Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus


1846 - Anonymus
Unterwegs in der Kolonie: Der Paletot als Kopfkissen
Südaustralien

Ich habe in den letzten drei Wochen eine Reise in die Kreuz und Quer von mindestens 500 Meilen gemacht, freilich habe ich manche Entbehrungen, manches Unangenehme dabei ausgestanden, aber die Reise wird mir von großem, außerordentlichen Nutzen sein. So lange ich nun in der Kolonie bin, habe ich die verwichene Nacht zum ersten Mal in einem Bette geschlafen. Auf der Reise entweder im Walde im Busch oder in einer Hütte auf Stroh, meinen Paletot zum Kopfkissen.
   Wenn man morgens um 5 Uhr ausfährt, läßt man die Pferde bis Mittag tüchtig austraben, dann werden sie ausgespannt, und man gönnt ihnen 4 bis 5 Stunden Zeit sich im Walde Nahrung zu suchen. Man macht sich Feuer unter einem Baum und fängt an, sein Mittagsmahl zu bereiten, was in der Regel aus starkem Tee, Eiern und Brot besteht. Ist die Zeit verflossen, so fängt man die Pferde ein und fährt weiter bis ungefähr 7 oder 8 Uhr abends, je nachdem die Sonne untergeht. (Im Dunkeln ist das Reisen in diesem Lande nicht möglich.) Man wählt sich zum Campiren einen Platz neben Wasser, wenn es möglich ist, damit sich die Pferde selbst tränken können. Jetzt läßt man die Pferde wieder laufen und fängt an es sich selbst bequem zu machen. Dürres Holz findet man im Walde sehr leicht und in 5 Minuten hat man das schönste Feuer im Gange. Man bereitet sich das Abendessen, bestehend aus starkem Tee, Eiern, Brot, steckt dann einen Baum in Brand, damit man während der ganzen Nacht Feuer behalte, und legt sich auf Gottes schönem Erdboden schlafen. Müde von der Reise und von der Hitze des Tages gänzlich erschöpft, habe ich immer sehr gut im Freien geschlafen; obgleich es mir in den ersten Wochen sehr unheimlich war, das Geheul der wilden Hunde, die im Busch in großer Menge anzutreffen sind, und das Geschrei der Vögel mit anzuhören, so hat mich dies im Allgemeinen doch wenig beunruhigt. Ohne Feuer zu schlafen ist wegen der vielen wilden Hunde, der Schlangen und sonstigen Tiere sehr gefährlich; von den Eingebornen hat man wenig oder gar nichts zu befürchten, die guten Leute sind froh, wenn man ihnen nichts tut.
   Um 4 Uhr morgens geht die Sonne auf; wir fangen unsere Pferde, nehmen unser genanntes Frühstück und fahren weiter. Trifft man unterwegs eine Schäferhütte oder sonst eine Behausung, so macht man es sich ohne Umstände darin bequem, wenn man Lust dazu hat; es wird Tee gekocht und Mittagsbrot; Hammelfleisch gibt es in Massen, so geht es denn ohne besondere Abenteuer weiter.
   Hat man endlich das Ziel seiner Reise erreicht, z.B. irgend eine Mine, so kann man selbst dann auf Bequemlichkeit noch durchaus keinen Anspruch machen, und sucht jeden Abend weiter zu kommen, um sich vor Sonnenuntergang einen guten Lagerplatz für die Nacht auszusuchen.
   Außergewöhnliche Abenteuer sind mir nicht begegnet.
   Einen Abend mußten wir auf einer Ebene campiren und das nötige Holz eine Meile weit herholen, wo einzelne Bäume standen. Indem ich von einem verdorrten Baum einen Ast abbreche, entdecke ich eine riesenhafte Spinne, so groß wie meine halbe Hand; ich war bemüht, mir dieses Untier einzufangen, doch glücklicherweise wurde ich früh genug davon abgehalten; hätte mich die Spinne gestochen, so würde ich nach einigen Stunden eine Leiche gewesen sein.
   Wenn ich gutes Wasser fand, pflegte ich mich des Abends wohl zu baden; auch an diesem Tage hatte ich mich zu diesem Zwecke entkleidet, als ich eine große, 5 Fuß lange Schlange entdeckte; ehe sie noch ins Wasser entschlüpfen konnte, hatte ich sie mit einem nahe liegenden Knittel erschlagen. Ich badete diesen Abend nicht. Diese schwarzen Schlangen sind so giftig, daß man in einer Zeit von einer Stunde tot sein würde, wenn man gebissen wäre.
   Das Fahren im Lande ist sehr beschwerlich; die vielen Baumwurzeln, die Gräben, Hecken und kleinen Flüsse, wodurch man fahren muß (Brücken kennt man nur dem Namen nach), und die bisweilen nur mit Gefhr zu passiren sind, lassen oft den Wagen umwerfen oder zerbrechen. Ich habe an einem Tage das Vergnügen gehabt, erst umzuwerfen in eine Hecke hinein und dann die Achse zu brechen. Billig reist man hier aber auf jeden Fall; Schlafgeld braucht man nicht zu zahlen; das Essen und Trinken richtet man gezwungener Weise sparsam ein, und die Pferde suchen sich ihr Futter selbst.
   Wenn jemand in Deutschland über Entbehrung und schlechtes Leben klagen sollte, so schicke ihn zu mir, ich will mit ihm in den Busch gehen und ihn bald curiren. Ich habe nun all diese Strapazen , die mir doch so ungewöhnlich sind, wie Einer mit durchgemacht und befinde mich wohl dabei, habe mich nicht einmal erkältet und bin doch der Stärkste nicht!

Deutsche Auswandererzeitung
Nr. 52, September 1847

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