Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1641 - Adam Schall von Bell
Der Wettkampf der Astronomen
Beijing

Der Kaiser legte alles Misstrauen ab und befahl mit aller Güte, die europäischen Priester sollten am nächsten Tage in den Palast kommen, die Instrumente zur Beobachtung der Vorgänge am Himmel herrichten und die Probe ihrer Kunst neuerdings bestehen.
    Daraufhin erschien Pater Adam am frühesten Morgen, nur von zwei Schülern begleitet. Er traf eine ungeheure Schar von Verschnittenen sowohl aus dem mathematischen Tribunal als auch aus einem anderen, das den kaiserlichen Geschäften vorsteht. Der Himmel war bedeckt und beinahe keine Hoffnung, dass er sich erheitern werde. Nur einen Wunsch, nur ein Gebet hatte jetzt Pater Adam, dass entweder noch heute die Wolken zerstreut oder die Erlaubnis des Kaisers auf einen anderen Tag ausgedehnt werden möchte, zum offenbaren Nutzen nicht nur der astronomischen, sondern noch mehr der eben erst aufsprossenden christlichen Wahrheit. Der gütige Gott erhörte sein Gebet. Es erscheint ein Bote vom Kaiser, [der ausrichten lässt,] man solle noch warten, bis er selbst sagen ließe, wann man kommen solle. Man wartet bis zur zehnten Stunde; da öffnen sich die Pforten; die Wolke bedeckt aber noch die Sonne. Pater Adam indessen, im Begriffe, die Maschinen auch ohne Sonne herzurichten, zieht eine Magnetnadel hervor und zugleich ein Buch über den Gebrauch der Instrumente, welches er von zu Hause mitgenommen hatte. Er fragte nun zuerst, welchen Stern die Herren Mathematiker neulich zum Anfangspunkt ihrer Beobachtung genommen hätten. Da sie nun bald diesen, bald jenen, aber immer einen unrichtigen angaben, und er auch bemerkte, das die Instrumente über vier Grade von ihrem Platz weg gerückt worden seien, so bewies er ihnen, dass dieses offenbar die Ursache sei, warum die Beobachtung neulich um eine halbe Stunde vom rechten Zeitpunkt abgewichen sei, und warf ihnen dann krasse Unwissenheit vor, die gar nicht zu verantworten sei von Männern, die in bei einem kaiserlichen Amt angestellt seien, und noch dazu bei einer Wissenschaft, deren Gegenstände so weit entfernt wären und zu der ein so feiner Gebrauch der Sinne erforderlich wäre, was doch wirklich eine wahre Schande für sie sei.
    Es waren auch zwei Verschnittene da, die Vorsteher anderer Behörden, welche vom Kaiser besonders dazu abgeordnet worden waren, das, was vorging, näher zu beobachten, die aber tiefes Stillschweigen über die Absicht ihres Auftrages hielten. Als die Sonne hervorbrach und mit dem astronomischen Ringe aufgefasst werden konnte, wurden die Maschinen an ihren Ort hingestellt, ebenso auch die horizontale Sonnenuhr. Da trat einer von den abgesendeten Verschnittenen, der geschickter war als der andere, hervor und fing an dem astronomischen Reif (armilla) den Sonnenstrahl auf und fragte im nämlichen Augenblick diejenigen, die er bei der Sonnenuhr hatte warten heißen, wie viel Uhr es sei? Da er nun sah, dass die Zeit auf die Viertelstunde und Minute mit derjenigen übereinstimmte, welche er am Instrument beobachtet hatte, so geriet er jetzt in einen noch weit heftigeren Zorn gegen jene Mathematiker als Pater Adam. »Ihr elenden Wichte« rief er aus, »zu was gibt Euch der Kaiser Euer Jahresgehalt? Zu was nährt er Euch und duldet Euch am Hofe, wenn er keinen Nutzen von Euch hat? Ihr brüstet Euch mit dem Namen von Mathematikern. Ihr lügt der Welt die Kenntnis einer Kunst vor, von der Ihr einen Plunder versteht!«
    Gleich darauf verlangte er das Büchlein zum Gebrauch der Instrumente und ließ es sogar öffentlich vorlesen, nicht weil er selber nicht hätte lesen können, sondern um die Gegner desto kräftiger zu widerlegen und ganz klar zu beweisen, dass alles, was sie den Ohren des Kaisers zugetragen hatten, bare Verleumdung gewesen sei. Falsch sei es, fuhr er fort, wenn man sage, dass außerhalb der Grenzen des Reiches keine Wissenschaft und überhaupt nichts Gutes gefunden werde; es seien Männer da, die das eben Vorgetragene auch zu erklären wüssten; nicht Betrug, sondern echte und gründliche Wahrheit sei es, was sie vortrügen. Auch wurde Pater Adam jetzt ganz anders behandelt als vorher. Man reichte ihm höflich den chinesischen Trank, Cha genannt, und begleitete ihn bis zur Pforte des Saales.
    Der Kaiser befand sich nicht weit vom Ort des Kampfes. Er sah und hörte alles, war jedoch nicht zu sehen. Die Verschnittenen wussten wohl um seine Gegenwart, denn wenn Pater Adam etwas lebhafter redete, winkten sie ihm sogleich mit Augen und Händen, dass er gelassener reden möge; und sie ermahnten ihn auch so, verständlicher zu reden, wenn sie glaubten, dass er vielleicht nicht gehörig gehört oder verstanden werden könne. Der Kaiser rief dann die Mathematiker zu sich und gab ihnen einen scharfen Verweis, dass sie eine so leichte Sache in so langer Zeit nicht erlernt hätten, die der Europäer beinahe in einem Augenblick zustande brächte. Er ließ sie dann auch bei der nächsten Sonnenfinsternis nicht zu, sondern beobachtete diese bloß für sich mit ein paar Eunuchen eben dieser Behörde; und als er sich da mit seinen Augen überzeugt hatte, dass die Beobachtung auf das genaueste mit den Vorgängen am Himmel überein stimmte, so erließ er sogleich ein Edikt von ganz entgegen gesetztem Inhalt [zu einem früheren], nämlich dass die neue Berechnungsweise baldmöglichst dem Druck übergeben und im ganzen Reich verbreitet werden solle.
    
Schall von Bell, Johann Adam
Geschichte der chinesischen Mission
Wien 1834

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hrg.)
Reisende in China seit 630
Wien 2006

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