Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1873 - William Christie Gosse
Die Entdeckung von Ayers Rock
Uluru-Kata-Tjuta Nationalpark

Als wir aus den Sandhügeln heraus und nur zwei englische Meilen entfernt waren, kam mir der Berg zum ersten Mal ordentlich vor Augen, und wie groß war mein Erstaunen, zu finden, daß er aus einem einzigen, schroff aus der Ebene ragenden Felsen von ungeheuren Dimensionen bestand! Ich nannte ihn Ayers Rock, nach Sir Henry Ayers [Gouverneur von Südaustralien]. Zwei Meilen im Umkreis erstreckt sich gutes Land mit fruchtbarem schwarzen Boden. Ich ritt an seinem Fuß hin, um eine Stelle zur Besteigung ausfindig zu machen, versuchte auch, bei einem Wasserloch an der Südseite den Gipfel zu erreichen, aber ohne Erfolg. Als ich an seine Westseite kam, entdeckte ich eine starke, mitten aus dem Felsen herauskommende Quelle, die sehr steile Schluchten hinab in ein großes tiefes Loch am Fuß des Felsens stürzt. Ich benannte sie Maggie-Quelle, und da ich auf dieser Seite einen weniger steilen Abhang sah, ließ ich die Kamele hier und kletterte mit meinem Begleiter Kamran barfuß zwei Meilen weit über scharfe Felsen, bis es mir gelang, den Gipfel zu erreichen. Die Aussicht entschädigte für die Mühe. Gegen Westen, 20 Meilen entfernt, erhob sich Mount Olga, gegen Westnordwest einige niedrige Ketten und Rücken, wovon einer die McNicol Range sein mußte, im Norden war ein Teil des Sees [Amadeus] sichtbar, im Osten Mount Conner und jenseits der Sandhügel im Süden, Südosten und Südwesten lagerten hohe Bergrücken. Die im Südosten benannte ich nach Sr. Exzellenz dem Gouverneur Musgrave und einen hohen Gipfel nach dem Surveyor General Woodroffe.
    Ayers Rock ist eine Granitmasse von zwei Meilen Länge (von Ost nach West) und einer Meile Breite, schroff aufsteigend erhebt sie sich 1.100 Fuß über die Ebene und ist auf der Oberfläche bedeckt mit kleinen, zwei bis zwölf Fuß großen und zum Teil mit Wasser gefüllten Vertiefungen. Wie beneidete ich Kamran um seine harten Füße! Ihm schien das Umhergehen mit nackten Füssen Freude zu machen, während die meinigen mit Blasen bedeckt waren und ich es kaum aushalten konnte. Der Felsen scheint ein beliebter Aufenthaltsort der Eingeborenen in der nassen Jahreszeit zu sein, denn in jeder Höhle waren Lagerstätten. Diese Höhlen bilden sich durch das Abfallen großer Stücke vom Felsen. Die Eingeborenen graben Vertiefungen darunter, und die Hitze ihrer Feuer machte den Felsen sich abschälen, so daß sich große Gewölbe bilden. Sie amüsieren sich damit, die Höhlenwände mit den verschiedensten Zeichnungen zu bedecken, Schlangen, zwei verbundene Herzen und dergleichen, in einer Höhle sah ich auch die Zeichnung eines Regenbettes mit den Fußspuren eines Emu längs der Mitte desselben. Dieser Felsen ist sicherlich das wunderbarste Naturgebilde, das ich je sah. Welchen großartigen Anblick muß er in der nassen Jahreszeit gewähren, wenn überall Wasserfälle von ihm herabstürzen!

W. G. Gosses Australische Reise
In: Petermanns Geographische Mittheilungen 1874

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg:)
Reisende in Australien 1623-1990
Wien 2000

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