Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1879 - Reinhold Graf Anrep-Elmpt
Der Graf und die Kelly-Gang
Bei Wodonga

Erst ritt ich über zahlreiche Brücken und Dämme der Sümpfe des Murray bis Wodonga, dem Terminus der Victoria-Bahn-Linie, die Melbourne bald ununterbrochen durch Dampf mit Sydney verbinden wird. Die Wodonga-Bahn-Station liegt 537 Fuß über dem Meeresspiegel, 187 Meilen Bahn von Melbourne entfernt.
    Der Ort ist klein, auf hügeligem Buschterrain erbaut, hat nur eine lange Straße, liegt im County Bogong, im Distrikt Murray, am Wodonga Creek, einem Arm des Murray. Die Verbindung der Bahnstation mit Albury bewerkstelligen vice versa stündlich Omnibusse und sogenannte Town-Busses (Stadtwagen). Wodonga besitzt sechs Hotels, zwei Bankfilialen, vier Versicherungsfilialen, vier Kirchen, darunter auch eine lutherische, zwei Mahlmühlen, ein paar Sägemühlen, auf der Höhe eine Brauerei, eine öffentliche Schule und eine von Privaten gehaltene, ein Zollamt, einige Häuser, in welchen die Handeltreibenden, Handwerker, Fruchthändler, Agenten, Auktionäre und Wucherer sich niedergelassen haben, einige hier und da zerstreut liegende Cottages und Hütten.
    Der Ort, als der Terminus der Bahn, zeigte natürlich ein regeres Leben und Treiben, welches ihm möglicherweise nicht vollständig genommen werden wird, da es ein Grenzort bleiben wird, auch nachdem die Verbindung der Bahn mit der von New South Wales bewerkstelligt ist.
    Nachdem ich mich im Imperial-Hotel mit einem Frühstück gekräftigt hatte, verließ ich den langgestreckten Ort, in Sicht des rechts von mir liegenden zierlichen Bahnhofs, mich in dem lichten dürren Wald verlierend, der hin und wieder in den bergigen Strecken und den Schluchten der zahlreichen Creeks recht malerische, wild pittoreske, dichte, hochschießende Gestrüpp- und Buschpartien entfaltet und der den gegenwärtigen Aufenthalt der Räuberbande des Ned Kelly bildete.
    Mein Weg, meist steigend, dann kurvenreich, war oft recht steil und im allgemeinen ein schlechter Buschpfad über Geröll und Wurzelgeflecht und trotz der verfallenen liederlichen Farmen oder Niederlassungen mit ihren meist düsteren Hütten, die hier und da isoliert im Gebüsch zu sehen waren und die ohne Ausnahme leblos erschienen, war die Gegend eine höchst unheimlich-wilde, verödete zu nennen.
    Gegen 12 Uhr kamen aus dem Gebüsch zwei Reiter auf mageren, jedoch kräftigen Pferden auf mich zugeritten, die mit dem Ruf: »Hallo old man« mir winkten anzuhalten.
    Der eine der Reiter war ein gutaussehender breitschultriger Gentleman mit kurzgehaltenem Bart, in regelrechtem Reiteranzuge des Landes, das heißt im wollenen, bunten Hemde bester Qualität, in Beinkleidern aus festem Stoff, die sich in vorzügliche hohe Stulpstiefel verliefen; ein kräftiger Gurt aus Leder umfaßte seine Taille, und in demselben sah man ein paar gut gehaltene Revolver; sein Haupt deckte ein fester, jedoch sichtbar verschiedenstem Wetter ausgesetzt gewesener Filzhut mit breitem Rande und in verschiedenartigste Falten geknüllt; der Sattel deutete ebenfalls auf eine kernige Bewaffnung. Sein Begleiter war höher von Wuchs, nachlässiger gekleidet und mit hageren Gesichtszügen, in denen die deutlichen Spuren eines unruhigen Gewissens zu erkennen waren.
    Im ersten Augenblick glaubte ich zwei Troopers (Gendarmen), denen ich gewöhnlich im gleichen Anzuge hin und wieder im Busch begegnet war, zu sehen.
    Ihr freundliches Aussehen, oder richtiger gesagt, der freundliche Ausdruck, mit welchem der erstbeschriebene mich anredete, entfernte jegliches Mißtrauen, und ich hielt. Sie näherten sich, und der mich Anredende stellte Fragen in militärisch kurzer Art und Weise darüber, von wo ich käme, wohin ich reite, wen ich auf dem Wege gesehen, was ich in Albury und Wodonga gehört und bemerkt hätte.
    Nachdem ich den vielen Fragen Antwort gegeben und der Erstbeschriebene, wie es schien, befriedigt über meine Aussagen, seinen Begleiter mit lächelndem Blick angesehen hatte, sagte er heiter: »Well old man, come have some lunch!«, das heißt: »Komm, alter Mann, auf einen Imbiß!«
    Ich folgte ihnen in das Gebüsch, wo auf einer kleinen Fläche, umgeben von dichtem Gestrüpp, an einem Creek ein kleines Feuer brannte. Es wurden famoser »Whisky« aus der Flasche, kaltes Salzfleisch bester Qualität, sogar Brot mit Butter und Tee aus Blechkannen genossen. Während des Speisens wurden mir neue Fragen gestellt und das namentlich über die Gendarmerie und was ich von den Gebrüdern Kelly gehört hätte.
    Als ich gesättigt war, begleitete mich der Erstbeschriebene bis zum Weg, und als wir denselben erreichten, fragte er mich lächelnd: »You'll be frightened to see the Kellys in the bush? Ha!«, das heißt: »Ihr würdet erschrecken, die Kellys im Busch zu treffen? He!« »Nein«, antwortete ich, »denn ich habe nichts Wertvolles für die, und außerdem ist mir bewußt, daß diese Bande nur auf die Plünderung der Banken und auf die Tötung der Glieder der Polizei ihr Wesen beschränkt und die Wanderer unbelästigt läßt.« Hierauf antwortete er mir hastig: »Goddam you believe right, the Kellys not so blood-thirsty, how some bloody mob believe, I am Ned Kelly self and I tell you, that I seek only bloody revenge for damned bloody bloodshed! Good being old man!«, das heißt: »Gott verdamm! Ihr habt recht, die Kellys sind nicht so blutdürstig, wie gewisses Volk es glauben will. Ich bin Ned Kelly selber, und ich sage euch, daß ich nur blutige Rache suche für blutiges Blutvergießen.« Und nun Wohlbefinden mir wünschend, folgte er seinem schon zu Pferde sitzenden Bruder Dan Kelly in den Busch, der das Feuer während der Zeit sorgsam ausgelöscht und jede Spur desselben vernichtet hatte.
    Daß mir die Nachricht, den in der Gegend Gefürchteten an der Seite gehabt zu haben, sehr angenehm war, kann ich nicht sagen, und unwillkürlich schaute ich mich während meines Weiterrittes in alle Richtungen um, denn ein Mann, der es verstand, ganze Ortschaften mit nur gewöhnlich drei Begleitern zu belagern und tagelang die Bewohner in derselben gefangen zu halten, nachdem er die Polizei des Ortes geknebelt und die Telegraphenverbindungen zerstört, ist zu jeder Tat fähig, obgleich faktisch die Bande den Ruf genießt, nur Banken - und das meisterhaft - zu plündern und die Glieder der Polizei zu morden, sonst die übrigen nur mit Drohungen und mit Furcht zu quälen.
    Trotz der vereint wirkenden Polizei der Kolonien New South Wales und Victoria, trotz des lichten Bestandes der Waldungen konnte man bis damals diese Bande mit ihrer geringen Zahl nicht meistern. Ihr Aufenthalt war in der Back Range, ein Gebirge, über das ich ritt, das wild und zerklüftet und an Wasser reich war.
    Während Monaten verbreitete sich die bestimmte Nachricht, daß die Brüder in das Innere des Landes verschwunden seien; sogar die, daß sie längst nach Kalifornien abgezogen wären. Es trafen sogar Nachrichten aus Kalifornien ein, die da bestätigten, daß der gefürchtete Irländer daselbst Farmer geworden und seine Mutter und seine Schwester, die Kate, die hier ihrer Tapferkeit wegen berühmt geworden und eigentlich die Ursache der Rache des Bruders gegen die Polizei war, zu sich kommen lasse.
    Da plötzlich fand wieder eine gelungene Knebelung der Beamten irgendeiner Bank und die Entführung der Kassa durch die Bande statt, die sofort nach der Tat, trotz Umzingelung und Durchstreifen der Gegend, wieder gleich wie verschollen war. Das Verschwinden derselben für längere Zeit wurde ihr dadurch ermöglicht, daß namentlich hier, auf der Strecke von Wodonga bis Beechworth, die Pächter und Ansiedler meist Irländer waren, die sie mit allem Erforderlichen versorgten, oft beherbergten und die Nachricht verbreiteten, daß sie nicht mehr im Lande sei, und die Bande von jeder Bewegung der Polizei benachrichtigten. Die Farmer und Ansiedler, die sie nicht unterstützen wollten, schwiegen in Folge der sie einschüchternden Drohungen.
    Dieses unerwartete Abenteuer hatte mich eine gute Stunde Zeit gekostet und hätte leicht ungemütlicher als mit einem nichts weniger als schlechten Lunch ausfallen können.

Anrep-Elmt, Reinhold Graf
Australien – Eine Reise durch den ganzen Welttheil
Band 2, Leipzig 1886

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Australien 1623-1990
Wien 2000

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