Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1834 - Eduard Ludecus
Über den Rio Grande

Den andern Morgen eilten wir, unsere Wagen zu entladen, und brachten alles die ungefähr vierzig Fuß hohe Uferwand hinab und dann auf die Fähre. Der Rio Grande hatte sich mir immer feindlich erwiesen, und auch dieses Mal übte er seine Tücke an mir aus. Mit meinen Wagen und Pferden nebst Gepäck und Personen beladen ging das Boot ab, kaum aber waren wir in die Strömung geraten, als das Boot sich nach der einen Seite neigte, Wasser schöpfte und zu sinken drohte. Die Frauen schrieen Zeter, ich sprang nach den Pferden, um diese über Bord zu werfen, als das Boot sich wieder hob und wir glücklich hinüber kamen. Doch dies war nur erst das Vorspiel. Als wir zurückgekehrt waren, bemühten wir uns, unsere Ochsen durchzutreiben; drei bis dreieinhalb Stunden Anstrengung vermochten es aber nicht, und sobald die Ochsen den Grund verloren und in die starke Strömung gerieten, drehten sie um, und nichts konnte sie vom Umkehren abhalten. Wir schwammen ihnen mehrere Male nach, packten sie an den Hörnern und schlugen ihnen fast den Schädel entzwei, um sie in der rechten Richtung zu halten, aber alles vergebens; wir mussten aufgeben, um den Versuch später in Begleitung der gesamten Herde und der Kavalkade, zirka dreißig Pferde, zu erneuern, und in Gemeinschaft mit den Mexikanern trieben wir die Ochsen an einer anderen Stelle glücklich hindurch. Leider aber kehrten die Pferde, verleitet durch einige Stuten, deren Fohlen zurückgeblieben waren, wieder um, und mehrere spätere Versuche blieben ebenso fruchtlos, der Strom riss mich mehrere Male hinweg, und ich war genötigt, zurückzuschwimmen.
   Nun sprang ich auf, ließ mir einen Cabresta [ein Lasso] geben, den ich als Zaum gebrauchte, um mich bei den drei Mexikanern, die ebenfalls zu Pferde waren, für die mir erwiesene Gefälligkeit zu revanchieren. Schon schwammen wir alle in der Mitte des Stroms, die Herde vor uns hertreibend, als das Pferd eines Mexikaners zurückgelassen wird, ich rufe es ihm zu, doch er beachtet es nicht, und ich fürchte, die ganze Avantgarde umdrehen zu sehen; und ich versuche umzukehren, mein Pferd will dem großen Haufen folgen, der Strom aber reißt uns beide fort; ich lasse das Pferd fahren und erhalte einen Schlag von ihm an den Kopf, komme unter das Pferd, tauche tiefer hinab, komme zwar wieder empor; unglücklicherweise aber hatte uns der Strom mit gleicher Schnelle getrieben; ich hielt mich schwimmend einige Augenblicke auf derselben Stelle, tauchte auf und grüßte mit Freuden nach diesem kurzen Intermezzo das Sonnenlicht wieder. Gestiefelt und gespornt sah ich mich nach dem kürzesten Weg zu Ufer um (es war die gleiche Seite, von der ich hergekommen), denn ich hatte alle Ursache, mich so bald wie möglich auf festen Grund und Boden zu schaffen, und steuerte daher gerade auf diesen zu. Kaum aber hatte ich die Hälfte zurückgelegt, als ich in einiger Entfernung einen Piraten, gerade in meinem Fahrwasser, den Kopf und Rücken eines Alligators (worunter man sich aber kein ägyptisches Krokodil vorstellen muss), über dem Wasser erblicke. Um nicht in den Bereich seiner Batterie, zwei Reihen schöner Elfenbeinzähne, zu geraten, veränderte ich meinen Kurs stromab, setzte alle Segel und lief einige hundert Schritt unterhalb des Hafens auf den Strand. Mein Schiffbruch wurde von den Mexikanern auf dem jenseitigen und von den Amerikanern auf dem diesseitigen Ufer gesehen und ich schon verloren gegeben; als sie aber das Wrack am Ufer in Sicherheit sahen, erschallte ein Hurra! Ich musste den Dank einstweilen schuldig bleiben, denn mir fehlte, was ich dazu am meisten nötig hatte – der Atem. Sobald ich den zum Teil wieder erlangt, wanderte ich mit dem Rest zu der Überfahrtsstelle zurück. Um von der Gewalt des Rio Grande einen kleinen Begriff zu geben, führe ich hier an, dass während des Durchschwimmens dem Mexikaner Luna ein neues baumwollenes Hemd, das er anbehalten hatte, in zwei Stücke gerissen wurde.
   Die Sonne brannte fürchterlich, Schatten war nirgends zu finden, es blieb daher nichts übrig, als sich in das Wasser zu setzen. Nach Verlauf einer Stunde endlich kam die Fähre zurück, wir schifften uns ein, um wieder auf das linke Ufer zurückzukehren. Bald waren die Wagen wieder geladen, und bei heiterem Mondschein langten wir auf dem gewöhnlichen Lagerplatz, Morales, an. Für das Übersetzen meines Wagens und des Karrens der Deutschen musste ich nicht weniger als zehn Piaster bezahlen. Den anderen Morgen in aller Frühe eilten wir mit den Deutschen weiter, um zehn Uhr aber trieb uns die Hitze unter die Bäume, unser weniges Wasser war bald alle und wir genötigt, unsere Fässer in dem eines Stunde entfernten St. Rodrigo zu füllen. In der Kühle setzten wir unseren Weg fort und erreichten nachts um zwei Uhr den Rio St. Juan; hier verweilten wir bis zum nächsten Nachmittag, bahnten uns einen neuen Weg durch den etwas angeschwollenen Fluss, erreichten gegen Mitternacht die Umgebung der Stadt, und machten, um unserem Vieh Futter für die Nacht zu verschaffen, Halt. Den anderen Morgen eilte ich zu Pferde nach St. Fernando voraus, um ein Quartier aufzusuchen; ich konnte kein passendes finden und nahm die wiederholte Einladung meines Freundes, des Postmeisters Don Lousiano de la Gason, an, in seinem Hause zu logieren. Er räumte mir ein Zimmer nach der Straße ein, und bald war ich förmlich eingerichtet. Die Deutschen hatten indes das ihnen von ihrem mexikanischen Fuhrmann angebotene Quartier in dessen Haus angenommen. Von allen Seiten wurden ihnen Anträge gemacht; der eine wollte sie in sein Haus nehmen, der andere bot ihnen Wohnung und Land auf mehrere Jahre umsonst an, ein dritter lieferte ihnen gratis Lebensmittel; doch sind sie bis jetzt noch in ihrem ersten Quartier geblieben, ungewiss, ob sie ihre Weiterreise mit mir bewerkstelligen können: Unterdessen ist ihre Wohnung fortwährend mit einer Menge Neugieriger belagert; die ersten Abende brachte man ihnen sogar nach Beendigung des Fandango eine Serenade, worauf alle sich mit in der Straße, der gemeinschaftlichen Schlafkammer im Sommer, niedergelegt hatten, um ihnen auch nachts Gesellschaft zu leisten. Ich will wünschen, dass diese Artigkeit und Gastfreundschaft nicht mit Befriedigung der Neugierde aufhören möge.
   
Ludecus, Eduard:
Reise durch die mexikanischen Provinzen Tumilapas, Cohahuila und Texas im Jahre 1834. In Briefen an seine Freunde.
Leipzig 1837

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Mexiko
Wien 2003

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