Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1768 - Louis-Antoine de Bougainville
Batavia
Djakarta, Indonesien

Wir konnten es gar nicht überdrüssig werden, in der Gegend um Batavia spazieren zu gehen. Ein Europäer, der auch die größten Städte besucht hat, muss sich über ihre Pracht verwundern. Die Häuser und Gärten sind ungemein kostbar, allenthalben sieht man den Geschmack und die Reinlichkeit, die den Holländern eigen sind. Die hiesigen Gegenden sind schöner und prächtiger als die der meisten französischen Städte, und ich getraue mir sie sie fast der Gegend um Paris an die Seite zu setzen.
   Ich kann ein Denkmal, welches ein Privatmann den Wissenschaften errichtet hat, nicht mit Stillschweigen übergehen. Der erste Prediger in Batavia, namens Mohr, der ein unsägliches Vermögen besitzt, aber auf Grund seiner Kenntnisse und seiner Liebe zu den Wissenschaften eine weit größere Hochachtung verdient, hat in einem seiner Landhäuser eine Sternwarte bauen lassen, deren sich kein königlicher Garten zu schämen braucht. Das Gebäude ist erst fertig geworden und hat ihn sehr große Summen gekostet. Er stellt hier selbst Beobachtungen an und hat zu dem Zweck die besten Instrumente aus Europa kommen lassen. Er besitzt wirklich Geschicklichkeit genug, um die schwierigsten Beobachtungen anzustellen.
   Herr Mohr ist unstreitig der reichste unter allen Söhnen der Urania. Er hatte eine große Freude, unseren Herrn Veron kennen zu lernen, und bot ihm seine Sternwarte an, um ganze Nächte darauf zuzubringen; unglücklicherweise war ihm keine einzige Nacht günstig. Herr Mohr hat den letzten Durchgang der Venus durch die Sonne beobachtet und der Akademie zu Harlem seine Bemerkungen übersandt. Man wird dadurch die Länge von Batavia mit Gewissheit bestimmen können.
   Die Stadt Batavia ist an sich zwar schon ein schöner Ort, es fehlt aber sehr viel daran, dass die Innenstadt der Umgebung gleichkommt. Man trifft nicht viele große Gebäude, aber breite Gassen an. Die Häuser sind bequem und artig. Mitten durch die meisten Straßen fließt ein mit Bäumen besetzter Kanal, der zur Reinlichkeit und Bequemlichkeit viel beiträgt, aber die aus diesen Kanälen aufsteigenden Dünste machen die Luft für die Europäer feucht und ungesund. Eine Ursache dafür, weshalb diesen der Aufenthalt in Batavia nicht bekommt, ist auch das schlechte Wasser. Die Reichen trinken daher Selzerwasser, welches sie mit großem Kostenaufwand über Holland aus Deutschland kommen lassen. Die Gassen sind zwar nicht gepflastert, aber auf beiden Seiten ist ein Weg für die Fußgänger aus Quader- und Mauersteinen, welche sehr reinlich und gut gehalten werden.
   Ich will hier keine Beschreibung von Batavia einschalten, welche man in so vielen Büchern findet. Man kann sich einen Begriff davon machen, wenn ich sage, dass sie im Geschmack der schönsten holländischen Städte angelegt ist, nur mit dem Unterschied, dass man die Häuser wegen der Erdbeben nicht über ein Stockwerk hoch bauen darf. Ich übergehe auch den Ort außerhalb der Stadt mit Stillschweigen, wo sich die Chinesen aufhalten, ferner ihre Sitten und Gebräuche und die Polizei, unter der sie hier stehen, und andere dergleichen Dinge, welche unzählige Mal gesagt und geschrieben worden sind.
   Man staunt über die in Batavia herrschende Üppigkeit. Der Geschmack und die Pracht, welche man in den Häusern bemerkt, sind ein Beweis für den Reichtum der Einwohner, Gleichwohl hat man uns versichert, dass Batavia lange das nicht mehr ist, was es einst gewesen, weil die Kompanie seit einigen Jahren den Privathandelsleuten den Handel von einem Ort zum anderen untersagt hat, wodurch sonst ein unglaublicher Umlauf des Geldes und die Erwerbung großer Reichtümer befördert wird. Ich kann über dieses neue Verbot nicht urteilen und weiß auch nicht, was die Kompanie für einen Vorteil davon hat. So viel weiß ich aber, dass diejenigen, welche mit einem Gehalt von 400, 800 und 1.500 Talern im Dienste der Kompanie stehen, Mittel und Wege wissen, außerdem noch wohl 6.000, 10.000, ja wohl 25.000 bis 50.000 zu gewinnen.
   Der größte Teil der Einwohner von Batavia steht in Diensten der Kompanie. Dessen ungeachtet ist der Preis der Häuser in der Stadt und der Landhäuser um zwei Drittel im Vergleich zu dem, was sie sonst gekostet haben, gefallen. Batavia wird indes allemal eine reiche Stadt bleiben, wenn der Zufluss der Schätze auch etwas abnehmen sollte, nicht nur wegen des eben erwähnten hohen Verdienstes der Kompanieangestellten, sondern auch, weil es schwer hält, sein Vermögen nach Europa zu schaffen. Es kann dies nicht anders als durch die Kompanie geschehen, welche acht Prozent dafür abzieht und von einer jeden Privatperson nicht viel auf einmal nimmt. Das Geld heimlich nach Europa zu schaffen wird sich niemand einfallen lassen, weil es 28 Prozent gegen alles europäische verliert. Die Kompanie läßt die hier in ihren Ländern im Umlauf üblichen Münzen durch den Kaiser von Java schlagen.
   An keinem Ort der Welt wird ein Stand mit dem anderen weniger verwechselt als in hier. Ein jeder hat seinen angewiesenen Rang, der ihm durch äußere Kennzeichen bestimmt ist, und man sucht ihn hier so genau zu behaupten, wie es die Gesandten auf einem Friedenskongress kaum tun könnten. Der Rang der Stände ist folgende: zuerst kommt der Oberste Rat, alsdann das Justizkollegium, die Geistlichkeit, die Angestellten der Kompanie, die Offiziere der Marine und zuletzt die der Armee.
   Der Oberste Rat besteht aus dem General, welcher den Vorsitz führt, aus den Indischen Räten, welche Edle Herren heißen, aus dem Präsidenten des Justizkollegiums und dem Admiral; er versammelt sich wöchentlich ein paar Mal. Der Indischen Räte sind augenblicklich 16 an der Zahl, sie halten sich aber nicht alle in Batavia auf. Einige sind Statthalter am Vorgebirge der Guten Hoffnung, auf Ceylon, an der Küste von Koromandel, in dem östlichen Teil von Java, in Macassar und Amboina, wo sie ihren Sitz haben. Die Edlen Herren haben das Vorrecht, ihre Kutschen ganz vergolden zu lassen und zwei Läufer zu halten, während andere mit einem Läufer zufrieden sein müssen. Wenn einer von ihnen durch die Gassen fährt, müssen alle anderen Kutschen still halten, und jedermann, auch Personen vom anderen Geschlechte, muss aufstehen.
   Der General hat allein das Vorrecht, mit sechs Pferden und in Begleitung seiner Garde zu Pferde oder deren Offizieren und einigen Ordonnanzen zu fahren. Wem er begegnet, es mag ein Herr oder eine Dame sein, der muss aus dem Wagen steigen, und nur die Kutschen der Edlen Herren dürfen bis an die Treppe seines Palastes fahren. Sie haben allein das Vorrecht, sich in seiner Gegenwart zu setzen. Einige waren klug genug, um, wenn wir allein mit ihnen waren, über alle diese wundersamen Vorrechte zu lachen.
   Das Justizkollegium richtet alle Zivil- und Kriminalsachen in höchster Instanz, so dass kein Appellieren stattfindet. Es verurteilte vor ungefähr 20 Jahren den Statthalter von Ceylon, welcher viele Betrügereien in seinem Amte ausgeübt hatte, und deswegen auf dem Platz vor der Zitadelle von Batavia hingerichtet ward.
   Die Ernennung des Generals von Indien und der Edlen Herren geschieht in Europa; für die anderen Ämter schlagen der General und die Beisitzer des Obersten Rates Personen vor, deren Wahl allemal in Holland bekräftigt wird. Die Militärstellen besetzt der General ganz allein. Eine der ansehnlichsten und einträglichsten Ehrenstellen nach den Statthalterschaften ist die des Landkommissars. Dieser hat die Aufsicht über alle Ländereien der Kompanie in Java, sogar auch über die Länder der Könige der Wilden und ihre Aufführung, desgleichen die absolute Polizeigewalt über die Javaner, welche Untertanen der Kompanie sind.
   Die Standhaftigkeit der Javaner, die größten Martern auszustehen, ist unglaublich. Wenn sie hingerichtet werden, muss man ihnen weiße Hosen lassen und darf ihnen nicht den Kopf herunterschlagen. Die Kompanie würde sich in Gefahr setzen, die Insulaner zum Aufruhr zu bringen, wenn sie diese Nachsicht nicht hätte, weil es ein Glaubenspunkt in ihrer Religion ist, dass man sie in jener Welt nicht wohl aufnehmen würde, wenn sie ohne Kopf und ohne weiße Hosen anlangten; sie glauben, dass der Despotismus nur in dieser Welt Macht über sie hat.
   Eine andere sehr einträgliche Stelle, um die man sich sehr bewirbt, ist die von dem Sabandar oder Minister der Fremden. Es sind ihrer zwei, einer für die Christen und der andere für die Heiden. Der erste hat alles zu besorgen, was die Fremden aus Europa betrifft, und der andere erledigt alles, was die Völker von Indien und die Chinesen angeht. Die letzteren sind die Makler des ganzen Handels innerhalb von Batavia; gegenwärtig zählen sie über 100.000. Der Sorgfalt dieser Nation hat man es zu danken, dass die Märkte dieser großen Stadt seit einigen Jahren mit allem sehr reichlich versehen sind.
   Die Bedienten der Ostindischen Kompanie folgen in nachstehender Ordnung aufeinander: die untersten sind die Gehilfen oder Assistenten, darauf folgen die Buchhalter, Unterkaufleute, Kaufleute, Oberkaufleute und der Oberaufseher. Alle diese tragen eine Uniform und haben eine Ähnlichkeit mit den Militärstellen, welche ihnen im Rang gleich sind, der Oberkaufmann zum Beispiel hat Majorsrang, der Unterkaufmann Hauptmannsrang und so weiter. Die Offiziere können jedoch niemals bürgerliche Stellen erhalten, ohne gänzlich ihren Militärsrang aufzugeben. In einer Handelsgesellschaft kann das Militärwesen freilich keinen sonderlichen Einfluss haben. Man betrachtet die Soldaten hier nicht anders als gedungene Leute im Dienste der Kompanie, und das ist um so richtiger, da die Armee wirklich nur aus Fremden besteht, welche die Kompanie in ihrem Solde hat.

Bougainville, Louis-Antoine de
Reise um die Welt …
Leipzig 1783

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