Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1885 - John W. Eisdell
Von der Kaninchenplage und den Kaninchenjägern
New South Wales

Und jetzt will ich von den Kaninchen erzählen - diesen lieben, kleinen, harmlosen Geschöpfen, die wir als Haustiere halten: weichen, niedlichen Wesen, die unsere Pflege und Aufmerksamkeit brauchen und von uns gestreichelt und liebkost werden wollen. Was für eine Freude war es doch immer, wenn wir entdeckten, daß Nachwuchs angekommen war; und wir wurden angehalten, sie in Ruhe zu lassen und nicht zu ängstigen, damit kein Unglück geschähe. Wie eifrig beobachteten wir, wie sie größer wurden, wie stolz waren wir, wenn sie zutraulich Leckerbissen aus der Hand fraßen und wir sie auf dem Arm halten konnten. Oder wir saßen vielleicht bei Sonnenuntergang in der sanften Abendbrise auf einem Hügel und sahen zu, wie Vater und Mutter Kaninchen vorsichtig aus ihrem Bau lugten und, wenn die Luft rein war, die Familie herausriefen. Was für spaßige Spiele sie trieben! Rein und raus und rundherum hoppelten sie, fielen übereinander, sprangen hierhin und dorthin; und zum Schluß, müde vom vielen Herumtollen, verschwanden sie wieder in ihrem geheimnisvollen Bau.
    In unserer Phantasie folgten wir ihnen und sahen zu, wie eine liebevolle Mutter sie zu Bett brachte und sie mit ihrem weichen Körper wie mit einem kuscheligen Wollmantel wärmte. Und wir dachten, wie schade es doch sei, daß sie eine so gute Mahlzeit abgeben und daß der Tag kommen würde, an dem wir, in Versuchung geführt durch den Wunsch, etwas Gutes zu essen, und angespornt von dem natürlichen Drang, unseren Wagemut zu beweisen, das Gewehr anlegen und uns stolz zu unserer Treffsicherheit beglückwünschen würden.
    So etwa hat jemand gedacht, der aus dem guten alten England gekommen war zu einer Zeit, als es in Australien noch keine Kaninchen gab. Er bestellte in England einige Tiere, aus denen Väter und Mütter werden sollten, und so kamen sie ins sonnige Australien - zunächst nur nach Victoria [heute wird allgemein angenommen: nach Winchelsea, New South Wales]. In diesem gesegneten Land vermehrten sie sich bald ungeheuer, und Männer mit Gewehren schossen drauflos, aber das ganze Geschieße konnte die große Flut an Kaninchen nicht eindämmen; sie schwärmten aus ins Land, bis die Leute riefen: »Halt, genug! Die Kaninchen fressen alles Gras und alles, was wir säen! Schluß damit!« Bloß wie?
    Als ich ins Landesinnere kam, waren die Kaninchen noch nicht so weit vorgedrungen, oder zumindest gab es nur sehr wenige; so wenige, daß die Regierung von New South Wales, die die Gefahr kommen sah, eine Prämie von zehn Shilling für jedes Fell bezahlte, das zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten bei Inspektoren abgeliefert wurde. Die Regierung machte auch mehrere Vorschläge, wie man der Kaninchen am besten Herr werden könne - es war die Rede von Frettchen, Gewehren und anderen in England gebräuchlichen Methoden, aber die Kaninchen vermehrten sich weiter in großer Zahl. Es gab Leute, die mit den Prämien viel Geld verdienten, so viel, daß die Prämien mehrfach verringert wurden - bis auf einen Penny, dessen eine Hälfte der Siedler bezahlte, dessen Gras die Kaninchen fraßen, und dessen andere Hälfte die Regierung bezahlte. Aber sie wurden weiterhin mehr und mehr.
    Zu dieser Zeit steckten Kühlverfahren mit Eis selbst auf Schiffen noch in den Kinderschuhen, und im Landesinneren gab es sie nicht. Deshalb gab es keine Verwendung für das Fleisch - das wurde den Krähen zum Fraß überlassen - oder für die Felle, die nach der Zählung verbrannt wurden.
    Die Kaninchenjagd war die bestbezahlte Arbeit im Landesinneren, und Tausende von Männern gingen ihr nach. Üblich war, die Tiere mit einfachen Fallen mit einer Stahlfeder zu fangen; die Fallen wurden auf den Wechseln aufgestellt, denn die Kaninchen haben ihre bestimmten Pfade. Die Fallen wurden eingegraben und die Zacken mit Stücken von Stoff zugedeckt; dann wurde so viel Erde darübergestreut, daß sie nicht mehr sichtbar waren. Manche Männer hatten Hunde und lebten in Zeltlagern. Ich war oft in diesen Lagern und war dort immer ein willkommener Gast; oft habe ich dort Gottesdienst gehalten.
    Ich erinnere mich noch genau an alles: an die Zelte, die Bündel von Fellen, das trübe Licht der Sturmlampen und die Inbrunst, mit der sie Kirchenlieder sangen.
    Einmal im Monat kam der Regierungsinspektor an einen bestimmten Ort, und die Kaninchenjäger auch. Manche kamen in den üblichen Zweisitzern, manche in wunderschönen Kutschen, gezogen von vier Pferden mit silberbeschlagenem Zaumzeug. Die Kaninchenjäger rechneten mit mindestens 30 Shilling Tagesverdienst, und das zu Zeiten, als Nahrungsmittel billig und Ausgaben für Haus und Haushalt gleich Null waren.
    Der Inspektor zählte die Felle, seine Gehilfen setzten die Feuer in Gang, und so verschwanden Tausende von Fellen. Jeder Jäger bekam 50, 60 oder mehr Pfund, die er nicht schnell genug ausgeben konnte. Die meisten waren einfache und ungehobelte Leute, einige waren Männer von guter Herkunft, denen ihr Leben in Unordnung geraten war, und nur die wenigsten hatten vor, sich ein bißchen Kapital zusammenzusparen, um ein Haus zu bauen und eine Familie zu gründen. Daher war es nur natürlich, daß viele ihr Geld für gedankenlose und dumme Extravaganzen verschwendeten. Ich habe schon von den vierspännigen Kutschen erzählt; es gab noch mehr solche Gespanne und Überspanntheiten.
    Hier noch etwas, was ich selbst miterlebt habe: Ich war zusammen mit einem Siedler, den wenig später die Kaninchen und die Dürre völlig ruiniert haben, in einem Laden; vier Kaninchenjäger kamen hereinmarschiert. Sie grüßten meinen Freund und fragten dann nach seidenen Tüchern; die erste Auswahl war ihnen nicht fein genug, und sie fragten nach Besserem; und als der Ladeninhaber ihnen ganz besonders gute Ware zeigte, zu zehn Shilling das Stück, sagte einer: »Die sind in Ordnung, davon wollen wir ein Dutzend.« Das Dutzend wurde abgezählt, und die Jäger rissen alle Tücher in Stücke von etwa zehn Zentimeter im Quadrat. Sie fragten meinen armen Freund: »Die sind gut für die Fallen, oder?« und hielten ihm einen Haufen schimmernder Seide vor. Jeder beliebige Fetzen oder billige Baumwolle hätte den Zweck ebenso erfüllt.
    Ein anderes Mal fuhr ich gerade vor einem Hotel vor, als die Jäger von der Zähl- und Abgabestation kamen. Ich sollte mit ihnen trinken. Aus gesundheitlichen Gründen war ich schon seit langem Abstinenzler und lehnte deshalb ab, aber sie zogen mich - es war gut gemeint - von meinem Wagen in die Bar, wo ich mich überreden ließ, ein Tonic aus Sprudel und viel Chinin zu trinken. Zwölf Flaschen Champagner zu je einem Pfund und 10 Shilling und eine Flasche Tonic wurden bestellt und auf einem Tablett hereingebracht. Derjenige, der die Bestellung aufgegeben hatte, schlug dem Wirt das Tablett aus der Hand. Die Flaschen zerbarsten in einer schäumenden Flut auf dem Boden. Der Jäger sagte nur: »Wirt, noch mal das Gleiche!«
    Ich könnte noch viele Geschichten erzählen über gedankenlose und dumme Extravaganzen von Leuten, die zu viel Geld verdienen.
    Zu den Kaninchen im allgemeinen möchte ich noch etwas sagen. Zunächst möchte ich darauf hinweisen, daß die Regenfälle im Landesinneren sehr unregelmäßig sind. Es gibt schlimme Dürrezeiten, während derer die Pflanzendecke fast vollständig verschwindet und die Kaninchen Mühe haben, ihr Leben zu fristen. Was an Freßbarem übrig bleibt, ist so trocken, daß die Kaninchen Flüssigkeit brauchen, und ich habe sie gierig an einem Wasserloch trinken sehen; sogar auf Bäume klettern sie, um an die Blätter zu kommen. Es ist so warm, daß sie es nicht nötig haben, einen Bau zu graben, sondern einfach kleine geschützte Mulden oder ein Loch unter einer Wurzel aushöhlen und dort die Jungen aufziehen. Die Jungen kann man dann einfach wegnehmen, solange sie noch zu klein sind, um wegzurennen.
    Der Neuankömmling in einer kaninchengeplagten Gegend fragt natürlich, warum man die Kaninchen nicht ißt, und die übliche Antwort ist: »Warte nur ab!« Wenn man mit ihnen leben, sie töten und zu vielen Tausenden erleben muß, ekelt es einen, und der Geruch von Kaninchen widert einen an. Ich selbst habe meine Abneigung noch nicht überwunden, obwohl ich vor vierzig Jahren das Land der Kaninchenplage verlassen habe.
    Die Zeit verging, und als ich das Landesinnere verließ, schien der Kampf des Menschen gegen Kaninchen und Dürre zuungunsten des Menschen auszugehen.
    Aber dann gewann der Mensch doch infolge einer Reihe reicher Ernten und der Erfindung der Eismaschine, mit deren Hilfe man Fleisch konservieren kann; die Felle sind jetzt Grundstoff für wunderbare Dinge, und es gibt große Bewässerungsanlagen. Und so hat es der Mensch geschafft, sich die Erde durch Anwendung der guten Gaben Gottes untertan zu machen und zu seinem Nutzen zu bestellen.

Eisdell, John Warmington
Back Country or: The Cheerful Adventures of Bush Parson in the Eighties
London 1936
Übersetzung: U: Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Australien 1623-1990
Wien 2000

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!