Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1599 - Matteo Ricci / Nicolas Trigault
Das Geisterhaus
Nanjing

Die Portugiesen nennen die Stadt Nanchin Lanchin, denn die Furchianer [die Bewohner der Provinz Fujian], von denen sie über die Stadt gehört haben, pflegen oft aus dem N ein L zu machen. Sie wird auch nach dem Gerichtsbezirk, in dem sie gelegen ist und dessen Pfleger allda seine Residenz hat, Intiensu genannt. Die Chinesen sind der Meinung, es gäbe ihresgleichen an Größe und Schönheit auf der ganzen Welt nicht. Und im Grunde übertreffen sie nur wenige Städte, denn sie ist voll mit überaus großen Palästen, Tempeln, Türmen und Brücken. Und obwohl in Europa jedes Bauwerk schöner und besser zu finden ist, so bleibt ihr doch in etlichen Dingen der erste Platz. Die Luft ist trefflich mild und der Boden fruchtbar, das Volk scharfsinnig und freundlich, die Sprache zierlich. Und die Beamten sind denen zu Peking gleich, außer dass die Nähe des Königs denen in Peking mehr Ansehen verleiht.
   Die Stadt hat wie Peking drei Mauern. Die innerste umgreift allein den königlichen Palast, der für sich selbst auch drei Mauern und drei Wassergräben hat. Der ganze Umkreis beträgt vier oder fünf italienische Meilen [eine italienische Meile entspricht etwa 1,2 km ], und ich mag wohl sagen, dass nirgendwo ein König (nicht Bauwerk für Bauwerk, sondern alles zusammen genommen) einen köstlicheren Palast hat. Die zweite Mauer umgreift mit dem königlichen Palast den größten und vornehmsten Teil der Stadt; dazu gehören zwölf Türme, mit Eisen überzogen und mit Geschützen wohl versehen. Der Umkreis ist 18 italienische Meilen. Die dritte und äußerste Mauer ist nicht vollständig, sondern besteht nur an den Orten, wo man glaubte, es könne gefährlich werden. Den Umkreis kann man deshalb so nicht bestimmen. Es sollen aber einstmals frühmorgens zwei Reiter, jeder von einer Seite, ausgeschickt worden und erst bei Sonnenuntergang zusammengetroffen sein. Die Form ist fast rund und fasst deshalb umso mehr [Fläche]. Und obwohl große Gärten, Berge und Seen oder Teiche darin sind, ist doch der größere Teil von Volk bewohnt. Allein die Soldaten, die dort als Besatzung liegen, sind etwa 40.000 – das sagen Leute, die sie gesehen haben, immer wieder. Die Polhöhe ist 32 Grad, so dass sie nach der Breite mitten im Königreich liegt. Gegen Sonnenuntergang gibt es den großen Fluss, auf den viele Kanäle führen, die ziemlich große Schiffe tragen; die Kanäle bringen der Stadt Nutzen wie auch Schönheit. Insgesamt ist es die angenehmste Stadt mit einem so großen Königspalast, die im Reich zu finden ist. Und obwohl der König jetzt zu Peking wohnt, hat die Stadt doch an Volk und Schönheit wenig oder nichts verloren; oder, wenn man sagen wollte, dass sie früher noch viel ansehnlicher gewesen sei, so wäre das Wunder umso größer …
   Pater Matteo hatte schon viele Häuser, die zum Verkauf standen, gesehen, und keines hatte sein Gefallen gefunden. Aber seine größte Sorge war, wie er eine Urkunde über die Bewilligung einer Wohnung erlangen könne, denn er wusste, sobald er danach fragte, würde sich die Frage stellen, ob es überhaupt ratsam sei, Ausländer in Nanchin wohnen zu lassen, und kein Magistrat würde sich der Ausländer gern annehmen.
   Es hat aber die göttliche Vorsehung bei beidem guten Rat geschaffen. Denn jemand besuchte Pater Matteo; der hatte kurz zuvor, noch ehe er den Pater kannte, bei den Gelehrten gut über ihn gesprochen. Er fragte, ob es wahr sei, dass Pater Matteo ein Haus kaufen wolle, und der antwortete mit ja. Da sprach er weiter: »Ich habe nämlich meinen Beisitzern, Beamten bei Gericht, einen Palast als Wohnung gebaut. Als er aber fertig war, haben ihn anstatt meiner Beisitzer die Teufel eingenommen und ihn so unheimlich gemacht, dass niemand sicher darin wohnen kann. Ich hätte es gern mit Verlust wieder verkauft, aber niemand will mit den Geistern zu kämpfen haben. Wenn Ihr sie nicht fürchtet, mögt Ihr es kaufen, und dafür geben, was Ihr selber wollt.«
   Da hat Pater Matteo gespürt, dass die Hand Gottes zugegen war und hat geantwortet: »Ich diene dem Herrn des Himmels und der Erde, dem die Teufel so wie alle anderen Dinge unterworfen sind; er wird, hoffe ich, mich vor den Teufeln schützen. Ich habe auch ein Bildnis Christi, unseres Heilands, vor dem die Teufel zu fliehen pflegen. Wenn mir also der Palast sonst recht ist, will ich die Teufel nicht fürchten.«
   Da hat der Leuteu, so wurde er genannt, dem Pater das Haus gezeigt und der fand es tauglicher als irgendein anderes, das er bisher besichtigt hatte. Es war an einem hohen Ort gelegen, wo Wasser keinen Schaden tun kann, und an der vornehmsten Straße, die fast einen Steinwurf breit ist. Darum herum konnte man des Königs und des Magistrats Paläste erblicken, und auf der Rückseite hatte es einen Ausgang in eine andere Straße. Es hatte zehn Zimmer und war ein neues, gesundes Gebäude. Da das Bauamt es verkaufen wollte, hat man sich um die Genehmigung der Obrigkeit nicht viele Sorgen machen müssen. Gerade zu dieser Zeit kam Pater Cataneus mit den Seinen an, und alle waren der einhelligen Meinung, Gott habe ihnen dieses Haus beschert, und die Gelegenheit dürfe nicht versäumt werden. Die Patres stellten dem Verkäufer anheim, die Kaufsumme zu benennen. Der verlangte ungefähr halb so viel, wie der Bau gekostet hatte, weil er für ihren engsten Freund gehalten werden wollte. Da die Patres über wenig Geld verfügten, wurde ihnen für die Bezahlung einer Hälfte ein ganzes Jahr Frist gegeben.
   Alle Verhandlungen waren nach drei Tagen abgeschlossen und die Unseren zogen in das Haus ein. Der Verkäufer schickte ohne Verzug mit seinem Amtssiegel einen Kaufbrief und ein Edikt, das an der Tür zu befestigen war, damit ihnen dieses Haus niemand streitig machen konnte. Dadurch wurde die Residenz nicht ohne sonderbare Schickung Gottes stark gesichert. Dazu haben die Patres noch den Dank des Bauamtes verdient, das froh war, den halben Preis für etwas zu bekommen, was schon ganz als verloren galt.
   Nach Erledigung dieser Angelegenheit hat Pater Matteo dem Obersten der Verwaltung den Kaufbrief und das Edikt vorgelegt; der war hoch verwundert, dass eine solche Sache so schnell abgehandelt worden war. Es war ihm aber lieb, dass man seiner Teilnahme dabei nicht bedurft hatte. Als er aber vernahm, dass die bösen Geister den Dienern Gottes die Wohnung abgetreten hatten, hat er umso mehr die Macht und den Beistand Gottes gerühmt.
   Am ersten Abend, den die Unsrigen in dem Haus verbrachten, haben sie im Saal einen Altar aufgerichtet und davor die passenden Gebete gesprochen, ein Heilandbild im ganzen Haus herum getragen und alles mit Weihwasser besprengt. Dadurch ist das Haus rein geworden, denn der, dem alle Dinge dienen, hat die bösen Geister hinein geschickt, um uns die Wohnung zu bereiten, und sie wieder hinaus geschafft, nachdem wir sie bekommen hatten. Der Verkäufer hat dies immer wieder bekannt. Dies wurde bald in der ganzen Stadt und im ganzen Reich bekannt und hat unserem heiligen Glauben einen großen Namen gemacht. Denn es ist gewiss, dass die abgöttischen Teufel all ihr Heil versucht haben, wie man noch heute an den Furchen auf den Säulen sieht, die sie mit ihrem Wüten verursacht haben.

Trigault, Nicolas; Ricci, Matteo
Historia von der Einführung der christlichen Religion in dasz grosse Königreich China durch die Societet Jesu …
Augsburg 1617

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in China seit 630
Wien 2006

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