Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1895 - Cäcilie Seler-Sachs
Weihnachten in Oaxaca

Inzwischen war Weihnachten herangekommen; zwar keine deutschen Weihnachten, aber ein deutscher Weihnachtsbaum. Die deutschen Familien geben ihren indianischen Holz- und Kohlenlieferanten schon wochenlang vorher den Auftrag, ihnen einen Nadelholzbaum zu besorgen. Aus den Wäldern des San Felipe wird er pünktlich zur Stelle geschafft, wird geputzt und mit Lichtern besteckt. Und am Abend des 24. Dezember brannten etwa ein halbes Dutzend Weihnachtsbäume in Oaxaca. Aber trotz alledem, trotz der reich beschenkten Kinderschar – die rechte Weihnachtstimmung war doch nicht vorhanden. Draußen war Sommer und eine Menge, die nichts von dem wusste, was der Weihnachtsbaum in Deutschland bedeutet. Der Baum allein aber tut es nicht, das habe ich erfahren, so oft ich auch dies Fest im Auslande gefeiert habe.
   Die Mexikaner feiern ihre Weihnachten durch die Veladas (auch unter dem Namen Posadas bekannt), die schon während der Adventszeit beginnen. Es vereinigen sich mehrere Familien zu dieser Feier, in der kindliche Andacht und weltliches Vergnügen sonderbar verknüpft sind. Man kommt die letzten Wochen vor Weihnachten am Abend zusammen, in der Sala ist eine Art Altar errichtet, auf dem eine Darstellung der Jungfrau auf dem Esel zu sehen ist, von Kerzen und Blumen umgeben. Frauen und Kinder knien davor mit Kerzen in den Händen und singen seltsam kindliche Melodien, eine Art Litanei; dann wird von außen an die Tür geklopft und die auf der Reise Obdach suchende Jungfrau gebeten, herein zu treten. Manchmal auch zieht die singende, Kerzen tragende Schar durchs ganze Haus.
   Es handelt sich also um die Überbleibsel einer dramatischen Darstellung der Geschehnisse, die der Geburt des Heilandes vorausgehen. Die Musikinstrumente, die den Gesang begleiten, sind kleine Pfeifen aus Blech, an deren einem Ende ein rundes hohles Blechstück sitzt, das einen Resonanzboden bildet. Die Töne, die auf diese Weise hervorgebracht werden, sind durchdringend, aber nicht unangenehm. Es gehört jedoch eine gewisse Übung dazu, das Pfeifchen, das einem Kinderspielzeug gleicht, richtig zu gebrauchen. Den Abend beschließt jedes Mal eine Tertulia, eine harmlose gesellige Zusammenkunft, bei der Zuckerwerk herumgereicht wird. Am heiligen Abend ist die Darstellung der reisenden Jungfrau durch die Krippe verdrängt, und an Stelle der Tertulia findet ein Ball statt.
   Heiligabend ist großer Radieschen-Markt in der Halle. Alles strömt dorthin, um Rabanos zu kaufen, zu essen, sich gegenseitig anzubieten. Den Grund dieser sonderbaren Sitte vermag ich nicht anzugeben. Aber auch die Indios feiern um diese Zeit ein großes, vermutlich auf altheidnischer Überlieferung beruhendes Fest, das der Señora de la Soledad, die eine stattliche Kirche am Eingange zur Stadt besitzt. An der Mauer der Kirche sprudelt eine Quelle, und neben der kirchlichen Feier besteht der Gebrauch bei den Indianern, die im Laufe des letzten Jahres geborenen Kinder in dieses kalte, heilsame Wasser zu tauchen. Natürlich überstehen nur die kräftigen und gesunden Kinder diese Wasserweihe.
   Für den zweiten Feiertag hatte Dr. Sologuren eine Landpartie auf den Monte Alban vorbereitet. Es sollten Aufgrabungen an einer Stelle vorgenommen werden, wo man auf Reliefdarstellungen gestoßen war. Obgleich man seit langem weiß, dass er mancherlei Reste verschiedenster Art trägt, dass er eine Befestigung von Bedeutung vorstellte, wozu er durch seine Lage in hohem Maße geeignet erscheint, sind seine Ruinen noch wenig erforscht; erst nach und nach beginnt sich einige Klarheit über ihre Lage zueinander und die Bedeutung der einzelnen Teile zu verbreiten. Jede Unternehmung dort oben fördert Neues ans Licht. Schon Mühlenpfordt hat die Ruinen untersucht, und sein Atlas von Mitla, der in der Bibliothek von Oaxaca aufbewahrt wird, enthält auch einen Plan der Ruinen des Monte Alban. Oben sind Maisfelder und Buschwerk, so dass eine Übersicht sehr erschwert ist. Um diese zu erhalten, müsste einmal der ganze Berg gereinigt werden. Morgens – das heißt nach landesüblicher Art eine Stunde später als angesagt – versammelten sich etwa zwanzig Reiter, und in heiterer Stimmung ritten wir zuerst durch den breiten, aber jetzt schon ziemlich wasserarmen Fluss, und dann den Berg hinauf. Oben besichtigten wir gruppenweise die verschiedenen Gebäudeanlagen, es wurde botanisiert, photographiert, geschwatzt, bis uns ein mitgebrachtes Frühstück unter dem spärlichen Schatten eines Bäumchens auf der Plaza vereinigte, da wo mehrere größere Mauerreste und Pyramiden sich um einen weiten Raum ziemlich regelmäßig gruppieren; eine Anlage, die sich bei allen bedeutenden Ruinen wiederholt. Nachdem wir diesem wichtigen Abschnitt des Tages die nötige Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet hatten, wobei es gerade so heiter und ungezwungen herging wie bei einer deutschen Landpartie, wurde die Aufgrabung in Angriff genommen. Es zeigte sich, dass die Reliefplatten einen sich neigenden und verengenden Gang bildeten, der zu einem unterirdischen Raume führte. Leider fehlte die Zeit zu genaueren Untersuchungen und Messungen.
   An dem Ausfluge, der zu allseitiger Befriedigung verlief, nahmen außer uns noch zwei Deutsche teil: der inzwischen leider verstorbene jugendliche Sohn der Familie Hinrichs und ein bayerischer Brauer, der sich in Oaxaca aufhielt, um die dortige Brauerei nach neuestem Muster einzurichten und zu betreiben. Denn es gibt dort eine Brauerei, sowie an vielen anderen Orten der Republik. Wenn ich nicht irre, waren es zur Zeit vierzehn, natürlich alle in Tierra fria oder templada. Aber das einheimische Bier wurde in langen Maultierzügen nach allen Teilen des Landes verschickt und machte dem Importbier erfolgreichen Wettbewerb, da es schmackhaft und viel leichter und billiger ist als das eingeführte echte.
   Es war ein sehr merkwürdiges Bild, das der zur Brauerei gehörige, draußen neben der Alameda gelegene Biergarten an den Nachmittagen bot, an denen die Musik spielte. Wie bei einem bescheidenen Münchener Keller standen lange hölzerne Tische und Bänke dort, die meist von durstigen Seelen der Gesellschaft besetzt waren. Die Reiter aber, die an solchen Promenaden-Nachmittagen ihre schönen Pferde und Anzüge spazieren führten, um vor den Damen zu glänzen, kamen in den Garten hereingeritten, um ein Stegreifseidel zu trinken. Die malerische mexikanische Reitertracht, der große, spitze, von Silbertressen strotzende Hut, die prächtig aufgezäumten, lebhaften Pferde und dazu Bier! Einer jener Anachronismen, an denen dieses Land so reich ist.
   Inzwischen war auch das Weihnachtsfest vorüber, aber nun wollte man uns nicht vor Jahresschluss ziehen lassen. Und so verbrachten wir noch einen sehr vergnügten Silvesterabend in der liebenswürdigen, an frischer Jugend so reichen Familie Hinrichs. Lebende Bilder aus deutschen Märchen, ein brennender Baum, Tanz, Bowle und Volkslieder von allen gegenwärtigen Deutschen – es waren etwa fünfzehn – aus voller Kehle angestimmt. Die Mexikaner, die zugegen waren, staunten ob der überschäumenden Lust. Es war ziemlich früh am Morgen, als wir auseinander gingen, und da ein kalter Nordwind durch die Gassen blies, wurde uns ganz heimatlich zumute.

Seler-Sachs, Cäcilie
Auf alten Wegen in Mexiko und Guatemala. Reiseerinnerungen 1895 – 1897
Wien 1992

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Mexiko
Wien 2003

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