Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1784 - David Thompson
Besuch in Stromness
Orkneys

 

Im Mai des Jahres 1784 ging ich im Hafen von London an Bord der Prince Rupert, die der Hudson's Bay Company gehörte. Ich war als Lehrling und Schreiber bei ebendieser Gesellschaft angestellt und bestimmt für die Churchill Factory an der Westseite der Bucht. Keiner der Offiziere oder Mannschaften hatte Alkoholvorräte dabei, weil die Preise dafür sehr hoch waren.
   Bei Anbruch des dritten Tages machten wir einen holländischen Lugger einen knappen Kilometer von uns entfernt aus. Gleich wurde ein Boot ausgesetzt, und der Kanonier, ein großer und stattlicher junger Mann, stieg mit vier Mann ein; bald waren sie an Bord des Luggers, eine Kiste Gin wurde hervorgeholt und ein Glas probiert und gut geheißen. Die Holländer waren in Eile, sie sagten, der Zollkutter kreuze in der Nähe und sie müssten weg. Eine Guinee wurde bezahlt, die Kiste wurde wieder zugemacht und ins Boot gebracht. Bald stand sie in der Kabine im Zwischendeck. Die Kiste war aus Brettern, einen guten Zentimeter dick, zusammengenagelt und rot angestrichen. Als wir sie öffneten, fanden wir neun eckige Flaschen aus normalem Glas, jede war voll und mit einem Korken versehen, der dicht am Flaschenhals abgeschnitten war, nur eine hatte einen langen Korken, die nämlich, aus der der Kanonier gekostet hatte. Ein Glas wurde herumgereicht und jeder lobte den Inhalt. Aber der Schiffszimmermann, der ein alter Fahrensmann war, wollte auch von den anderen Flaschen probieren. Also wurde ein Korken gezogen und ein Glas gefüllt, die Farbe sah sehr gut aus, der Schnaps wurde probiert, aber gleich wieder ausgespuckt und als Seewasser erkannt. Mit den anderen Flaschen war es genau so.
  Der Kanonier, der eine Guinee für eineinhalb Liter Gin bezahlt hatte, wurde wütend, aber das nutzte nichts, denn der Holländer entfernte sich schnell gegen den Wind.
  Bei Sonnenaufgang am nächsten Morgen zeigten sich die Berge von Schottland in blauen Schattierungen am westlichen Horizont. Etwa drei Kilometer östlich von uns sahen wir ein Boot mit sechs Mann Besatzung, das vom Fischen auf hoher See kam. Der Wind war schwach und das Boot lag bald längsseits. Darin waren zähe robuste Leute, die bis zu den Knien im Fisch saßen, denn das Boot war voll mit allen möglichen Arten, die sie gefangen hatten. Unser Kapitän kaufte ihnen schönen Heilbutt und Rochen ab, für die sie aber keine Bezahlung wollten, sondern altes Tauwerk, um Fesseln für ihre Kiepen damit zu machen. Das verstand ich nicht, bis der Bootsmann, der Schotte war, mir erklärte, dass damit Handgriffe für Körbe und Eimer gemeint seien. Unserem Kapitän gefiel dieser Handel und er sagte mir, ich solle ihnen einen Hut voller Schiffszwieback bringen. Schirme gab es nicht zu jener Zeit, aber ein Hut erfüllte beide Zwecke. Mir gefielen die Männer, weil sie so eine frische Gesichtsfarbe hatten, deshalb füllte ich meinen Hut randvoll, sodass ich ihn nur am Rand der Krempe festhalten konnte. Als ich am Kapitän vorbei ging, schickte er mir einen herzhaften Fluch nach und meinte, nie wieder würde er mich um Schiffszwieback schicken. Aber die Bootsmannschaft freute sich so, dass sie mir zuriefen, einen Eimer herunter zu lassen. Den füllten sie mit frisch gefangenem Hering, einer willkommenen Abwechslung zu Salzfleisch.
  Am sechsten Tag gegen neun Uhr abends gingen wir im Hafen von Stromness auf den Orkneys vor Anker, wo die drei für die Hudson's Bay bestimmten Schiffe auf ihre letzten Anweisungen und Befehle warten sollten. Da es damals noch keinen Telegrafen gab, wurden wir dann drei Wochen lang aufgehalten.
  Als ich am Morgen aufgewacht und an Deck gekommen war, konnte ich nur auf das starren, was vor mir lag, denn so einen Ort hatte ich noch nie gesehen. Schließlich rief ich aus, dass es hier keine Bäume gäbe, worauf ein Seemann antwortete, nein, hier würden die Leute nicht auf Bäume steigen und sich die Kleider zerreißen.
  Eines der ersten Dinge, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, waren mehrere Brennöfen, in denen Seetang zu einer Art Pottasche verbrannt wurde. Der Tang wurde von einer Anzahl Frauen und Männer eingesammelt, deren Beine rot und geschwollen waren. Der Tang kam in Körbe, deren Griffseile sie sich um die Brust schlangen; sie halfen einander, die Lasten aufzunehmen, und als sie die Körbe über das felsige Ufer trugen, das die Ebbe freigelegt hatte, strömte ihnen das Wasser den Rücken hinunter.
  Der Rauch aus diesen Öfen war so dick wie der von Kohlenfeuer. Eines Tages hatte unser Kapitän die anderen Schiffsführer und einige Herren von der Insel zum Essen eingeladen. Kurz vorher drehte der Wind, und der Rauch von fünf Brennöfen kam direkt auf unser Schiff zu und machte den Tag zur Nacht. Der Bootsmann bekam den Befehl, dafür zu sorgen, dass die Öfen gelöscht würden. Das wurde verweigert, worauf er drohte, die Öfen mit Kanonenkugeln zu zerschießen. Die sturen Jungs sagten, man könne ihnen ihr Leben und die Mittel für ihren Unterhalt wegnehmen, aber löschen würden sie die Öfen nicht. Da Drohungen nichts nutzten, fragte er, was sie denn am Tag verdienten. 10 Pence pro Tag, antworteten sie, wenn die Öfen gut in Gang wären. Darauf gab er jedem einen Shilling [12 Pence]. Die Öfen wurden gleich gelöscht, der Rauch verzog sich und das Tageslicht war wieder zu sehen. Ich konnte nicht umhin, diese harte und nasse Arbeit für 10 Pence pro Tag, bei der man nicht mal jemanden pfeifen hört, mit den fröhlichen Liedern der Männer hinter dem Pflug in England zu vergleichen.
  Dieser Ort war für mich eine neue Welt. Nichts erinnerte an Westminister Abbey, meine Spaziergänge nach Vauxhall und Spring Gardens oder an andere Stellen, wo alles aus Schönheit für das Auge und weichen Matten für meine Füße bestand. Hier gab es nur Felsen und wenig Erdboden und überall Steine, die mir die Füße wund machten. Kein Baum war zu sehen. Traurig vermisste ich die alten Eichen, in deren Schatten ich gesessen und gespielt hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wovon die Leute lebten. Sie schienen sich wohl zu fühlen, und ihre niedrigen dunklen Häuser mit dem Torffeuer, dessen Rauch durch ein kleines Loch abzog, beherbergten alles, dessen sie bedurften.
  Sie betrieben ein ausgedehntes Schmuggelgeschäft mit Holland. Wegen der hohen Zölle auf Alkohol und andere Artikel waren das einträgliche Geschäfte. Keiner der Offiziere oder Mannschaften der drei Schiffe hatte sich mit alkoholischen Getränken für die Reise versorgt, weil jeder wusste, dass es die hier besser und billiger gab als in London. Eines Nachmittags ging ich mit einem der Unteroffiziere spazieren; wir betraten eins dieser niedrigen dunklen Häuser. Es dauerte drei der vier Minuten, bevor wir den Hausvater erkennen konnten, der in einer groben blauen Jacke allein am Torffeuer saß. Mein Begleiter fragte, wie es denn so ginge, und ob er nicht ein Fässchen mit Tröstungen für eine kalte Reise habe. Der Hausherr meinte, in der letzten Zeit seien die Zollkutter sehr eifrig gewesen, und die Vorräte seien zusammengeschmolzen, aber er würde ihn schon zufriedenstellen. Über den Preis wurde schnell Einigkeit erzielt, und der Gin fand seinen Platz im Schiff. Und so wird das bei hohen Zöllen immer sein.
  Die Kirche stand am Hafenufer. Der Pfarrer war ein Mr. Falkner mit einer bemerkenswert kräftigen Stimme. Er predigte in einfacher Sprache, die dem Wissensstand seiner Herde angepasst war, und war sehr geachtet. Obwohl viele Gemeindemitglieder lange Strecken über schlechte Wege zurücklegen mussten, war seine Kirche doch am Sonntag gut gefüllt. Männer, Frauen und Kinder kamen mit ihren blauen Strümpfen und dicksohligen Schuhen säuberlich unter dem Arm, setzten sich auf die Steine vor der Kirche, zogen beides an und betraten dann die Kirche. Wenn sie wieder herauskamen, wurden Strümpfe und Schuhe wieder ausgezogen und unter den Arm genommen, und so gingen sie dann heim. Sie benahmen sich ausgesprochen gut, sie waren ernst, aber freundlich, mit Achtung voreinander und gutmütig zu Frauen und Kindern.
  Da es keinen Telegrafen gab, dauerte es drei Wochen, bis Briefe nach London gegangen waren und der Auslaufbefehl kam. Wir nahmen nun Kurs nach Westen über den Ozean.

 

Thompson, David
Narrative of his Explorations in Western America 1784-1812
Toronto 1916
Übersetzung: U. Keller

 

Abgedruckt in:
Ulrike Keller (Hrg.)
Reisende in Schottland seit 325 v. Chr.
Wien 2008

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