Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1897 - Mark Twain
Cup Day in Melbourne

Melbourne erstreckt sich über eine immens große Fläche. Es ist eine prächtige Stadt, sowohl von der Architektur her als auch von der Größe. Es hat ein ausgeklügeltes Straßenbahnsystem, Museen, Hochschulen und Schulen, Parks, elektrischen Strom und Gas, Büchereien und Theater, Zentren für Bergbau und Wolle, Zentren für Kunst und Wissenschaft, Wirtschaftsverbände und Schiffe und Eisenbahnen und einen Hafen und gesellige Vereine und Journalistenvereine und Rennvereine und einen Verein der Siedler mit einem aufwendigen Haus und so viele Kirchen und Banken, wie ein Auskommen finden können. Mit einem Wort, es hat alles, was eine moderne, große Stadt ausmacht. Es ist die größte Stadt in Australien und füllt diese Position mit Ehre und Würde aus.
    Es gibt eine Besonderheit, die mit nichts vergleichbar ist. Die Stadt ist der Oberpriester des Kultes der Pferderennen. Der Rennplatz ist das Mekka Australiens. Am höchsten Feiertag dieses Kultes, der sich jährlich wiederholt, am fünften November, Guy Fawkes Day, kommen alle Geschäfte zum Erliegen - in einem Gebiet zu Luft und zu Wasser, das so breit ist wie von New York nach San Francisco und so weit wie von den nordamerikanischen Seen bis zum Golf von Mexiko. Und jeder, Mann wie Frau, von hohem Rang oder niedrigem Stand, der sich die Ausgaben leisten kann, läßt Arbeit Arbeit sein und kommt. Zwei Wochen vor dem großen Tag fangen sie an, per Schiff und Eisenbahn einzufallen; und jeden Tag wird der Schwarm dichter und dichter, bis alle Verkehrsmittel an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gekommen sind und Hotels und Gasthäuser aus allen Nähten platzen.
    Gut unterrichtete Kreise behaupten, sie kämen zu Hunderttausenden; sie füllen die weitläufigen Anlagen und Tribünen und bieten einen Anblick, den es sonst in Australien nicht gibt.
    Es ist der Melbourne Cup, der diese Massen zusammenbringt. Die Kleidung ist seit langem ohne Rücksicht auf die Kosten bestellt, maßlos in Schönheit und Pracht, und wurde bis jetzt verborgen gehalten, denn bis zu diesem Tag war sie heilig. Ich spreche von den Kleidern der Damen, aber das versteht sich wohl von selbst.
    Und so bieten die Tribünen ein brillantes und wunderbares Spektakel, einen Traum von Farben, eine Vision der Schönheit. Der Champagner fließt, jeder ist lebhaft, aufgeregt und glücklich. Jeder wettet, und große Summen gehen von Hand zu Hand. Tag für Tag gibt es Rennen, und Spaß und gute Laune schäumen über; und wenn ein Tag vorbei ist, tanzen die Leute die Nacht durch, damit sie für das Rennen am nächsten Morgen gleich da sind. Und am Ende der großen Woche buchen sie in Scharen Unterkunft und Reise für das nächste Jahr, machen sich auf den Rückweg zu ihrem weit entfernten Heim, berechnen Gewinn und Verlust, bestellen die Kleider für den Cup im nächsten Jahr, legen sich dann für zwei Wochen schlafen, stehen wieder auf und denken traurig daran, daß sie irgendwie ein ganzes Jahr hinter sich bringen müssen, bevor sie sich wieder richtig vergnügen können.
    Der Tag des Melbourne Cup ist der australische Staatsfeiertag. Man kann seine Bedeutung kaum überschätzen. Er überschattet alle anderen Feiertage, welcher Art auch immer, in dieser Ansammlung von Kolonien [Australien bestand bis 1900 aus mehreren einzelnen Kolonien.] Er überschattet sie? Er läßt sie einfach verschwinden; jeder Feiertag findet Beachtung, aber nicht bei jedermann; jeder erweckt Interesse, aber nicht bei jedermann; jeder führt zu Begeisterung, aber nicht bei jedermann; immer ist Beachtung, Interesse und Begeisterung zum einen eine Sache der Gewohnheit und des Brauches, zum anderen wird gefeiert von Amts wegen und weil es immer so war. Cup Day, und nur Cup Day, erweckt Beachtung, Interesse und Begeisterung bei allen und von selbst, nicht aus der Gewohnheit heraus. Cup Day ist der allerhöchste - es gibt keinen vergleichbaren Tag. Ich kenne sonst keinen Feiertag in irgendeinem Land, den man mit diesem Begriff bezeichnen könnte - der allerhöchste. Ich kenne sonst keinen Feiertag in irgendeinem Land, dessen Nahen das ganze Land in einen Ausbruch von Diskussionen, Vorbereitung, freudiger Erwartung und Jubel versetzt. Keinen Tag außer diesem; dieser Tag aber kann es.

Twain, Mark
Following the Equator
Author’s National Edition – The Writings of Mark Twain
Vol. 5, New York/London o.J.
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Australien 1623-1990
Wien 2000

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!