Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 150 n. Chr. - Pausanias
Die Zeusstatue des Phidias
Olympia

 

Der Gott, aus Gold und Elfenbein gebildet, sitzt auf einem Throne; auf seinem Haupt ruht ein Kranz, welcher Olivenzweige nachahmt. Auf der Rechten trägt er eine Nike, ebenfalls von Elfenbein und Gold, welche eine Siegesbinde hält und auf dem Kopfe einen Kranz hat. In der linken Hand des Gottes ruht ein Szepter, mit allen Arten von Metall ausgelegt; der Vogel, welcher auf dem Szepter sitzt, ist der Adler. Von Gold sind auch die Sohlen des Gottes, desgleichen der Mantel; in dem Mantel sind Figuren und von Blumen, namentlich Lilien, eingelegt.
   Der Thron ist ausgeschmückt mit Gold und Edelsteinen, desgleichen auch mit Ebenholz und Elfenbein; es sind an ihm bildliche Darstellungen gemalt und Figuren in runder Arbeit angebracht. Nämlich vier Niken, in der Stellung von Tanzenden, sind an jedem Fuße des Thrones, und zwei andere an dem untersten Teil jeden Fußes. Auf einem jeden der beiden Vorderfüße liegen thebanische Knaben, die von Sphinxen gefaßt sind; und unter den Füßen erschießen Apollo und Artemis die Kinder der Niobe.
   Zwischen den Füßen des Thrones sind vier Stäbe, von denen jeder von einem Fuß zum andern geht; auf dem Stabe dem Eingang gegenüber stehen sieben Figuren; von der achten wissen sie nicht, auf welche Art sie abhandengekommen ist. Es mögen wohl Darstellungen alter Wettkämpfe sein; denn das, was die Knaben betrifft, war zu Phidias‘ Zeit noch nicht üblich. Derjenige, welcher sich mit der Binde den Kopf umwindet, soll an Gestalt dem Pantarkes gleichen, Pantarkes aber ein junger Mensch aus Elis, der Liebling des Phidias gewesen sein. Pantarkes gewann auch einen Sieg im Ringen unter den Knaben in der sechsundachtzigsten Olympiade.
   Auf den übrigen Stäben ist die Schar, welche mit Herakles gegen die Amazonen kämpft. Die Zahl beider zusammengenommen beläuft sich auf ungefähr neunundzwanzig. Unter den Bundesgenossen des Herakles befindet sich auch Theseus. Es stützen den Thron nicht allein die Füße, sondern auch Säulen, an Zahl den Füßen gleich, zwischen den Füßen. Man kann nicht unter den Thron hineingehen, wie ich zu Amyklai in das Innere des Thrones ging; in Olympia verwehren dies Schranken, die nach Art von Wänden gebaut sind.
   Die Seite der Schranken, welche der Tür zugekehrt ist, ist nur mit blauer Farbe angestrichen; die übrigen enthalten Malereien des Panainos. In diesen ist Atlas, wie er den Himmel und die Erde trägt; neben ihm steht auch Herakles, der die Last des Atlas auf sich nehmen will. Ferner Theseus und Perithoos; Hellas und Salamis, welche in der Hand den hinten an den Schiffen angebrachten Schmuck hält; von den Kämpfen des Herakles gegen den Nemeischen Löwen, und die Ruchlosigkeit des Aias gegen die Kassandra; die Hippodameia, des Oinomaos Tochter, mit ihrer Mutter, und Prometheus, noch in Banden und Herakles gegen ihn gewendet. Denn es geht auch die Sage, Herakles habe den Adler getötet, welcher im Kaukasus den Prometheus quälte, auch habe er den Prometheus aus den Banden befreit. Endlich sind noch in dem Gemälde Penthesilea, die Seele aushauchend, mit dem Achilleus, der sie hält, und zwei Hesperiden tragen die Äpfel, deren Obhut ihnen anvertraut gewesen sein soll. Dieser Panainos soll ein Bruder des Phidias gewesen sein; er hat auch in Athen in der Poikile [der Bunten Halle] die Schlacht bei Marathon gemalt.
   Auf dem obersten Teil des Thrones über dem Haupte des Gottesbildes hat Phidias auf der einen Seite die Chariten, auf der anderen die Koren angebracht, beides drei; denn auch sie werden in Gedichten Töchter des Zeus genannt. Homer aber sagt in der Ilias (5, 750), den Horen sei der Himmel anvertraut, etwa wie Wächterinnen eines Königshofs.
   Der Schemel unter den Füßen des Zeus, im attischen Dialekt nennt man einen solchen Thranion, enthält in erhobener Arbeit goldene Löwen und die Schlacht des Theseus gegen die Amazonen, die erste Großtat der Athener gegen Nichtstammverwandte.
   An dem Postament, welches den Thron und den Zeus mit all seinem Schmuck trägt, befinden sich goldene Arbeiten. Helios auf dem Wagen, und Zeus und Hera …, neben ihm Charis, dieser zunächst Hermes, neben Hermes Hestia; auf die Hestia folgt Eros, wie er die aus dem Meere aufsteigende Aphrodite empfängt; Aphrodite wird von der Peitho bekränzt. Ferner ist in Relief dargestellt Apollo mit Artemis, Athene und Herakles, und schon nach dem Ende des Postaments zu Amphitrite und Poseidon und Selene, die nach meiner Meinung ein Pferd antreibt. Andere sagen, die Göttin reite auf einem Maultier, nicht auf einem Pferd, und erzählen in Bezug auf das Maultier eine einfältige Sage.
   Was über die Maße des Zeus in Olympia in Bezug auf Höhe und Breite geschrieben worden ist, weiß ich, kann aber die Vermesser nicht loben, (da die Vermessung weit hinter dem zurückbleibt, was die Schätzung des Bildes den Beschauenden bietet), wo der Gott selbst als Zeuge für die Kunst des Phidias aufgetreten sein soll; denn als das Bild vollendet war, betete Phidias, der Gott möge ein Zeichen geben, ob das Werk ihm nach Wunsch sei; und sogleich soll der Blitz die Stelle des Bodens getroffen haben, wo jetzt noch die eherne Urne als Aufsatz steht.
   [Nach Kallimachos, 3. Jhdt vor Christus, soll die Statue mit Basis mehr als 12 m hoch gewesen sein.]
   Der Teil des Bodens vor dem Bilde ist nicht von weißem, sondern von schwarzem Marmor; rings um die schwarze Platte läuft eine Einfassung von parischem Marmor, um das auslaufende Öl zusammenzuhalten; denn in Olympia ist zur Erhaltung des Bildes Öl erforderlich, und durch Öl wird verhindert, daß das Elfenbein bei der sumpfigen Natur der Altis Schaden leide.
   
Pausanias
Periegeta (Beschreibung von Griechenland)
Übersetzung: Johann Heinrich Christian Schubarth
Band 3, Stuttgart 1859

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