Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1883 - Ernst Haffter
Auswirkungen des Krakatau-Ausbruchs

 

Als ich in Batavia weilte, waren die dortigen Einwohner noch in gelinder Aufregung, es hatte sich einige Wochen zuvor die Sonne plötzlich verfinstert; der Tag war zur halben Nacht geworden und aus unbestimmter Himmelsrichtung dröhnte und donnerte es wie eine Kanonade. Drei Tage lang dauerte das unheimliche und unerklärte Naturschauspiel, die Häuser zitterten und ihre Besitzer dazu. Alle die alten Vulkane, Gedeh, Salak u.s.w., wurde nachgesehen, aber ruhig befunden. Endlich kam ein englischer Segler von der Sundastraße her gefahren und meldete, das Meer sei dort über und über mit grauer Asche bedeckt und der Karaktau, eine vulkanische Berginsel, die seit hundert Jahren als ausgebrannt und tot betrachtet wurde, befinde sich in voller Eruption. Nachher beruhigte sich der Störenfried wieder, aber nur, um neue Kräfte zu sammeln für eine Katastrophe, wie sie die Welt noch kaum je gesehen hat und die Schrecken und Elend über die Südwestküste von Java brachte. Die gewaltige Revolution fand statt, bald nachdem ich Batavia verlassen hatte, während ich in China weilte. Bei der Überfahrt nach Japan wurde uns während drei Tagen das eigentümliche Schauspiel, daß die Sonne as mattgelbe, glanzlose Scheibe am Horizont auf-und niederging. Der ganze Himmel, namentlich intensiv aber der morgendliche und abendliche Horizont, zeigte eine merkwürdige, blendend gelbe Färbung, die einige Monate später in Europa überall und in gleiche Weise zu sehen war und über deren Erklärung die Gelehrten sich dort die Köpfe zerbrochen haben. Man konnte selbst mittags, ohne geblendet zu werden, direkt in die Sonne schauen; die Sonnenflecke ließen sich mit einem gewöhnlichen Feldstecher ganz deutlich beobachten. Das eigentümliche Kolorit gab der Meerwelt ein ganz unheimliches Gepräge und das Unbehagen und die Angst der Bewohner unseres vom Sturm hin- und hergeworfenen Fahrzeugs wurde noch vermehrt, da der Kapitän - auf den bei solchen Gelegenheiten zur See aller Augen gerichtet sind - durchaus keine Auskunft zu geben wußte und selber etwas ängstlich schien.
   In Japan angekommen, trafen wir auch dort ziemliche Bestürzung. Die Japaner meinten in ihrer naiven Auffassungsweise, "die Sonne sei krank", und waren zahlreicher als sonst in den Tempeln, um drohendes Unheil durch Gebet abzuwenden. Erst in Yokohama erhielten wir die Kunde von den schrecklichen Vorgängen in der Sundastraße und es wurde außer Zweifel erachtet, daß die eigentümlichen Lichteffekte und die Verfinsterung der Sonne die Folgen gewesen seien von der in den oberen Luftschichten schwebenden Asche des Krakatau, welche der zur Zeit herrschende Südwestmonsun in der Richtung nach Japan vorwärts getrieben hatte. Als ich einige Monate später die nämlichen Farben am Horizont wieder glühen sah, lag der Gedanke nahe, für die nämliche Erscheinung den nämlichen Ursprung anzunehmen, und die Erscheinung ist denn ja auch von einigen Gelehrten so gedeutet worden.

 

Haffter, Ernst
Briefe aus dem Fernen Osten
5. Auflage, Frauenfeld 1898

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