Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1802 - Matthew Flinders
Das Treffen mit Nicolas Baudin
Encounter Bay

Um vier Uhr nachmittags wurde vom Ausguck ein weißer Felsen voraus gemeldet. Beim Näherkommen erwies sich der Felsen als ein Schiff, das uns entgegenkam, und wir machten gefechtsklar, für den Fall eines Angriffs. Der Fremde war ein schwerfällig aussehendes Schiff ohne Bramstengen; und als unsere Flagge gehißt wurde, zeigte es die französische, danach vorn eine britische und wie wir eine weiße Flagge. Um halb sechs Uhr befand sich Land fünf Seemeilen nordöstlich, und ich drehte bei; als der Fremde in Lee passierte, stellte ich fest, daß es das staatliche französische Schiff Le Géographe unter dem Kommando von Kapitän Nicolas Baudin war. Während die Géographe passierte, drehten wir unser Schiff mit, so daß wir ihr immer die Breitseite zeigten, falls die Parlamentärsflagge eine Täuschung sei, und als wir auf dem anderen Bug wieder an den Wind kamen, wurde ein Boot ausgesetzt, und ich ging an Bord des französischen Schiffes, das ebenfalls beigedreht hatte.
    Da ich kein Französisch verstand, kam Herr Brown, der Naturforscher, mit mir ins Boot. Wir wurden von einem Offizier empfangen, der auf den Kommandanten verwies, und von ihm wurden wir in die Kajüte geleitet. Ich ersuchte Kapitän Baudin, mir seinen Paß der Admiralität zu zeigen, und als der gefunden war und ich ihn gelesen hatte, bot ich ihm den meinen vom französischen Marineminister an, aber wir erhielten ihn unbesehen zurück. Dann teilte er mir mit, daß er einige Zeit damit verbracht habe, die südlichen und östlichen Teile des Van Diemen's Landes [heute Tasmanien] zu untersuchen, wo sein geographischer Ingenieur mit dem größten Boot zurückgelassen worden und wahrscheinlich verloren gegangen sei. In der Bass-Straße sei er auf einen heftigen Sturm getroffen, dem gleichen, den wir - wenn auch nicht so stark - am 21. März in der Investigator Strait zu spüren bekommen hatten. Er sei dann von seinem Begleitschiff Le Naturaliste getrennt worden, aber seither habe er günstigen Wind und gutes Wetter gehabt und die Südküste von Western Port bis zu unserem Treffpunkt erforscht, ohne einen Fluß, eine Bucht oder eine andere geschützte Stelle zu finden, an der er hätte ankern können. Ich fragte nach der großen Insel, die in der westlichen Einfahrt der Bass-Straße liegen sollte, aber er hatte sie nicht gesehen und schien ihre Existenz sehr zu bezweifeln.
    Kapitän Baudin erzählte freimütig über seine Entdeckungen vor Van Diemen's Land; ebenso freimütig übte er Kritik an der im Jahre 1800 veröffentlichten englischen Karte der Bass-Straße. Er fand die Darstellung der Nordseite der Straße reichlich fehlerhaft, war aber mit der der Südseite und der dort liegenden Inseln einverstanden. Als ich ihn auf eine Anmerkung auf der Karte hinwies, die besagte, daß die Nordseite von Herrn Bass, der keine geeigneten Mittel gehabt habe, Breite oder Länge festzustellen, nur von einem offenen Boot aus gesichtet worden war, schien er überrascht zu sein, denn er hatte sie vorher nicht beachtet. Ich sagte ihm, daß einige weitere Karten der Bass-Straße und ihrer Umgebung seitdem erschienen seien und daß ich, falls er bis zum nächsten Morgen hier bliebe, ihm eine Kopie mit einem dazugehörigen kleinen Bericht bringen würde. So wurde es vereinbart, und ich kehrte mit Herrn Brown zur Investigator zurück.
    Ich war doch überrascht, daß Kapitän Baudin sich nicht nach meinen Absichten an dieser unbekannten Küste erkundigte, aber da er sehr daran interessiert schien, Nachrichten mitzuteilen, war ich glücklich, sie zu bekommen. Am nächsten Morgen allerdings war er neugierig geworden, nachdem einige seiner Offiziere von meiner Bootsbesatzung erfahren hatten, daß auch unsere Aufgabe Entdeckung sei. Ich erklärte ihm in allgemeinen Zügen unser Vorgehen, besonders bei den beiden Golfen, und bis zu welcher geographischen Breite wir in den größeren derselben vorgedrungen waren, erklärte die Lage von Port Lincoln, wo frisches Wasser besorgt werden könnte, zeigte ihm Kap Jervis, das noch in Sicht war, und als Beweis der frischen Nahrungsmittel, die wir auf der dem Kap gegenüber liegenden Insel genossen hatten, wies ich auf die von meiner Bootsbesatzung getragenen Mützen aus Känguruhfell hin und erklärte ihm den Namen der Insel, der sich daraus ergab. Beim Abschied bat mich der Kapitän, mich seines Bootes und dessen Mannschaft anzunehmen, falls ich sie treffen sollte, und daß ich der Naturaliste sagen solle, daß sie beim Einsetzen des schlechten Wetters nach Port Jackson gehen solle. Als ich nach dem Namen des Kapitäns der Naturaliste fragte, besann er sich darauf, sich nach dem meinigen zu erkundigen, und als er feststellte, daß dieser der des Autors der Karte sei, die er kritisiert hatte, zeigte er doch eine gewisse Überraschung, besaß aber die Höflichkeit, sich selbst dazu zu gratulieren, daß er mit mir zusammengetroffen war.
    Die Position der Investigator war, als ich beigedreht hatte, um mit Kapitän Baudin zu sprechen, 138° 58' Ost und 35° 40' Süd. Bei unseren Gespächen war niemand außer Herr Brown dabei, und sie wurden hauptsächlich in Englisch geführt, das der Kapitän so sprach, daß man es verstehen konnte. Außer den oben erwähnten Informationen gab er mir einige Nachrichten über seine Verluste an Männern, Trennungen von seinem Begleitschiff und über die unpassende Jahreszeit, zu der er diese Küste zu erforschen hatte; dazu auch über einige Felsen, auf die er bei 77° 1' getroffen war und die er für sehr gefährlich hielt.
    Ich habe die Einzelheiten dieses Gesprächs wegen eines Umstandes eingehender geschildert, den an dieser Stelle zu erläutern mir angebracht scheint.
    Die oben genannte Position 35° 40' Süd und 138° 58' Ost ist also die westliche Grenze der von Kapitän Baudin gemachten Entdeckungen an der Südküste im Westen, wie es für meine in der Investigator die östliche ist. Aber Herr Péron, Naturforscher der französischen Expedition, beansprucht für seine Nation die Entdeckung der gesamten Küste zwischen Western Port in der Bass-Straße und dem Nuyts-Archipel; und dieser Teil von New South Wales wurde Terre Napoleon genannt. Aus Kangaroo Island, dessen Name sie einfach übernommen haben, wurde in Paris L'Isle Decres; Spencer Golf wurde zu Golfe Bonaparte, der Golf von St. Vincent zu Golfe Josephine und so weiter, die ganze Küste entlang bis nach Kap Nuyts; nicht einmal die kleinste Insel entging einer solchen Markierung französischer Entdeckung.
    Herr Péron hat gesagt - und sich dabei auf mich berufen -, daß die Investigator nicht bis jenseits der Inseln St. Peter und St. Francis vorgedrungen sei; und - obwohl er es nicht direkt sagte - daß kein Teil der bis dahin unbekannten Küste von mir entdeckt worden sei; und die Grundaussage seines Kapitels XV macht den Leser glauben, daß ich nichts getan hätte, was den französischen Anspruch in Frage stellen könnte.
    Herr Péron war aber später in Port Jackson dabei, als ich eine meiner Karten dieser Küste Kapitän Baudin zeigte und darauf die Grenzen seiner Entdeckungen angab. Damals erhoben sie keinen Anspruch auf Kangaroo Island und die westlich davon gelegenen Küsten, und die Offiziere der Géographe rechneten sie immer der Investigator zu. Der erste Leutnant, Herr Freycinet, gebrauchte sogar im Hause des Gouverneurs King und in Gegenwart eines seiner Gefährten, ich glaube des Herrn Bonnefoy, folgenden denkwürdigen Ausspruch: »Kapitän! Hätten wir auf Van Diemen's Land nicht so lange mit dem Sammeln von Muscheln und Fangen von Schmetterlingen zugebracht, so hätten Sie die Südküste nicht vor uns entdeckt!«
    Die englischen Offiziere und respektablen Einwohner von Port Jackson zu der Zeit können dazu Stellung nehmen, ob die frühere Entdeckung dieser Gegenden nicht allgemein anerkannt war. Wie konnte dann Herr Péron etwas der Wahrheit so Konträres verbreiten? War er ein Mann ohne jeden Grundsatz? Ich glaube, seine Rechtschaffenheit war seinen anerkannten Fähigkeiten gleich; aber er mußte das niederschreiben, was ihm eine übermächtige Autorität befahl, wenn ihm auch das Herz blutete: Er starb, bevor er den zweiten Band der Reisebeschreibung vollendet hatte.
    Um halb neun Uhr morgens kehrte ich mit Herrn Brown an Bord der Investigator zurück, und wir trennten uns von der Géographe. Kapitän Baudin verfolgte einen Kurs Nordwest, wir gingen nach Süden; wir waren während der Nacht abgetrieben, und der Wind wehte nur schwach aus Ost, so daß das französische Schiff am Mittag noch in Sicht war; unsere Position war 35° 44' Süd, 138° 53' Ost. An der Stelle, wo wir am Morgen des 8. von Land abgehalten hatten, war das hohe Land von Kap Jervis landeinwärts zurückgewichen, das Ufer war niedrig und sandig und erstreckte sich nach Nordost; nach vier oder fünf Leguas Fahrt in dieser Richtung krümmte es sich nach Südost und bildete so eine große Bucht. Die Einfahrt zur Bucht hatte Kapitän Baudin vermutlich am Nachmittag gesichtet; und wegen unseres Treffens an dieser Stelle gab ich der Bucht den Namen »Encounter Bay«.
    
Flinders, Matthew
A Voyage to Terra Australis …
Band 1, London 1814
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Australien 1623-1990
Wien 2000

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!