Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1822 - Basil Hall
Ein Fest
Tepic

9. April - Es gab jeden Abend eine Tertulia oder Gesellschaft, wo wir erwartet wurden, als ob sich dies von selbst verstünde, ohne dass wir besonders eingeladen waren. Ich werde versuchen, eine dieser Gesellschaften zu beschreiben, welche ich gestern Abend besuchte.
   An dem oberen Ende und auf der einen Seite eines großen Zimmers saßen die Damen, ungefähr zwanzig an der Zahl, in einer eng gedrängten Reihe eng an der Wand. Zuweilen gelang es einem der Herren, einen Platz zwischen den Damen zu gewinnen, allein es war gewöhnlich ein sehr guter Freund oder ein sehr entschlossener Fremder. In jeder Ecke des Zimmers befand sich ein kleiner, steinerner Tisch, worauf ein dünnes Talglicht stand, dessen schwacher Schimmer ein trübes Licht über das Zimmer warf; allein der Leuchter war groß und schön und von massivem Silber, eine für das Land charakteristische Ungereimtheit. Hinter dem Lichte befand sich in einem Glasschrank ein Madonnenbild, wie Nuestra Señora de Guadeloupe, die Schutzpatronin von Mexiko, aufgeputzt, und fast erdrückt unter einem Überfluss von geschmacklosen, künstlichen Blumen. Die Reihe der Damen reichte auf der einen Seite bis an die Tür und auf der entgegengesetzten bis an einen in der Mitte des Zimmers stehenden Tisch, auf welchem sich Wein und Wasser, die Hüte der Herren und die Schals der Damen befanden. Auf einem der Ecktische lag eine Gitarre, und selten fehlte es, dass irgendjemand eine Volksmelodie spielte oder die Damen begleitete, von denen mehrere sehr gut sangen. Diese gelegentliche Musik ging ohne Unterbrechung des Gesprächs vor sich; in der Tat sind die Spanier und ihre Abkömmlinge so an die Töne einer Gitarre gewöhnt, dass sie mehr als eine Begleitung der Unterredung denn als Unterbrechung derselben betrachtet werden. Am entferntesten Ende des Zimmers stand ein Spieltisch, an dem die meisten Herren ein Kartenspiel, Monté genannt, spielten. Der mittlere Teil des Zimmers schien den Kindern des Hauses und denen mehrerer naher Verwandter zum Spielraum gegeben zu sein. Die Wärterinnen und alte Hausbedienstete der Familie benutzen auch das Vorrecht, ein- und auszugehen, und richteten ihre Rede zuweilen an diejenigen von der Gesellschaft, die nahe an der Tür saßen. Es kann hiermit bemerkt werden, dass in allen diesen Ländern ein Grad von Vertraulichkeit zwischen den Bediensteten und ihren Herren herrscht, von dem man in England in keiner Klasse der Gesellschaft einen Begriff hat.
   Man kann in das Haus durch eine große Veranda gelangen, oder um es genauer zu sagen, durch einen offenen Gang, der in den Blumengarten und in den Hof führt, die sich in der Mitte des Vierecks befinden, das durch das Haus gebildet wird.
   Ich dachte während dieses Abends oft, dass, wenn jemand plötzlich aus England in diese Gesellschaft versetzt würde, er sehr in Verlegenheit kommen möchte, zu sagen, wo er sich befände. Indem er in das Haus durch einen Eingang träte, der dem gewölbten Tor eines Gasthofes nicht unähnlich ist, würde er in der Veranda vergebens seinen Weg von den Knaben erfragen, die um die Säulen herum Verstecken spielen, oder im Mondschein zwischen den Gebüschen in der Mitte des Hofes herumlaufen; noch würde er mehr von den Mädchen erfahren, die sich sogleich in die Brust werfen, und sich so steif und geziert wie möglich in dem Augenblick anstellen, wo sie einen Fremden gewahr werden; sie stehen schmollend vor ihm und starren ihn mit ihren kohlschwarzen Augen an, allein niemals können sie dazu gebracht werden, ein einziges Wort auszusprechen. Der Fremde würde nun Mut fassen, und in die Sala oder das Gesellschaftszimmer treten; augenblicklich stehen alle Männer auf, und bleiben vor ihren Stühlen gleich Marmorbildern stehen; und da weder die Frau des Hauses noch irgendeine der Damen in diesen Ländern jemals daran denken, aufzustehen und einen Herrn zu bewillkommnen oder Abschied von ihm zu nehmen, so möchte sich der Fremde vielleicht berechtigt halten, seine Aufnahme für etwas kalt anzusehen. Er würde keine Zeit haben, besondere Bemerkungen zu machen, und kaum auf den unebenen, mit Backsteinen gepflasterten Boden, die kahlen getünchten Wände, die nackten Balken des Daches, durch die man die Ziegel zählen kann, achten können - freilich möchte auch das schwache Licht seinen Beobachtungen sehr hinderlich sein. Die zierliche Kleidung, die Schönheit und das vornehme Ansehen der Damen müssten ihn natürlich zu dem Glauben leiten, dass er in sehr guter Gesellschaft sei; allein wenn er dann entdeckte, dass alle diese Damen Zigarren rauchen, auf das Geräuschvollste lachen und alle ihre Bemerkungen mit lauter Stimme ausschreien, so würde er in seinen vorherigen Zweifel zurückfallen; insbesondere, wenn er die Herren in Stiefeln und Überröcken und einige mit den Hüten auf dem Kopf erblickte. Auch würden sich seine Ideen nicht sehr aufklären, wenn er auf der anderen Seite des Zimmers eine große Spielpartie in eine Wolke von Tabaksrauch gehüllt sähe. Und wenn er dann ebenso plötzlich in sein eigenes Land zurückgeführt würde, so möchte es ihm schwer werden, sich zu überzeugen, dass er sich in der Mitte von angenehmen, artigen und wohlerzogenen Leuten, in der ersten Gesellschaft, kurz, in dem Grosvenor Square der Stadt Tepic befunden habe.
   12. April - Ich wohnte heute einem großen Mittagessen, einer Art Schmaus, Convité auf Spanisch genannt, bei. Die Stunde war um ein Uhr bestimmt, doch war es halb zwei, ehe die Gesellschaft versammelt war. Man nötigte uns zuerst in ein Seitenzimmer, um einen Schnaps zu trinken; allein dies sah mehr einem soliden Frühstück ähnlich. In der Mitte des Tisches stand ein Schinken, auf beiden Seiten zwei unermessliche Schalen, die eine mit Punsch, die andere mit Sangría, einer Mischung von Wein, Zucker, Zitronensaft und Gewürz, gefüllt. An jedem Ende der Tafel befand sich ein Teller mit Käse, der künstlich in der Form von Radis und Rettichen geschnitten war. In jeder Ecke eine Schüssel voll Oliven mit Schnitten roher Zwiebeln bedeckt, die in Essig schwammen. Ich brauche nicht zu sagen, dass Wein und Aguardiente im Überfluss da waren. Man tat diesem Schnaps ein so volles Recht an, dass ich dachte, das Mittagessen liefe Gefahr, von niemand angerührt zu werden, doch hierin irrte ich mich sehr.
   Vierzig Personen setzten sich an einen Tisch. Am oberen Ende saßen die zwei vornehmsten Damen; zu ihrer Rechten der Oberbefehlshaber des Militärs, und mir wies man den Platz auf der anderen Seite, zunächst der Frau vom Hause, an. Dann kam der Alcalde, die oberste Zivilbehörde, und so weiter. Der Hausherr bediente die Tafel wie ein Aufwärter, wobei ihm vier oder fünf Herren sehr gutmütig halfen, für die kein Platz am Tische war, und die es vorzogen, sich auf diese Art nützlich zu machen, anstatt in einem anstoßenden Zimmer mit zehn oder zwölf anderen zu essen, welche ebenfalls aus Mangel an Raum ausgeschlossen waren.
   Zuerst herrschte eine verdächtige Stille, aber kaum war die Suppe abgetragen, so erschienen einige Symptome der Annäherung eines Sturms. Während man mit der Olla [Eintopf] beschäftigt war, die beständig der Suppe folgt, stand eine der angesehendsten Personen aus der Gesellschaft auf und rief: »Copas en mano!« Die Gläser zur Hand! Allein er musste sein Aufgebot mehrere Male wiederholen und seinen mit Wein gefüllten Becher in die Höhe halten, ehe die entfernten Teile der Gesellschaft zu Ehren des Toasts aufstanden, der einer der Gemeinsprüche des Tages war. »Union y Libertad!« Nach diesem Signal wurde während des ganzen Mittagessens ein beständiges Ausrufen von Toasts und Sinnsprüchen unterhalten; und endlich erhob sich ein solcher Wetteifer, dass nicht weniger als zehn oder zwölf Herren zugleich auf den Beinen waren, die alle aus vollem Halse schrieen und jede Bemerkung mit einigen Gestikulationen begleiteten. Einige blieben auf ihren Sitzen und glaubten vermutlich, auf diese Weise besser auf die Tafel zielen zu können, welche von einem Ende zum anderen von den Faustschlägen erklang, wodurch die Redner ihre Gründe zu verstärken suchten.
   Währenddessen ging das Mittagessen vor sich, als ob nichts merkwürdiges vorfiele; die Schüsseln und Teller wurden von den Bediensteten und ihren freiwilligen Gehilfen mit besonderer Geschicklichkeit, und, ungeachtet der großen Unordnung, ohne Unfall gewechselt. Die Flasche ging immer schneller herum; der Lärm wuchs; die Schreier wurden zahlreicher, und als das Mittagessen vorüber war, verteilte sich die Gesellschaft, und alles schien in Aufruhr und Verwirrung zu sein. Gruppen von vier oder fünf, und zuweilen die doppelte Zahl, drängten sich zusammen, alle zugleich singend oder sprechend. Niemals war ich mehr erstaunt, als wie ich so manche Männer, die bei jeder anderen Gelegenheit wahre Muster des Anstandes waren, plötzlich ihre Förmlichkeit ablegen und sich als Zecher und Lustigmacher von Profession gebärden sah. Zuerst dachte ich, dies müsste mit Schlägen enden, und stand bereit, mich vor den Gläsern und Flaschen zu hüten, die wahrscheinlich herumfliegen würden. Allein nach einer kleinen Weile war leicht zu hören, dass es mehr Töne der Fröhlichkeit als des Unwillens waren; die Damen, die an solche Szenen gewöhnt sein mussten, saßen sehr sittsam da und sahen alledem mit großem Vergnügen zu.
   Die Ordnung wurde nun einigermaßen durch einen lustigen Biscayer wiederhergestellt, der sich als ein Koch verkleidete, indem er seinen Rock und Weste auszog, seine Hemdsärmel bis über die Ellenbogen aufstreifte und eine Serviette vorsteckte. Diejenigen, welche ihn von alten Zeiten her kannten, wussten sogleich, was vorgehen sollte, und riefen: »Pastel! Pastel!« Eine Pastete, eine Pastete! Worauf allem Singen, Trinken und Schwatzen ein Ende gemacht wurde, und jedermann sich um ihn herdrängte, um ihn seine berüchtigte Pastete bereiten zu sehen.
   Der Biscayer gab zuerst durch Zeichen zu verstehen, dass eine große Schüssel vor ihm stünde, in welche er eine Menge Bestandteile zu tun gedächte, und zugleich jedes Ding nannte, woraus er vorgeblich die Pastete bereitete. Diese Ingredienzien bestanden hauptsächlich aus seinen Freunden, von denen er einige ganz und von anderen nur irgendeine lächerliche Eigenschaft oder charakteristische Sonderbarkeit hineintat; und da er bloß gegenwärtige Personen wählte, so ging das Lachen in der Runde herum. Seine Satire war zuweilen sehr streng, besonders gegen die Damen, und am Ende stellte er sich nach einer langen und witzigen Vorrede, zum unsäglichen Vergnügen der Gesellschaft, als ob er den ihm gegenübersitzenden Priester zerschneiden und in die Schüssel werfen wollte. Niemand erfreute sich des Gelächters mehr als der würdige Pfarrer selbst. Der Biscayer war zu verständig, um es nach diesem letzten glücklichen Scherz zu wagen, seine Gesellschaft länger mit der Pastete zu ermüden; er ergriff eine Gitarre, ein Instrument, das man immer zur Hand hat, wo nur irgend spanisch gesprochen wird, und indem er in der Gesellschaft herumsah, richtete er ex tempore einen Vers an jeden der vorzüglichsten Gäste; dann sprang er auf den Tisch, auf den er sich gesetzt hatte, um die Gitarre zu spielen, und begann sogleich den Gang und die Sprache von fünf oder sechs verschiedenen spanischen Provinzen nachzuahmen. Diese Nachahmung, obgleich sie für uns verloren war, schien so vollkommen zu sein, dass, wenn er kaum seine Rolle begann, eine Menge Stimmen ausriefen »Gaditono! Gallego!« oder was für eine Provinz es auch sein mochte, deren Sitten er vorstellte.
   Seine letzte Schaustellung war von einer Art, wie man sie gewiss nicht ein oder zwei Jahre zuvor in einem so bigotten, oder überhaupt in irgendeinem unter spanischer Botmäßigkeit stehenden Lande erlaubt hätte. Nachdem er ein Tischtuch umgenommen, verkleidete er sich als Priester, und mit dem lustigsten Ernste in seinem Gesichte stellte er einen Teil der Zeremonie einer großen Messe vor, zum unendlichen Vergnügen der Gesellschaft, die das Haus mit ihrem Gelächter erschütterte. Der Pfarrer war während dieser Vorstellung nirgends zu sehen, die er sich, wie ich glaube, nicht in dessen Gegenwart hätte erlauben können, obgleich in der Tat jeder ernsthafte Gedanke für den Augenblick verbannt zu sein schien.
   Unmittelbar nach diesem Scherze endete der Lärm und die Gesellschaft brach auf; jedermann ging, um die Siesta zu halten, und dies mit einer Gesetztheit und Festigkeit, welche zeigte, dass der größte Teil des vorigen Geräusches aus freiem Willen getrieben wurde und nicht die Wirkung der Trunkenheit war, wovon es in der Tat den größten Anschein hatte. Um mich noch mehr davon zu überzeugen, fing ich eine Unterhaltung mit den Lärmendsten an, allein sie waren jetzt so vollkommen ruhig und gesetzt, dass es schwer fiel, sie als dieselben Menschen zu erkennen, die wenige Minuten zuvor so vollkommen betrunken erschienen.

Hall, Basil
Auszüge aus einem Tagebuche geschrieben auf den Küsten von Chili, Peru und Mexiko in den Jahren 1820-1822
Stuttgart und Tübingen 1824

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Mexiko
Wien 2003

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!