Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1863 - Adolf Bastian
In den Ruinen von Angkor

Ein sandiger Weg führte uns in einen bosquetartigen Wald, und als wir auf eine freie Fläche daraus hervorkamen, standen uns zwei riesige Steinlöwen entgegen, die zu beiden Seiten eine mit breiten Steinplatten getafelte Plattform flankierten. Von dort lief in beträchtlicher Erhöhung über weite Gräben ein breiter Pflasterweg nach dem hoch geschwungenen Tor der äußeren Gartenmauer, aus deren Corridoren zu beiden Seiten eine lebendige Welt von Sculpturen hervortrat, während sich jenseits, hinter drei übereinander mit Türmen und Zinnen aufsteigenden Terrassen, der gewaltige Dom des prächtig geschmückten Tempels hervorwölbte, den überall auf den umlaufenden Galerien und den von majestätisch aufstrebenden Säulen getragenen Hallen eine wunderbare Welt phantasiereicher Himmelgestaltungen schützend umgab. Ihre Einzelheiten entfalteten immer neue Schöpfungen, je mehr man sich ihnen nach dem Eintritt in das Außentor auf dem glatten Steinweg näherte, der mit kreuzartigen Abzweigungen nach Seitenkapellen durch den großartig verwilderten Pflanzenwuchs der in Seen blinkenden Gärten auf das Tor des Haupteinganges zuführte, aus dem man die von den Höfen aufführenden Treppen der Stufenbauten höher und höher erstieg und zuletzt unter der krönenden Kuppel stand, die frei nach allen vier Seiten, gleich dem dort placirten Buddhabilde, vierfach an Form, das in Höhen und Tal zu Füßen liegende Land überschaut.
   Eine im Garten liegende Bambuslaube wurde zum Logis hergerichtet und dort das Gepäck abgeladen. Die mit Glocken behängten Ochsen wurden zur Weide, die Büffel zum Teiche entlassen, der Koch schürte sein Feuer, die Diener waren mit Anordnungen beschäftigt, während ich mit dem mir von dem Chao Myang gegebenen Maler in den Gängen des Tempels umherwanderte, um die vielen Herrlichkeiten zu beschauen, die uns für die nächsten Tage beschäftigen mussten. Zwei Klöster haben einige gebrechliche Holz-Zellen der der stolzen Stein-Architektur angebaut, und es gilt für guten Ton, dort erzogen  zu sein, so dass die Knaben aus den Städten weither dahin zum Unterricht geschickt werden. Noch spät in der Nacht hörte man das Geschrei der Schüler, die im unisono ihre Lectionen hersagten.
   Die nächsten Tage verbrachte ich mit einer genaueren Untersuchung dieser so lange unbekannt gebliebenen Kunstwerke. Sobald das Morgenlicht in den Umgängen des Tempels deutlicheren Schein verbreitete, begab ich mich mit dem Maler dorthin, um die charakteristischen Scenen abzeichnen zu lassen oder Verzierungen und Inschriften mit Kohlenwachs auf Papier abzureiben. Um Mittag kehrte ich zu kurzer Rast und einem erfrischenden Bade nach dem Quartier zurück, und nachmittags arbeiteten wir von Neuem in den Sculpturen, bis ein Bad und das Abendessen den Tag beschloss. Vor dem Schlafengehen wanderte ich dann gern auf der Terrasse umher, wenn der Mond mit geisterhaftem Scheine jenes hohe Denkmal einer untergegangenen Civilisation begoß und schwankende Schatten um die Monumente spielten, die in deutlichster Sprache von einer glänzenden Vergangenheit redeten, aber leider unter Charakteren fast ebenso dunkel und unentzifferbar wie den einheimischen Gelehrten des Landes die unverständlichen Buchstaben der Stein-Inschriften. Die untern Corridore werden von brahmanischen Darstellungen geschmückt, aber im obersten Stockwerk steht Buddha in der Vierzahl, nach den Weltgegenden blickend. Thompson’s Messungen bestimmen den Tempel als Rechteck: 1.100 x 1.080 Yard, und die Breite des umliegenden Grabens zu 250 Yard.

Bastian, Adolf
Die Völker des östlichen Asien
Band 4, Jena 1868

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!