Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1859 - Frederick Roberts, Lord of Kandahar
Der Triumphzug des Vizekönigs
Lucknow, Indien

 

Als ich Calcutta erreichte, wurde mir mitgeteilt, daß mir die Organisierung und Aufsicht eines großen Lagers zugeteilt worden sei, welches für den Triumphzug, den Lord Canning [der Vizekönig] durch Oudh, die Nordwestprovinzen und den Punjab plante, bestimmt sei.
   Lord Canning wollte mit allen hauptsächlichen Häuptlingen und Fürsten zusammentreffen, und vor allem diejenigen belohnen, welche während des Aufstandes über ihre Loyalität uns gegenüber keinen Zweifel gelassen hatten. Man teilte mir mit, daß die Zelte im Arsenal zu Allahabad bereit seien, und daß das erste Lager in Cawnpore am 15. Oktober fertig sein müßte. An diesem Tag werde der Vizekönig dort anlangen und von dort ein oder zwei Tage später seine Staatsprozession nach Lucknow beginnen.
   […]
   Am 18. machte der Vizekönig seinen ersten Marsch gegen Lucknow. Die gesamte Zeltausrüstung war doppelt, so daß jeder Teilnehmer im nächsten Lager alles genau so vorfand wie im vorhergehenden.
   Das Lager nahm einen enormen Platz ein; denn für das ganze große Gefolge, zu dem auch das Hauptquartier mit dem gesamten Stabe gehörte, mußte Raum vorgesehen werden. Dann waren die Post, der Telegraph, die Werkstätten, das Kommissariat und eine Menge anderer Bureaus, welche Unterkunft verlangten, dann mußte die Eskorte, welche aus einer Batterie reitender Artillerie, einer Schwadron britischer Kavallerie, einem Regiment britischer Infanterie, einem Regiment eingeborener Kavallerie, einem Regiment eingeborener Infanterie und der Leibwache des Vizekönigs bestand, untergebracht werden. Allein für den Vizekönig, seinen Stab, die Gäste und Sekretäre wurden auf der Hauptstraße 150 große Zelte errichtet, und auf jeder Station wurden auch die Duplikatszelte aufgeschlagen. Für die Beförderung allein dieses Teiles vom Lager waren 500 Kamele nötig. Die folgenden Details geben einen Begriff von der Ausdehnung der ganzen Arrangements, welche allein für das Lager des Vizekönigs notwendig waren: Außer den schon erwähnten waren noch 500 weitere Kamele, 500 Ochsen und 100 Ochsenkarren samt Bespannung für die Beförderung der Lagerausrüstung notwendig. Außerdem 40 Sowaire-(Reit-)elefanten, 527 Kulis zum Tragen der zu den größeren Zelten gehörenden Glasfenster, 100 Bhisties (Wasserträger) und 40 Mann zum Befeuchten und Reinhalten der Straße. Hierzu kamen natürlich noch die privaten Gepäcktiere, Dienerschaft und zahllose Zug- und Reitpferde, für welche alle Nahrung und Obdach vorgesehen werden mußte.
   Es ist schwer, den eigentümlichen Anblick zu beschreiben, den ein derartiges Lager auf dem Marsche gewährt. Die Lagerfolger werden von ihren Frauen und Kindern begleitet, welche auf den Gepäckwagen thronen oder zuoberst auf den schwerbeladenen Lasttieren reiten. Es werden nicht weniger als 20.000 Menschen gewesen sein, welche in Lord Cannings und Lord Clydes Lager waren, Frauen und Kinder inbegriffen, eine buntscheckige Menschenmenge, welche auf 40 Kilometer die Straße entlang strömte; denn der Tagesmarsch erstreckte sich durchschnittlich auf 20 Kilometer, und bevor noch alle das Lager verlassen hatte, das wir in der vorigen Nacht bewohnten, war die Vorhut schon auf dem Lagerplatz für den nächsten Tag angekommen. Es mußte auf die strengste Disziplin gehalten werden, denn sonst wäre die Menschenmasse eine Kalamität für die Anwohner geworden; die Gefolgschaft hätte sich wie ein Heuschreckenschwarm über die Umgebung ergossen und Hand an alles gelegt, was sie erreichen konnte, indem sie sich einfach als „Mulk-i-Lord-Sahib-Ke-Naukar“ ausgab, was soviel bedeutet wie „Diener des Lords vom Lande und des Generalgouverneurs“, denen sich zu widersetzen den Tod bedeutet hätte. Die armen geängstigten Landleute wehrten sich beinahe garnicht, wenn die Mahouts [Elefantenwärter] sich mit großen Ladungen von Zuckerrohr davonmachten oder ihnen das Ansinnen stellten, ihre Produkte zum halben Werte abzugeben. Zu Beginn des Marsches war solches Herumstreifen an der Tagesordnung, und ich mußte viele Klagen von den Bauern hören. Nachdem ich aber einigemal mit ziemlich strengen Strafen dazwischengefahren war, und den Landleuten auseinandergesetzt hatte, daß es nicht im entferntesten des Mulk-i-Lord-Sahibs (Gouverneurs) Wunsch sei, daß seine Diener sie schädigten, und sie sich das nicht gefallen zu lassen brauchten, wurde bald Ordnung; und von da ab hörte ich nur noch ganz selten Klagen und hatte wenig Ärger mehr.
   […]
   Am nächsten Tage, dem 2. Oktober, ging der feierliche Einzug in Lucknow vor sich, ein langer Zug von Truppen und Geschützen, Lord Canning in der Mitte, welchen der kommandierende General mit seinem gesamten Gefolge und den beiderseitigen Stäben in voller Uniform umgab. Obwohl Lord Canning kein begeisterter Reiter war, nahm er sich doch nicht schlecht zu Pferde aus. Er saß gut, und seine Figur kam auf dem Pferde mehr zur Geltung, als wenn er zu Fuß ging.
   Ich ritt an der Spitze des Zuges und geleitete ihn über die Charbaghbrücke, der Szene von Havelocks blutigem Kampfe; an dem Machi Bhawan und der Residenz vorüber nach dem Kaisarbagh, vor welchem die Talukdars [lokale Fürsten] von Oudh aufgestellt waren. Man hatte sie nur schwer hierzu bewegen können; denn sie waren sich ihrer Schuld bewußt und gar nicht sicher, ob die Gerüchte, daß man sie vor der Kanone erschießen wolle, nicht doch wahr seien. Sie machten einen tiefen Salaam, als der Vizekönig vorbeiritt; dann wandte sich der Zug nach dem Park der Martinière, wo das Lager, welches ich am vorhergehenden Tage hatte errichten lassen, vor uns mit schneeweißen Zelten im Sonnenschein erglänzte. Die Straßen, die wir passieren mußten, waren gefüllt mit Eingeborenen, welche zwar eingeschüchtert, aber nicht zahm zu sein schienen. Es sah nicht so aus, als ob sie großen Respekt vor dem Vizekönig hätten, und sie ließen uns nur mit verhaltenem Zorn vorüberziehen.
   […]
   Am 26. hielt der Vizekönig seinen großen Empfang ab, um die Talukdars bei sich zu sehen. Es war der erste dieser Art, welchem ich beiwohnen durfte, und ebenso eine amüsante Neuheit für meine Frau, welche mit Lady Canning zusammen hinter einem halbtransparenten Schirm der Zeremonie beiwohnte, weil es damals noch nicht als richtig galt, wenn Damen in Gegenwart von Eingeborenen bei derartigen Zeremonien anwesend waren. Die ganze Szene war sehr eindrucksvoll, obwohl nicht so farbig, als dies in anderen Teilen Indiens der Fall gewesen sein würde, da die Talukdars nach Mode der Rajputs in Oudh in einfaches Weiß gekleidet waren.
   Die Talukdars, im ganzen 160 an der Zahl, erhielten ihre Plätze in strikter Rangordnung angewiesen; der Rangälteste erschien zuletzt. Sie wurden in einen Halbkreis zur rechten von dem Staatsessel des Vizekönigs gesetzt, während auf der linken Seite, auch im Halbkreise, alle Europäer nach ihrem Rang geordnet Platz genommen hatten. Als alles bereit war, kündigten die Kommandos: „Achtung! Präsentiert das Gewehr!“ den Insassen des Zeltes die Ankunft des Vizekönigs an, und unter Hörnerschmettern und Kanonensalut betrat der Vizekönig, begleitet vom kommandieren General unter Vorantritt der Stäbe das Zelt.
   Jedermann erhob sich und blieb stehen, bis der Generalgouverneur sich gesetzt hatte. Nun trat Mr. Beadon, der Sekretär des Auswärtigen, mit tiefer Verbeugung an den Vizekönig heran und meldete, daß alle, welche zur Teilnahme am Empfang aufgefordert waren, erschienen seien. Sodann wurden die Talukdars dem Vizekönig einzeln vorgestellt; jeder machte eine tiefe Verbeugung und brachte als Zeichen seiner Ergebenheit ein Geschenk aus Goldmünzen dar, welches nach der Etikette vom Vizekönig allemal berührt wurde, um seine Anerkennung zu bezeugen. Sodann wurden die Geschenke der Regierung herbeigetragen und auf kleinen Platten vor jedem Talukdar auf den Boden gesetzt. Sie waren auch in ihrem Werte dem Range und der Stellung eines jeden angepaßt. Nachdem dieser Teil der Zeremonie vorüber war, erhob sich der Vizekönig und hielt an die Versammlung eine Ansprache. Zunächst drückte er seine Freude aus, die Talukdars hier begrüßen zu dürfen, und gab ihnen die Versicherung, daß sie, solange sie treu zur Regierung hielten, jedwede Rücksicht erfahren würden; er teilte ihnen mit, daß in Oudh eine neue Epoche angebrochen sei, in der ihnen erlaubt sein sollte, ihren Besitz genau wie vor der Besetzung zu verwalten. Nachdem Lord Canning seine Rede vollendet hatte, las der Sekretär des Auswärtigen den Talukdars eine Übersetzung derselben in Urdu vor. Sodann wurde Atar (Rosenöl) und Pan (Betelnußschnitten) herumgereicht, und der Vizekönig verabschiedete sich mit demselben Zeremoniell, wie er gekommen war.

 

Roberts, Frederick Sleigh, Lord of Kandahar
Einundvierzig Jahre in Indien
Band 1, Berlin 1904

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