Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1875 - Rudolf von Willemoes-Suhm
Botanisieren auf den Aru-Inseln

 

Am meisten in die Augen fallend unter all den Herrlichkeiten aber sind die grossen Schmetterlinge, Ornithoptera Poseidon, die Wallace, als er sie zuerst fing, so begeisterten. An mich kam die Freude allmäliger heran. Schon vor einem Jahre, als ich eines Abends mit einem Bekannten durch den Urwald in Brasilien ritt, passirte einer der grossen blauen Papilioniden ganz in meiner Nähe. Damals stürzte ich noch vom Pferde und lief ihm wie besessen nach. Aber jener zog hoch über mir ungehindert seine Bahn und es war nicht daran zu denken, ihn hier zu fangen. Dann sah ich sie ab und zu in der Ferne in Cap York, wenn ich aus dem Wahl in eine Lichtung trat, und hatte wieder das leere Nachsehen, Hier aber fingen wir es gescheidter an. In den freieren Pfaden, am Saume des Waldes, am Meer oder in den engen Waldwegen sah  ich sie jetzt in Menge passiren. Männchen wie Weibchen bald an den Blüthen saugend, bald einander leise den Hof machend, dann wieder mit schnellem Finge abstreichend. Aber sie haben doch ihre Lieblingsplätze. wo sie Saft einsaugen, und ihre Raststellen, wo sie wie die Vögel zur Tränke kommen! Darauf gründeten wir unsern Plan und jetzt kamen sie uns. wenn wir in Hohlwegen oder am Wasser ruhig auf das anstreichende Thier warteten, öfters ins Netz (es klatscht förmlich, wenn man einen fängt), und hier war es Kapitän Nares, der jetzige Commandeur der englischen Nordpolexpedition, der in ihrem Fang die grösste Virtuosität entwickelte. Ihm verdanke ich auch ein Exemplar von Coytia d'Urvillei, dem schönen Nachtfalter mit den glashell durchsichtigen Flügeln. Ich hatte sie eigentlich selber auch fangen sollen, aber als sie einmal (es war Morgens im thaubedeckten Walde von Wikan) vor mir aufging, war ich so erstaunt, dass ich es vergass, zur rechten Zeit zuzuschlagen.
   Wir sprachen bisher hauptsächlich von zweien der Aru-Inseln, von dem kleineren Wamma, worauf die Bugisstadt Dobbo liegt, und von Wokan. In beiden waren natürlich die Alfuros schon sehr ihres originellen Charakters beraubt, in ersterem eigentlich nur als Dienstboten (um nicht zu sagen Sklaven) geduldet, in letzterem schon in einzelnen Hütten in einer Lichtung am Strande wohnend und mit ihnen ein malayischer Schulmeister neben einer Kirche. Auch altes grosses Mauenwerk, vielleicht von einer früheren holländischen Befestigung stammend, sah man da. - Das waren also nicht die Orte, um die Alfuros in ihrem natürlichen Zustande zu studiren, dazu musstcn wir nach Wanumbai, einigen Hütten der Eingebornen, die an einem Canal liegen, der das Hauptland der Inselgruppe quer durchschneidet. Die Ufer, dicht bewaldet, fallen hier von einer geringen Höhe steil in den Canal ab, in den wir mit unserer Dampfpinasse gut einfahren konnten. Nach kurzer Zeit sahen wir Hütten aus dem Gebüsch auf der Höhe hervorragen, und vernahmen alsbald die Laute der Erregung und des Erstaunens, die die am Ufer zusammenlaufenden Eingeborenen von sich gaben. Sie liefen schreiend hin und her, wurden aber durch unsern Dolmetscher, den wir von Dobbo mitgebracht hatten, schnell beruhigt und erwiesen sich nun während der ganzen Zeit unseres Besuchs als äusserst willfährig und freundlich. Hier war wohl schwerlich malayische Beimischung, es waren reine Alfuren mit langem, öfters wohl lockigem, aber niemals von der Wurzel an gekräuseltem Haar. Das ist das Hauptmerkmal, was man hervorheben kann, und im Uebrigen bemerke ich, dass sie mir kleiner und schwächlicher schienen, als die Papuas, von Hautfarbe mehr bräunlich, die Lippen weniger aufgeworfen und die Nasen minder dick. In welcher Beziehung sie zu andern uns bekannten Stämmen stehen könnten, darüber haben wir uns vergeblich den Kopf zerbrochen und schweigen also besser darüber. Sie leben nicht mehr im Steinalter, d. h. sie haben durch den Handel genügenden Vorratb an eisernen Werkzeugen erhalten und treiben auch etwas Ackerbau, denn ich kam durch Bananen-, Zuckerrohr- und Ananasfelder. Als Waffen haben sie kleine Bogen und Pfeile, ausserdem Fischspeere, alle von kleinerem Format, als man sie auf NeuGuinea (Humboldt-Bai) findet. Fische und Vegetabilien machen wohl ihre Hauptnahrung, Jagd, Ackerbau und Fischfang ihre Beschäftigungen aus. Sehr interessant waren ihre Häuser, wohin die ausser ihrem Gürtel nackt einhergehenden Männer uns jetzt führten und in die sie uns mitten zwischen Frauen und Kindern den Durchgang; gewährten. Es sind wohl an 50-60 Fuss lange, auf Pfählen stehende Hütten, die durch einen Gang in zwei Hälften getheilt sind. Rechts und links ist der Raum hürdenartig abgetheilt (ganz wie man sich etwa Ställe fürs Vieh machen würde) und diese Hürden waren die Wohnstellen je einer Familie, deren vielleicht 12-16 so ein Haus bewohnen. In den Hürden lagen und sassen alte Mütter, jüngere kindersäugende Frauen und, am meisten versteckt, nur scheu nach uns spähend, die jüngeren Mädchen. Ein jeder Mann, der Familienhaupt war, hatte über sich die Waffen, Bogen und Pfeile mit scharfen und stumpfen Spitzen, sowie den dreizackigen Speer für den Fischfang. Trotzdem sie hier so eng und dumpf zusammen wohnen, schien mir der Gesundheitszustand ein besserer zu sein, als auf den übrigen Inseln, namentlich sah ich nicht so viele Fälle der ringwurmartigen Hautkrankheit als dort.
Drausseu vor dem Hause zeigten uns die Männer ihre Geschicklichkeit im Pfeilschiessen, dann gings über die Hügel ins Innere. Bald sah ich den grossen Paradiesvogel in den Bäumen sitzen, sah den schwarzen Cacadu scheu vor mir abstreichen, besuchte die Jagdgründe der Paradiesvogeljäger, feuchte Waldwiesen unter riesigen Bäumen und sammelte niedere Thiere in Menge. Die übrigen Herren waren noch erfolgreicher gewesen, es wurde gar edles Wild ins Boot geschafft: Paradisea apoda und Cincinnurus, Megapteryx mystaceus, herrliche Eisvögel, grüne Sittiche mit wachsgelbem Oberschnabel, grosse Fruchttauben und herrliche Ptilinopen. Rund um die Firnisse herum waren die Canoes der Eingebornen, dieser Waffen, jener Papageien oder Früchte anbietend, bis wir endlich, gegenseitig von der gemachten Bekanntschaft befriedigt, die Rückkehr zum Schiffe nach Dobbo antraten.
   Am nächsten Tage wurde von einer zweiten hierher gemachten Expedition noch reichere Beute gemacht, während Kapitän Nares. Mr. Buchanan und ich den Schulmeistern, am andern Ende von Dobbo in einem hübschen Dorf unter Palmen wohnend, ihren Besuch erwiederten, wobei wir viele Schmetterlinge fingen und beinah einen Cuscus geschossen hätten. Später wurde wieder auf Wokan gesammelt oder ein Besuch in der Stadt gemacht und so vergingen acht Tage sehr schnell in angenehmster Weise. Hat man ein schönes Schiff in diesen Inseln liegen und darin ein Laboratorium mit allem Zubehör, dann ist's Sammeln hier ein Vergnügen. Wo nicht, so ist man Fiebern und zahllosen Plagen ausgesetzt, und es ist doppelt bewundernswerth, wie Wallace und Beccari hier so lange dem Ungemach getrotzt und so reiche Resultate erzielt haben.

 

Willemoes-Suhm, Rudolf von
Challenger Briefe
Leipzig 1877

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