Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1772 - Georg Forster
Begegnungen mit Einheimischen im Dusky Sound
Neuseeland Südinsel

Wir kamen wir an einer Insel vorbey, die eine weit hervorragende Felsenspitze hatte, auf welcher wir einen Menschen sehr laut rufen hörten. Da dies niemand anders als einer von den Eingebohrnen seyn konnte, so nannten wir diese Insel Indian-Island, d. i. Indianer-Insel, und näherten uns dem Ufer derselben, um zu erfahren, von wem die Stimme herkäme. Als wir weiter heran kamen, entdeckte man, daß es ein Indianer war, der mit einer Keule oder Streit-Axt bewafnet, auf der Felsenspitze stand, und hinter ihm erblickte man in der Ferne, am Eingang des Waldes, zwo Frauenspersonen, deren jede einen Spieß in der Hand hielt. Sobald wir mit dem Boot bis an den Fus des Felsen hingekommen waren, rief man ihm in der Sprache von Taheiti zu: Tayo Harre ma'i, d. i. Freund komm hier! Allein das that er nicht, sondern blieb an seinem Posten, auf seine Keule gelehnt stehen und hielt in dieser Stellung eine lange Rede, die er bey verschiednen Stellen mit großem Nachdruck und Heftigkeit aussprach, und alsdenn zugleich die Keule um den Kopf schwenkte. Da er nicht zu bewegen war näher zu kommen, so gieng Capitain Cook vorn ins Boot, rief ihm freundlich zu und warf ihm sein und andrer Schnupftücher hin, die er jedoch nicht auflangen wollte. Der Capitain nahm also etliche Bogen weiß Papier in die Hand, stieg unbewaffnet auf dem Felsen aus und reichte dem Wilden das Papier zu. Der gute Kerl zitterte nunmehro sichtbarer Weise über und über, nahm aber endlich, wiewohl noch immer mit vielen deutlichen Merkmalen von Furcht, das Papier hin. Da er dem Capitain jetzt so nahe war, so ergrif ihn dieser bey der Hand und umarmete ihn, indem er des Wilden Nase mit der seinigen berührte, welches ihre Art ist sich unter einander zu begrüßen. Dieses Freundschaftszeichen benahm ihm mit einemmale alle Furcht, denn er rief die beyden Weiber zu sich, die auch ungesäumt herbey kamen, indeß daß von unsrer Seite ebenfalls verschiedne ans Land stiegen, um dem Capitain Gesellschaft zu leisten. Nunmehro erfolgte zwischen uns und den Indianern eine kleine Unterredung, wovon aber keiner etwas rechtes verstand, weil keiner in des ändern Sprache hinreichend erfahren war. Herr Hodges zeichnete gleich auf der Stelle einen Umriß von ihrer Gesichtsbildung und aus ihren Minen ließ sich abnehmen, daß sie begriffen was er vor hatte. Sie nannten ihn desfalls toa-toa, welches Wort vermuthlich eine Beziehung auf die bildenden Künste haben mußte. Der Mann hatte ein ehrliches gefälliges Ansehen, und die eine von den beyden Frauenspersonen, die wir für seine Tochter hielten, sähe gar nicht so unangenehm aus als man in Neu-Seeland wohl hätte vermuthen sollen, die andre hingegen war ausnehmend häßlich und hatte an der Ober-Lippe ein ungeheures garstiges Gewächs. Sie waren alle dunkelbraun oder Olivenfarbicht, hatten schwarzes und lockichtes Haar, das mit Öhl und Rothstein eingeschmiert, bey dem Mann oben auf dem Wirbel in einen Schöpf zusammen gebunden, bey den Weibern aber kurz abgeschnitten war. Den Obertheil des Cörpers fanden wir wohl gebildet; die Beine hingegen außerordentlich dünne, übel gestaltet und krumm. Ihre Kleidung bestand aus Matten von Neu-Seeländischen Flachs und war mit Federn durchwebt. In den Ohren trugen sie kleine Stücke von Albatros-Haut, mit Röthel oder Ocher gefärbt. Wir boten ihnen einige Fische und Endten an, sie warfen solche aber zurück und gaben uns zu verstehen, daß sie keinen Mangel an Lebensmitteln hätten. Die einbrechende Nacht nöthigte uns von unsern neuen Freunden Abschied zu nehmen, wir versprachen ihnen aber, sie morgen wieder zu besuchen. Der Mann sah uns bey der Abfahrt in ernsthafter Stille und mit einer Aufmerksamkeit nach, die tiefes Nachdenken anzuzeigen schien; die jüngste Frauensperson hingegen, die während unsrer Anwesenheit in einem fort und mit so geläufiger Zunge geplaudert hatte, als sich keiner von uns je gehört zu haben erinnern konnte, fieng nunmehro an zu tanzen, und fuhr fort eben so laut zu seyn als vorher. Unsre Seeleute erlaubten sich dieses Umstandes halber einige grobe Einfälle auf Kosten des weiblichen Geschlechts, wir aber fanden durch dieses Betragen die Bemerkung bestätigt, daß die Natur dem Manne nicht nur eine Gespielin gegeben, seine Sorgen und Mühseligkeiten zu erleichtern, sondern daß sie dieser auch, durchgehends, die Begierde eingepflanzt habe, vermittelst eines höhern Grads von Lebhaftigkeit und Gesprächigkeit zu gefallen. In Capitain Cooks gedruckter Reise-Geschichte findet man diese kleine Familie nebst der Gegend, in welcher sich die vorgedachte Scene zutrug, überaus schön und richtig abgebildet.
    Am folgenden Morgen kehrten wir zu den Indianern zurück und brachten ihnen allerhand Sachen, die wir zu Geschenken, vom Schiffe aus, für sie mit genommen hatten. Der Mann bewieß bey dieser Gelegenheit ungleich mehr Verstand und Beurtheilungskraft als man bisher unter seinen übrigen Landsleuten und unter den mehresten Einwohnern in den Süd-See-Inseln angetroffen hatte, denn er begrif nicht nur, gleich beym ersten Anblick, den vorzüglichen Werth und Gebrauch der Beile und großen Nägel, sondern er sah auch überhaupt alles mit Gleichgültigkeit an, was ihm keinen wahren Nutzen zu haben schien. Bey diesem Besuch machte er uns mit seiner ganzen Familie bekannt. Sie bestand aus zwo Frauenspersonen, die wir für seine Weiber hielten; dem obgedachten jungen Mädchen; einem Knaben von ohngefähr funfzehen Jahren und drei kleinen Kindern, wovon das jüngste noch an der Brust war. Man konnte es sehr deutlich merken, daß der Mann die Frau mit dem Gewächs an der Oberlippe gar nicht achtete, welches vermuthlich wegen ihrer unangenehmen Gestalt geschahe. Sie führten uns bald darauf nach ihrer Wohnung, die nur wenige Schritt weit im Walde, auf einem kleinen Hügel lag und in zwo schlechten Hütten bestand, die aus etlichen zusammen gelehnten Stangen aufgebauet und mit trocknen Blättern der Flachspflanze gedeckt waren, über welche sie Baum-Rinden hergelegt hatten. Um uns Gegengeschenke zu machen, ließen sie es sich verschiedne Zierrathen und Waffen, vornemlich einige Streit-Äxte kosten, doch erstreckte sich ihre Freygebigkeit nicht bis auf die Speere, die ihnen folglich wohl das liebste und kostbarste seyn müssen. Als wir abfahren wollten, kam der Mann an den Strand herab und schenkte dem Capitain Cook eine Kleidung von Matten, aus Flachs gewebt, einen Gürtel, der von Gras geflochten war, einige aufgereihete corallenförmige Kügelchen, die aus kleinen Vogelknochen gemacht waren, und verschiedne Albatros-Häute. Wir glaubten anfänglich, daß dies alles noch Gegengeschenke seyn sollten, allein, er zog uns bald aus dem Irrthum, indem er ein großes Verlangen äußerte, einen von unsern Boot-Mänteln (dergleichen sogenannte Boot-Mäntel sind so groß und weit, daß man sie einigemal um den Leib schlagen kann) zu haben. Indessen waren wir nicht gefällig genug, Kleidungsstücke weg zu geben, die wir nicht wieder anschaffen konnten, doch ließ der Capitain, so bald wir an Boord zurück kamen, gleich einen großen Mantel von rothen Boy (bailze) in Arbeit nehmen, um dem Manne bey unserm nächsten Besuch ein Geschenk damit zu machen. Am folgenden Morgen konnten wir des Regens wegen nicht zu ihm gehen; als sich aber Nachmittags das Wetter aufzuklären schien, fuhren wir nach der Indianer-Insel hin. Da sie wußten, daß wir sie besuchen wollten, so befremdete es uns, daß sich keiner von ihnen zur Bewillkommung am Strande sehen ließ, noch mehr aber, daß so gar auf unser Rufen nicht einmal Antwort erfolgte. Wir stiegen indessen ans Land, und wanderten unter allerhand Muthmaßungen nach ihrer Wohnung, woselbst wir die Ursach dieses unerwarteten Betragens bald gewahr wurden. Sie bereiteten sich nemlich, uns in allem ihrem Schmuck und Staat zu empfangen. Einige waren schon völlig geputzt; andre hingegen noch damit beschäftigt. Sie hatten sich gekämmt und die Haare, mit Öl oder Fett eingeschmiert, auf der Scheitel zusammen gebunden, auch weiße Federn oben in den Schöpf gesteckt. Einige trugen dergleichen Federn, an eine Schnur aufgereihet, um die Stirn gebunden; und andre hatten Stücke von Albatros-Fell, auf welchen noch die weißen Dunen saßen, in den Ohren. In diesem Staate erhoben sie bey unsrer Ankunft ein Freudengeschrey und empfingen uns stehend mit mannigfaltigen Zeichen von Freundschaft und geselligem Wesen. Der Capitain, welcher den neuen Mantel von rothen Boy selbst umgenommen hatte, zog solchen aus und überreichte ihn dem Manne, der so höchlich darüber erfreut war, daß er sogleich ein Pattu-Pattu oder eine kurze, flache Streit-Axt, von einem großen Fischknochen verfertigt, aus seinem Gürtel zog, und dem Capitain ein Gegengeschenk damit machte. Wir versuchten es, uns in eine Unterredung mit ihnen einzulassen, und hatten zu dem Ende den Corporal Gibson von den See-Soldaten mit uns genommen, weil dieser von der Landes-Sprache:;mehr als sonst Jemand an Boord verstehen sollte (Er war in der Sprache von O-Taheiti besonders erfahren; und zwischen dieser und der Sprache von Neu-Seeland, ist nur ein solcher Unterschied als zwischen zwey Dialecten zu seyn pflegt); allein, wir konnten demohngeachtet nicht zu Stande kommen, denn es schien diese Familie eine besonders harte, und daher unverständliche Aussprache zu haben. Wir nahmen also Abschied von ihnen und beschäftigten uns den Rest des Tages über, verschiedne Theile der Bay in einen Riß zu bringen, neben her ein wenig fischen oder Vögel zu schießen, und zwischen den Felsen, Muscheln nebst andern See-Cörpern aufzulesen.
    Gegen Abend kehrten wir, mit unsern heutigen Entdeckungen überaus zufrieden, an Bord zurück. Bey der Ankunft daselbst erzählte man uns, daß die indianische Familie, welche wir des Morgens in ihrem größten Staat nach der Bucht hatten hineinrudern sehen, sich nach und nach, aber mit großer Behutsamkeit, dem Schiffe genähert habe. Capitain Cook war ihnen in einem Boot entgegen gegangen, hatte sie aber nicht bewegen können an Bord des Schiffs zu kommen, und mußte sie daher ihrem eignen Willen überlassen. Dieser führte sie, nicht lange nachher, in eine kleine Bucht nahe bey der unsrigen, allwo sie sich, dem Schiffe gegenüber, ans Ufer setzten, und so nahe waren, daß man sie hören und sprechen konnte. Der Capitain ließ die Queerpfeife und den Dudelsack spielen und dazu trommeln, allein auch dies konnte sie nicht näher locken, denn aus dem Pfeifen schienen sie sich gar nichts zu machen, und auf das Trommeln achteten sie eben so wenig. Da solchergestalt nichts vermögend war sie an das Schiff zu bringen, so ruderten verschiedne Officiere und Seeleute zu ihnen herüber. Die Wilden nahmen sie mit treuherzigem Wesen auf, aber alle Versuche durch Zeichen mit ihnen zu reden, waren vergebens, denn keiner von beyden Theilen konnte sie dem ändern verständlich genug machen. Das Mädchen hatte anfänglich eine besondre Neigung und Zudringlichkeit zu einem jungen Matrosen gezeigt, den sie, ihrem Betragen nach, für eine Person ihres Geschlechts zu halten schien. Ob er sich aber in der Folge unschickliche Freyheiten genommen, oder ob sie eine andre Ursach zur Unzufriedenheit über ihn gehabt, wissen wir nicht; genug sie wollte ihm nachher nie erlauben ihr wieder nahe zu kommen. Da die Indianer bey unsrer Zurückkunft noch an dem angezeigten Ort ohnweit dem Schiffe waren, so giengen auch wir zu ihnen ans Land. Der Mann verlangte, daß wir uns neben ihn setzen sollten, und zeigte mehrmahlen auf unsre Boote, die zwischen dem Schiff und dem Lande ab- und zu giengen, als ob er Lust hätte, auch eins zu besitzen. Da ihm aber hierinn nicht gewillfahret werden konnte, so gaben wir uns eben keine besondre Mühe zu erfahren, ob sein Deuten diese oder eine andere Meynung gehabt habe. Nach einiger Zeit machten sie, ohngefähr 100 Schritte weit von unserm Wasserplatz, ein Feuer an, und bereiteten sich einige Fische zum Abendbrod, blieben auch die ganze Nacht über auf dieser Stelle, welches uns, als ein deutliches Merkmahl ihres gänzlich unbesorgten Vertrauens zu uns, nicht wenig gefiel.
    Das gute Wetter veranlaßte unsre guten Freunde, die Wilden, uns einen abermaligen Besuch zu machen. Sie schlugen ihr Quartier auf demselbigen Platze auf, wo sie sich vor acht Tagen hingelagert hatten; und als man sie abermals bath an Boord zu kommen, so versprachen sie es auf folgenden Tag. Mittlerweile aber zankten sie sich untereinander. Der Mann schlug die beyden Frauenspersonen, die wir für seine Weiber hielten; das Mädchen hingegen schlug ihn und fieng darauf an zu heulen. Wir konnten die Ursach ihres Gezänks nicht ausmachen; wenn aber das Mädchen des Mannes Tochter war, welches wir eben so wenig ausfündig zu machen im Stande gewesen sind, so muß man in Neu-Seeland sehr verworrne Begriffe von den Pflichten der Kinder haben; oder vielmehr, welches vielleicht der Wahrheit am nächsten kommt, diese einsam lebende Familie handelte gar nicht nach Grundsätzen und überlegter Ordnung, die gemeiniglich nur das Werk gesitteter Gesellschaften sind; sondern sie folgte in allen Stücken gerade zu der Stimme der Natur, die sich gegen jede Art von Unterdrückung empört.
    Des Morgens schickte der Mann die beyden Weiber mit den Kindern im Canot auf den Fischfang aus; für seine Person aber machte er Anstalt, mit dem Mädchen uns an Bord zu besuchen. In dieser Absicht kamen sie beyde von jener Seite der Bucht nach dem Gerüst oder Brücke hin, die zum Schiffe herauf führte. Von hieraus brachte man sie zuerst nach einem nahe gelegenen umzäunten Fleck auf dem Berge, um ihnen die Ziegen und Schaafe zu zeigen. Sie schienen bey dem Anblick dieser Thiere sehr erstaunt und wünschten solche zu besitzen; da wir aber wußten, daß es hier nirgends Futter für sie gab, so konnte man ihnen darinn nicht willfahren, ohne das Vieh geradezu hinzuopfern. Als sie von dort zurück kamen, gieng ihnen Capitain Cook und mein Vater [Reinhold Forster] auf der Brücke entgegen; und der Mann schenkte beyden, nachdem er sie, wie gewöhnlich, bey der Nase begrüßt hatte, eine neue Kleidung oder vielmehr ein Stück Zeug, das aus Fibern von der Flachs-Pflanze geflochten, auch mit Papageyen-Federn artig durchwebt war; dem Capitain aber gab er noch überdies ein Stück Lapis nephriticus, oder Neu-Seeländischen grünen Talkstein, der wie die Klinge eines Beils geschliffen war. Ehe er einen Fus auf die Brücke setzte, trat er seitwärts, steckte ein Stück von einer Vogelhaut, an welcher noch weiße Federn saßen, statt eines Gehänges, in das eine Ohr und brach von einem Busche einen grünen Zweig ab. Mit diesem in der Hand gieng er nunmehro vorwärts; stand aber still, als er so weit gekommen war, daß er die Seitenwände des Schiffes eben erreichen konnte und schlug an diese, so wie an das daran befestigte Tauwerk des Hauptmastes, zu wiederholtenmalen mit dem grünen Zweige. Hierauf fieng er an, eine Art von Anrede- oder Gebeths- oder Beschwörungs-Formel, gleichsam im Tacte, als nach einem poetischen Sylbenmaaß, herzusagen, und hielt die Augen unverrückt auf die Stelle geheftet, welche er zuvor mit dem Zweige berührt hatte. Er redete lauter als gewöhnlich und sein ganzes Betragen war ernsthaft und feyerlich. Während dieser Ceremonie, welche ohngefähr 2 bis 3 Minuten dauerte, blieb das Mädchen, die sonst immer lachte und tanzte, ganz still und ernsthaft neben ihm stehen, ohne ein Wort dazwischen zu sprechen. Bey Endigung der Rede schlug er die Seiten des Schiffs nochmals, warf seinen Zweig zwischen die Wandketten und stieg sodann an Bord. Diese Art feyerliche Anreden zu halten, und wie wir's auslegten, Frieden zu stiften, ist bey allen Völkern der Südsee üblich. Beyde, der Mann und das Mädchen, hatten Speere in den Händen, als sie aufs Verdeck des Hintertheils (Quarterdeck) gebracht wurden. Hier bewunderten sie alles was ihnen vorkam, besonders zogen etliche Gänse, die in einem Gegitter eingesperrt waren, ihre ganze Aufmerksamkeit an sich. Auch machten sie sich viel mit einer schönen Katze zu schaffen, streichelten sie aber immer verkehrt, daß die Haare in die Höhe zu stehen kamen, ob ihnen gleich gezeigt wurde, wie man sie eigentlich streichen müsse. Doch thaten sie es vermuthlich, um das schöne dickgewachsene Haar dieses Thieres zu bewundern. Der Mann sähe alles, was ihm neu war, mit Erstaunen an; allein seine Aufmerksamkeit verweilte nie länger als einen einzigen Augenblick bey einem und demselben Gegenstande, daher ihm auch viele unsrer Kunstwerke eben so unbegreiflich als die Werke der Natur vorgekommen seyn müssen. Die vielfach auf einander gebauten Verdecke (Stockwerke) unsres Schiffs und die feste Bauart dieser und andrer Theile desselben erregten seine Bewundrung mehr denn alles übrige. Als das Mädchen Herrn Hodges antraf, dessen Arbeit ihr bey der ersten Zusammenkunft so wohlgefallen, schenkte sie ihm ein Stück Zeug von eben der Art als der Capitain und mein Vater von dem Manne bekommen hatten. Die Gewohnheit, Geschenke zu machen, ist sonst, in anderen Gegenden von Neu-Seeland, nicht so gemein als in den kleinern Inseln zwischen den Wende-Zirkeln; es schien aber diese Familie sich überhaupt weniger nach den allgemeinen Gebräuchen ihrer Nation zu richten, als vielmehr sich in jedem einzelnen Fall so zu betragen, wie ihre ehrliche Gemüthsart und die Klugheit es ihnen, ihrer Lage nach anriethen, in Betracht welcher sie sich in unsrer Gewalt befanden. Wir nöthigten sie in die Cajütte, und nach langer Beratschlagung ließen sie sichs endlich gefallen die Treppe herunter zu steigen. Hier bewunderten sie nun alles und jedes, vornemlich aber den Gebrauch der Stühle, und daß sie von einer Stelle an die andre gebracht werden konnten. Der Capitain und mein Vater schenkten ihnen Beile und andre Dinge von geringerm Werth. Letztere legte der Mann auf einen Haufen beysammen und würde sie auch beym Abschiede dort haben liegen lassen, wenn man ihn nicht daran erinnert hätte; Beile und große Nägel hingegen ließ er nie aus den Händen, so bald man sie ihm einmal gegeben hatte. Als sie sahen, daß wir uns zum Frühstück nieder ließen, setzten sie sich neben uns, waren aber durch kein Bitten zu bewegen, das geringste von unserm Essen zu kosten. Sie erkundigten sich vornemlich wo wir schliefen; der Capitain führte sie deshalb nach seiner Hangmatte (cot) die noch ausgespannt da hing und ihnen viel Freude machte. Aus der Cajütte giengen sie nach dem zweyten Verdeck herab in des Constabels-Cammer; und als sie auch da einige Geschenke erhalten, kamen sie zum Capitain zurück. Nun zog der Mann ein kleines ledernes Beutelchen, vermuthlich von Seehund-Fell, hervor, und steckte unter vielen Ceremonien die Finger hinein, um dem Capitain mit Öhl oder Fett den Kopf zu salben; diese Ehre ward aber verbethen, weil die Salbe unsern Nasen sehr zuwider war, ob sie gleich von dem ehrlichen Mann für ungemein wohlriechend und als seine köstlichste Gabe angesehen werden mogte. Der schmutzige Beutel machte sie noch ekelhafter. Herr Hodges kam indessen nicht so gut weg; denn das Mädchen, welches einen in Öhl getauchten Federbusch an einer Schnur vom Halse herab hängen hatte, bestand darauf, ihn damit auszuputzen und aus Höflichkeit gegen ihr Geschlecht konnte er das wohlriechende Geschenk ohnmöglich von sich weisen. Wir überließen es ihnen nunmehro, sich in den übrigen Theilen des Schiffes nach eignem Gefallen umzusehen.

Forster, Georg
Reise um die Welt
Berlin 1784
Nachdruck Frankfurt/M. 1967

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