Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1690 - Engelbert Kämpfer
Die Paläste von Ayuthia

 

Es befinden sich in der Stadt drei königliche Paläste. Der neue Palast, welchen der vorige König nordwärts, etwa in der Mitte der Stadt, angelegt hat, schließt einen großen viereckigen Platz ein, hat verschiedene Abteilungen und mehrere Gebäude, welche nach sinesischer Bauart mit vielfachen und zum Teil vergoldeten Dächern und Altären ausgeschmückt sind. In- und außerhalb den Mauern findet man lange Ställe, in denen einige hundert Elefanten in langen Reihen aufgeputzt neben einander stehen.
   Nach den französischen Trouble (wie man es hier zu nennen pflegte) darf man nur durch einen Weg, und nicht anders als zu Fuß in den Palast gehen. Dieser Weg ist gemeiniglich so kotig, daß man bis über die Waden einsinkt, wenn man nicht auf den übergelegten Brettern sich im Gleichgewicht zu erhalten weis. Ein gemeiner Mandarin darf, wenn er in den Palast geht, nicht mehr als einen Bedienten bei sich haben, und der Strom, welcher an der Schlossseite vorbeifliest, darf nicht befahren werden. An allen Toren und Zugängen schwärmen viele nackte Kerls umher, welche auf ihrer kastanienbraunen Haut mit schwarzen, würfelweise eingeätzten Figuren gemalt sind (gerade wie man am H. Grabe zu Jerusalem die Bilder einätzet), einige nur an den Armen, andere über den ganzen Leib, bis auf die, nach der Manier aller Siamer, mit einem Tuch bewundenen Lenden. Man nennt sie portugiesisch brass Pintades. Aus diesen Leuten besteht die königliche Garde oder Thorwache, und zum Teil geben sie auch Ruderknechte ab. Staat des scharfen Gewehrs ist jeder von ihnen mit einem guten dicken Knittel versehen. Diese Kerls schweifen auch hin und wieder in und außer der Stadt als Müßiggänger herum.
   Das zweite Schloß wird gemeiniglich der vordere Palast genannt. Er liegt am nordöstlichen Ende und gleichsam auf einem Absatz von der Stadt; er schließt auch einen viereckigen Platz, aber doch von weit kleinem Umfange, als der erste Palast, ein. Er war ehemals die Residenz der Könige, und wird jetzt (1690) von einem königlichen Prinzen, der etwa zwanzig Jahr alt ist, bewohnt.
   Der dritte oder sogenannte hinterste Palast ist noch kleiner; er liegt an der westlichen, meist unbewohnten Seite der Stadt, und wird jetzt auch von einem Prinzen aus königlichem Geblüt bewohnt, welcher des Königs Leibelephanten führt. Er sitzt dabei nicht, wie sonst gewöhnlich, auf dem Halse, sondern liegt hinter dem Könige auf den Lenden des Tiers, und regiert es dann durch verschiedene Zeichen, zu denen er abgerichtet ist. Wegen dieses Bewohners nante man dies Gebäude auch den Palast des königlichen Elephantenbereiters.
   Tempel: Nach den königlichen Palästen verdienen nun auch noch einige Kirchen und Schulgebäude bemerkt zu werden. Es gibt derselben eine große Menge, und wie das ganze Land mit Pfaffen und Mönchen ganz angefüllt ist; so sieht man auch in dieser Stadt an allen Orten Tempel, deren Höfe zierlich mit den Gassen in gleicher Ordnung stehen, und mit vergoldeten Pyramiden oder Säulen von verschiedener Form besetzt sind. Sie sind nicht so groß wie unsere Kirchen, aber an äußerer Schönheit gehen sie ihnen weit vor. Diese Schönheit besteht besonders in vielfach gebogenen künstlichen Dächern, in vergoldeten Giebeln, hervorstehenden Säulen, Treppen und anderen Zieraten. Das innere ist mit vielen Bildern geschmückt, die aus Gips, Harz, Öl und Haar teils in Lebensgröße, teils auch in mehr als Lebensgröße verfertigt sind, und deren mit schwarzem Firnis überzogene Fläche vergüldet ist. Sie sind auf erhabenen Boden am Altar und an der Mauer herum in verschiedenen Reihen gestellt, haben die Beine über einander geschlagen, und sind übrigens ganz nackt bis auf die mit einem dunkelgelben Schürztuche bewundene Scham. Über die linke Schulter hängt ihnen bis zum Nabel hinunter ein eng zusammengefaltes Tuch von eben dieser Farbe. Die Ohrläplein sind mit einem Ris durchlöchert, und so lang, daß sie bis auf die Schulter reichen. Das Haupthaar ist kraus, und die Scheitel hinauf zweimal über einander gebunden. Doch kann man nicht recht erkennen, ob es nicht vielmehr eine Mütze oder Zierat sein soll? Die rechte Hand liegt auf dem rechten Knie, die linke ruht im Schoße. Den mittleren und Oberplatz nimmt in dieser Lage ein Götze von übermenschlicher Größe ein, mit einem überhangenden Himmel oder Krone, welcher den ersten Lehrer oder Stifter ihrer Religion vorstellt. Sie nennen ihn Prah, d. i. den Heiligen, oder Prah Pudi Djan, d. i. den Heiligen von hoher Abkunft; oder auch mit einem besondern Namen Sammona Khodum, oder wie es die Peguer aussprechen, Sammona Khutama, d. i. einen Menschen ohne Affekten. Die Sineser und Japaner nennen ihn Sjaka oder Saka; die Zingalesen Budhum oder Buddha. Dieser Prah findet sich in einigen Tempeln in ganz abenteuerlicher Größe. Außer der Stadt in einem pegusischen Tempel (Tsjan pnun tsim in peguscher Sprache genannt) sitzt einer stark vergüldet auf einem erhabenen Boden, der hundert und zwanzig Fuß in der Länge hat.
   Die japanische Hauptstadt Miako wird uns künftig noch mit einem anderen bekannt machen, welcher diesem an Größe und Schönheit nicht nachgibt. Die erwähnte Lage des Götzen ist gerade diejenige, in welcher er und nach seinem Muster auch seine Anhänger sich allemal zu stellen pflegten, wenn sie göttlichen Dingen nachgrübelten, oder sich im Enthusiasmus befanden. Auch noch jetzt müssen die Priester von dieser Religionspartei täglich einige Stunden in dieser Stellung niedersitzen, wenn sie nach ihren Regeln im Enthusiasmus, im Nachsinnen und Andacht sich üben. Sie gehen auch beständig in der Kleidung der Götzen einher, nur haben sie den Kopf ganz glatt geschoren. Das Gesicht schützen sie durch einen runden Sonnenwedel von Palmholz oder Blättern vor der Hitze.
   Neben den Tempeln wohnen dann die Mönche in sehr schlechten Klosterhäusern, und haben zur Seite ein öffentliches Prah Khdi oder Lehr- und Predigthaus. Es ist gemeiniglich ein hölzernes Gebäude von mittlerer Größe, den Tempeln nicht unähnlich, an den Dachränden vergüldet, mit Treppen von wenigen Stufen; und mit vielen hölzernen Schauben statt der Fenster, um bei öffentlicher Versammlung in den Lehrstunden die kühle Luft durchzulassen. Inwendig halten zwei Reihen Pfeiler den Söller; und der Raum ist in verschiedene Klassen und Bänke abgeteilt. In der Mitte steht ein künstlich geschnitzter und vergüldeter Lehrstuhl, einige Stufen über den Boden erhaben, und von eben der Form, wie in unseren Kirchen. Auf diesem Stuhle pflegt in gewissen Stunden sich ein alter Pfaff einzufinden, und seinen Zuhörern (welche meistens aus Studenten oder jungen Mönchen bestehen) aus breiten Palmeblättern, auf welchen schwarze Schrift eingegraben ist, heilige Worte langsam und vernehmlich vorzulesen. Die Zuhörer schlagen bei einigen Worten und Namen die Hände über der Stirn zusammen, bezeugen aber übrigens wenig Andacht und Aufmerksamkeit; denn ich beobachtete, daß einige Pinang schnitten, andere etwas zu Pulver stoßten, oder in einem Gefäße Quecksilber mit dem milchigen Saft der Pflanzen zerrieben, oder mit anderem Zeitvertreib ihre Hände beschäftigten. Bei dem Lehrstuhl und noch an anderen Orten sieht man auch den Götzen Amide in einer Tarateblume aufrecht stehen. Man hält ihn für einen Vorsprecher verstorbener Seelen. Er ist an verschiedenen Orten mit papiernen Blumen, Fähnlein, Sakristeihäusern, papiernen Kronen, und allerhand anderen an
Bambusstangen befestigten vergoldeten Zieraten behangen, deren sie sich bei Begräbnisprozessionen bedienen. Vor dem Lehrstuhl habe ich gemeiniglich bei ihrer Versammlung eine Maschine von Bambusrohr stehen sehen, die in Form eines Tisches schlecht zusammengeheftet, mit einem Tuche bedeckt und mit gelben Tüchern (welche die Priester zu Kleidern und zu Bedeckung ihrer Lenden gebrauchen) behangen und zum Schmuck mit Blumen besteckt war. Auf diese Maschine waren verschiedene Schüsseln mit Reis, Pisang, Pinang, trockenen Fischen, Limonen, Manger tannier, und anderen Landesfrüchten gestellt, welche, wie man mir sagte, dem Kloster geopfert und verehrt waren. Mir begegnete einmal, wie ich eben hineingieng, eine solche Maschine auf der Treppe, welche man, da die Versammlung geendigt war, wieder zurückbringen wollte, und gerade, wie sie neben mir war, zerbrach sie, durch das starke Andringen der Leute und die Unvorsichtigkeit der Träger, daß auch alle Schüsseln und Speisen auf die Erde fielen. Ich suchte mich nur bald zu entfernen, damit der Pöbel nicht mir die Schuld dieses Unglücks beimessen möchte.

 

Käempfer, Engelbert
Geschichte und Beschreibung von Siam
Hrg. von Christian Wilhelm Dohm, Band 1, Lemgo 1777

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