Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1861 - John King
Tod am Cooper Creek
Die Expedition von Burke und Wills

Mr. Burke, Mr. Wills und ich erreichten das Depot am Cooper's Creek am 21. April, gegen halb acht abends, mit zwei Kamelen - mehr waren von den sechsen nicht übrig geblieben, die Mr. Burke mitgenommen hatte. Unser gesamter Vorrat bestand aus etwa 700 g Trockenfleisch. Wir stellten fest, daß die Gruppe an eben diesem Tag abgezogen war, und als wir nach Zeichen suchten, die sie vielleicht hinterlassen hatten, fanden wir den Baum, auf dem eingeritzt war „Dig [Grabt], 21. April“.
   Mr. Wills meinte, die Gruppe sei zum Darling gezogen. Wir gruben und fanden die Vorräte. Mr. Burke nahm die Papiere aus der Flasche und fragte jeden von uns, ob wir uns imstande fühlten, dem Creek zu folgen und die Gruppe einzuholen. Wir sagten nein; darauf meinte er, er hätte es für seine Pflicht gehalten, uns zu fragen, aber er selbst könne es auch nicht und habe sich zu dem Versuch entschlossen, Mount Hopeless zu erreichen, weil ihm in Melbourne gesagt worden sei, daß es dort eine Farm gäbe, weniger als 150 Meilen vom Cooper's Creek entfernt. Mr. Wills fand diesen Plan nicht gut; er wollte unseren alten Spuren folgen, stimmte aber zuletzt doch Mr. Burkes Wünschen zu. Auch ich wollte eigentlich den alten Spuren folgen. Wir blieben vier oder fünf Tage, um uns vorzubereiten, und wollten dem Creek in Etappen von vier oder fünf Meilen flußab folgen. Mr. Burke hinterließ eine Nachricht mit unseren Absichten. Auf unserem Weg den Creek hinab bekamen wir einige Fische von den Eingeborenen. Nach einiger Zeit blieb ein Kamel im Sumpf stecken, und obwohl wir den Rest dieses und einen Teil des nächsten Tages mit dem Versuch zubrachten, es zu retten, reichten doch unsere Kräfte dafür nicht mehr. Am Abend des zweiten Tages erschossen wir es, so wie es da lag. Wir schnitten so viel Fleisch ab, wie wir konnten, und lebten davon, während wir den Rest an Ort und Stelle trockneten.
   Alles, was wir nicht unbedingt brauchten, warfen wir weg und stellten die Last für das letzte Kamel zusammen; wir trugen jeder ein Bündel von etwa 11 kg. Wir folgten dann den Armen des Creeks, die nach Süden flossen und stellten fest, daß sie in erdigen Ebenen versickerten. Wir waren der Meinung gewesen, daß der Creek entlang der Route von Gregory immer Wasser führte, und als wir nun feststellten, daß alle Creeks versickerten, kehrten wir um; das Kamel war völlig erschöpft. Deshalb wollten wir ihm ein paar Tage Ruhe gönnen und dann einen neuen Versuch machen, 40 der 50 Meilen nach Süden vorzustoßen in der Hoffnung, auf den Creek zu treffen. Während der Ruhezeit des Kamels gingen Mr. Burke und Mr. Wills auf die Suche nach Eingeborenen, weil sie herausfinden wollten, wie der Nardu [Sporen eines Farnes] wächst. Sie fanden ein Lager und bekamen so viel Nardubrot und Fisch, wie sie essen konnten, konnten den Eingeborenen aber nicht verständlich machen, daß sie wissen wollten, wie man diesen Samen findet. Am dritten Tag kamen sie zurück und brachten Fisch und Nardubrot mit. Am nächsten Tag machte das Kamel einen sehr kranken Eindruck, und ich sagte zu Mr. Burke, daß es nicht länger als vier Tage am Leben bleiben könne; noch am gleichen Abend lag es im Sterben. Mr. Burke befahl, es zu erschießen. Ich erledigte das, und wir zerlegten es mit zwei zerbrochenen Messern und einer Lanzette. Wir salzten das Fleisch ein und trockneten es. Dann machte Mr. Burke einen neuerlichen Versuch, Nardu zu finden, und nahm mich mit. Wir gingen flußab in der Erwartung, die Eingeborenen noch bei ihrem Lager zu finden, mußten aber feststellen, daß sie abgezogen waren. Da wir nicht wußten, ob sie flußaufwärts oder flußabwärts gezogen waren, blieben wir über Nacht in ihren Hütten und  kehrten am nächsten Morgen zu Mr. Wills zurück.
   Am nächsten Tag gingen Mr. Burke und ich flußauf, fanden die Eingeborenen aber nicht und kehrten nach drei Tagen zurück und blieben dann drei Tage mit Mr. Wills in unserem Lager. Dann machten wir ein Versteck für all die Dinge, die wir nicht tragen konnten, und ließen 5 Pfund Reis und Fleisch dort. Dann folgten wir dem Creek flußaufwärts, bis wir zu ein paar guten Eingeborenenhütten kamen. Dort blieben wir ein paar Tage; da unserer Vorräte zur Neige gingen, meinte Mr. Burke, wir müßten etwas unternehmen, und wenn wir kein Nardu finden könnten, müßten wir hungern. Ein bißchen Trockenfleisch und Reis wollte er für den weiteren Weg zum Mount Hopeless aufheben. Wir drei waren uns einig, daß es besser wäre, einen zweiten Versuch zumachen, Mount Hopeless zu erreichen, da wir jetzt noch kräftig waren, aber die Rationen mußten gekürzt werden. Mr. Burke fragte uns einzeln, ob wir bereit seien, einen zweiten Versuch zu machen, die südaustralischen Siedlungen zu erreichen, und wir entschieden uns für den Aufbruch. Wir nahmen die restlichen Vorräte aus dem Versteck - gute zwei Pfund Hafermehl, ein bißchen Mehl, und das getrocknete Fleisch; das Fleisch, dazu Pulver und Munition und andere kleinere Gegenstände ergaben ein Bündel von jeweils etwa 14 kg  für jeden von uns; Mr. Burke trug einen Topf Wasser und ich einen zweiten. Wir waren noch nicht lange unterwegs, als wir an eine ebene Stelle kamen, wo ich eine Pflanze sah, die ich für Klee hielt. Bei näherer Betrachtung sah ich die Samen und rief den anderen zu, daß ich den Nardu gefunden hätte. Sie freuten sich sehr. Wir marschierten drei Tage und kamen an einen Wasserlauf, der vom Cooper's Creek nach Süden ging. Wir folgten ihm; er verzweigte sich und floß wieder zusammen, bis er in ebenem Gelände verschwand. Vor uns lagen Sandhügel, auf die wir zuhielten; wir liefen den ganzen Tag, fanden aber kein Wasser. Wir waren all sehr erschöpft, da unsere Rationen nur aus einem kleinen Johnny Cake und drei Streifen Trockenfleisch pro Tag bestanden. Gegen vier Uhr nachmittags lagerten wir in der Absicht, am nächsten Tag bis zwei Uhr nachmittags weiterzumarschieren und dann umzukehren, wenn wir bis dahin kein Wasser gefunden hätten. Wir machten uns auf den Weg, fanden kein Wasser, und so setzten wir drei uns hin und rasteten für eine Stunde und kehrten dann um. Wir waren uns sicher, daß wir weiter hätten kommen können, wenn es nur ein paar Tage geregnet hätte. Nach Mr. Wills Berechnung waren wir 45 Meilen vom Creek entfernt. Am Tag der Umkehr waren wir lange unterwegs und erreichten am folgenden Abend das nächstgelegene Wasser des Creek. Wir sammelten etwas Nardu und kochten die Samen, da wir nicht imstande waren, sie zu zerstoßen. Am folgenden Tag erreichten wir den Hauptarm des Creek. Wir gingen zu dem uns bekannten Wasserloch und den Hütten in der Absicht, das verbliebenen Mehl und Trockenfleisch aufzusparen für einen weiteren Versuch, Mount Hopeless zu erreichen.
   Am nächsten Tag sammelten Mr. Wills und ich genug Nardu für drei Tage. Bei den Hütten fanden wir einen Stein zum Zerstoßen des Nardu, und Mr. Burke und ich stampften die Samen; das war aber so mühselige Arbeit, daß wir zur Hälfte Mehl und zur Hälfte Nardu nehmen mußten. Mr. Burke und Mr. Wills gingen dann den Creek hinab, um den Rest Trockenfleisch zu holen, den wir versteckt hatten, und dann hatten wir alle unsere Sachen bei uns, sammelten Nardu und lebten so gut es ging. Mr. Burke forderte Mr. Wills auf, den Creek hinaufzugehen bis zum Depot und dort eine Nachricht zu hinterlassen, daß wir uns am Creek befanden; die vorherige Mitteilung besagte, daß wir auf dem Weg nach Südaustralien wären. Er sollte dort auch die Tagebücher der Reise zum Golf vergraben. Er bekam knappe drei Pfund Mehl und vier Pfund zerstoßenes Nardu und weniger als ein Pfund Fleisch, denn er rechnete damit, etwa acht Tage unterwegs zu sein. Während seiner Abwesenheit sammelte ich Nardu und zerstieß es, da Mr. Burke einen Vorrat anlegen wollte für den Fall, daß es regnete.
   Ein paar Tage, nachdem Mr. Wills aufgebrochen war, kamen einige Eingeborene den Creek herab, um an einigen Wasserlöchern in der Nähe unseres Lagers zu fischen. Sie waren zunächst sehr höflich und boten uns ein paar Fische an. Am zweiten Tag kamen sie wieder zum Fischen, und Mr. Burke nahm zwei Beutel mit zum Wasserloch, die sie mit Fischen füllten. Am dritten Tag gaben sie uns einen Beutel voller Fisch und kamen hinterher alle zu unserem Lager. Wir pflegten unsere Munition und andere Gegenstände in einer Hütte aufzubewahren, und wir drei wohnten zusammen in einer anderen. Ein Eingeborener entwendete aus dieser Hütte ein Wachstuch. Mr. Burke sah ihn damit weglaufen. Er verfolgte ihn mit seinem Revolver und gab einen Schuß in die Luft ab, worauf der Eingeborene das Wachstuch fallen ließ. Während er weg war, luden mich die anderen Schwarzen zum Fischessen an ein Wasserloch ein. Ich lehnte aber ab, weil Mr. Burke nicht zur Stelle war und Eingeborene da waren, die alle unsere Sachen genommen hätten. Auf meine Weigerung hin nahm einer seinen Bumerang, legte ihn auf meine Schulter und deutete durch Zeichen an, daß er mich niederschlagen werde, wenn ich nach Mr. Burke riefe; das wollte ich gerade tun. Darauf hatte ich sie alle vor der Hütte stehen und schoß mit dem Revolver über ihre Köpfe hinweg, aber sie schienen überhaupt keine Angst zu haben. Erst als ich das Gewehr herausholte, liefen sie alle davon. Mr. Burke hatte den Schuß gehört und kam zurück, aber wir sahen nichts mehr von ihnen bis spät in der Nacht, als sie mit ein paar gekochten Fischen kamen und laut »Weißer Mann« riefen. Mr. Burke ging mit dem Revolver in der Hand hinaus und sah sich einem ganzen Stamm gegenüber, alle bemalt. Zwei Männer brachten Fische in kleinen Netzen. Mr. Burke ging auf sie zu, da die Eingeborenen ihn aber umstellen wollten, schlug er ihnen so viele Fischnetze aus den Händen, wie er konnte, und rief mir zu, Feuer zu geben. Das tat ich, und sie liefen weg.
   Wir sammelten fünf kleine Netze mit gekochtem Fisch ein. Der Grund, warum er den Fisch nicht einfach annehmen wollte, war der, daß er glaubte, wenn wir zu freundlich wären, würden die Eingeborenen immer um uns sein. Bis zur Rückkehr von Mr. Wills lebten wir von Fisch. Mr. Wills erzählte uns, daß er, kurz nachdem er uns verlassen hatte, auf Eingeborene gestoßen sei und sie ihn freundlich aufgenommen und ihm reichlich zu essen gegeben hätten, sowohl auf dem Hin- wie auch dem Rückweg. Er schien davon auszugehen, daß es für ihn nicht schwierig sei, bei ihnen zu leben. Da ihr Lager in der Nähe war, kehrte er am gleichen Tag zu ihnen zurück und fand sie sehr gastlich und freundlich. Zwei Tage behielten sie ihn, dann aber gaben sie ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er gehen solle. Er kehrte zu uns zurück und erzählte uns, was geschehen war; aber am folgenden Tag versuchte er es noch einmal. Jetzt gaben sie ihm zwar ein Frühstück, deuteten ihm aber durch Zeichen an, daß er wieder gehen müsse. Er tat so, als verstehe er sie nicht, und blieb. Daraufhin machten sie ihm mit Zeichen, daß sie den Creek hinaufziehen wollten und er besser die entgegengesetzte Richtung einschlage. Dann packten sie zusammen, gaben Mr. Wills ein bißchen Nardu und verließen das Lager.
   Während der Abwesenheit von Mr. Wills kochte Mr. Burke bei starkem Wind ein paar Fische. Da erfaßten die Flammen die Hütte und breiteten sich so rasch aus, daß wir sie nicht löschen konnten. Wir konnten auch nichts von unseren Sachen retten außer einem Revolver und einem Gewehr. Nach der Rückkehr von Mr. Wills wurde deshalb beschlossen, den Creek hinaufzuziehen, und wenn möglich, mit den Eingeborenen zu leben; denn Mr. Wills meinte, daß wir kaum Schwierigkeiten haben würden, von ihnen Proviant zu erhalten, wenn wir auf der anderen Seite des Creek lagerten. Er sagte, er wisse, wohin sie gezogen waren, und so packten wir und brachen auf. Aber als wir zu den Hütten kamen, wo wir sie zu finden gehofft hatten, wurden wir enttäuscht. Da wir aber gleich in der Nähe ein Feld mit Nardu sahen, hielten wir an und wollten dort lagern. Für einige Zeit hatten wir genug zu tun, um den Nardu zu sammeln und uns einen Vorrat anzulegen. Mr. Wills und ich sammelten jeden Tag einen Sackvoll und trugen ihn zum Lager, während Mr. Burke die Samen zerstieß und daraus einen einfachen Brei als meistens ausreichende Mahlzeit kochte, während wir unterwegs waren. Bald aber fühlte Mr. Wills, daß er immer schwächer wurde und nicht mehr imstande war, mitzugehen und Nardu zu sammeln, und dann wurde er sogar zu schwach, den Nardu zu zerstoßen. In wenigen Tagen wurde er fast hilflos. Ich sammelte weiter, denn auch bei Burke machte sich die Schwäche zunehmend bemerkbar, so daß er selbst beim Zerstoßen der Früchte nur noch wenig helfen konnte. Nun mußte ich für uns drei arbeiten. Ich tat das ein paar Tage, fühlte dann aber, daß auch meine Kräfte sehr schnell nachließen; meine Beine wurden schwach und begannen zu schmerzen. Ein paar Tage lang konnte ich überhaupt nicht hinausgehen, und wir waren gezwungen, unseren Vorrat für sechs Tage zu verbrauchen, den wir zur Seite gelegt hatten. Mr. Burke schlug nun vor, ich sollte in drei Tagen soviel Nardu wie nur möglich sammeln, und dann wollten wir zusammen auf die Suche nach den Eingeborenen gehen. Ein Plan, der uns von Wills geradezu aufgedrängt wurde, als die einzige Chance, ihn und uns zu retten, da er klar erkannte, daß ich nicht länger imstande war, genügend Nahrung für unseren Bedarf zu sammeln. Nachdem wir einen so großen Vorrat gesammelt hatten, daß Mr. Wills acht Tage davon leben konnte und wir selbst zwei, stellten wir ihm noch Wasser und Brennholz in Reichweite, dann brachen wir auf. Bevor wir ihn verließen, fragte ihn Burke jedoch noch einmal, ob er es wirklich so wolle, da er ihn sonst unter gar keinen Umständen verlassen wolle. Mr. Wills erwiderte, daß er diesen Plan als unsere einzige Chance ansehe. Dann gab er Mr. Burke einen Brief und seine Uhr für seinen Vater und wir vergruben die die restlichen Tagebücher bei der Hütte. Mr. Wills bat mich noch, seine letzten Wünsche auszuführen und den Brief und die Uhr seinem Vater zu übergeben, falls ich Mr. Burke überleben sollte.
   Auf dem ersten Tagesmarsch schien Burke sehr schwach zu sein und beklagte sich über große Schmerzen in den Beinen und im Rücken. Am zweiten Tag schien es ihm besser zu gehen, und er sagte, er fühlte sich jetzt kräftiger. Wir hatten aber nach unserem Aufbruch noch keine zwei Meilen zurückgelegt, als er erklärte, nicht mehr weitergehen zu können. Ich bestand darauf, daß er wenigstens den Versuch unternahm, und bekam ihn auch mehrmals ein Stück weiter, bis ich endlich einsah, daß er völlig erschöpft war; denn er warf alles weg und erklärte, sein Bündel nicht mehr schleppen zu können. Ich verringerte deshalb auch meine Last und nahm nichts als ein Gewehr, etwas Pulver und Munition, dazu einen Beutel und ein paar Streichhölzer. Nach dem neuerlichen Aufbruch waren wir nicht sehr weit gekommen, als Mr. Burke sagte, daß er nun für die Nacht rasten würde. Da aber die Stelle nahe an einer großen Wasserfläche lag und dem Wind ausgesetzt war, brachte ich ihn dazu, noch ein paar Schritte zu gehen, bis wir das nächste Wasser erreichten. Dort lagerten wir dann. Wir suchten rings umher und fanden ein paar kleine Stellen mit Nardu. Die Samen sammelte ich ein, zerstieß sie und machte mit einer Krähe, die ich geschossen hatte, ein gutes Abendessen. Seit wir haltgemacht hatten, schien es Mr. Burke schlechter zu gehen, auch wenn er etwas Nahrung zu sich nahm. Er sagte er, daß er nicht mehr viele Stunden zu leben habe, und gab mir seine Uhr und ein Notizbuch, das ich Sir William Stawell geben sollte. In das trug er noch einige Notizen ein, dann sagte er zu mir: »Ich hoffe, Sie werden hier bei mir bleiben, bis ich vollends tot bin - es ist angenehm, zu wissen, daß jemand dabei ist, wenn man stirbt. Wenn es so weit ist, möchte ich, daß Sie mir die Pistole in die rechte Hand geben und mich unbestattet lassen, so wie ich daliege.« In dieser Nacht sprach er sehr wenig. Am folgenden Morgen konnte er nicht mehr sprechen, und ungefähr um acht Uhr tat er seinen letzten Atemzug.
   Ich blieb noch ein paar Stunden, als ich aber sah, daß weiteres Verweilen keinen Sinn hatte, ging ich den Creek weiter hinauf auf der Suche nach den Eingeborenen. Ich fühlte mich sehr verlassen. Nachts schlief ich gewöhnlich in leerstehenden Hütten der Eingeborenen. Zwei Tage nach dem Tode Burkes fand ich einige Hütten, bei denen die Eingeborenen einen Sack mit Nardu gelassen hatten, der mir für vierzehn Tage reichen würde, und drei Bündel mit verschiedenen Sachen. An dem Abend schoß ich wieder eine Krähe, war aber in großer Furcht, daß mir die Eingeborenen das Nardu wegnehmen würden.
   Zwei Tage blieb ich dort, um wieder zu Kräften zu kommen, dann kehrte ich zu Wills zurück.  Ich brachte drei Krähen mit. Aber ich fand ihn tot in seiner Hütte liegen, die Eingeborenen waren dort gewesen und hatten einen Teil seiner Kleider mitgenommen. Ich bedeckte die Leiche mit Sand und blieb ein paar Tage an diesem Ort. Da ich merkte, daß meine Vorräte zur Neige gingen, und ich selber nicht mehr sammeln gehen konnte, folgte ich den im Sand sichtbaren Fußspuren der Eingeborenen, die beim Lager gewesen waren. Ein Stück ging ich den Creek hinab und schoß unterwegs Krähen und Falken. Die Eingeborenen hatten die Schüsse gehört, denn sie kamen mir entgegen und nahmen mich mit in ihr Lager, wo sie mir Nardu und Fische gaben.
   Sie nahmen mir die Vögel ab, die ich geschossen hatte, und kochten sie für mich und zeigten mit dann eine Hütte, in der ich mit dreien der unverheirateten Männer schlafen sollte. Am nächsten Morgen fingen sie an, sich mit mir zu unterhalten. Sie hielten einen Finger auf die Erde, bedeckten ihn mit Sand, zeigten den Creek hinauf und sagte »Weißer Mann«. Damit meinten sie wohl, daß ein weißer Mann tot sei. Daher wußte ich, daß dies der Stamm war, der Mr. Wills Kleidung genommen hatte. Dann fragten sie, wo der dritte Mann sei, und ich machte die gleichen Zeichen, mit zwei Fingern, mit Sand bedeckt, und zeigte den Creek aufwärts. Sie schienen viel Mitleid mit mir zu haben, als sie verstanden hatten, daß ich allein am Creek war, und gaben mir viel zu essen. Nachdem ich vier Tage bei ihnen verbracht hatte, merkte ich, daß sie meiner müde wurden; sie machten Zeichen, daß sie den Creek hinaufzögen und ich besser in die andere Richtung ging; aber ich tat so, als ob ich sie nicht verstünde. An diesem Tag verlegten sie ihr Lager, und ich folgte ihnen. Als ich ihr Lager erreichte, schoß ich ein paar Krähen; das freute sie so, daß sie mir einen Windschutz in der Mitte ihres Lagers bauten und sich zu mir setzten; als die Krähen gar waren, halfen sie mir, sie zu essen.
   Am gleichen Tag kam eine der Frauen, der ich einen Teil einer Krähe gegeben hatte, mit einem Kloß Nardu zu mir und sagte, sie würde mir mehr geben, aber sie hätte einen verletzten Arm und könne es nicht zerstoßen. Sie zeigte mir eine Wunde am Arm, und mir kam die Idee, Wasser zu kochen und ihren Arm mit einem Schwamm zu waschen. Während ich das tat, saß der ganze Stamm, sich leise unterhaltend, um uns herum; ihr Mann saß neben ihr, und sie jammerte die ganze Zeit. Nachdem ich die Wunde gewaschen hatte, bestrich ich sie mit ein bißchen Silbernitrat, und die Frau schrie auf, rannte weg und rief laut »Mokow! Mokow!« (Feuer, Feuer). Von da an gaben sie und ihr Mann mir jeden Morgen und Abend ein bißchen Nardu, und wenn der Stamm sich aufmachte, um fischen zu gehen, hießen sie mich mitgehen. Wann immer das Lager verlegt wurde, halfen sie mir, einen neuen Windschirm zu bauen. Zum Dank dafür schoß ich Krähen oder Falken. Alle vier oder fünf Tage kam der Stamm zu mir und man fragte, ob ich den Creek hinauf oder hinab ziehen wolle; schließlich gelang es mir, ihnen verständlich zu machen, daß ich dahin ginge, wo sie hingingen, ob flußaufwärts oder flußabwärts.
   Von da ab schienen sie mich als einen der Ihren zu betrachten und brachten mir regelmäßig Fisch oder Nardu. Sie wollten aber sehr gern wissen, wo Mr. Burke lag, und eines Tages, als wir ein einem Wasserloch in der Nähe fischten, zeigte ich Ihnen die Stelle. Als sie seine Überreste sahen, bedeckten sie sie mit Buschwerk und alle weinten bitterlich. Danach waren sie noch freundlicher zu mir. Ich sagte ihnen, daß vor dem Ablauf von zwei Monaten weiße Männer kommen würden; und wenn sie abends kamen und mir Fisch und Nardu brachten, sprachen sie über die weißen Männer, die kommen würden, und zeigen dabei auf den Mond. Ich sagte ihnen auch, daß sie viele Geschenke bekommen würden, und sie wollten immerzu Äxte haben. Von da ab bis zur Ankunft der Rettungsexpedition, etwa einen Monat lang, waren sie immer gleich freundlich und betrachten mich als einen der Ihren. Am Tag meiner Befreiung kam ein Stammesmitglied, der beim Fischen gewesen war, und berichtete, daß die weißen Männer im Anmarsch wären; daraufhin schwärmten sie in alle Richtungen aus, um die Expedition zu treffen, und der Mann, der die Nachricht gebracht hatte, brachte mich über den Creek; und bald darauf sah ich sie kommen.

The Burke and Wills Exploring Expedition: An Account of the Crossing of Australia from Cooper's Creek to Carpentaria.
Melbourne 1861
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Australien 1623-1990
Wien 2000

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!