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Geschichten rund um den Globus

Um 1275 - Marco Polo
Die Stadt Kambalu
Beijing

Der Großkhan residiert gewöhnlich während dreier Monate des Jahres, nämlich Dezember, Januar und Februar, in der großen Stadt Kambalu, die hoch im Nordosten der Provinz Kataia liegt, und hier, an der südlichen Seite der neuen Stadt, steht sein großer Palast, dessen Form und Umfang ist wie folgt: Das Ganze bildet ein großes Viereck mit einer Mauer und einem tiefen Graben umgeben; jede Geviertseite hat acht Meilen [1 Meile hier: 1,2 km ] in der Länge und in gleicher Entfernung von jedem Ende derselben ist ein Eingangstor, wo sich das Volk versammelt, welches hierher aus allen Gegenden kommt. In dieser Ummauerung ist an den vier Seiten ein offener Raum, eine Meile in der Breite, wo die Truppen aufgestellt sind, und hieran stößt wieder eine zweite Mauer, die ein Viereck von sechs Meilen einschließt, drei Tore auf der südlichen Seite und drei Tore auf der nördlichen hat, von denen je das mittlere Portal größer ist als die beiden anderen und immer verschlossen gehalten wird, außer wenn der Kaiser in den Palast einzieht oder ihn verlässt. Die anderen bleiben immer offen für die, welche den Kaiser begleiten und zu seinem Dienste sind. In der Mitte einer jeden Abteilung dieser Mauern ist ein schönes und geräumiges Gebäude, sodass also in dem Zirk acht solcher Gebäude stehen, in denen die kaiserlichen Kriegsgeräte aufbewahrt werden, und jedes der Gebäude hat eine besondere Gattung dieses Rüstzeuges. So nehmen z. B. die Zäume, Sättel, Steigbügel und anderes Geschirr, welches zur Ausrüstung der Reiterei gehört, das eine Zeughaus ein; die Bogen, Sehnen, Köcher, Pfeile und anderes Zeug, das zum Schießbedarf gehört, sind in einem anderen zu finden; Panzer, Harnische und andere Waffenstücke aus Leder in einem dritten und so die übrigen. In diesem Mauerzirk ist wieder ein anderer, der sehr dick und volle zwanzig Fuß hoch ist. Die Zinnen oder Brustwehrzacken sind ganz weiß. Dieser Zirk bildet wieder ein Viereck von vier Meilen; jede Seite misst eine Meile; da sind wieder sechs Tore in demselben Verhältnis wie bei der ersten Ummauerung. Er enthält in gleicher Weise acht große Gebäude, in denen sich des Kaisers Garderobe befindet. Der Raum zwischen beiden Mauern ist mit schönen Bäumen geschmückt und enthält Wiesen, auf denen verschiedene Arten von Tieren gehegt werden, wie Hirsche, Moschustiere, Rehböcke, Damhirsche und andere dieser Art. Jeder Raum innerhalb der Mauern, der nicht von Gebäuden besetzt, ist auf diese Weise hergerichtet. Es ist da eine üppige Weide. Die Wege, welche durch die Wiesen führen, sind drei Fuß erhöht und gepflastert, und es sammelt sich kein Schlamm auf denselben und bleibt kein Regenwasser darauf stehen, sondern fließt ab und trägt dazu bei, die Vegetation zu fördern. An dieser Mauer, die vier Meilen umfasst, steht der Palast des Großkhans, der an Größe so ungeheuer ist, dass er seinesgleichen nie gehabt hat. Er reicht vom nördlichen bis zum südlichen Ende der Mauer und lässt einen Raum oder Hof frei, über den nur Personen von Rang und die militärischen Wachen schreiten. Er hat keinen Oberstock, aber das Dach ist außerordentlich hoch. Der gepflasterte Grund oder die Plattform, auf welcher er steht, erhebt sich zehn Spannen über den äußersten Boden und eine zwei Schritt breite Marmormauer ist um die Plattform in gleicher Höhe mit ihr aufgeführt; sie umschließt den Grundplan des Gebäudes und fasst das Ganze ein, und die darauf gehen, sind von außen sichtbar. Um den äußeren Rand der Mauer ist ein schönes Geländer mit Säulen, dem das Volk sich nähern darf. Die Wände der großen Hallen und der Zimmer sind mit Drachen in vergoldetem Schnitzwerk, Figuren von Kriegern, Vögeln und vierfüßigen Tieren wie mit Darstellungen von Schlachten verziert. Die innere oder untere Seite des weit vorspringenden Daches ist in solcher Weise geschmückt, dass nichts als Gold und Malerei sich dem Auge darstellt. Auf jeder der vier Seiten des Palastes ist eine große Freitreppe mit Marmorstufen, auf welchen man zu der Marmormauer aufsteigt, welche das Gebäude umgibt, und die den Zutritt zum Palast selbst geben. Die große Halle ist erstaunlich lang und breit und wird zu Gastmählern für eine ungeheure Menge Volks gebraucht. Der Palast enthält eine große Zahl besonderer Zimmer, die alle außerordentlich schön und so bewunderungswürdig hergestellt sind, dass es unmöglich scheint, in ihrer Anordnung noch etwas Herrlicheres zu geben. Die Fensterscheiben sind so wohl gearbeitet und so fein, dass sie durchsichtig wie Kristall sind. Am hinteren Teile des Hauptpalastes sind große Gebäude, die viele Zimmer enthalten, worinnen der Schatz des Monarchen, Gold- und Silberstangen, köstliche Edelsteine und Perlen wie auch seine Gefäße von Gold und Silber aufbewahrt werden. Da sind auch die Zimmer seiner Frauen und Beischläferinnen, und in dieser Zurückgezogenheit fertigt er seine Geschäfte mit Bequemlichkeit ab, denn da ist er geschützt vor aller Art Störung. Diesem großen Palast, wo der Kaiser residiert, gegenüber steht ein anderer Palast, der jenem in jeder Beziehung ähnlich und Cingis, des Kaisers ältestem Sohne, zur Residenz angewiesen ist, an dessen Hofe dasselbe Zeremoniell beobachtet wird wie bei seinem Vater, da der Prinz zum Nachfolger in der Regierung des Reiches bestimmt ist. Nicht weit von dem Palast, auf der nördlichen Seite und ungefähr einen Bogenschuss entfernt von der Mauer, die darum gezogen ist, befindet sich ein künstlicher Hügel von Erde, dessen Höhe volle hundert Schritt und der Umfang an der Basis ungefähr eine Meile beträgt. Der ist besetzt mit den schönsten immergrünen Bäumen; denn sobald Se. Majestät erfährt, dass an irgendeinem Platze ein schöner Baum wachse, so lässt er ihn mit allen Wurzeln und der umgebenden Erde ausgraben und, wie groß und schwer er auch sei, durch Elefanten zu diesem Hügel schaffen und in die grüne Sammlung versetzen, und weil der Hügel immer grünt, hat er den Namen des grünen Berges erhalten. Auf seinem Gipfel ist ein zierlicher Pavillon errichtet, der gleichfalls durchaus grün ist. Alles dieses zusammen, der Berg selbst, die Bäume und das Gebäude, gewähren einen köstlichen und gar wunderbaren Anblick. Gegen Norden, ebenfalls noch im Zirk der Stadt, ist eine große und tiefe Höhlung, die sehr künstlich gebildet ist und welche die Erde zur Schöpfung des Berges hergegeben hat. Diese wird durch einen Bach mit Wasser versehen und hat das Aussehen eines Fischteiches, dient aber dazu, das Vieh zu tränken. Der Strom, der von dort über einen Aquädukt läuft, füllt wiederum eine andere tiefe Höhle, die zwischen dem Privatpalast des Kaisers und dem seines Sohnes Cingis gegraben ist, und die Erde von hier hat ebenfalls zur Errichtung des Berges gedient. In diesem letzteren Bassin befindet sich eine große Menge der verschiedensten Fische, von denen die Tafel Seiner Majestät mit so viel sie nur bedarf versorgt wird. Der Strom fließt am äußersten Ende des Wasserbehälters heraus, und man hat Vorsichtsmaßregeln getroffen, dass die Fische nicht entschlüpfen können, indem man Gitter von Kupfer oder Eisen an den Stellen des Zustromes und des Abstromes angebracht hat. Der Teich ist auch mit Schwänen und anderen Wasservögeln bevölkert. Von dem einen Palast bis zum anderen besteht eine Verbindungsbrücke, welche über das Wasser geschlagen ist. Das ist die Beschreibung des großen Palastes. Wir wollen nun von der Lage und den Verhältnissen der Stadt Taidu reden.
  Kambalu liegt an einem großen Flusse in der Provinz Kataia und war in alten Zeiten eine außerordentlich prächtige und königliche Stadt. Der Name selbst bedeutet »die Stadt des Herrschers«. Aber da Seiner Majestät von den Sterndeutern gesagt worden, wie es bestimmt sei, dass diese Stadt in Rebellion gegen ihren Herrn aufstehen werde, so beschloss er, eine andere Hauptstadt auf der entgegen gesetzten Seite des Flusses zu bauen, wo der soeben beschriebene Palast steht, so dass die neue und die alte Stadt voneinander nur durch den Strom, welcher durch dieselben fließt, getrennt sind. Die neu erbaute Stadt erhielt den Namen Taidu, und alle Kataier, das heißt alle die Einwohner, welche Eingeborene der Provinz Kataia sind, mussten die alte Stadt räumen und ihre Wohnung in der neuen nehmen. Einigen von den Einwohnern jedoch, deren Ergebenheit keinem Verdacht unterlag, wurde es gestattet zu bleiben, und vorzüglich darum, weil die neue Stadt, deren Umfang und Gehalt jetzt beschrieben werden soll, die Zahl der alten, die von ungeheurer Ausdehnung war, nicht fassen konnte.
  Diese neue Stadt ist in Gestalt eines vollkommenen Vierecks angelegt und hat vierundzwanzig Meilen im Umfang, sodass jede Seite nicht mehr und nicht weniger als sechs Meilen lang ist. Sie ist mit Mauern von Erde umgeben, die am Grunde ungefähr zehn Schritt dick sind, aber allmählich nach oben abnehmen, wo die Dicke nicht mehr als drei Schritt beträgt. Diese Mauern sind durchaus weiß. Der ganze Plan ist in liniengerechter Regelmäßigkeit angelegt und die Straßen sind demzufolge im Allgemeinen so gerade, dass, wenn man durch eins der Tore über die Mauer kommt und geradeaus sieht, man das entgegen gesetzte Tor auf der anderen Seite der Stadt erblickt. Auf den Straßen sind zu beiden Seiten Buden und Kaufläden von allen Arten aufgestellt. Alle Grundbesitze, auf denen die Wohnungen durch die ganze Stadt aufgeführt sind, sind ins Gevierte verteilt und stehen in durchaus gerader Linie zueinander, und jeder Besitz bietet hinreichenden Raum für Gebäude mit zugehörigen Höfen und Gärten. Ein solcher wurde jedem Haupte eines Hausstandes angewiesen, das heißt, die und die Person des und des Namens bekam ein Grundstück eines Geviertes als ihren Anteil und so fort. Auf diese Weise ist die ganze Stadt in Vierecke verteilt, sodass sie einem Schachbrett gleicht und ihr Plan einen Grad von Regelmäßigkeit und Schönheit zeigt, der unbeschreiblich ist. Der Wall um die Stadt hat zwölf Tore, drei an jeder Geviertseite, und über jedem Tor und in jedem Mauerabschnitt steht ein hübsches Gebäude, so dass auf jeder Geviertseite fünf solche Gebäude sind, welche große Räume haben, in denen die Waffen der Stadt aufgestellt sind, und jedes Tor wird von tausend Mann bewacht. Dabei muss man aber nicht denken, dass solche Streitkraft etwa wegen Furcht vor Gefahr irgendeiner feindlichen Macht dort aufgestellt ist; sie ist bloß eine der Ehre und Würde des Kaisers angemessene Wache. Aber zugestehen muss man, dass die Erklärung der Sterndeuter eine Art von Verdacht gegen die Kataier erregt hat. Im Mittelpunkte der Stadt hängt in einem hohen Gebäude eine große Glocke, welche jede Nacht angeschlagen wird, und nach dem dritten Glockenton darf niemand mehr auf den Straßen gesehen werden, mit Ausnahme einer dringenden Angelegenheit, so man einer Frau in Kindesnöten oder einem schwer kranken Menschen Beistand holen will, und sogar in solchen Fällen muss die ausgehende Person ein Licht haben.
    Außerhalb jedes Tores ist eine Vorstadt, die so ausgedehnt ist, dass sie zu beiden Seiten bis zu denen der nächsten Tore reicht und mit ihnen in Verbindung steht, sodass die Zahl der Bewohner in diesen Vorstädten die der inneren Stadt sogar noch übertrifft. In diesen Vorstädten gibt es in gewissen Zwischenräumen von etwa einer Meile Entfernung von der Stadt viele Gasthöfe und Karawansereien, in denen die Kaufleute, die aus verschiedenen Ländern kommen, ihre Herberge nehmen, und jedem besonderen Volk ist auch ein besonderes Gebäude angewiesen, wie wir sagen würden, eins den Lombarden, ein anderes den Deutschen und ein drittes den Franzosen. Die Zahl der öffentlichen Frauen, die sich für Geld hingeben, beläuft sich, wenn man die in der neuen Stadt wie die in den Vorstädten der alten Stadt zusammenrechnet, auf fünfundzwanzigtausend. Jedem Hundert und jedem Tausend dieser Personen sind beaufsichtigende Beamte gestellt, die unter den Befehlen eines Oberhauptmanns stehen. Der Grund, sie unter eine solche hohe Aufsicht zu stellen, ist folgender: Wenn Gesandte in irgendeiner Angelegenheit, welche die Interessen des Großkhans betrifft, kommen, so ist es gebräuchlich, sie auf Seiner Majestät Kosten zu unterhalten und in ehrenvoller Weise zu traktieren; so hat der Hauptmann den Auftrag, jedem zur Gesandtschaft Gehörigen eine dieser Kurtisanen zu verschaffen, die jede Nacht durch eine andere ersetzt werden muss. Für diesen Dienst, der als eine Art Tribut betrachtet wird, den sie ihrem Herrn zu geben haben, erhalten sie keine Belohnung. Wachen, in Abteilungen von dreißig oder vierzig Mann, durchziehen während der ganzen Nacht beständig die Straßen und suchen sorgfältig nach Personen, die zu ungehöriger Stunde, das ist nach dem dritten Schlag der großen Glocke, sich vom Hause entfernt haben. Wird irgendjemand unter solchen Umständen angetroffen, so fassen sie ihn augenblicklich, sperren ihn ein und am anderen Morgen wird er zur Untersuchung vor zu dem Zweck angestellte Beamte geführt, die ihn nun nach dem Grad seines Vergehens zu einer schwereren oder leichteren Strafe, die in Stockschlägen, der so genannten Bastonade, besteht, verurteilen, welche Züchtigung jedoch zuweilen den Tod herbeiführt. Auf diese Weise werden gewöhnlich die Verbrechen im Volk bestraft, und zwar aus Abneigung, Blut zu vergießen, was ihre Baksis oder gelehrten Sterndeuter sie zu vermeiden lehren.

Bürck, August
Die Reisen des Venezianers Marco Polo im dreizehnten Jahrhundert
Leipzig 1845

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in China seit 630
Wien 2006

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