Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1850 - Fredrika Bremer
In St. Paul, Minnesota

 

25. Oktober 1850
Ungefähr drei Meilen vor St. Paul sahen wir ein großes indianisches Dorf mit ungefähr zwanzig fellbedeckten Hütten, aus denen Rauchsäulen emporstiegen. Mitten unter diesen Hütten lag ein gezimmertes Blockhaus. Es war die Wohnung, welche sich ein christlicher Missionar mitten unter den Wilden erbaut und in welcher er eine Schule für Kinder eingerichtet hatte. In einem Halbkreise hinter dem Dorf waren auf den grünenden Anhöhen eine Menge Gerüste mit vier Balken, auf denen Särge oder Kisten aus Baumrinde standen. Kleine weiße Flaggen zeichneten die luftigen Ruhestätten der zuletzt Verstorbenen aus. Das Dorf, welches Karposia heißt und zu den festen (stehenden) indianischen Dörfern gehört, sah sehr belebt aus, besonders von indianischen Frauen, Kindern und Hunden.
   Wir fuhren rasch vorüber, denn der Mississippi war hier so hell und tief wir der Götha Elf. Plötzlich machte der Fluß eine Krümmung nach links und wir sahen St. Paul vor uns auf einem hohen „Bluff“ (was man in Dalarne einen „Absatz“ nennt) des östlichen Mississippiufers gelegen, im Hintergrunde das blaue Himmelsgewölbe, unten in der Tiefe den großen Fluß und davor nach rechts und links schöne Talzüge mit grünenden waldbewachsenen Hügeln – eine wahrhaft schöne und imponierende Lage mit der schönsten Aussicht.
   Wir legten an dem unteren Teile der Stadt St. Paul an. Von da steigt man in den oberen Teil der Stadt auf Treppen, gerade wie wir es an dem südlichen Berge am Mosehügel in Stockholm zu tun pflegen. Längs der Straße am Ufer saßen oder lustwandelten Indianer. Sie gingen eingehüllt in ihre langen Filzmäntel und mit stolzen Schritten, einige darunter recht stattliche Figuren. Gerade vor unserem Dampfschiff saßen auf einer Treppe vor einem Hause einige junge Indianer, prächtig ausgeputzt mit Bändern und Federn, und rauchten aus einer langen Pfeife, welche sie von dem Einem zum Andern gehen ließen, so daß jeder bloß einige Züge rauchen konnte.
   Wir hatten noch gar nicht lange am Ufer angelegt, als der Gouverneur von Minnesota, Mr. Alexander Ramsay, und seine schöne junge Gattin an Bord kamen und mich als Gast in ihr Haus einluden. Und da bin ich nun, glücklich mit diesen freundlichen Menschen, und unternehme mit ihnen Excursionen in die Umgebung.
   Die Stadt ist eins von den jüngsten „Babies“ des großen Westen, erst achtzehn Monate alt, aber während dieser kurzen Zeit schon zu einer Bevölkerung von zweitausend Personen gewachsen, und wird gewiß in kurzer Zeit zwanzigtausend Bewohner zählen, denn die Lage ist prächtig, sowohl in Rücksicht auf Schönheit als auf den Handel. Hierher strömen die Pelzwaren der Indianer aus dem ganzen ungeheuren Landstrich zwischen dem Mississippi und Missouri, Minnesotas westlicher Grenze. Und die Wälder, noch in ihrem ursprünglichen Reichtum, und die fischreichen Seen und Ströme bieten unerschöpfliche Hilfsquellen dar, zu deren Ausführung in den Welthandel der große Mississippi dient, der sie durch das ganze Zentralamerika hinunter nach Neuorleans zieht. Auch haben mehrere hiesige Kaufleute schon ein bedeutendes Vermögen gewonnen, und es kommen ihrer immer mehr hierher und man baut Häuser so schnell man kann.
   Aber noch ist die Stadt in ihrer Kindheit und behilft sich mit notdürftigen Wohnungen. Das Vorzimmer im Hause des Gouverneurs Ramsay ist zugleich sein „Office“, und Indianer, Arbeitsleute, Damen und Herren treten durcheinander in dasselbe ein. Inzwischen baut Mr. Ramsay sich ein schönes geräumiges Haus außerhalb der Stadt, auf einer Anhöhe mit schönen Bäumen und mit einer weiten Aussicht über den Fluß. Sollte ich am Mississippi wohnen, so möchte ich meine Wohnung hier nehmen. Das ist eine Hochlandgegend, die überall schöne abwechselnde Aussichten eröffnet. Und dann – alles hat ein so junges, ein so frisches Leben!
   Es wimmelt in der Stadt von Indianern. Die Männer sind meistenteils prächtig herausgeputzt und tragen blanke Äxte, deren Stiel ihnen zugleich als Pfeifenrohr dient. Zuweilen ist die Hälfte ihres Gesichts mit zinnoberroten Strichen und Figuren und die andere mit gelben dito samt allen möglichen Phantasien in Grün, Blau und Schwarz bemalt, ohne daß ich darin die mindeste Rücksicht auf Schönheit entdecken kann. Hier kommt ein Indianer, der einen großen Fleck mitten auf der Nase, dort kommt ein Anderer, der seine ganze Stirn mit kleinen Quadraten von Gelb und Schwarz bemalt hat, da geht ein Dritter mit kohlschwarzen Ringen um die Augen. Alle haben Adler- oder Truthahnfedern im Haar, meistenteils gefärbt oder am Ende mit feuerroten Wollfäden durchflochten. Ihr Haar ist auf der Stirn kurz geschnitten, hängt aber sonst üppig oder auch in Zöpfen um die Schultern, sowohl bei den Männern als bei den Frauen. Die Frauen sind wenig bemalt und, wenn sie es sind, mit besserem Geschmack als die Männer, gewöhnlich nur mit einem kleinen roten Fleck mitten auf den Wangen und auf dem Stirnbein mit Purpur gefärbt. Mir gefällt ihr Aussehen besser als das der Männer. Sie haben gewöhnlich ein gutmütiges Lächeln und oft einen sehr freundlichen Gesichtsausdruck, auch in dem Blick ihrer Augen weit mehr Menschliches als die Männer. Aber sie sind augenscheinlich bloß die Lasttiere ihrer Männer. Da geht ein Indianer mit stolzen Schritten und hält sein federgeschmücktes Haupt empor. Er trägt nichts als seine Pfeifer und (wenn er auf einer langen Wanderung begriffen ist) einen langen Stab in der Hand. Hinter ihm mit gesenktem Haupt und gebeugtem Rücken geht seine Hausfrau, gebeugt unter dem Pack, das sie auf dem Rücken trägt und das ihr ein um die Stirn befestigter Riemen tragen hilft. Aus dem Pack auf ihrem Rücken guckt ein kleines rundes Gesicht mit schönen dunkeln Augen hervor; es ist ihr „Papoose“, wie die kleinen säugenden Kinder hier genannt werden. Der kleine Körper dieses Kindes ist mit dem Rücken durch Binden an einem kleinen Brett befestigt, welches den Rücken gerade halten soll; und das Kind lebt und nährt sich, schläft und wächst, fortwährend an dem Brett befestigt. Wenn das Kind auch laufen kann, wird es dessen ungeachtet von der Mutter noch immer in den Falten des wollenen Mantles herumgetragen. Fast alle Indianer, die ich hier sehe, gehören dem Siouxstamme an.

 

Bremer, Fredrika
Die Heimat in der Neuen Welt: Ein Tagebuch in Briefen …
Band 5/6, Leipzig 1854

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