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Geschichten rund um den Globus

1812 - Philippe Paul Graf von Ségur
Napoleon im brennenden Moskau

Erst mit einbrechender Nacht ging Napoleon nach Moskau und stieg in einem der ersten Häuser der Vorstadt Dorogomilow ab. Hier ernannte er den Marschall Mortier zum Gouverneur dieser Hauptstadt. »Verhüten Sie vor allen Dingen Plünderung!« sagte er zu ihm, »Sie stehen mir mit Ihrem Kopfe dafür! Verteidigen Sie Moskau gegen jeden, wer er auch sei!«
    Dies war eine traurige Nacht: eine schlimme Botschaft folgte der andern. Es kamen Franzosen, Einwohner dieser Stadt, und selbst ein russischer Polizeioffizier, um uns zu sagen, daß die Stadt angezündet werden würde. Der russische Offizier konnte sogar die diesfalls getroffenen Vorkehrungen angeben. Der Kaiser war in einem sehr aufgeregten Zustand und suchte vergebens zu schlafen. Alle Augenblicke rief er, um diese traurige Neuigkeit von Neuem anzuhören. Er verschanzte sich aber immer noch hinter seinem Unglauben, bis morgens um zwei Uhr die Nachricht einging, daß das Feuer ausgebrochen sei.
    Es geschah dies in dem Palais marchand, mitten in der Stadt und in dem reichsten Quartier derselben. Er gibt sogleich Befehle und vervielfältigt dieselben unablässig. Mit Tagesanbruch begibt er sich selbst an Ort und Stelle und bedroht Marschall Mortier und die junge Garde. Mortier weist auf die mit Eisen gedeckten Häuser, aus denen dicker Rauch aufsteigt, obgleich sie alle geschlossen sind und keine Spur des Einbruchs zeigen. Napoleon geht, ganz in Gedanken vertieft, nach dem Kreml.
    Beim Anblick dieses halb altertümlichen, halb modernen Palastes der Romanows und Ruriks und ihres dort noch stehenden Thrones; bei dem Anblick des Kreuzes des Großen Iwan und des schönsten Teils der Stadt, den eben dieser Kreml beherrscht, der den Flammen, die noch auf den Bazar beschränkt sind, Ehrfurcht zu gebieten scheint, schöpft er wieder neue Hoffnung. Sein Ehrgeiz findet sich durch diese Eroberung geschmeichelt, und man hört ihn ausrufen: »So bin ich denn endlich doch in Moskau und im Kreml, der alten Burg der Zare!« Er untersucht jetzt dort jede Kleinigkeit mit neugierigem und befriedigtem Stolz, läßt sich aber zugleich genauen Bericht erstatten über die Hilfsmittel, welche die Stadt noch darbietet. In diesem kurzen, noch mit Hoffnungen erfüllten Zeitraum schrieb er Worte des Friedens an Alexander. Ein russischer Stabsoffizier, der sich in dem vom Feinde zurückgelassenen Spital befand, erhielt den Auftrag, diesen Brief zu bestellen, den Napoleon bei dem traurigen Scheine des brennenden Bazars niedergeschrieben hatte. Dieser Offizier sollte seinem Kaiser zugleich die Nachricht von dieser Verheerung überbringen. Der Brand von Moskau war die einzige Antwort, die darauf erfolgte.
    Der anbrechende Tag begünstigte die Anstrengungen des Herzogs von Treviso, der endlich Herr über das Feuer wurde. Die Mordbrenner hielten sich versteckt, man zweifelte an ihrem Dasein.
    Nachdem die Ordnung durch die strengsten Befehle wiederhergestellt war, auch die allgemeine Unruhe in etwa aufgehört hatte, suchte jeder ein bequemes Haus oder auch einen prächtigen Palast auf, um nach so vielen unerhörten Mühsalen wieder einmal auszuruhen.
    Zwei Offiziere hatten ihr Quartier in einem der Nebengebäude des Kreml genommen, von wo aus sie den ganzen nördlichen und westlichen Teil Moskaus übersehen konnten. Gegen Mitternacht wurden sie durch eine außerordentliche Helle aufgeweckt, und als sie aufschauten, stehen die Paläste im Feuer: ihre schöne Architektur, von den Flammen erleuchtet, ist bald die Beute derselben. Zugleich bemerken sie, daß der Nordwind das Feuer gerade nach dem Kreml hintreibt, wo der Kern der Armee mit ihrem Führer schläft. Sie fürchten für die den Kreml umgebenden Gebäude, wo unsere Soldaten, unsere Diener und Pferde, von Müdigkeit erschöpft, nachdem sie ihren Hunger gestillt, wahrscheinlich im tiefsten Schlafe liegen. Schon fliegen Funken und Feuerbrände bis auf die Dächer des Kreml, als der Wind, sich drehend, dem Feuer eine andere Richtung gibt. Hierdurch über das Schicksal seines Armeekorps nicht ferner beunruhigt, schlief einer der Offiziere mit der Äußerung wieder ein: »Mögen nun andere für sich sorgen; es geht uns nichts an.« So groß war die durch die häufigen Zufälle dieser Art, durch das Unglück und die übermäßigen Anstrengungen und Leiden bewirkte egoistische Sorglosigkeit, daß man, gegen alles andere ganz abgestumpft, nur so viel Kräfte und Gefühle übrigbehielt, als zur persönlichen Erhaltung unumgänglich notwendig waren.
    Bald darauf wurden sie von neuem durch eine starke Helle geweckt und sahen die Flammen abermals gegen den Kreml herwogen. Da verwünschten sie den Mangel an Mannszucht und den französischen Leichtsinn, in der Meinung, diese seien schuld an dem Brande. Dreimal wechselt der Wind von Nord nach West; und dreimal scheint das feindliche Element hartnäckigerweise seine ganze Wut in der Richtung nach dem kaiserlichen Hauptquartier auslassen zu wollen.
    Jetzt schöpfen sie Verdacht und sagen sich: Sollten wohl die Moskowiter, die französische, alles vernachlässigende Sorglosigkeit und Verwegenheit kennend, die Absicht haben, unsere von Wein, Schlaf und Ermüdung trunkenen Soldaten samt der Stadt zu verbrennen und Napoleon selbst in diesen Feuertod hineinzuziehen, in der Meinung, daß der Untergang dieses großen Mannes wohl den ihrer Hauptstadt aufwiege? Sollten sie dieses Resultat für groß genug halten, um ganz Moskau daran zu setzen? Sollten sie glauben, daß der Himmel ihnen um diesen Preis den Sieg verleihen wolle, und daß nur ein so unermeßlicher Scheiterhaufen mit einer solchen Riesenmacht im Verhältnis steht?
    Man weiß nicht gewiß, ob die Russen bei der Verbrennung von Moskau diese Absicht hatten; allein es gehörte Napoleons Stern dazu, daß alles dieses nicht in Erfüllung gegangen ist. Denn nicht genug, daß sich im Kreml ein russisches Pulvermagazin befand, von dem wir nichts wußten, die schlecht ausgestellten und ganz schlaftrunkenen Wachen hatten auch noch in derselben Nacht einen ganzen Artilleriepark hereingelassen, der unter den Fenstern des Kaisers aufgefahren war, gerade in dem Augenblick, wo die wütenden Flammen von allen Seiten auf den Kreml zuströmten, getrieben vom Sturmwinde, der, vom Feuer angezogen, mit jedem Augenblick heftiger wurde. Der Kaiser und die Elite der Armee waren verloren, wenn von den Funken, die uns umsprühten, ein einziger auf einen Pulverkarren fiel. So hing das Schicksal der ganzen Armee mehrere Stunden lang von jedem Feuerfunken ab, der im Wirbelwind kreiste.
    Endlich brach der Tag an als Zeuge dieser Gräuelszene, die nun etwas erbleichte und an Glanz verlor. Viele Offiziere flüchteten sich in die Säle des Palastes. Die Chefs [Marschälle] und Mortier selbst, die während sechsunddreißig Stunden das Feuer vergebens bekämpft hatten, kamen nach dem Kreml, wo sie aus Erschöpfung und Verzweiflung niederfielen.
    Niemand sprach eine Silbe. Jeder dachte im stillen, daß Mangel an Mannszucht und die Trunkenheit unserer Soldaten diese Verwüstung veranlaßt habe, die nun der Sturm vollende. Wir sahen einander gewissermaßen mit Widerwillen an. Der Schrei des Abscheues, der über diese Tat sich in ganz Europa erheben mußte, erfüllte uns mit Entsetzen. Alles schlug die Augen nieder, bestürzt über eine so fürchterliche Katastrophe, die unsern Ruhm befleckte, unsern Sieg nutzlos machte und unsere gegenwärtige wie unsere künftige Existenz gefährdete. Wir waren nur noch eine Armee von Verbrechern, an denen der Himmel und die zivilisierte Welt Rache nehmen mußten.
    Dieser Entrüstung über die vermeintlichen Brandstifter, diesen bangen Besorgnissen tat nur die Begierde Einhalt, mit der man nach den neuen Nachrichten haschte, die jetzt allmählich darin übereinstimmten, daß die Russen die Täter seien.
    Aus den einstimmigen Aussagen der von allen Seiten herbeikommenden Offiziere ergab sich folgendes: in der ersten Nacht (vom 14. auf den 15. [September]) hatte sich ein Feuerball auf den Palast des Fürsten Trubezkoy herabgelassen und diesen sogleich in Brand gesteckt. Dies schien das verabredete Zeichen zu sein. Gleich darauf war Feuer in der Börse eingelegt worden; man hatte Polizeisoldaten bemerkt, die dasselbe mit beteerten Lanzen anschürten. An andern Orten hatte man in mehreren Häusern tückischerweise Granaten in die Öfen versteckt, die, wenn sie sprangen, die um die Öfen befindlichen Soldaten töteten oder verwundeten. Wenn nun diese Zeugen, in andern vom Brand noch verschonten Straßen ein Obdach suchend, die verschlossenen Häuser betreten wollten, so ließ sich darin ein schwacher Knall hören und gleich darauf ein Rauch sehen, der, erst nur dünn, aber schnell dick und schwarz und hierauf rötlich, in kurzer Zeit zu einer alles verzehrenden Flamme erglüht war.
    Alle wollten Menschen von wildem Aussehen, in Lumpen gehüllt, besonders aber wütende Weiber gesehen haben, die, zwischen den Flammen wandelnd, dies gräßliche Bild der Hölle vollendeten. Diese Elenden, von dem Gelingen ihres Frevels und vom Branntwein berauscht, hielten es nicht länger der Mühe wert sich zu verbergen; im Triumph durchrannten sie die brennenden Straßen, wo man sie, mit Fackeln bewaffnet und den Brand fortleitend, überraschte; man mußte ihnen mit dem Säbel die Hand abschlagen, um sie zu entwaffnen. Man sagte sich, diese Banditen wären von den russischen Großen losgelassen worden, um Moskau zu verbrennen; und ein so gewaltiger, das Äußerste wagender Entschluß habe nur vom Patriotismus gefaßt und vom Verbrechen ausgeführt werden können.
    Sogleich wurde der Befehl gegeben, jeden Mordbrenner auf der Stelle niederzuschießen. Die ganze Armee war auf den Beinen. Die alte Garde, in einem Teil des Kreml ganz einquartiert, war ins Gewehr getreten; die Troßwagen und die Packpferde füllten den Hof; erstaunt, erschöpft und voll Verzweiflung mußten wir ein so reiches Kantonnement [Quartier] in Rauch aufgehen sehen. Herren von Moskau, sollten wir nun von allem entblößt vor seinen Toren unsere Biwaks beziehen.
    Während unsere Soldaten noch mit dem Brand kämpften, und die Armee dem Feuer diese Beute streitig machte, war Napoleon, dessen Schlaf niemand während der Nacht zu stören gewagt hatte, bei der doppelten Klarheit des Tages und der Flammen erwacht. In seiner ersten Aufwallung wollte er diesem Element gebieten. Er ließ aber bald wieder ab, sich vor der Unmöglichkeit beugend. Gewohnt, in den Hauptstädten seiner Feinde nur Schrecken und Unterwerfung zu finden, war er überrascht, hier sich an Willensstärke übertroffen zu sehen.
    Diese Eroberung, für die er alles aufgeopfert, die gleich einem Gespenst ihn verlockt hatte, steigt in dem Augenblick, wo er sie fassen will, als Rauch- und Feuersäule in die Lüfte und zerfließt in ein Nichts. Da ergreift ihn eine unbeschreibliche Unruhe; er scheint von dem Feuer durchglüht, das ihn umgibt. Alle Augenblicke fährt er auf, tut einige Schritte und setzt sich plötzlich wieder. Mit schnellen Schritten eilt er durch seine Zimmer, seine raschen und heftigen Gebärden zeigen eine große Bestürzung. Er legt ein dringendes Geschäft beiseite, nimmt es wieder vor und läßt es abermals fahren, um an das Fenster zu eilen und die Fortschritte der Feuersbrunst zu beobachten. Kurze und abgebrochene Ausrufungen drängen sich aus seiner beklemmten Brust: »Welch fürchterliches Schauspiel! Und sie selbst konnten so etwas tun! So viele Paläste, welch ein außerordentlicher Entschluß! Welche Menschen! Es sind Skythen!«
    Zwischen ihm und der Brandstätte war ein wüstes Feld und die Moskwa mit ihren beiden Quais, und doch glühten die Scheiben der Fenster, an die er sich lehnt, und die auf dem eisernen Dache des Palastes angestellten Arbeiter sind nicht mehr imstande, die vielen Funken und Feuerflocken, die dahin fliegen, wegzufegen.
    In diesem Augenblick verbreitet sich das Gerücht, daß der Kreml unterminiert sei: das ist die Aussage der Russen und auch schriftlich bezeugt. Einige Bediente verlieren aus Schrecken die Besinnung. Die Soldaten erwarten ruhig, was der Kaiser und ihr Schicksal beschließen werden. Dieser aber erwidert den Lärm nur mit dem Lächeln des Unglaubens. Aber noch geht er in konvulsivischer Hast von einem Fenster zum andern und sieht, wie das schreckliche Element seine herrliche Eroberung siegreich verschlingt; wie es sich aller Brücken, aller Zugänge zu seiner Burg bemächtigt, ihn einschließt und gleichsam belagert; wie es von Minute zu Minute die nahe gelegenen Häuser ergreift, ihn immer mehr einengt und zuletzt auf die Ringmauer des Kreml beschränkt.
    Schon atmen wir nur Rauch und Asche. Die Nacht kam allmählich heran, unsere Gefahren durch ihre Finsternis steigernd; die Äquinoktialstürme, Rußlands getreue Verbündete, verdoppeln ihre Wut. In diesem Augenblick kommt der König von Neapel und der Prinz Eugen, sie vereinigen sich mit dem Fürsten von Neuchâtel und dringen vereint bis zum Kaiser, bestürmen ihn von allen Seiten und bitten ihn auf ihren Knien, diesen Ort der Verzweiflung zu verlassen. Aber vergebens!
    Napoleon, Herr des Palastes der Zaren, beharrt darauf, diese Eroberung selbst der Feuersbrunst nicht wieder abzutreten, als plötzlich der Ruf: »Es brennt im Kreml!« von Mund zu Mund geht und uns aus der Betäubung aufschreckt, in die wir versunken waren. Der Kaiser geht hinaus, um selbst nach der Gefahr zu sehen. Zweimal war das Feuer in dem Stockwerk unter seinen Zimmern eingelegt und wieder gelöscht worden; aber der Turm des Zeughauses brennt noch fort. Man hat dort soeben einen Polizeisoldaten aufgegriffen; man führt ihn her, und Napoleon läßt ihn in seiner Gegenwart verhören. Dieser Russe ist der Brandstifter; er hat auf das ihm von seinem Chef gegebene Signal das Feuer eingelegt. Alles ist demnach dem Untergange geweiht, selbst der altertümliche und heilige Kreml.
    Der Kaiser ließ hierauf ein Zeichen der Verachtung und des Unwillens blicken: man führte den Elenden in den ersten Hof des Schlosses, wo er unter den Bajonetten der wütenden Grenadiere den Tod fand.
    Durch diesen Umstand endlich bewogen, eilt Napoleon die durch Niedermetzelung der Strelitzen berüchtigte Treppe hinab und befiehlt, daß man ihn nach Petrowsky, einem eine Stunde von da auf der Petersburger Straße gelegenen Schloss führe.
    Wir waren aber von einem Feuermeer umgeben, die Flammen versperrten jeglichen Ausgang und vereitelten unsere ersten Versuche zur Flucht; lange aufs Geradewohl herumtappend, entdeckten wir endlich einen Gang, der, durch den Felsen gehauen, an die Moskwa führte. Durch diesen engen Gang entkam Napoleon mit seinen Offizieren und seiner Garde aus dem Kreml. Allein, was war damit gewonnen? Dem Feuer näher gekommen, konnten sie weder zurück noch an Ort und Stelle bleiben. Wie sollten sie aber vorwärts, und durch dieses Feuermeer schreiten? Diejenigen unter uns, die die Stadt besucht hatten, waren vom Sturme betäubt und dergestalt vom Feuer und der umherfliegenden Asche erblindet, daß sie sich nicht mehr zu finden wußten, zumal da die Richtung der Straßen jeden Augenblick mehr unter Rauch und Trümmern verschwand.
    Es galt indessen Eile, die Flammen brausten immer stärker, eine einzige Straße, eng und krumm und schon im Feuer stehend, blieb uns noch offen, schien aber mehr nach als aus der Hölle zu führen. Der Kaiser betrat zu Fuß und ohne zu straucheln die gefahrvolle Straße. Unter dem Knistern der Feuerbrände, dem Krachen der einstürzenden Gewölbe, herabfallender Sparren und glühender, eiserner Dächer schritt er vorwärts, durch die Trümmer zuweilen aufgehalten. Die Flammen, die rechts und links von ihm unter heftigem Geprassel die Häuser verzehrten und über die Firste hinaufschlugen, wölbten sich, jetzt vom Winde gefaßt, über unsern Köpfen. Wir gingen auf einem brennenden Boden zwischen zwei Feuerwänden und hatten ein Feuergewölbe über uns. Eine durchdringende Hitze verbrannte uns die Augen, und doch mußten wir sie der Gefahr wegen offen behalten. Eine glühende Luft, glimmende Asche, zurückgeworfene Flammen erschwerten unsern kurzen, trockenen, keuchenden und beinahe schon durch den Rauch allein erstickten Atem. Die Hände brannten uns, indem wir damit das Gesicht vor der unerträglichen Hitze schützen oder die Funken abwehren wollten, die ohne Unterlaß zündend auf unsere Kleider fielen.
    In dieser unbeschreiblichen Not, aus der man sich nur durch eine schnelle Flucht retten konnte, blieb plötzlich unser Führer stehen, indem er seiner Sache nicht mehr gewiß war und selbst nicht mehr wußte, wo er sich befand. Und jetzt wäre es wahrscheinlich um unser abenteuerliches Leben geschehen gewesen, wenn nicht die Plünderer des ersten Korps den Kaiser mitten durch die Flammen erkannt hätten und herbeigeeilt wären, um ihn nach den noch rauchenden Trümmern eines schon des Morgens niedergebrannten Stadtviertels zu führen.
    In diesem Augenblick begegnete man dem Fürsten von Eckmühl, der, obgleich an der Moskwa verwundet, sich mitten durch die Flammen tragen ließ, um den Kaiser zu retten oder mit ihm zu sterben. In seiner Freude warf er sich in die Arme des Kaisers, der ihn zwar gut, aber doch mit der Ruhe aufnahm, die ihn in der Gefahr nie verließ.
    Um vollends aus diesem Gebiete des Schreckens zu kommen, mußte Napoleon erst noch die Spitze eines langen, durch die Brandstätte ziehenden Pulvertransports gewinnen. Das war zwar nicht die kleinste, jedoch für heute die letzte seiner bestandenen Gefahren; mit sinkender Nacht langten wir in Petrowsky an.
    Den nächsten Morgen, am 17. September, warf Napoleon seine ersten Blicke auf Moskau in der Hoffnung, daß sich der Brand etwas gelegt haben werde; allein er sah ihn noch in seiner vollen Wut: die ganze Stadt erschien ihm als eine ungeheure Feuerhose, die sich wirbelnd bis zum Himmel schwang und diesen hochrot färbte. In diesen schrecklichen Anblick versunken, brach er ein langes und tiefes Stillschweigen mit dem Ausrufe: »Dies verkündet uns großes Unglück!«
    Für die Eroberung von Moskau hatte er alle seine Hilfsmittel verbraucht; Moskau war das einzige Ziel seines Strebens und seiner Hoffnungen gewesen, und jetzt verschwindet dieses Moskau unter seinen Augen von der Erde. Was soll er nun tun?

Ségur, Philippe Paul Graf von
Die Geschichte Napoleons und der Großen Armee während des Jahres 1812
Band 2, Stuttgart 1825

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