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Geschichten rund um den Globus

Um 74 n. Chr. - Flavius Josephus
Der Fall von Masada

 

Wie schon gesagt, rückte der römische Feldherr an der Spitze seiner Streitkräfte gegen Eleazar und die unter seiner Anführung stehende Besatzung von Masada, bestehend aus Sicariern, heran. Rasch sah er sich im Besitze des ganzen offenen Landes, dessen strategisch wichtigste Punkte er überall durch Besatzungen gesichert hatte. Rings um die ganze Festung zog er dann einen Mauerwall, um den Belagerten die Flucht zu erschweren, und versah ihn in bestimmten Abständen mit Wachposten. Für das eigentliche Lager wählte er eine Stelle, die für die Belagerungsarbeiten am allergünstigsten lag, indem sich dort die Felsabhänge der Veste am stärksten dem anschließenden Berge näherten, die aber sonst der Verproviantierung große Schwierigkeiten bereitete. Denn nicht bloß mussten die Speisevorräthe aus weiter Entfernung und unter den größten Beschwerden von den zu diesen Lieferungen commandierten Juden herbeigeschleppt werden, sondern selbst das Trinkwasser musste, da der Boden dort keine einzige Quelle in der Nähe spendete, ebenfalls durch Lastträger ins Lager transportiert werden. Nach diesen Vorkehrungen schritt Silva zur Belagerung, die bei der Stärke des Platzes, wie aus der folgenden Beschreibung desselben zu ersehen ist, an die Kriegskunst und körperliche Ausdauer der Römer die größten Anforderungen stellte.
   Rings um einen ziemlich umfangreichen und gewaltig aufstrebenden Felsenhügel ziehen sich von allen Seiten tief eingeschnittene und jäh abstürzende Schluchten herum, die sich unten in eine unergründliche Tiefe verlieren und von keinem Fuß eines lebenden Wesens betreten werden können, mit Ausnahme zweier Stellen, wo der Felsen einem, wenn auch nicht gerade leichten, Aufstieg zur Höhe Raum lässt. Der eine Steig führt auf der Morgenseite vom Asphaltsee her hinauf und der andere hinwiederum von der Abendseite, wo man bequemer hinaufkommt. Der erste führt den Namen Schlangenpfad, weil er mit seiner dünnen und von zahllosen Windungen gebildeten Linie lebhaft an eine Schlange erinnert, indem er an den steilen Vorsprüngen zum Zickzack gezwungen wird und gar oft sich zurückwinden muss, dann wieder ein kleines Stück gerade ausläuft, um auf solche Weise mühsam hinaufzukriechen. Wer hier gehen will, der muss sich bald mit diesem, bald mit jenem Fuß allein am Pfade festhalten: ein Fehltritt bedeutet den sicheren Tod, da auf beiden Seiten tiefe Abgründe heraufgähnen, die durch ihren schauerlichen Anblick auch den Verwegensten schwindelig machen könnten. Hat man auf diesem Wege dreißig Stadien zurückgelegt, so steht man endlich vor dem Gipfel, der sich übrigens nicht scharf zuspitzt, sondern so gebildet ist, dass er oben eine förmliche Ebene trägt. Auf diesem Gipfel nun hat zuerst der Hohepriester Jonathas eine Veste gebaut, die er Masada benannte. Später hat sich dann Herodes die Befestigung des Platzes sehr angelegen sein lassen. Er führte nämlich um den ganzen Rand des Gipfels in einer Ausdehnung von sieben Stadien eine Mauer aus weißen Steinen auf, die eine Höhe von zwölf und eine Dicke von acht Ellen bekam, und die von 37 Thürmen mit einer Höhe von fünfzig Ellen überragt war. Gleich von diesen Thürmen aus kam man in die eigentlichen Wohnräume, die an den ganzen inneren Mauerkreis angebaut waren, während die Gipfelfläche mit ihrem fetten und über jedes Ackerfeld weichen Boden von dem König dem Landbau überlassen ward, damit, wenn einmal der Proviant von draußen zu Ende gienge, dennoch die Leute drinnen, die ihr Leben der Veste anvertraut hatten, nicht ausgehungert werden könnten. Auch ein Schloss baute er am Berge und zwar am westlichen Aufstieg unterhalb der Ringmauer des Gipfels mehr gegen Norden zu. Die Mauer des Schlosses war von bedeutender Höhe und mächtiger Dicke und von vier sechzig Ellen hohen Eckthürmen flankiert. Die Ausstattung der Wohnräume, der Säulenhallen und Bäder im Innern zeigte eine ebenso große Abwechslung als kostbaren Aufwand. Allüberall standen Säulen, die aus einem einzigen Stein gearbeitet waren, die Wände aber und Fußböden in den Gemächern waren mit bunten Steinmustern geziert. Ueberall, wo menschliche Wohnungen lagen, sowohl oben als auch im Schloss und dann vor der Festungsmauer, hatte er viele große Behälter zur Aufbewahrung des Wassers in die Felsen hauen lassen, wodurch er die Veste auf künstliche Weise so reichlich mit Wasser versorgen konnte, wie das sonst nur bei Benützung von Quellen möglich ist. Ein in den Felsen gehauener Gang, den man von außen nicht bemerkte, führte vom Schlosse zum Gipfelrande hinauf. Uebrigens bot selbst die Benützung der offenen Pfade einem Feinde große Schwierigkeit, da der östliche, wie schon oben bemerkt wurde, eine solche Benützung seiner Natur nach einfach ausschloss, während der auf der Abendseite gerade an der engsten Stelle, mindestens noch 1000 Ellen von dem Gipfel weg, von Herodes mit einem Thurm gesperrt worden war, dem man weder ausweichen noch auch leicht beikommen konnte. Selbst zur Friedenszeit war hier für Passanten der Durchlass schwierig. So hatte also Natur und Kunst zusammengeholfen, um die Festung gegen alle feindlichen Stürme sicher zu stellen.
   Was jedoch vielleicht noch mehr Bewunderung erregen dürfte, das war der Reichthum und das hohe Alter der hier lagernden Vorräthe. Es war nämlich eine Menge Getreide hier aufgestapelt, das für lange Zeit reichlichen Unterhalt bieten konnte, desgleichen auch große Vorräthe an Wein und an Oel und außerdem alle Arten von Hülsenfrüchten und Datteln. Alles dies fand Eleazar, als er sich der Festung mit seinen Sicariern durch einen Handstreich bemächtigte, in einem noch ganz frischen Zustande vor, der sich in gar nichts von eben eingeheimsten Producten unterschied, obwohl seit ihrer Einlagerung bis zur Eroberung von Masada durch die Römer ein Zeitraum von fast hundert Jahren verstrichen war. Auch die Römer konnten sich von der Unversehrtheit der noch vorfindlichen Feldfrüchte überzeugen. Man dürfte nicht fehlgehen mit der Annahme, dass der Grund für diese Widerstandsfähigkeit in der durch die hohe Lage des Gipfels bedingten Reinheit der Luft, die mit keinerlei erdartigen und trüben Dunstschichten versetzt ist, zu suchen sei. Man fand auch eine Unmasse der verschiedenartigsten Waffen, die der König hier hinterlegt hatte, und mit denen man ganz gut 10.000 Mann hätte ausrüsten können, außerdem noch rohes Eisen, Erz und sogar Blei, lauter Rüstungen, die ihre besonders guten Gründe hatten. Man erzählt sich nämlich, dass Herodes im Sinne hatte, diesen Platz zu einer Zufluchtsstätte für seine Person einzurichten, weil er früher eine doppelte Gefahr zu besorgen hatte: die eine von Seite der jüdischen Nation, die ihn möglicherweise vom Throne stürzen und dafür der alten Dynastie vor ihm wieder zur Herrschaft verhelfen konnte; die größte und schlimmste Gefahr aber kam ihm von der ägyptischen Königin Kleopatra, die sich nicht einmal die Mühe gab, ihre Pläne zu verbergen, sondern ganz offen und zwar wiederholt an den Antonius die Forderung, beziehungsweise Bitte, richtete, den Herodes aus dem Wege zu räumen und ihr das Königreich Judäa zu überlassen. Und es war in der That schon der eine Umstand, dass der in ihre Netze bereits so arg verstrickte Mann nicht längst ihrem Machtgebot sich gefügt hatte, weit auffallender, als das Gegentheil, gar nicht davon zu reden, dass überhaupt eine bestimmte Abweisung der Königin hätte erhofft werden können. Indem nun Herodes, einzig von diesen Bedenken geleitet, die Befestigungen von Masada anlegte, sollte er damit, ohne es zu ahnen, den Römern die letzte Plage im Kampfe mit den Juden auferlegen.
   Nachdem der römische Feldherr bereits den ganzen Platz, wie wir vorher erwähnt haben, durch die äußere Umwallung abgesperrt und gegen einen etwaigen Fluchtausbruch die peinlichste Vorsorge getroffen hatte, nahm er die eigentliche Belagerungsarbeit in Angriff. Nur einen einzigen Punkt hatte er gefunden, der die Anlage von Dämmen gestattete. Er befand sich hinter dem Thurme, der den westlichen zum Schlosse und von da zur Bergspitze führenden Weg durchschnitt, und ward von einem Felsenrücken gebildet, der bei einer ansehnlichen Breite auch sehr stark vorsprang, aber noch 300 Ellen unter der Kuppe von Masada lag. Er hieß der weiße Felsen. Silva rückte nun dort hinauf und setzte sich daselbst fest, worauf das Heer den Befehl erhielt, den Schutt zu den Dämmen herbeizuschaffen. Da sich viele Hände emsig zum Werke rührten, so wuchs der starke Wall zu einer Höhe von 200 Ellen empor. Aber selbst diese gewaltige Masse schien noch nicht jene Tragkraft und Höhe zu besitzen, dass sie den Belagerungsmaschinen ein geeignetes Fundament bieten konnte, weshalb auf ihr noch ein wohlgefügtes Lager von großen Quadern in der Breite und Höhe von fünfzig Ellen aufgesetzt wurde. Zu den sonstigen Kriegsmaschinen, deren Form ganz nach dem System der früher von Vespasian und dann von Titus zu Belagerungszwecken ausgedachten Maschinen gehalten war, kam noch der Bau eines sechzig Ellen hohen Thurmes, der vollständig mit Eisen gepanzert war, und von dem aus die Römer mittels starker Batterien von Katapulten und Steinschleudergeschützen sehr rasch die Kämpfer auf der Mauer zurückscheuchten und ihnen sogar das Ausgucken verleideten. Auf derselben Stelle ließ Silva auch eine gewaltige Widdermaschine errichten, die in einemfort die Mauer mit ihren Stößen bearbeiten musste. Wenn auch mit harter Mühe, so glückte es ihm endlich doch, dass er ein Stück der Mauer aufbrechen und in Trümmer legen konnte. Schnell hatten aber die Sicarier bei Zeiten innerhalb der Mauer eine andere hergestellt, die nach ihrer Meinung nicht mehr dasselbe Schicksal haben und selbst den Maschinen trotzen sollte: man hatte sie nämlich aus weicher Masse und in einer Weise gebaut, dass sie die Wucht des Anpralles lähmen musste, wie aus der folgenden Beschreibung ersichtlich ist. Man legte große Balken der Länge nach aufeinander und zimmerte diese Schichte an den Schnittflächen fest. Es wurden immer zwei solche Schichtenwände, und zwar genau in Mauerbreite, einander gegenübergestellt, und der dadurch gebildete Zwischenraum mit Schutt angefüllt. Damit jedoch bei der immer wachsenden Höhe der Schuttmasse das Erdreich nicht etwa auseinandergehen möchte, wurden die Längsschichten durch andere Balken auch in der Quere miteinander verbunden, so dass die ganze Arbeit einem Hausbau ziemlich ähnlich sah. Da jetzt die Stöße der Maschinen eine Wand trafen, die nachgab, so verloren sie ihre ganze Gewalt, ja, sie machten dieselbe, da infolge der Erschütterung das Erdreich sich immer besser setzte, noch widerstandskräftiger. Wie Silva das sah, dachte er am besten mit Feuer der Mauer beikommen zu können und gab daher den Soldaten den Befehl, gleichzeitig eine große Anzahl brennender Fackel gegen dieselbe zu schleudern.Da zum Mauerwall größtentheils Holzwerk verwendet worden war, so fieng er auch rasch Feuer, das, durch den lockeren Schutt nur wenig gehemmt, immer tiefer fraß und seine Garben weit herauswarf. Indes wäre der Nordostwind, der gleich anfangs in die Flammen fuhr, für die Römer bald verhängnisvoll geworden, da er die Feuerfunken von den Juden in der Höhe weg und gegen die Römer jagte, so dass die letzteren fast schon alle Hoffnung aufgaben, ihre Maschinen vor dem Feuer noch retten zu können. Da drehte sich plötzlich, wie auf einen Wink von Gott, der Wind nach Südwest und wehte jetzt mit Sturmeskraft von der entgegengesetzten Seite, wobei er die Lohe mit aller Gewalt auf den Mauerwall zurückschlug und ihn nunmehr nach seiner ganzen Ausdehnung durch und durch in Glut verwandelte. Nach diesem Erweise göttlicher Hilfe zogen sich die Römer freudig bewegt in das Lager zurück, um am nächsten Tage den Hauptsturm auf die Festung zu unternehmen. Während der Nacht verdoppelten sie ihre Wachsamkeit, um ja niemand heimlich entrinnen zu lassen.
   Indessen zog Eleazar weder für seine eigene Person eine Flucht in Erwägung, noch möchte er eine solche jemand anderem erlaubt haben. Im Gegentheil, da er einerseits den Mauerwall in Feuer aufgehen sah und sonst keinen anderen Rettungsweg noch ein Vertheidigungsmittel mehr ausfindig machen konnte, auf der anderen Seite aber sich das schreckliche Schicksal vor Augen stellte, das den Vertheidigern mit ihren Frauen und Kindern nach dem Falle der Veste von Seite der Römer bevorstand, so beschloss er, alle miteinander sterben zu lassen. Mit diesem Entschlusse, den er nach den obwaltenden Umständen noch für den besten hielt, sammelte er seine mannhaftesten Gefährten um sich und suchte sie durch die folgende Ansprache zu der beabsichtigten That zu ermuntern: „Schon längst“, sprach er, „sind wir, wackere Männer, fest entschlossen gewesen, uns weder vor den Römern noch sonst jemand anderem zu beugen, als vor Gott, dem einzig wahren und gerechten Herrn der Menschen. Und nun ist der Augenblick gekommen, der gebieterisch von uns verlangt, dass wir diesen unseren Hochsinn auch einmal durch die That beweisen. Wir wollen uns im Angesichte dieser heiligen Stunde nicht mit der Schmach bedecken, dass dieselben, die früher nicht einmal von einem gepolsterten Joche etwas wissen wollten, jetzt auf einmal ein Joch auf sich nehmen, das die Römer, wenn wir lebend in ihre Gewalt gerathen, sicher mit Todesqualen spicken werden! Denn wohlgemerkt, wir waren die ersten von allen, die die Fahne des Aufruhres erhoben haben, wir sind auch die letzten, die sie noch hochhalten! Meines Erachtens ist es aber nur eine gnädige Fügung Gottes, dass gerade wir den schönen Tod des freien Mannes sterben können, während so viele andere, die unvermuthet in die Hände der Feinde gefallen sind, dieses Glück nicht gehabt haben. Wir haben so ziemlich die Gewissheit, dass morgen die Veste fällt, aber auch die Freiheit, den Tod der Wackeren mit unseren Liebsten zu sterben. Weder können die Feinde das letztere verhindern, wenn sie auch um jeden Preis uns lebend in ihren Händen sehen möchten, noch vermögen wir selbst mit all’ unserer Anstrengung den Sturm des Feindes abzuschlagen. Ich sage: »mit all’ unserer Anstrengung«; denn man hätte vielleicht schon gleich zu Anfang, wo gerade wir, die feurigsten Verfechter der Freiheit, mit all’ unseren Plänen bei den eigenen Leuten einen schlechten, vor dem Feinde aber den schlechtesten Erfolg gehabt haben, auf den göttlichen Willen schließen und einsehen sollen, dass das einst so gottgeliebte Volk der Juden zum Untergang verurtheilt sei. Denn wäre Gott uns wirklich gewogen geblieben oder nur ganz leicht über uns erzürnt gewesen, so hätte er wohl einem solchen Massenuntergang nicht ruhig zusehen und seine heiligste Stadt nicht der Brandfackel und dem Brecheisen der Feinde ausliefern können! Wir haben uns denn also mit der Hoffnung geschmeichelt, dass wir allein aus dem ganzen Judengeschlechte unsere Existenz und unsere Freiheit behaupten würden, als hätten wir uns vor allem Frevel gegen Gott stets rein bewahrt und vor jeder Befleckung uns gehütet, obschon wir dazu auch noch die anderen angeleitet haben! So müsst ihr nun denn selbst sehen, wie Gott unsere Erwartung jämmerlich zu Schanden macht, indem er uns in eine so verzweifelte Drangsal gestürzt hat, dass in uns auch die leiseste Hoffnung ersticken muss. Denn nicht allein hat uns die natürliche Unbezwingbarkeit der Veste gar keinen Schutz gewährt, sondern auch Gott selbst hat uns in Mitte eines unerschöpflichen Proviantes und unter ganzen Bergen von Waffen und sonstigen zahllosen Vertheidigungsmitteln durch ein ganz unzweideutiges Zeichen jede Hoffnung auf Rettung geraubt: ich meine das Feuer, das sich von seiner Richtung gegen den Feind gewiss nicht rein zufällig auf den von uns gebauten Mauerwall zurückgeworfen hat. Das alles ist vielmehr nur die göttliche Rache für die vielen Bosheiten, die wir in unserer Raserei gegen die eigenen Stammgenossen verübt haben, und für die wir nun auch, nicht etwa unseren ärgsten Feinden, den Römern, sondern einzig Gott dem Herrn durch das Selbstopfer unseres Lebens eine Genugthuung geben wollen. Diese Genugthuung ist doch sicher noch die leichteste: sterben werden dann, ohne Schmach zu leiden, unsere Frauen, sterben werden dann unbekannt mit dem Joch der Knechtschaft unsere Kinder, und nach ihnen wollen wir selbst uns einander den edelsten Liebesdienst erweisen, und die reinbewahrte Fahne der Freiheit wird das schönste Leichengewand für uns sein. Vorher aber wollen wir noch die Veste mit all’ ihren Schätzen in den Flammen begraben: wie werden sich doch – ich sehe es schon im Geiste – die Römer grämen, wenn sie uns wenigstens nicht lebend, Geld aber gar keines bekommen! Nur die Lebensmittel lassen wir unversehrt, damit sie uns nach unserem Ende noch bezeugen können, dass wir nicht dem Hunger zum Opfer gefallen sind, sondern, wie es schon von Anfang an unser fester Entschluss gewesen, lieber sterben, als Knechte sein wollten“.
   Mit diesen Worten traf es jedoch Eleazar nicht bei allen Anwesenden. Denn während ein Theil sich ihm bereitwilligst zur Verfügung stellte und sich fast mit einer gewissen Wollust an dem Gedanken weidete, wie schön doch ein solcher Tod sein müsse, überkam dagegen die Weichherzigeren aus ihnen Mitleid mit ihren Frauen und Kindern, und da sie überdies dann auch für ihre eigene Person sich den Tod zu geben hatten, so stierten sie einer auf den anderen, und die Thränen in ihren Augen sagten nur allzu deutlich, wie wenig das nach ihrem Geschmacke war. Wie nun Eleazar diese Leute verzagt werden und ihre Herzen unter der Riesengröße seines Entschlusses zusammenbrechen sah, da besorgte er, sie möchten mit ihrem Jammer und ihren Thränen auch jenen noch die Kraft lähmen, die starkmüthig seine Worte entgegengenommen hatten. Weit entfernt also, jetzt seine Aufmunterung einzustellen, nahm er erst recht alle Kräfte zusammen und schlug mit dem ganzen Feuer seiner Entschlossenheit die schönsten Töne über die Unsterblichkeit der Seele an, indem er dabei seinen Blick voll des heiligsten Unwillens unverwandt auf die Weinenden gerichtet hielt: „Ich habe mich fürwahr“, hub er an, „einer gewaltigen Täuschung hingegeben, wenn ich da geglaubt habe, an der Seite braver Männer mich in den Freiheitskampf zu stürzen, an der Seite von Männern, die fest entschlossen sind, entweder mit Ehren zu leben oder unterzugehen! Ihr seid ja doch, wie ich sehen muss, überhaupt nie echte Männer und noch weniger Heldenseelen, sondern nur Leute ganz gewöhnlichen Schlages gewesen, die ihr vor dem Tode selbst dann noch Angst habet, wenn er euch auch vor den schlimmsten Uebeln rettet, anstatt euch ohne Zögern und unaufgefordert demselben in die Arme zu werfen. Haben es uns ja doch die väterlichen und göttlichen Gesetze die längste Zeit, gleich vom ersten Gebrauche unserer Vernunft an, unausgesetzt eingeschärft, und unsere Ahnen durch ihr hochsinniges Beispiel bekräftigt, dass ein Unglück für die Menschen nur das Leben, und nicht der Tod ist. Denn der Tod gibt den Seelen ihre Freiheit und lässt sie nach den reinen Stätten ihrer wahren Heimat ziehen, wo sie kein Leid mehr empfinden werden. Solange sie aber noch im sterblichen Leibe, wie in einem Kerker, weilen und die Fülle seines Elendes theilen, sind sie im vollsten Sinne des Wortes todt, da die Bereinigung zwischen Göttlichem und Sterblichem ein Missverhältnis ist. Nun entfaltet zwar die Seele auch eine große Macht in dem Zustande, wo sie mit dem Leibe zusammengeschlossen ist, indem sie denselben zum Werkzeug ihrer Sinneswahrnehmungen macht, ihn unsichtbarer Weise in Bewegung seht und in ihren sittlichen Handlungen sogar über seine sterbliche Natur emporträgt: aber was ist das im Vergleich zu jenem Zustand, wo sie, losgelöst von ihrer Bürde, die sie immer zur Erde hinabzieht und nie loslässt, und in ihrem himmlischen Vaterlande angelangt, endlich einmal eine wahrhaft selige Lebenskraft, wie auch eine allseits ungehemmte Macht empfängt, für immer den Augen der Menschen entrückt, wie Gott selbst es ist. Kann ja die Seele nicht einmal in diesem ihrem Leibesleben eigentlich geschaut werden: unsichtbar zieht sie in den Körper ein und ungesehen wandert sie wieder aus: nur eine Natur hat sie, die unsterbliche, und von dieser hängt auch das veränderliche Leben des Leibes ab. Denn alles, was immer die Seele berührt, das lebt und blüht; was sie verlässt, das dorrt ab und stirbt: so reich ist die unsterbliche Lebensmacht, die der Seele zu Gebote steht! Als schlagender Beweis für meine Behauptung möge auch der Schlaf dienen. Im Schlafe findet die Seele gerade darum die angenehmste Ruhe, weil sie sich nicht mit dem Leibe abzugeben hat und für sich selbst leben kann; ja sie tritt dann sogar infolge ihrer Wesensverwandtschaft mit Gott in Verkehr und wird dadurch befähigt, überall hinzudringen und viele zukünftige Dinge vorauszusagen. Lieben wir aber die mit dem Schlafe verbundene Ruhe, warum sollten wir dann gerade den Tod fürchten? Wie thöricht von uns, der Freiheit dieses irdischen Lebens nachzujagen und uns selbst die ewig dauernde nicht zu gönnen! 351 Eigentlich sollten wir, Juden, ohnehin schon nach unserer ganzen Geistesrichtung, die uns von Haus aus eingepflanzt worden ist, den übrigen Menschen in der bereitwilligen Uebernahme des Todes mit gutem Beispiele vorangehen. Sollten wir aber wirklich auf die Zeugnisse von heidnischen Völkern angewiesen sein, so müssten wir uns einmal jene Indier betrachten, welche die Pflege der Weisheit zu ihrer besonderen Aufgabe machen. Sehet, wie diese Männer in ihrer hohen Gesinnung die Zeit des Lebens wie eine von der Natur auferlegte allgemeine Zwangsarbeit nur sehr ungerne abdienen. Ja, sie beschleunigen selbst die Loslösung der Seele vom Leibe, indem sie, ohne von einem Leiden dazu gedrängt oder mit aller Gewalt aus der Welt geschafft zu werden, rein nur aus Sehnsucht nach dem unsterblichen Leben einfach ihrer Umgebung den Entschluss eröffnen, dass sie jetzt aus der Welt scheiden wollen. Anstatt dass sie nun jemand davon zurückhalten würde, beglückwünscht sie alles, und ein jeder gibt ihnen Botschaften an seine verstorbenen Verwandten mit, ein Beweis, für wie sicher und fest beglaubigt sie das Weiterleben und die Gemeinschaft der abgestorbenen Seelen untereinander halten. Haben sie nun die ihnen gegebenen Aufträge vernommen, so überliefern sie ihren Leib dem Feuerelemente, um auf solche Art die Seele auch so rein als möglich aus dem Leibe herauszubekommen. Ihre Vollendung vollzieht sich unter den Hymnengesängen ihrer Theuren, denen das Herz bei diesem Todesgeleite nicht einmal so schwer wird, als anderen Menschen, wenn sie einem Mitbürger nur auf eine etwas weitere Reise das Geleite geben. Sie weinen nur über sich selbst und preisen das Glück der Todten, die bereits unter den Unsterblichen ihren Platz bekommen haben. Und nun sollten wir, Juden, uns nicht schämen, dass wir mit unserer Denkungsart noch unter den Indiern stehen und durch unsere Feigheit die Gesetze unserer Väter, deren Glanz doch allen Völkern in die Augen sticht, so schmählich entehren? Doch gesetzt auch, wir hätten von Anbeginn gerade die entgegengesetzten Grundsätze eingesogen, dass nämlich das größte Gut für die Menschen das Leben, der Tod aber ein Unglück sei, so müsste uns wenigstens der gegenwärtige Augenblick zur herzhaften Ertragung desselben bewegen, da wir jetzt nach dem Rathschluss Gottes und dem Gebot der Nothwendigkeit zu sterben haben. Denn allem Anschein nach hat ja Gott selbst schon längst über die ganze große jüdische Nation dieses Todeslos geworfen, so dass wir es naturgemäß mit Gott zu thun haben, wenn wir von einer Scheidung aus diesem Leben nichts hören wollen. Denn nicht euch selbst dürft ihr die letzte Schuld geben noch in der Größe Roms den Grund dafür suchen, dass der Kampf gegen die Römer uns vollständig aufgerieben hat. Fürwahr nicht die Kraft des römischen Armes hat diese Wendung herbeigeführt, sondern eine höhere Gewalt hat eingegriffen, um den Römern nur den äußeren Glanz des Sieges zu überlassen. Waren es denn etwa die Waffen der Römer, denen die jüdischen Bewohner von Cäsarea erlegen sind? Obschon die letzteren gar keinen Abfall von Rom im Sinne hatten, wurden sie doch, gerade unter der Sabbathsfeier, ohne auch nur eine Hand zur Abwehr zu erheben, mit Frauen und Kindern von der Volksmenge im Auflaufe niedergemetzelt und zwar unter Missachtung der römischen Autorität, die nur jene Juden als Feinde betrachtete, welche, wie z. B. wir, thatsächlich die Fahne des Aufruhres erhoben hatten. Allerdings könnte jemand in diesem Falle bemerken,dass die Cäsareenser beständig Reibungen mit den dortigen Juden gehabt und deshalb nur eine günstige Gelegenheit beim Schopf genommen haben, um ihrem alten Hass einmal gründlich Rechnung zu tragen. Was wird man aber dann von den Juden in Scythopolis sagen, die soweit gegangen sind, dass sie den Griechen zu Liebe sogar gegen uns selbst gefochten haben, anstatt in den Reihen ihrer Stammesbrüder den Vertheidigungskampf gegen die Römer mitzumachen? Gewiss hat ihnen nun die treue Ergebenheit gegen die Heiden sehr viel eingetragen? Im Gegentheil, in martervoller Weise wurden sie mit all’ ihren Angehörigen abgeschlachtet und so für ihre Bundesgenossenschaft von den Heiden entlohnt! Denn gerade das, was sie durch ihr Eingreifen den Heiden von unserer Seite erspart haben, das mussten sie nun selber erleiden, als wenn sie etwas im Schilde geführt hätten. Es würde mich zu weit führen, wollte ich mich hier über alle Ereignisse einzeln verbreiten. Ist euch ja doch bekannt, dass es in Syrien keine einzige Stadt gibt, die ihre Judencolonie nicht ausgemordet hätte, obwohl gerade diese Juden gegen uns noch feindseliger gesinnt waren, als selbst die Römer. Dort war es auch, wo die Damascener, ohne auch nur einen gut erdichteten Vorwand bei der Hand zu haben, ihre Stadt mit einem ganz grässlichen Blutbad überschwemmten, in welchem 18.000 Juden mit Frauen und Kindern untergiengen. Die Zahl der Juden endlich, die in Aegypten unter schimpflichen Martern massacriert worden sind, soll nach uns zugekommenen Berichten gar über 60.000 betragen haben! Mag nun auch vielleicht ein Grund für den Untergang dieser Stammesgenossen darin gesucht werden, dass sie auf fremdem Boden gar keinen Rückhalt gegenüber ihren Feinden finden konnten, was ist es aber dann mit allen jenen, die auf vaterländischem Boden die Waffen gegen die Römer erhoben haben, standen denn diesen Männern nicht sämmtliche Mittel zu Gebote, die nur immer eine gute Aussicht auf den Sieg zu bieten vermögen? Da gab es solche Waffenvorräthe und Bollwerke, bis zur Uneinnehmbarkeit befestigte Burgen und einen kriegerischen Geist, der sich mit einer solchen Unerschrockenheit für die Freiheit in alle Gefahren zu stürzen bereit war, dass alles mit unerschütterlichem Vertrauen dem Ausbruch der Rebellion entgegensah. Aber alles dies hielt nur eine kurze Zeit vor und diente nur dazu, uns mit hochgespannten Erwartungen zu erfüllen, um sich endlich als eine Quelle von noch größeren Leiden zu enthüllen. Alles ward mit stürmender Hand genommen, alles sank vor dem Feinde in den Staub, ganz so, als wäre es nur für die Verherrlichung des siegreichen Feindes und nicht vielmehr zum Schutze derer vorgerichtet worden, die sich damit zu decken suchten. Die auf dem Schlachtfeld Gefallenen freilich sollte man nur glücklich preisen,da sie nach tapferer Gegenwehr, im Bewusstsein, die Freiheit dem Feinde nicht geopfert zu haben, gestorben sind; aber die Masse derer, die lebendig in die Gewalt der Römer gerathen sind, wem möchte diese nicht inniges Mitleid einflößen? Oder wer möchte sich nicht schleunig den Tod geben, um einem gleichen Schicksal zu entgehen? Von der Folter verrenkt, von glühenden Fackeln versengt, von Geißelstreichen zerfleischt, starben die einen; schon zur Hälfte von den Bestien angefressen, wurden die anderen als lebendiges Spielzeug für die Lachlust und Kurzweil der Feinde zu einem zweiten Fraß ausgespart! Die Aermsten der Armen nun, glaube ich, müssen jene sein, die noch immer am Leben sind, sie, die so oft und flehentlich den Tod herbeirufen und ihn nicht erbitten können. Und wo ist denn dann jene großmächtige Stadt, die da einst des ganzen Judenvolkes Metropole war, die Stadt mit dem vielfachen gewaltigen Mauergürtel, mit den zahlreichen Burgen und hochragenden Thürmen an ihren Flanken, mit dem ungeheuren Kriegsmaterial, für das der Raum fast zu wenig wurde, die Stadt, sage ich, die so viele Myriaden von Männern zu ihren Vertheidigern zählte? Wohin ist sie uns entschwunden, die nach unserer heiligsten Ueberzeugung der Wohnsitz Gottes war? Mit der Wurzel ist sie ausgerottet, bis in ihre Fundamente zertrümmert, und nur ein einziges Denkmal erinnert an Jerusalem, das Lager ihrer Mörder, das sich noch über ihren Ruinen erhebt. Etliche jammervolle Greise sitzen am Aschenhügel des Heiligthums, wie auch einige wenige Frauen, von der feindlichen Soldateska für die schimpflichste Schmach aufgespart. Wer von uns könnte, wenn er diese entsetzlichen Ereignisse an seiner Seele vorüberziehen lässt, es über das Herz bringen, noch länger das Licht des Tages zu schauen, auch für den Fall, dass er für sein Leben gar nichts mehr zu fürchten hätte! Wer könnte ein solcher Feind seiner Vaterstadt, ein so unmännlicher und weichlicher Charakter sein, dass er es nicht bedauern möchte, auch nur bis zu dieser Stunde noch am Leben geblieben zu sein? O wären wir doch alle früher gestorben, bevor wir Zeugen sein mussten, wie die Hände unserer Feinde jene hochehrwürdige Stadt abgebrochen, wie sie den Tempel, den hochheiligen, in ruchlosester Weise umgegraben haben! Nachdem wir uns aber leider durch eine für uns allerdings nicht unehrenhafte Hoffnung haben vertrösten lassen, dass wir vielleicht irgendwie Jerusalem an ihren Feinden noch rächen könnten, eine Hoffnung, die nunmehr vollständig geschwunden ist und nur uns allein noch in der Drangsal übrig gelassen hat, so wollen wir jetzt wenigstens keine Zeit mehr verlieren, um den Tod der Edlen zu sterben! Haben wir doch Erbarmen mit uns selbst, mit unseren Kindern und unseren Frauen, so lange wir noch in der Lage sind, einer vom andern den barmherzigen Streich zu empfangen! Zum Sterben sind wir ja geboren, zum Sterben haben wir unsere Leibesfrucht gezeugt, und selbst die glücklichsten Menschen können dem Tode nicht entrinnen. Dagegen sind Entehrung, Sclaverei und der bittere Schmerz, die Frauen mit ihren Kindern von roher Gewalt der Schande überliefert zu sehen, für die Menschen durchaus keine naturnothwendigen Uebel, sondern lauter Leiden, die sie sich aus reiner Feigheit gefallen lassen, weil sie sich, so lange es noch möglich war, nicht entschließen konnten, denselben durch den Tod zuvorzukommen. Stolz auf unseren Mannesmuth haben wir den Römern den Gehorsam aufgekündigt und zu guterletzt haben wir noch jetzt für ihre Aufforderung, uns auf Gnade zu ergeben, nur taube Ohren gehabt. Wer könnte sich also nicht den Grimm der Römer gegen uns ausmalen, wenn sie uns lebend in ihre Gewalt bekommen sollten! Wehe eurer strotzenden Leibeskraft, ihr Jünglinge, an der gar viele Martern zu zehren haben werden! Wehe euch, die ihr über die Manneskraft schon hinaus seid, wehe über euer Alter, das unter der Last so vielen Unheiles erliegen muss! Hier wird einer ohnmächtig zusehen müssen, wie man sein Weib von ihm reißt, um es zu vergewaltigen, da wieder wird einer den Jammerlaut seines Kindes hören, das nach der Hilfe des Vaters schreit, obwohl ihm selbst die Hände zugeschnürt sind. Doch sie sind ja noch frei, sie haben ja noch ihr gutes Schwert, wohlan, sie sollen uns jetzt einen schönen Dienst erzeigen! Unberührt vom Feindesjoch wollen wir sterben, als freie Männer mit unseren Frauen und Kindern gemeinschaftlich von hinnen scheiden. Das ist der Wille unserer Gesetze, das ist der flehentliche Wunsch unserer Frauen und Kinder; das ist eine Nothwendigkeit, die Gott selbst herbeigeführt hat, und eine That, die der Feind zu vereiteln wünscht, weil er nichts so sehr besorgt, als dass jemand aus der Gefangenschaft durch den Tod entkomme. Beeilen wir uns darum, unseren Feinden für die aus unseren Qualen erhoffte Lust nur des Todes unheimliches Grauen und die stumme Bewunderung eines großen Dramas zu hinterlassen!“
   Als Eleazar den Juden noch weiter zureden wollte, da schnitten sie ihm das Wort ab, um, noch ganz erfüllt von unwiderstehlicher Begeisterung, gleich zur That selbst zu schreiten. Wie besessen rannten sie hin, und einer suchte vor dem anderen einen Vorsprung zu gewinnen, weil er von der Ueberzeugung beseelt war, es würde der Ruhm seiner Mannhaftigkeit und Einsicht davon abhängen, dass er sich nicht erst unter den letzten blicken lasse: so gewaltig war jetzt die Lust, die sie befallen, ihre Frauen und Kinder, sowie ihre eigene Person hinzuschlachten! Ja, es kühlte sich dieser Fanatismus, wie man doch hätte vermuthen können, auch in dem Augenblicke nicht ab, wo man vor der That selbst stand, sondern mit derselben ungeschwächten Begeisterung, mit der sie früher die Ansprache des Eleazar für ihren Vorsatz entflammt hatte, führten sie ihn auch aus: nicht so, als ob die zarten Gefühle für Bekannte und Angehörige in einem aus ihnen erloschen wären; sie wurden nur von der höheren Erwägung beherrscht, dass man das Beste für seine Theuren getroffen habe. Mit innigster Zärtlichkeit umschlangen sie noch ihre Frauen, schlossen dann liebkosend auch ihre Kindlein noch einmal in die Arme und bedeckten mit den letzten Küssen und Thränen ihre Lippen: in demselben Augenblicke aber, als hätte eine fremde Macht ihnen den Arm geliehen, vollbrachten sie auch schon ihr Werk und führten den peinlichen Stoß, nur durch den einen Gedanken getröstet: „Was würden meine Lieben erst unter den Händen des Feindes zu leiden haben!“ So fand sich denn schließlich kein einziger mehr, der vor dem Ungeheuren noch zurückgeschauert wäre: ohne Ausnahme stieß ein jeder seine Theuren bis auf das letzte Würmlein nieder. O ihr Unglücklichen, wie entsetzlich musste doch eure Bedrängnis sein, dass es euch noch das kleinste Uebel däuchte, mit eigener Faust eure Frauen und Kinder zu erwürgen! Nachdem nun die That geschehen war, konnten sie ihren brennenden Schmerz darüber nicht länger mehr ertragen, ja sie hielten es für eine Sünde gegen die Hingeopferten, wenn sie auch nur eine ganz kurze Zeit dieselben überleben wollten. So warfen sie denn in aller Hast ihre sämmtlichen Wertsachen auf einen Haufen zusammen und legten Feuer an den Stoß. Dann wählten sie aus ihrer Mitte zehn Männer, welche die Schlächter aller übrigen sein sollten, und nun ließ sich Jedermann, hingebettet zu den Leichen seiner Frau und seiner Kinder, die er noch einmal mit seinen Armen umklammerte, von den für diesen traurigen Dienst bestimmten Genossen willig den Todesstoß versetzen. Ohne Wanken vollzogen diese ihre Blutarbeit, um hierauf dieselbe Ordnung mit dem Lose auch untereinander einzuhalten, dass nämlich der ausgeloste Mann zuerst den anderen neun und darauf, als letzter von allen, sich selbst den Tod geben sollte. So fest also war das Vertrauen, das sie sich alle gegenseitig schenkten, es werde einer, wie der andere, ohne Unterschied ebenso kaltblütig seine Kameraden in den Tod schicken, als ihm selbst unverzagt ins Auge schauen. Das Ende war, dass auch die neun sich dem mörderischen Eisen stellten,worauf der einzige und letzte, nach einem prüfenden Blick auf die zahllosen Leichen, ob nicht vielleicht bei der großen Schlächterei Jemand übersehen worden, der noch seines Gnadenstoßes bedürfte, als er keinen mehr am Leben fand, im ganzen Palaste Feuer legte und dann mit beiden Händen die Klinge bis ans Heft sich durch den Leib bohrte, um neben seiner Familie zusammenzubrechen. Obwohl nun die Hingeschiedenen den Glauben mit sich in den Tod genommen, sie hätten keine Seele den Händen der Römer überlassen, so hatte sich doch eine alte Frau und außerdem eine Verwandte des Eleazar, eine einsichtsvolle und feingebildete Frau, wie es deren wenige gibt, mit fünf Kindern in den Canälen, die das Trinkwasser unterirdisch fortleiteten, in dem Augenblick zu verstecken gewusst, wo die übrigen alle ihre Gedanken eben auf den Mordplan gerichtet hatten. Die Zahl der Opfer belief sich, die Frauen und Kinder mit eingeschlossen, auf 960. Das entsetzliche Trauerspiel hatte sich am fünfzehnten des Monates Xanthikus abgespielt.
   Als der Morgen graute, trafen die Römer, die sich noch auf einen heißen Kampf gefasst machten, ihre Vorbereitungen zum Sturme, stellten mit den Sturmbrücken die Verbindung zwischen den Wällen und der Festung her und begannen den Angriff. Doch nirgends zeigte sich ein Feind, überall nur düstere Oede und Todesschweigen, unterbrochen nur von dem Knistern der Flammen im Innern, so dass die Römer anfangs rathlos standen und vergebens sich die Sache zu enträthseln suchten. Endlich ließen sie, um vielleicht auf diese Art einzelne Leute von der Besatzung nach der Bresche zu ziehen, ihren Schlachtruf erschallen, der sonst den Ansturm der Geschosse einzuleiten hatte. Auf dieses Geschrei, das auch zu den genannten Frauen drang, schlüpften dieselben aus dem Canal und erzählten den Römern was alles, und wie es geschehen war, wobei besonders die zweite Frau bis auf die kleinsten Züge ein klares Bild sowohl von der Berathung wie auch von der Durchführung des schrecklichen Dramas entrollte. Kaum, dass die Römer sie anhörten, zu unglaublich klang die entsetzliche Märe! Erst machten sich die Römer an die Löschung des Brandes und brachen sich rasch über die noch rauchenden Trümmer Bahn, um in das Innere des Palastes einzudringen. Beim Anblick nun der zahllosen Leichen, auf die sie hier stießen, war es nicht mehr das Gefühl der Freude über einen gefallenen Feind, das sich ihrer bemächtigte, sondern einzig nur das des Staunens über einen so hochsinnigen Entschluss und die unbeugsame Todesverachtung, mit der er von so vielen und verschiedenen Menschen auch zur That war gemacht worden.
   
Flavius Josephus
Jüdischer Krieg
Übersetzt von Philipp Kohout
Linz 1901
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