Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

0077 - Plinius d. Ä. - Pyramiden und Sphinx

Um 77 - Gaius Plinius Secundus Major (der Ältere)
Die Pyramiden und die Sphinx

 

Beiläufig auch etwas von den Pyramiden in Ägypten, einer müßigen und albernen Schaustellung des Reichthums der Könige. Manche geben nämlich an, der Beweggrund sie zu bauen sei der gewesen, ihren Nachfolgern oder hinterlistigen Nebenbuhlern ihr Geld nicht zu hinterlassen, oder damit das Volk nicht unbeschäftigt wäre. Die Eitelkeit jener Menschen in dieser Hinsicht war groß, und daher finden sich noch Spuren von mehreren erst angefangenen. Eine steht im Nomos Arsinoites, zwei im Memphitischen nicht weit von dem Labyrinthe. Ebenso viele stehen da, wo der See Moëris, d.h. der große Kanal, war, den die Ägypter unter die wunderbaren und merkwürdigen Gegenstände rechnen; die Gipfel von diesen sollen noch aus dem Wasser hervorragen. Die übrigen drei, deren Ruf den Erdkreis erfüllt und allerdings den Heranschiffenden von allen Seiten sichtbar sind, stehen nach Afrika hin auf einem felsigen und unfruchtbaren Berge zwischen der Stadt Memphis und dem sogenannten Delta, etwas weniger als 4.000 Schritte vom Nil, 7.500 Schritt von Memphis, bei einem flecken, den man Busiris nennt, von wo aus man sie gewöhnlich besteigt.
   Vor diesen steht die noch weit erwähnenswertere Sphinx, eine Gottheit der Anwohner. König Harmais ist ihrer Ansicht nach darin begraben, und man behauptet, daß sie eingeführt sei; doch ist sie aus dortigem Gestein verfertigt; das Gesicht des Ungeheuers wird feierlich mit Röthel angestrichen. Der Kopf mißt um die Stirn 102 Fuß, die Länge der Füße 143, die Höhe vom Bauche bis zur obersten Locke des Kopfes 61 1/2.
   Die größte Pyramide besteht aus arabischen Steinen; 360.000 Menschen sollen sie binnen 20 Jahren erbaut haben, drei andere aber in 78 Jahren und 4 Monaten. Unter denen welche über sieselben geschrieben haben, befinden sich Herodotos, Euhemeros, der Samier Duris, Aristagoras, Dionysos, Artemidoros, der Vielwisser (Polyhistor) Alexandros, Butoridas, Antisthenes, Demetrios, Demoteles und Apion. Allein keiner von ihnen weiß genau, von wem sie gebaut sind, da ein gerechtes Geschick die Namen der Urheber von diesen Denkmälern der größten Eitelkeit vernichtet hat. Einige von ihnen haben die Angabe, daß dabei allein für Rettich, Knoblauch und Zwiebeln 1.500 Talente verwendet worden sind. Die größte bedeckt sieben Morgen (jugera) Landes; die vier Ecken sind gleich weit voneinander; und jede Seite mißt 833 Fuß. Die Höhe von der Spitze bis zum Boden beträgt 725 Fuß, der Umfang der Spitze 16 1/2 Fuß. Der Zwischenraum zwischen den vier Ecken einer zweiten Pyramide beträgt 757 1/2 Fuß. Die dritte ist zwar kleiner als die vorerwähnten, aber weit ansehnlicher und aus äthiopischen Steinen erbaut; sie mißt zwischen den Ecken 363 Fuß. Spuren der Erbauung sind nicht mehr vorhanden; ringsumher liegt weit und breit nur linsenförmiger Sand, wie er sich in dem größten Theile von Afrika findet.
   Die Hauptfrage ist, wie man die Erfordernisse zum Bau bis zu dieser Höhe hinauf bringen konnte. Einige geben an, man habe Salpeter und Salz im Verhältnis der wachsenden Höhe des Werkes auf einander gehäuft, und diese Stoffe nach dessen Vollendung durch Wasser aus dem Flusse auflösen lassen; andere glauben, man habe diese Dämme aus Lehmziegeln erbaut und diese hernach zu Privat-Wohnungen vertheilt; denn der Nil habe diese Stelle nicht bewässern können, da sein Bett viel tiefer liege. Im Innern der größten Pyramide ist ein Brunnen von 86 Cubitus [Ellen] Tiefe, und man glaubt, daß der Fluß dorthin geleitet worden sei.
   Das Maß der Höhe von diesen und ähnlichen Gegenständen lehrte der Milesier Thales finden, indem er den Schatten um diejenige Stunde maß, wo dieser dem Körper gleich zu sein pflegt.
   Dies sind die Wunder der Pyramiden; das letzte Wunderbare dabei aber ist, daß, um das Stauen vor königlichen Schätzen aufzuheben, die kleinste derselben, aber gerade die gepriesenste, von einem Lustmädchen, Rhodopis, herrührt, die früher Mitsklavin und Stubengenossin des philosophischen Fabeldichters Aisopos gewesen war; denn das man durch derartigen Erwerb so große Reichthümer zusammen bringen konnte, ist in der That das größte Wunder.

 

Gaius Plinius Secundus Major
Historia Naturalis, 36. Buch
Übersetzung: E. D. L. Strack
Bremen 1855; Nachdruck Darmstadt 1968

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