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Geschichten rund um den Globus

1876 - Heinrich Schliemann
Der Schatz
Mykenae

 

Mykenae, 6. Dezember 1876. Nachdem die vier Grabsteine mit den Basreliefs ausgehoben und nach dem Dorfe Charvati gebracht waren, um nach Athen gesandt zu werden, explorierte ich die Stelle, wo die Stelen mit den die Krieger und die Jagdszene darstellenden Skulpturen gestanden hatten, und fand dort ein 21 Fuß 5 Zoll langes, 10 Fuß 4 Zoll breites, in den Fels gehauenes viereckiges Grab ...
   Als ich tiefer grub, fand ich von Zeit zu Zeit etwas schwarze Asche und darin häufig sehr sonderbare Gegenstände: entweder einen hölzernen Knopf, bedeckt mit einem goldenen Plättchen mit sehr schönem Intaglio, oder einen aus Elfenbein geschnittenen Gegenstand in Form eines Widderhorns mit einer flachen, zwei kleine Löcher enthaltenden Seite, mittels deren er an irgend etwas anderes geheftet war; ferner andere Schmucksachen von Knochen oder kleine Goldblättchen. Ich sammelte auf diese Weise, außer vielen anderen merkwürdigen Gegenständen, 12 mit Goldplättchen überzogene Knöpfe, deren einer so groß ist wie ein Fünffrankenstück ...
   Als ich bis zu einer Tiefe von 10 1/2 Fuß vorgedrungen war, wurde ich durch heftigen Regen aufgehalten, der die weiche Erde im Grabe in Schlamm verwandelte. Ich nahm daher die beiden unskulptierten Grabsteine der zweiten Reihe heraus, welche genau 20 Fuß östlich von den drei Stelen mit den Basreliefs standen. Indem ich an der Stelle, wo sie gestanden hatten, nachgrub, fand ich ein zweites Grab in den Fels geschnitten ... In einer Tiefe von 2-2 1/2 Fuß unterhalb der Grabsteine fand ich große Bruchstücke von zwei, dem Anscheine nach älteren, unskulptierten Stelen. In einer Tiefe von 15 Fuß unter der Felsfläche, somit in einer Tiefe von 25 Fuß unterhalb des Bodens, wie ich ihn zu Anfang meiner Ausgrabungen fand, kam ich zu einer Schicht Kieselsteine, unter welcher ich, in Zwischenräumen von 3 Fuß voneinander, drei Menschengerippe fand; alle lagen mit dem Kopf nach Osten und den Füßen nach Westen gekehrt und waren nur durch eine zweite Schicht Kieselsteine, auf welcher sie ruhten, vom geebneten Felsgrunde getrennt.
   Augenscheinlich sind alle drei an derselben Stelle, wo sie lagen, gleichzeitig verbrannt; die Massen von Asche von den Gewändern, die sie bedeckt, und dem Holze, welches ganz oder teilweise ihr Fleisch verbrannt hatte, ferner die Farbe der
unteren Steinschicht und die Merkmale des Feuers und Rauchs an der steinernen Mauer, welche auf dem Grunde des Grabes alle vier Seiten desselben bekleidete, können in dieser Hinsicht keinen Zweifel übriglassen; ja es fanden sich dort die unverkennbarsten Beweise von drei verschiedenen Scheiterhaufen ... Diese letzteren waren allem Anscheine nach nicht groß und bezweckten nur, die Gewänder und ganz oder teilweise das Fleisch der Verstorbenen zu verbrennen, aber nicht mehr, denn die Knochen und sogar die Schädel waren erhalten; diese letzteren hatten indessen so sehr unter der Feuchtigkeit gelitten, das es nicht gelang, einen einzigen davon zu retten.
   Auf jedem der drei Skelette fand ich fünf Diademe. Sie sind von sehr dünnem Gold, jedes 19 1/2 Zoll und in der Mitte 4 Zoll breit; alle laufen in spitze Enden aus. Die Ränder aller Diademe waren um kupferne Drähte gebogen, um ihnen mehr Festigkeit zu geben. Viele Bruchstücke jener Drähte fanden sich. Alle 15 Diademe zeigen ganz dieselbe Ornamentation von Repoussé-Arbeit, bestehend auf beiden Seiten aus einem Rande von zwei Linien, zwischen denen wir eine Reihe von dreifachen konzentrischen Kreisen sehen, die nach Verhältnis der Breite des Diadems an Breite ab- oder zunehmen ... der größte Kreis gerade auf der Mitte der Stirn ...
   Auch fand ich bei den Gerippen eine Menge sonderbarer Gegenstände, wie z. B. kleine, 1 1/2 Zoll lange Zylinder mit durchgehender Röhre ... eine Menge kleiner Messer von Obsidian und viele Bruchstücke einer großen silbernen Vase mit einer mit Kupfer plattierten Öffnung, die dick vergoldet und herrlich mit Intaglio-Arbeit geziert ist. Unglücklicherweise hat sie zu sehr vom Feuer des Scheiterhaufens gelitten, um photographiert zu werden. Es scheint, das die mykenischen Goldschmiede es nicht verstanden, Silber zu vergolden, daher erst das zu vergoldende Silber mit Kupfer plattierten ...
Die vier Wände des Dritten Grabes waren der Länge nach besetzt mit Stücken Schist von unregelmäßiger Größe, welche mit Lehm verbunden waren und eine 5 Fuß hohe, 2 Fuß 3 Zoll breite, schräge Mauer bildeten.
   Ich fand in diesem Grabe die irdischen Überreste von drei Personen, die nach der Kleinheit der Knochen, besonders der Zähne, und nach den Massen von Frauenschmuck, die hier gefunden wurden, Frauen gewesen sein müssen; die Zähne des einen Körpers waren obwohl alle erhalten, sehr abgenutzt und unregelmäßig und scheinen einer sehr alten Frau gehört zu haben. Alle drei Frauen lagen mit dem Kopf nach Osten und den Füßen nach Westen. Wie in dem Zweiten Grabe lagen die Gerippe 3 Fuß voneinander entfernt; sie waren mit einer Schicht gleicher Steine, auf welcher die Scheiterhaufen errichtet waren ... Diese Körper waren buchstäblich mit Juwelen von Gold überladen, welche alle mehr oder weniger in die Augen fallende Merkmale des Feuers und Rauches zeigten, dem sie auf dem Scheiterhaufen ausgesetzt waren.
   Unter den am meisten vorkommenden Schmuckstücken nenne ich die großen, mit schöner Repoussé-Arbeit gezierten runden, dicken, goldenen Blätter, deren ich 701 sammelte. Ich fand sie sowohl unter als über den Gerippen und um dieselben herum, es leidet daher keinen Zweifel, daß ein Teil derselben schon vor Errichtung der Scheiterhaufen auf den Grund des Grabes geworfen und der Rest vor Anzündung der Holzstöße auf die Leichen gelegt wurde ...
   Auf dem Kopfe des einen der drei Gerippe wurde die prachtvolle goldene Krone gefunden, welche eines der kostbarsten und interessantesten Kleinode ist, die ich in Mykenae fand; sie ist 2 Fuß 1 Zoll lang und ganz bedeckt mit schildartigen Ornamenten; da es Repoussé-Arbeit ist, so stehen letztere hervor, erscheinen als Basreliefs und dies gibt der Krone ein unbeschreiblich prachtvolles Aussehen, welches noch vermehrt wird durch die daran befestigten, auf ähnliche Weise geschmückten 36 großen goldenen Blätter. Ich muß jedoch erwähnen, daß die Krone auf solche Weise um den Kopf gebunden wurde, daß ihr breitester Teil auf die Mitte der Stirn zu liegen kam und die Blätter natürlich um den Kopf herum emporstanden, denn wenn es nicht so gewesen wäre, so würden sie die Augen und den größern Teil des Gesichts bedeckt haben. Neben jedem Ende sieht man ein Loch, durch das ein dünner Golddraht zur Befestigung der Krone gezogen war ...

Mykenae, 6. Dezember 1876. Durch meinen Erfolg ermutigt, beschloß ich den ganzen übrigen Raum innerhalb der vom großen, doppelten parallelen Kreise von Steinplatten umschlossenen Agora auszugraben, und richtete meine Aufmerksamkeit besonders auf die unmittelbar westlich von dem zuletzt geöffneten Grabe gelegene Stelle, obgleich dieselbe von keinem Grabstein bezeichnet war.
   Aber im Gegensatze zu der Farbe des Bodens anderswo fand ich hier nur schwarze Erde, die schon in einer Tiefe von 15 Fuß nur mit Bruchstücken aus freier Hand gefertigter oder sehr alter, auf der Töpferscheibe gedrehter Terrakotten vermengt war; ich schloß hieraus, daß die Stelle seit einem hohen Altertum nicht aufgewühlt worden sei, und dies bestärkte mich in meiner Hoffnung, hier eine interessante Entdeckung zu machen.
In einer Tiefe von 20 Fuß unter der früheren Oberfläche des Berges kam ich auf ein beinahe kreisförmiges zyklopisches Mauerwerk mit einer großen runden Öffnung in Form eines Brunnens... Ich erkannte in diesem sonderbaren Monumente sogleich einen uralten Altar zur Totenfeier, und wurde in diesem Glauben bestärkt durch zwei Steintafeln in Form von Grabsteinen und eine kurze Säule, die horizontal unter dem Altar lagen und nach meiner Meinung einst hier aufgestellt gewesen sein müssen, um die Stelle eines Grabes zu bezeichnen. Bruchstücke schöner, aus freier Hand gemachter oder sehr archaischer, auf der Töpferscheibe gedrehter Töpferware sowie Messer von Obsidian waren fortwährend die einzigen Gegenstände menschlicher Industrie, welche ich fand.
   Endlich, in einer Tiefe von 26 1/2 Fuß und in einer Entfernung von nur 4 Fuß 7 Zoll vom letztbeschriebenen Grabe, fand ich ein 24 Fuß langes, 18 1/2 Fuß breites Grab, welches an der Westseite 6 Fuß ... tief in den Felsen gehauen und dessen Boden genau 33 Fuß unter der früheren Oberfläche war.
   Es ist besonders bemerkenswert, daß der Totenaltar genau über dem Mittelpunkt dieses Grabes stand, ohne Zweifel ist er daher zu Ehren der Personen errichtet, deren irdische Überreste darin ruhten ... Genau wie in allen übrigen Gräbern war der Grund des Grabes mit einer Schicht Kieselsteine bedeckt, auf welcher, ungefähr in gleicher Entfernung voneinander, die Gerippe von 5 Menschen lagen, drei mit dem Kopf nach Osten und den Füßen nach Westen, die beiden anderen mit dem Kopf nach Norden und den Füßen nach Süden. Augenscheinlich waren die Leichname an derselben Stelle, wo jeder von ihnen lag, verbrannt; dafür zeugten sowohl die Massen von Asche auf und um die Körper, als auch die deutlichsten Merkmale des Feuers an den Kieselsteinen und der Mauer ..
   Die fünf Körper dieses Vierten Grabes waren buchstäblich mit Juwelen überladen, welche alle - wie die in den anderen Gräbern - unverkennbare Merkmale der Leichenfeuer an sich trugen …
   Indem ich die Ausgrabung der unteren Schichten dieses Grabes von der Südseite anfing, stieß ich sogleich auf fünf große kupferne Kessel, in deren einem genau 100 sehr große und kleinere hölzerne, mit Gold plattierte Knöpfe enthalten waren, alle geschmückt mit Spiralen und anderer Ornamentation in schöner Intaglio-Arbeit ...
   Wir sehen kupferne Gefäße (lébétes) fortwährend in der Ilias,
zusammen mit Tripoden, als Kampfpreise und Geschenke gebraucht ...
   Unmittelbar neben dem kupfernen Gefäß mit den goldenen Knöpfen fand ich einen silbernen Kuhkopf mit zwei langen goldenen Hörnern ... Er hat eine schön verzierte goldene Sonne von 2 1/2 Zoll im Durchmesser auf der Stirn; in der Mitte des Kopfes ist ein rundes Loch, welches zum Einstecken von Blumen gedient haben mag. Ich bemerke hier, daß der ägyptische Apis mit einer Sonne zwischen den Hörnern dargestellt wird ... Ohne Zweifel sollte dieser Kuhkopf die Göttin Hera Boopis, die Schutzgöttin von Mykenae darstellen ...
   Indem ich von Osten nach Westen weitergrub, stieß ich auf einen Haufen von mehr als 20 Schwertern und mehreren Lanzen von Bronze; die meisten der ersteren haben hölzerne Scheiden und mit Holz eingelegte Griffe gehabt, von denen eine Masse von Bruchstücken übrig war. Neben und in dem Haufen Schwerter fand ich eine große Menge von runden, mit herrlicher Intaglio-Arbeit gezierten Goldplättchen mit Überbleibseln von flachen, runden Stückchen Holz, die einst in ununterbrochenen Reihen beide Seiten der Holzscheiden geschmückt hatten; die größte Goldscheibe war am breitesten Ende der Scheide, die kleinste am entgegengesetzten; selbst die hölzernen Griffe mehrerer Schwerter waren mit großen runden Goldplatten mit reicher Intaglio-Arbeit geziert; der übrige Raum war mit goldenen Stiften geschmückt, und goldene Nägel sieht man an den großen Schwertgriffknaufen von Alabaster oder Holz. Auf und neben den Schwertern und den Trümmern der Scheiden sah man eine Masse feinen Goldstaubs, der beweist, daß die Griffe und Scheiden auch vergoldet waren.
   Einige der Lanzenschäfte schienen wohlerhalten, aber sie zerfielen, als sie der Luft ausgesetzt wurden. Leider waren die Schädel der fünf Personen so sehr beschädigt, daß keiner derselben gerettet werden konnte. Die beiden Leichname, deren Kopf nach Norden gewandt war, hatten das Gesicht mit großen goldenen Masken von Repoussé-Arbeit bedeckt; die eine derselben ist leider auf dem Scheiterhaufen und durch das Gewicht des Schuttes und der Steine so sehr beschädigt, und die Asche sitzt so fest darauf, daß es unmöglich wäre, eine gute Photographie davon zu nehmen. Wenn man dieselbe aber einige Minuten lang betrachtet, so erkennt man die Gesichtszüge ziemlich gut. Die Maske stellt ein großes ovales junges Gesicht mit hoher Stirn, langer hellenischer Nase und kleinem Munde mit dünnen Lippen dar; die Augen sind geschlossen und die Haare der Augenwimpern und Augenbrauen sind gut angegeben.
   Eine ganz verschiedene Physiognomie sieht man in der zweiten Maske. Es ist ein rundes Gesicht mit vollen Backen und kleiner Stirn, von welcher die Nase nicht, wie auf der anderen Maske, in gerader Linie fortläuft; der Mund ist klein, die Lippen dick, die Augen geschlossen und die Augenwimpern sowohl als die Augenbrauen, die vereinigt sind, gut angegeben.
   Eine dritte Maske von viel dickerem Goldblech bedeckte das Gesicht eines der mit dem Kopf nach Osten gewandten Gerippe. Diese Maske …zeigt wiederum eine durchaus verschiedene Physiognomie; die Runzeln rechts und links oberhalb des Mundes und der Ausdruck des sehr großen Mundes mit dünnen Lippen lassen keinen Zweifel, daß wir hier das Porträt eines Mannes von vorgerückterem Alter haben; sehr groß ist die Stirn und ebenso die Augen, die offen sind und bei denen sowohl die Wimpern als die Brauen fehlen; unglücklicherweise ist die Nase etwas von den Steinen zerdrückt und verbogen. In dieser Maske ist ein Teil vom Schädel des Mannes bewahrt, dessen Gesicht sie bedeckte.
   Die in diesen drei Masken dargestellten Gesichtszüge sind so sehr voneinander verschieden und so ganz und gar verschieden von den idealen Typen von Göttern und Helden, daß ohne allen Zweifel eine jede derselben das Bild des Verstorbenen darstellen muß, dessen Gesicht sie bedeckte, andernfalls würden alle Masken einen und denselben idealen Typus haben.
   Eine vierte, sehr schwere goldene Maske wurde neben dem Haupt einer anderen der mit dem Kopf nach Osten gewandten Leichen gefunden. Dieser Gegenstand war doppelt zusammengebogen und sah so wenig einer Maske ähnlich, daß ich glaubte, es sei ein Helm ... Nachdem ich ihn aber entfaltet habe, sehe ich, daß er durchaus nicht bestimmt war, auf den Kopf gesetzt zu werden, und daß er nur als Maske zur Bedeckung des Gesichts gedient haben kann ... Bei näherer Betrachtung sieht man, daß sie einen Löwenkopf darstellt, dessen Ohren und Augen sehr deutlich sind. Unglücklicherweise ist diese Maske aus reinstem Golde und daher so weich, daß mehrere Stücke ... abgebrochen sind ...
   Ich fand ferner bei den drei mit dem Kopf nach Osten liegenden Gerippen zwei große Siegelringe und ein großes goldenes Armband. Die Oberflächen beider Siegel sind etwas konvex; das eine stellt in sehr archaischem Intaglio einen Jäger mit seinem Wagenlenker auf einem von zwei Hengsten gezogenen Wagen dar; die acht Füße der Tiere sind in der Luft und paralleler Linie mit dem Boden, um die Schnelligkeit anzudeuten, mit der sie forteilen; ihre dicken, vollen Schwänze sind in die Höhe gehoben, dieselben sind sehr naturgetreu und so auch der Rest der Leiber mit Ausnahme der Köpfe, die mehr Kamelköpfen als Pferdeköpfen ähnlich sind ... Die beiden Männer sind nackt und tragen nur einen Gürtel um die Lenden; ihre unbedecktem Köpfe zeigen dickes aber nicht langes Haar; beide tragen Ohrringe ...
   Noch interessanter ist die Schlachtszene auf dem zweiten Siegel. Wir sehen dort vier Krieger, von denen der eine jedenfalls die anderen drei besiegt hat; einer der letzteren, der verwundet ist, sitzt zur Rechten des Siegers auf dem Boden, auf den er sich mit den Händen stützt; er hat nur einen kleinen Helm auf dem Kopfe und ist sonst ganz nackt; sehr gut ist sein Bart dargestellt, und der mykenische Goldschmied hat sich viel Mühe gegeben, die Anatomie des Körpers darzustellen; obwohl die Figur sitzt und die Füße seitwärts vom Beschauer ausgestreckt sind, so sehen wir doch den ganzen oberen Körper in Vorderansicht ohne irgendeine Modifikation der Perspektive ...
   Als ich diese wunderbaren Ringe ans Licht brachte, rief ich unwillkürlich aus: »Der Verfasser der Ilias und der Odyssee muß jedenfalls in einer Zivilisation wie dieser, die solche Kunstsachen hervorbringen konnte, geboren und erzogen sein; nur ein Dichter, der Kunstsachen wie diese beständig vor Augen hatte, konnte die göttlichen Gedichte verfassen.« ...
   Ferner wurden bei den fünf Gerippen dieses Grabes neun goldene Gefäße gefunden... Ein sehr großer, massiv goldener Becher hat zwei Henkel, ist daher ein dépas amphikýpellon; er wiegt fast vier Pfund. Er ist einer der prachtvollsten Juwelen der mykenischen Schätze, aber unglücklicherweise unter der Last des Schuttes und der Steine zerdrückt und der Bauch so sehr auf den Fuß gepreßt, daß der Beschauer im Bilde nicht ganz die Pracht dieses königlichen Bechers erkennen kann ...
   Der Bauch dieses herrlichen Bechers ist, zwischen einem oberen Streifen von drei und einem untern von zwei Linien, mit einer Reihe von 14 prachtvollen Rosetten umgeben, der Fuß von einer Reihe großer, hervorstehender halbkugelförmiger Punkte. Nicht nur die flachen Seiten, sondern auch die Kanten der Henkel sind ornamentiert. Hier sehen wir ebenfalls die Köpfe der goldenen Nägel, mit welchen die Henkel an den Rand und den Bauch befestigt sind ...
   Ein anderer schöner massiv goldener Becher ist ebenfalls entstellt und besonders nach der linken Seite vom Beschauer hin verbogen; er hat zwei horizontale Henkel, bestehend aus zwei dicken Goldplatten, die durch einen kleinen Zylinder miteinander verbunden sind ... Auf jede obere Platte der beiden Henkel ist eine kleine, hübsche goldene Taube anscheinend gegossener Arbeit gelötet, deren Schnabel nach dem Becher gerichtet ist, so daß die beiden Tauben einander ansehen. Dieser Becher erinnert uns lebhaft an Nestors Becher.
Homers Beschreibung des Nestorschen Bechers stimmt ganz mit dem vor uns stehenden Becher überein, ausgenommen daß ersterer viel größer ist und vier Henkel, jeden mit zwei Tauben hat ...
   Das ganze ungeheure Grab war mit kleinen Goldplättchen bestreut, von denen ich ungefähr 200 Gramm sammelte - eine Masse davon fand ich sogar unterhalb der Leichname und schließe daraus, daß diese Goldplättchen vor Errichtung der Scheiterhaufen im Grabe ausgestreut wurden …
   Vielleicht die merkwürdigsten aller in diesem Grab gefundenen Gegenstände sind drei kleine Gebäude von Gold in Repoussé-Arbeit ... Dieselben sind für Wohnhäuser zu klein und ich vermute daher, daß sie kleine Tempel darstellen sollen. In dieser Vermutung werde ich bestärkt sowohl durch die vier Hörner, womit der Turm verziert ist, als durch die beiden Tauben mit aufgehobenen Flügeln, welche an den Seite sitzen, ferner durch die Säulen mit Kapitäl, die wir in jeder der drei türartigen Nischen sehen; ich weise ganz besonders hin auf die Ähnlichkeit dieser Säulen mit derjenigen, die zwischen den beiden Löwen oberhalb des Löwentores steht ...
   Von den Knochen der fünf Leichen dieses Grabes sowie von denen der übrigen Gräber sammelte ich alle nicht zu sehr beschädigten, sie werden zusammen mit den Schätzen im Nationalmuseum zu Athen ausgestellt; natürlich wird der Inhalt eines jeden Grabes getrennt gehalten ... -

Mykenae, 6. Dezember 1876. Zum ersten Mal seit ihrer Eroberung durch die Argiver im Jahre 468 v. Chr., also zum ersten Mal seit 2344 Jahren, hat die Akropolis von Mykenae wieder eine Garnison, deren Wachtfeuer bei Nachtzeit in der ganzen Ebene von Argos sichtbar sind, uns an jene Wachtposten erinnernd, die unterhalten wurden, um Agamemnons Rückkehr von Troja zu verkünden, und an jenes Signal, welches Klytämnestra und ihren Geliebten vor seinem Herannahen warnte. Diesmal aber ist der Zweck der Besatzung friedlicher Natur, denn dieselbe soll nur dazu dienen, den Landleuten Scheu einzuflößen und sie zu verhindern, heimlich Ausgrabungen in den Gräbern zu machen oder zu nahe heranzutreten, wenn wir darin beschäftigt sind.
   Schon während der Ausgrabung des großen Vierten Grabes, deren Resultat ich beschrieben habe, untersuchte ich das Fünfte und letzte Grab, welches unmittelbar nordwestlich von demselben liegt und durch die große Grabstele mit dem zwei Schlangen darstellenden Mäanderrelief, sowie durch einen Grabstein ohne Skulptur bezeichnet war; diese letztern lagen 11 Fuß 8 Zoll unter der Oberfläche des Berges, wie dieselbe vor Anfang der Ausgrabungen war ... Im Gegensatz zu den übrigen Gräbern waren die vier inneren Seiten dieses Grabes nicht mit Mauern bekleidet, sondern einfach mit großen Stücken Schist, die in schräger Richtung an die niedrige Kante des Grabes gelehnt und nicht mit Lehm verbunden waren.
   Wie gewöhnlich war der Grund des Grabes mit einer Schicht Kieselsteine bedeckt, auf der ich die irdischen Überreste nur einer, mit dem Kopfe nach Osten gewandten Person fand, die wie alle übrigen Leichen an der Stelle, wo sie lag, verbrannt war ...
Da der durch vorhergegangenen Regen erzeugte Schlamm in dem durch die drei skulptierten Stelen bezeichneten Ersten Grabe bei schönem Wetter wieder auf getrocknet war, so setzte ich dort die Ausgrabung fort und erreichte endlich den Grund des Grabes ...
   Die in diesem Grabe enthaltenen drei Körper lagen ungefähr einen Meter voneinander entfernt und waren auf der Stelle, wo ich sie fand, verbrannt worden ... Nur bei dem in der Mitte gelegenen Gerippe war es anders, hier war die Holzasche entschieden umgewühlt worden, der Lehm, womit die beiden anderen Körper und ihre Schmucksachen bedeckt waren, sowie die Schicht Kieselsteine, welche die Lehmschicht bedeckte, waren hier verschwunden. Da das Gerippe außerdem beinahe ohne jeglichen Goldschmuck gefunden wurde, so ist es augenscheinlich, daß es beraubt worden ist ...
   Die drei Körper dieses Grabes lagen mit den Köpfen nach Osten und den Füßen nach Westen gewandt; alle drei waren ungewöhnlich groß ... Die fast unverletzten Beinknochen sind außergewöhnlich lang. Obwohl der Kopf des ersten Gerippes, von der Südseite gerechnet, mit einer massiv goldenen Maske bedeckt war, so zerfiel doch der Schädel, als er der Luft ausgesetzt wurde, und außer den Beinknochen konnten nur wenige Knochen gerettet werden. Dasselbe war mit dem bereits im Altertum geplünderten zweiten Körper der Fall.
   Aber von dem dritten, am Nordende des Grabes gelegenen Körper war das runde Gesicht mit allem Fleisch wunderbar unter der schweren goldenen Maske erhalten; man sah keine Spur von Haar, jedoch waren beide Augen deutlich sichtbar, ebenso der Mund, der unter der auf ihn druckenden großen Last weit geöffnet war und alle seine 32 schönen Zähne zeigte. Aus diesen schlossen die Ärzte, die gekommen waren, den Körper zu sehen, daß der Mann im frühen Alter von 35 Jahren verstorben sei. Die Nase war ganz verschwunden. Da der Körper für den Raum zwischen den beiden inneren Wänden zu lang gewesen, so war der Kopf so auf die Brust gepreßt worden, daß der obere Teil der Schultern beinahe in horizontaler Linie mit dem Scheitel des Kopfes lag. Ungeachtet der großen goldenen Brustplatte war so wenig von der Brust erhalten, daß die innere Seite des Rückgrats an vielen Stellen sichtbar war ...
   Die Farbe des Körpers ist der einer ägyptischen Mumie sehr ähnlich. Die Stim des Mannes war mit einem einfachen runden Goldblatte geziert, und ein noch größeres Blatt lag auf dem rechten Auge; außerdem bemerkte ich ein großes und ein kleines rundes Goldblatt auf der Brust unterhalb der großen Brustplatte und ein anderes oberhalb der rechten Lende.
   Die Nachricht, daß der ziemlich gut erhaltene Körper eines Mannes aus dem mythischen, heroischen Zeitalter, mit goldenen Schmucksachen bedeckt, gefunden worden sei, verbreitete sich mit Blitzesschnelle in der ganzen Argolis, und Tausende kamen von Argos, Nauplia und den Dörfern, um dies Wunder zu sehen. Da jedoch niemand imstande war, mir Rat zu erteilen, wie der Körper erhalten werden könnte, so ließ ich einen Maler kommen, um wenigstens ein Ölgemälde davon machen zu lassen, denn ich war besorgt, er möchte zerfallen. Somit bin ich imstande, ein treues Bild des Körpers zu geben, wie er aussah als alle goldenen Schmucksachen davon abgenommen waren. Jedoch hielt er sich zu meiner großen Freude zwei Tage lang, als ein Drogist aus Argos, namens Spiridon Nikolaou, ihn durch Aufgießen von Alkohol, worin Sandarak aufgelöst war, hart und fest machte. Da unter dem Körper keine Kieselsteine gesehen wurden, so dachte man, er könnte durch Unterschieben einer eisernen Platte gehoben werden; dies war jedoch ein Irrtum, denn man fand gar bald heraus, daß die gewöhnliche Schicht Kieselsteine darunter vorhanden war. Da nun diese durch das starke Gewicht, welches seit Jahrtausenden darauf gelastet hatte, mehr oder weniger in den weichen Felsen eingedrungen waren, so waren alle Versuche vergeblich, die eiserne Platte unterhalb der Kieselsteine hineinzuschieben und diese mit dem Körper zu heben. Es blieb daher nichts anderes übrig, als rings um den Körper einen kleinen Graben in den Fels zu hauen und dann einen horizontalen Einschnitt zu machen, eine 2 Zoll dicke Felsplatte abzulösen, diese mit den Kieselsteinen und dem Körper zu heben, auf ein Brett zu legen, um dieses eine solide Kiste zu machen und letztere nach dem Dorfe Charvati zu senden, von wo sie nach Athen transportiert werden wird, sobald die Archäologische Gesellschaft ein passendes Lokal für die mykenischen Altertümer gefunden haben wird. Bei den hiesigen elenden Werkzeugen war es eine schwere Arbeit, die große Steinplatte horizontal vom Felsen abzutrennen, aber es war noch viel schwerer, diese in der hölzernen Kiste an die Oberfläche und auf Menschenschultern mehr als eine Meile weit nach dem Dorfe Charvati zu schaffen. Jedoch steht all diese Mühe und Arbeit in keinem Verhältnis zum großen Interesse, welches dieser Körper aus dem fernen heroischen Zeitalter für die Wissenschaft hat.
   Der jetzt fast mumifizierte Körper war mit einem 4 Fuß langen, 1 1/3Zoll breiten goldenen Schultergürtel geschmeckt, der aus dem einen oder anderen Grunde nicht an seiner Stelle war, sondern über den Lenden des Körpers lag und sich in gerader Linie nach rechts hin ausdehnte; in der Mitte des Schultergürtels hängt das Bruchstück eines zweischneidigen bronzenen Schwertes und an dieses war zufällig ein kleiner, schön geschliffener, durchbohrter Gegenstand von Bergkristall in Form einer Amphora (pithos) mit zwei kleinen silbernen Henkeln geklebt. Die innere Röhre sieht man in ihrer ganzen Länge durch einen dicken silbernen Stift ausgefüllt ...
   Beim Anblick dieses Schultergürtels überzeugt sich ein jeder, daß er viel zu dünn und zerbrechlich ist, um von lebenden Menschen getragen zu werden. Außerdem glaube ich, daß kein lebendiger Krieger je in die Schlacht gegangen ist mit Schwertern in hölzernen Scheiden, geschmückt mit Reihen von Goldplatten, die nur auf das Holz geleimt sind. Wir können daher mit Gewißheit annehmen, daß ein großer Teil der goldenen Schmucksachen eigens für das Leichenbegängnis angefertigt war. Noch wurde neben dem Schultergürtel ein Gegenstand aus Alabaster gefunden, der als Fußgestell von Vasen gedient haben muß ...
   Dagegen ist die massiv goldene Maske des Körpers am Südende des Grabes vollkommen gut erhalten; dieselbe stellt durchaus rein hellenische Gesichtszüge dar, und ich mache besonders aufmerksam auf die lange, dünne Nase, die in gerader Linie von der nur kleinen Stirn abläuft; die geschlossenen Augen sind groß und durch Augenbrauen gut bezeichnet; sehr charakteristisch ist auch der große Mund mit seinen verhältnismäßig schön dargestellten Lippen. Ziemlich gut ist auch der Bart dargestellt, besonders der Schnurrbart, dessen Enden halbmondförmig aufwärts gebogen sind. Dieser Umstand scheint zu beweisen, daß die alten Mykenier Öl oder eine Art Pomade bei ihrem Haarputz gebrauchten. Beide Masken sind von getriebener Arbeit, und gewiß wird niemand auch nur einen Augenblick daran zweifeln, daß sie die Porträts der Verstorbenen darstellen, deren Gesichter sie seit Jahrtausenden bedecken. Man wirft sich unwillkürlich die Frage auf: sind sie zu Lebzeiten oder nach dem Tode ihrer Eigentümer gemacht? Wahrscheinlich nach deren Ableben; dann aber wundern wir uns wiederum, wie es möglich war, die Masken so schnell herzustellen, denn hier, wie in allen heißen Klimaten, werden die Toten innerhalb 24 Stunden nach ihrem Ableben begraben, und diese Gewohnheit muß zu allen Zeiten bestanden haben ...
   Jedenfalls aber zeigt die Geschicklichkeit der mykenischen Goldschmiede eine lange Praxis und Erfahrung in ähnlichen Arbeiten, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß sie zu einer Künstlerschule gehörten, die Jahrhunderte lang blühte, ehe sie solche Arbeiten liefern konnte ...

 

Heinrich Schliemann: Eine Biographie mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
Herausgegeben von Leo Deuel
Frankfurt/Main 1981

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