Bewirtung findet. Andere, die es sich leisten können, halten sich dazu ein Reitpferd oder huldigen in ihrer freien Zeit dem Ruder-und Segelsport auf den dunklen Fluten des „schwarzen Stromes". Die Deutschen haben sogar eine Kegelbahn. Einmal in der Woche und an hohen Festtagen konzertiert die Kapelle der wohlgeschulten Polizeitruppe vor der mächtigen Kathedrale oder in dem schönen Garten des Gouvernementspalastes. Sie spielen nicht übel, die meist braunen und schwarzen Kerle, und nicht nur taktfeste Märsche und Tänze; die schwersten Opernmelodien, Wagner u.a., bewältigen sie mit der größten Leichtigkeit. Diese musikalischen Abende bieten der Jugend eine willkommene Gelegenheit zu ausgiebigem Flirt, und in manchem leicht bewegten Jünglingsherzen entfacht ein feuriger Blick aus tiefgründigen Augen den Funken der Leidenschaft zu hellloderndem Brand. Ja, Manaos hat hierin und in vielem anderen einen kleinen Stich ins Großstädtische. Nur manchmal, besonders an Volksfesten, wenn die Gemüter erhitzt sind, wird man daran erinnert, daß man sich an der Grenze der Wildnis befindet.
   Das Klima in Manaos kann man gerade nicht ungesund nennen. Doch tritt hier außer vereinzelten Epidemien von Gelbfieber, das von der Küste her eingeschleppt wird, bisweilen eine Art typhösen Fiebers auf, das wohl dem sumpfigen Grund, auf dem ein großer Teil der Stadt erbaut ist, zuzuschreiben ist. Es äußert sich in dreitägiger, sehr hoher Körpertemperatur ohne Schweiß und endet in den meisten Fällen mit Herzschlag. Auch ich lernte leider diese unangenehme Zugabe kennen und schwebte tagelang zwischen Leben und Sterben.
   Wie in früheren Zeiten, so machen noch heute die Indianer einen Hauptbestandteil der Bevölkerung von Manaos aus. Überall sieht man die braunen Leute. Teils sind sie schon seit langem „zivilisiert“ und bewohnen als Caboclos die Vorstädte, entartete Nachkommen der einstigen Herren des Landes, teils leben sie - wie in Pará - als Bedienstete in den vornehmen Häusern oder führen als Ruderer die großen Lastboote von weither zur Stadt, teils bringen sie in leichtem Kanu den Ertrag ihrer Felder und die Beute der Jagd und des Fischfanges zum täglichen Markt. Nicht selten sieht man auch ursprünglichere Indianer in kleineren und größeren Trupps in den Straßen der Stadt. Zwar tragen sie hier die vorgeschriebene europäische Kleidung, Hose und Hemd, doch sind sie durch ihren auffallenden Gang - sie gehen stets einer hinter dem andern - und andere Merkzeichen leicht von den einheimischen Caboclos zu unterscheiden und als echte Waldmenschen zu erkennen.
   Der „Director dos Indios", der nominell über alle Indianer des Rio Negro gesetzt ist und für seine „Tätigkeit" monatlich 1 Conto de Reis (1.000 Milreis = 1.000 Mark im Jahre 1903) bezieht, war zwar ein ausgezeichneter Kenner der Orchideen, von denen er eine Menge der herrlichsten und seltensten in seinem Garten züchtete, von seinen Schutzbefohlenen aber wußte er weniger wie nichts, nicht einmal die Namen. Um so größere Förderung wurde mir in dieser Beziehung von meinem Freunde Georg Hübner, dem Besitzer der „Photographia Allemã", der den Orinoco, Rio Negro und oberen Amazonas aus eigener Anschauung kannte und nie müde wurde, mich aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen mit Rat und Tat zu unterstützen.
   Schon hier konnte ich von einigen Ipurina-Indianern größeres linguistisches Material sammeln. Ihr Patron, ein Mestize, hatte sie aus ihrer Heimat am Ituxy, einem rechten Nebenfluss des Purus, nach Manaos gebracht, um sie dem Gouverneur vorzustellen und von ihm Unterstützungen zu bekommen zu ihrer „Katechese“; ein christliches Wort von trefflichem Klang. Leider dient es in Brasilien häufig dazu, die Vergewaltigung der armen Indianer zu verschleiern. Außerdem wollte er von der Regierung eine Konzession erlangen zur Ausbeutung der dortigen Kautschukwälder, was natürlich die Hauptsache war. Die Leute sollten, wie ihr Herr sagte, in der Stadt „die Zivilisation lernen, um sie später unter ihren Stammesgenossen zu verbreiten“. Ein schönes Experiment ! —
   Was ich für  meine ethnographischen Studien in Manaos besonders schmerzlich vermißte, war ein Museum. Dies ist in der Tat ein bedauerlicher Mangel schon im Gegensatz zu Para mit seiner ausgezeichneten Anstalt,idoppelt bedauerlich, da Manaos als Grenzstadt nach dem freien Indianergebiet hin und als Zentrale des Kautschukhandels gewissermaßen in beständiger Fühlung mit den unverfälschten Indianerstämmen steht und zum ethnographischen Sammeln sozusagen prädestiniert ist. Wohl bestand vor Jahren auch in Manaos ein hübsches Museum, das eine Zeitlang unter der trefflichen Leitung des bekannten brasilianischen Botanikers João Barboza Rodrigues und des Deutschen Dr. Pfaff stand; aber es hat sich längst in Wohlgefallen aufgelöst, und die Sammlungen sind in alle Winde zerstreut. Es befanden sich prächtige Stücke darunter, so die interessanten Ethnographica, die Barboza bei den sogenannten Krischana des Yauaperyflusses erworben, und die grosse Sammlung, die der österreichische Reisende Richard Payer vom oberen Rio Negro und Uaupes mitgebracht hatte. Spurlos verschwunden sind auch die keramischen Schätze aus den prähistorischen Ausgrabungen bei Itacoatiara und im Weichbilde der Stadt. Noch jährlich werden bei Erdarbeiten, besonders in der Nähe der Kathedrale, derartige wertvolle Stücke nebst alten Steingeräten zutage gefördert, die meistens in die Hände der Geistlichen oder einflußreicher Personen übergehen. Die Menge solcher Funde in und um Manaos setzt eine starke prähistorische Bevölkerung oder eine lange Besiedelung voraus. Im Jahre 1905 nahm man wieder einen Anlauf zur Gründung eines zoologischbotanisch-ethnographischen Museums. Ein großer Waldkomplex, der auf luftiger Höhe gelegene „Bosque", ein beliebter Ausflugsort, war dafür bestimmt, und fieberhaft wurde daran gearbeitet. Doch bald erlahmte das Interesse, und die Arbeiten wurden bis auf weiteres eingestellt.
   Den Hauptverkehr unterhält Manaos mit den südlichen Nebenflüssen des Amazonas, besonders Madeira, Purus, Jurua, Javary, die den besten und meisten Kautschuk ausführen, und weiterhin mit Peru über Iquitos, bis wohin sogar die Überseedampfer der Boothlinie fahren. Der Handel mit dem Rio Negro-Gebiet dagegen ist ziemlich unbedeutend schon wegen der geringen Ausbeute an Kautschuk, der dazu noch von minderwertiger Qualität ist, ein Glück für den Ethnographen; denn wo die rohen Banden der Kautschuksammler hinkommen, da ist kein Bleiben für den wilden Indianer.

 

Koch-Grünberg, Theodor
Zwei Jahre unter den Indianern
1. Band, Berlin1909, Nachdruck Graz 1967

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