Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1874 - Friedrich Ratzel
Über Cochenille

Man pflanzt die Opuntia (mexikanisch Nopal), auf welcher die Cochenillelaus lebt, in Hecken, die in Entfernungen von 60-80 Fuss sich rechtwinklig schneiden, so dass Quadrate entstehen. Zu diesen Quadraten wählt man die dornigsten und haarigsten Abarten, um die Insekten fernzuhalten, unter denen die kostbare Laus zahlreiche Feinde zählt. Innerhalb derselben pflanzt man dann je ungefähr 400 Opuntienstöcke, die man nicht über 4 Fuss hoch wachsen lässt, damit jederzeit die Reinigung sowohl als die Ernte ohne Schwierigkeit vorgenommen werden kann. Ebenfalls, um die Insekten fernzuhalten, pflückt man alle Blüten ab, sobald als sie erscheinen. Ist der Nopal einigermaassen angewachsen und saftig, so besiedelt man ihn mit einer Colonie der Cochenillelaus. Man kauft solche im Frühling oder zieht sie selbst auf. Die jungen Läuse lässt man auf einer anderen Nopalart aufwachsen als die alten, auf einer sehr saftigen, stachellosen, welche wahrscheinlich nur als eine durch Cultur erzeugte Varietät anzusehen ist. Sie wachsen hier bei guter Ernährung in wenigen Monaten zu voller Grösse und beginnen im August oder September zu gebären, wo man sie dann zu 20 bis 30 in ein Nest aus Baummoos, Palmfasern u. dergl. setzt, das man an die Nopalpflanzen befestigt. Die Jungen kriechen bald aus dem Nest und fixieren sich auf den saftigen Pflanzenteilen, während die Mütter zu Grunde gehen, nachdem sie einer höchst zahlreichen Nachkommenschaft das Leben gegeben. Dieselben bilden getrocknet die Cochenillesorte, welche man Zacatillas nennt und welche weniger reich an Farbe und daher weniger wertvoll ist als die gewöhnliche, etwas kleinere Cochenille. Die letztere wird immer von den reiferen Mutterindividuen getrennt, wenn diese mit Brut gefüllt sind. Jenes ist dann die echte Cochenille und diese lässt man in dem beschriebenen Nest ihre Brut zur Welt bringen. Ist ein Nopal von seinen kostbaren Parasiten geleert, so reinigt man ihn, schneidet alle Teile aus, die ihre natürliche grüne Farbe verloren haben und lässt ihm, wenn möglich, ein Jahr Ruhe, damit er sich erholt und recht saftig wird. Die zwei Haupt-Krankheiten der Cochenillelaus, Chamusco und Chorreo, haben wahrscheinlich zum Teil ihren Grund in der Züchtung auf entkräfteten Pflanzen. Die letztere soll eine Art Diarrhoe sein, die zuletzt vom ganzen Tier nur eine dünne Schale zurücklässt, während es durch die erstere schwarz wird und stirbt. Beide machen die Tiere wertlos, welche an ihnen gestorben sind.
   Die Grösse der Ernte steht in keinem festen Verhältnis zur Masse der Brut, die man ausgesetzt hat. In den kälteren Regionen der Sierra von Oaxaca reift die Brut langsamer, hat aber dafür weniger von Feinden wie Vögeln, Schlangen, Insekten zu leiden. In einer der besten Cochenillegegenden, Nejapa, gibt ein Pfund Brut, das im October ausgesetzt wird, im Januar zwölf Pfund Cochenille nebst genügendem Nachwuchs, der im Mai schon wieder eine Ernte von 36 Pfund erlaubt.
   Je nach der Art, wie die Cochenillelaus nach der Einsammlung getötet wird, erhält sie ein verschiedenes Aussehen. Nach der Methode, die für die beste gehalten wird, packt man sie in enge Röhren, die man gut verschliesst, so dass schon nach 24 Stunden alle Tiere erstickt sind. Sie behält dabei den weissen Staub, mit dem sie im lebenden Zustande bedeckt ist und wird jaspeada genannt. Wird sie auf heissen Platten getötet, so wird sie schwarz und heisst negra, während sie eine braunrote Farbe und den Namen denegrida erhält, wenn sie in heissem Wasser getödtet wurde.
   Es ist aus dem Vorstehenden zu ersehen, dass die Cochenillezucht einen der gewinnreichsten Zweige der Agricultur oder Viehzucht darstellt. Bedenkt man, dass gleichzeitig mit ihr die früher ebenfalls sehr gewinnreiche Indigocultur in demselben Staate in nicht geringeren Verfall geraten ist, so wird man sich nicht über eine Angabe wundern, welcher man gerade in diesen Landesteilen häufig begegnet: Dass Mexiko's Wohlstand in den letzten fünfzig Jahren nicht nur nicht gewachsen, sondern vielmehr sehr erheblich zurückgegangen sei. Ich glaube, wie ich oben schon sagte, dass für den Süden Mexiko's im Allgemeinen diese erstaunliche Angabe der Wahrheit entspricht.
   
Ratzel; Friedrich
Aus Mexiko - Reiseskizzen aus den Jahren 1874 und 1875
Neudruck des 1878 erschienen Werkes, Stuttgart 1969

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