Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1245 - 1247 Johann de Plano Carpini
Über die Kriegführung der Mongolen
Lager Syra-Orda, eine halbe Tagesreise von Karakorum

 

Dschingis-chan verordnete, daß über je zehn Soldaten ein Mann gesetzt sein sollte, in der lateinischen Sprache etwa Decan (Zehntmann) genannt, über je zehn Decane ein Centenarius (Hundertmann), über je zehn Centenarien ein Millenarius (Tausendmann) und endlich über je zehn Millenarien ein Ober-anführer. Diese letztere Zahl (10.000) heißt bei ihnen Finsternisse. An der Spitze des ganzen Heeres stehen sodann zwei oder drei Herzöge („duces" oder „Tugh"), von denen aber einer wieder den Oberbefehl hat.
   Wenn im Kriegsfall von diesen zehn Mann einer oder zwei oder drei oder auch mehrere fliehen, so werden diese alle mit dem Tode bestraft. Wenn aber diese Zehn allesamt fliehen, ohne daß die anderen zu ihrem Verband gehörigen hundert Mann alle fliehen, so werden sie alle mit dem Tode bestraft. Kurz, wenn nicht ein allgemeiner Rückzug stattfindet, so werden alle Fliehenden mit dem Tode bestraft. Umgekehrt, wenn einer oder zwei oder drei sich kühn in den Kampf stürzen und die anderen von den zugehörigen Zehn folgen ihnen nicht nach, so müssen es die Letzteren mit dem Tode büßen, und wenn von zehn Soldaten einer oder mehrere gefangen genommen werden, ohne daß die anderen Kameraden sie befreien, so müssen sie es gleichfalls mit dem Tode büßen.
   Die Tataren müssen zum mindesten folgende Waffen besitzen: Zwei oder .drei Bogen, oder doch wenigstens einen guten Bogen, drei große Köcher voll Pfeile, ein Beil und Stricke, um die Kriegsmaschinen fortzuziehen. Die Reichen aber haben Säbel mit nur einer Schneide, die am Ende spitz und ein wenig gekrümmt sind. Ihre Pferde sind gepanzert und auch ihre (der Männer) Beine geschützt und außerdem haben sie Helme und Panzer. Diese Panzer und die Schutzdecken der Pferde bestehen bei manchen aus Leder und werden folgendermaßen hergestellt: Sie nehmen Streifen oder Riemen von Ochsenhaut oder anderen Tierhäuten, so breit wie eine Hand, kleben drei oder vier derselben aufeinander und binden sie noch außerdem mit dünnen Riemen oder Bindfaden fest zusammen. An jedem oberen Streifen bringen sie Bindfaden unten am Ende an, und an jedem unteren Streifen in der Mitte, und so fahren sie fort bis zum Ende. Wenn sie (die Reiter) sich darum gegen die unteren Streifen herabbiegen, so gehen die oberen in die Höhe, sodaß sich die Streifen zwei- oder dreifach über dem Körper übereinander schieben.
   Die Schutzdecken der Pferde bestehen aus fünf Stücken. Zu beiden Seiten des Pferdes ist je ein Stück angebracht, das vom Schwanz bis zum Kopf reicht und am Sattel sowie hinter dem Sattel am Rücken und auch am Halse befestigt wird. Ein drittes Stück geht über die Lenden, wo die Bänder, welche die eben genannten beiden Stücke halten, zusammengeknüpft sind. An diesem Stück schneiden sie ein Loch aus, durch welches der Schwanz gesteckt wird. Ein viertes Stück geht vorn über die Brust. Alle diese vier Stücke reichen abwärts bis zu den Knien oder bis zu den Gelenken der Beine. Das fünfte Stück endlich besteht aus einer eisernen Platte, die vorn an der Stirn angebracht und zu beiden Seiten des Halses an den zwei zuerst genannten Stücken befestigt ist. Auch der Panzer der Reiter besteht aus vier Stücken. Ein Stück erstreckt sich vom Schenkel bis zum Hals, aber es schmiegt sich dem Bau des menschlichen Körpers an; denn vorn an der Brust ist es schmal; dagegen von den Armen an und weiter abwärts wölbt es sich rund um den Leib des Reiters herum. Das andere Stück deckt nach hinten (über den Schultern) die Lenden und geht vom Halse an bis zu dem Stück, das sich über den Leib wölbt. Diese beiden Stücke, das vordere und das hintere, werden über den Schultern an zwei eisernen Platten (Achselklappen), die sich an beiden Schultern befinden, mit Schnallen angeheftet. Drittens ist an jedem Arm ein Panzerärmel, der von den Schultern bis zu den Händen reicht, diese aber doch weiter unten frei läßt. Und viertens endlich haben sie an jedem Bein einen Beinharnisch. Alle diese einzelnen Stücke werden mit Schnallen aneinandergeheftet. Der Helm besteht in seinem oberen Teile aus Eisen oder Stahl, aber der Teil, welcher Hals und Kehle ringsum schützend umgibt, ist aus Leder. Alle diese Stücke aus Leder sind in der vorhin beschriebenen Weise (zusammengesetzt aus handbreiten Lederstreifen) hergestellt.
   Bei einigen sind aber alle die erwähnten Rüstungen aus Eisen und zwar folgendermaßen hergestellt: Sie machen sich viele dünne Eisenplättchen, jedes einzelne so breit wie ein Finger und eine Handbreite lang. Nachdem sie dann in jedes Plättchen acht ganz kleine Löcher gebohrt und auf der inneren (dem Körper zugekehrten) Seite drei fest gedrehte und starke Riemen gelegt haben, legen sie dann die Plättchen eines über das andere, sodaß sie wie schuppenförmig übereinander gehen, und binden diese Plättchen mit dünnen Riemen, die sie durch die genannten Löcher hindurchziehen, an diese (drei starken) Riemen (auf der Innenseiten des Panzers) an. Am oberen Rande eines solchen Streifens nähen sie einen flachen Riemen an, der um beide Seiten (die innere und die äußere) des Streifens herumgeschlagen ist und mit einem ändern (noch dünneren) Riemen angenäht wird, damit die einzelnen Eisenplättchen alle gut und fest zusammenhalten. So machen sie aus den Eisenplättchen gleichsam einen Streifen (oder ein handbreites Band. Dann verbinden sie alle diese Streifen (zu den einzelnen Panzerteilen und zu einem Panzer), wie vorhin (beim Lederpanzer) beschrieben ist. Das gilt sowohl von den Rüstungen für Pferde wie für Menschen. Diese Panzer polieren sie, daß sie blinken wie ein Spiegel und man darin sein Angesicht sehen kann.
   Einige haben Lanzen, die an der Stelle, wo die eiserne Spitze eingefügt ist, mit einem Haken versehen sind, um damit den Gegner womöglich aus dem Sattel zu reißen. Ihre Pfeile sind zwei Fuß, eine Handbreite und zwei Fingerbreiten lang. Weil aber der Fuß nicht überall gleich lang gerechnet wird, nehmen wir das Wort in geometrischem Sinn, nämlich 12 Gerstenkörner machen eine Daumenbreite („pollicis transversio") und 16 Daumenbreiten machen einen Fuß in geometrischem Sinn. Die eisernen Spitzen der Pfeile sind sehr spitz und haben auf beiden Seiten eine Schneide wie ein zweischneidiges Schwert. Immer tragen sie neben dem Köcher eine Feile, um damit die Pfeile zu schärfen. Die eiserne Pfeilspitze endet nach rückwärts in einen spitzen Schweif, einen Finger lang, der in den hölzernen Schaft des Pfeiles eingefügt wird.
   Ihre Schilde sind aus Weiden oder Ruten geflochten; aber sie tragen dieselben, wie wir glauben, gewöhnlich nur um das Lager herum und auf den Wachtposten des Kaisers und der Fürsten, und zwar nur des Nachts. Außerdem haben sie noch andere Pfeile, welche drei Fingerbreiten breit sind, um auf Vögel, Wild und unbewaffnete Menschen zu schießen. Für die Jagd auf Vögel und Wild haben sie noch andere verschiedengestaltete Pfeile.
   Wenn sie sich anschicken, in den Krieg zu ziehen, senden sie eine Vorhut voraus, die nur Filzzelte, Pferde und Waffen mit sich führt; diese Leute plündern nichts, stecken keine Häuser in Brand und metzeln keine Tiere nieder, sondern sie verwunden und töten nur Menschen; und wenn sie sonst nichts anderes ausrichten können, so jagen sie dieselben wenigstens in die Flucht. Viel lieber ist es ihnen allerdings, sie zu töten als sie in die Flucht zu schlagen. Auf diese Vorhut folgt erst das Hauptheer, welches dagegen alles, auf das es stößt, wegnimmt. Auch die Leute, auf die man trifft, werden gefangengenommen und niedergemacht. Trotzdem senden die Heerführer darauf („post hoc") noch von allen Seiten Herolde aus, um Menschen und bewaffnete Plätze aufzustöbern; und diese Leute sind sehr geschickt im Aufspüren.
   Auf folgende Weise wird der Übergang sogar über große Flüsse bewerkstelligt: Die Vornehmeren haben alle ein leichtes Leder von runder Gestalt, an dessen oberem Ende ringsum viele Schleifen oder Ösen („ansae") dicht nebeneinander angebracht sind. Durch diese stecken sie einen Strick und ziehen ihn fest an, so daß ringsum eine bauchförmige Wölbung entsteht; dahinein legen sie dann ihre Kleider und anderen Sachen und drücken das Ganze, Kleider und Sack, mit aller Macht fest zusammen. Alsdann legen sie ihre Sättel und andere härtere Gegenstände in die Mitte oben darauf und setzen sich auch selbst mitten darauf. Den so hergerichteten Nachen binden sie an den Schwanz eines Pferdes und lassen einen Mann, der das Pferd lenkt, zugleich mit dem Pferde vornher schwimmen; oder sie haben manchmal auch zwei Ruder, mit denen sie über das Wasser rudern; und so setzen sie über den Fluß. Die Pferde aber jagen sie in das Wasser, während ein Mann neben einem Pferde herschwimmt und es lenkt; die übrigen Pferde folgen dann alle diesem. So vollzieht sich bei ihnen der Übergang über die Gewässer und selbst über große Ströme.
   Von den Armen dagegen muß jeder einen gut zugenähten Beutel aus Leder bei sich trägen; in diesen Beutel oder Sack tun sie alle ihre Kleider und anderen Sachen hinein und binden den Sack dann oben ganz fest zu. Sie hängen ihn gleichfalls an den Schwanz eines Pferdes und setzen in der oben angegebenen Weise über den Fluß.
   Sobald sie den Feind erblicken, stürmen sie auf ihn los, und jeder schießt drei oder vier Pfeile gegen die ihm zunächst stehenden Gegner ab. Wenn sie sehen, daß sie auf diese Weise die feindlichen Reihen nicht durchbrechen können, so ziehen sie sich zu den Ihrigen zurück. Das tun sie aber aus Kriegslist, um den nachdrängenden Gegner in einen Hinterhalt zu locken, den sie ihm gelegt haben. Wenn nun der Feind sie bis zu diesem Hinterhalt verfolgt hat, umzingeln sie ihn und bereiten ihm durch Verwundung und Niedermetzelung eine große Niederlage.
   Wenn sie ferner sehen, daß ein großes Heer ihnen gegenübersteht, schwenken sie bisweilen ein bis zwei Tagereisen von ihm ab, fallen heimlich in einen andern Teil des Landes ein und plündern daselbst; die Bewohner hauen sie nieder, und das Land verheeren und verwüsten sie. Wenn sie endlich sehen, daß sie auch so nichts ausrichten können, weichen sie 10 oder 12 Tagereisen weit zurück. Manchmal bleiben sie auch ruhig an einem geschützten Platz und lauern auf, wohin sich wohl das feindliche Heer zerstreuen wird; alsdann kommen sie ganz unvermerkt und verheeren das ganze Land. In ihrer Kriegsführung sind sie äußerst verschlagen und schlau, weil sie schon 40 Jahre lang und noch länger mit feindlichen Völkerschaften gekämpft haben.
   Wenn sie im Sinne haben, eine Schlacht zu liefern, stellen sie vorher alle einzelnen Heeresabteilungen in der Ordnung auf, wie sie kämpfen sollen. Die Herzöge oder Heeresfürsten mischen sich nicht in den Kampf, sondern haben ihren Standort an einem entfernten Punkte, den Blick auf das feindliche Heer gerichtet und umgeben von Burschen zu Pferd, von Frauen und Pferdes. Manchmal machen sie auch Puppen in Menschengestalt und setzen sie auf Pferde. Das tun sie, damit die Menge ihrer Soldaten möglichst groß erscheine.
   Gegen die Front der Feinde schicken sie zunächst eine Abteilung von Gefangenen und anderen Völkerschaften, die unter ihnen Kriegsdienste leisten müssen, und vielleicht befinden sich auch einige Tataren unter diesen. Andere auserlesene Kerntruppen schicken sie auf weiten Umwegen, damit sie von ihren Gegnern nicht gesehen werden, gegen die beiden feindlichen Flanken rechts und links. So umzingeln sie das feindliche Heer und nehmen es in ihre Mitte. Dann beginnen sie auf allen Seiten den Kampf.
   Und wenn sie bisweilen auch gering an Zahl sind, so scheint es doch den Gegnern, die umzingelt sind, als ob ihrer sehr viele wären, zumal da sie die Burschen, die Frauen, die Pferde und die vorhin erwähnten Puppen in Menschengestalt, die alle den Herzog oder Heeresfürsten umgeben, sehen und für wirkliche Soldaten halten. Dadurch lassen sich die Feinde in Schrecken jagen und geraten in Verwirrung.
   Wenn aber zufällig die Feinde einmal tüchtig kämpfen, so lassen sie ihnen eine Gasse zur Flucht offen, und sobald diese Miene machen zu fliehen und sich der Zusammenhalt in ihren Reihen zu lockern beginnt, jagen die Tataren hinter ihnen her und bringen dann mehr auf der Flucht um, als sie im Kampfe hätten niederhauen können.
   Wenn irgend möglich, vermeiden sie es, sich in ein Handgemenge einzulassen, sondern sie verwunden und töten die Gegner und deren Pferde lieber mit ihren Pfeilen, und dann erst, wenn Pferde und Menschen durch die Pfeilschüsse bereits geschwächt sind, kämpfen sie Mann gegen Mann.
   Die Festungen erobern sie auf folgende Weise: Wenn eine Festung ihnen im Wege steht, so umzingeln sie dieselbe, ja bisweilen umgeben sie die Festung mit einem so dichten Zaun oder Gehege, daß niemand aus- oder eingehen kann. Dabei beschießen sie dieselbe äußerst heftig mit ihren Wurfmaschinen und Pfeilen und lassen weder bei Tag noch bei Nacht vom Kampfe ab, so daß die Belagerten auch nicht einen Augenblick Ruhe haben; die Tataren dagegen könne sich gut ausruhen, weil sie ihre Heere teilen und eine Abteilung die andere im Kampf ablöst, sodaß sie nicht allzu müde werden.
   Wenn sie die Festung so nicht einnehmen können, werfen sie griechisches Feuer hinein, ja sie pflegen manchmal Fett von Menschen, die sie töten, zu nehmen, dieses flüssig zu machen und auf die Häuser zu schleudern. Wo immer Feuer an dieses Fett kommt, da entsteht ein Brand, der flast nicht zu löschen ist; nur dadurch soll man des Feuers Herr werden können, daß man Wein oder Bier darüber gießt. Wenn dies brennende Fett einen Menschen auf den Leib fällt, so läßt sich das Feuer durch Reiben mit der flachen Hand ersticken.
   Wenn sie sich auch so des Platzes nicht bemächtigen können und durch die Stadt oder das Kastell ein Fluß fließt, so stauen sie das Wasser des Flusses oder graben ihm ein anderes Bett und setzen die Festung womöglich unter Wasser. Falls sich aber auch das nicht bewerkstelligen läßt, so legen sie Minen und dringen unter der Erde mit bewaffneter Macht in die Stadt ein, und wenn sie einmal darinnen sind, so legt ein Teil Feuer an die Stadt, um sie niederzubrennen, während der andere Teil mit den Verteidigern kämpft. Wenn sie endlich die Stadt auch so nicht zu überwältigen vermögen, errichten sie ein Kastell oder eine eigene Verschanzung gegen jene Festung, damit sie von den feindlichen Geschossen nicht belästigt werden, und ziehen die Belagerung in die Länge, wenn nicht gerade ein Heer von auswärts den Belagerten Hilfe bringt und jene zurücktreibt.
   Solange sie eine Festung belagern, schmeicheln sie den Verteidigern und versprechen ihnen alles Gute und Schöne,, damit sie sich ihnen übergeben. Nach erfolgter Übergabe aber befehlen sie ihnen: Geht aus der Stadt heraus damit wir euch zählen, wie es bei uns Sitte ist. Wenn sie dann zu ihnen herausgehen, so fragen sie, welche unter ihnen Handwerker seien, und diese lassen sie am Leben. Die übrigen aber töten sie mit dem Beil, diejenigen ausgenommen, welche sie als Sklaven behalten wollen; und wenn sie vielleicht auch sonst einige andere in der angegebenen Weise schonen, so gehören doch niemals die Adligen und Angesehenen zu denen, welchen sie Schonung angedeihen lassen. Sollten sie aber ja einmal aus irgend einem Zufall einige Adlige am Leben lassen, so ist es diesen doch niemals mehr möglich, weder durch Geld noch durch gute Worte sich aus der Gefangenschaft zu befreien.
   Im Kriege vollends töten sie alle Gefangenen, höchstens behalten sie einige als Sklaven zurück. Die zum Tode bestimmten verteilen sie an die Hauptleute über 100 Mann, damit sie von ihnen mit der Doppelaxt hingerichtet werden; sie selbst aber verteilen sie darauf an die Gefangenen und überweisen jedem Sklaven zur Abschlachtung je zehn Leute, bald mehr, bald weniger, je nachdem es den Vorgesetzten beliebt.

 

Carpini, Johann de Plano
Geschichte der Mongolen und Reisebericht 1245-1247
Übersetzt und erläutert von Friedrich Risch
Leipzig 1930

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