Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1787 - Jean François de Lapérouse
Macao

Macao, das an der Mündung des Tigerflusses liegt, kann auf der Reede von Typa Schiffe von vierundsechzig Kanonen und in seinem Hafen, der sich unterhalb der Stadt befindet und mit dem Fluß in Verbindung steht, Schiffe von sieben- bis achthundert Tonnen bei halber Ladung aufnehmen. Nach unseren Beobachtungen liegt Macao unter 22 Grad 12 Minuten 40 Sekunden nördlicher Breite und 111 Grad 19 Minuten 30 Sekunden östlicher Länge.
   Die Hafeneinfahrt schützt eine Festung mit zwei Batterien. Einlaufende Schiffe müssen hier innerhalb Pistolenschußweite vorbei. Drei kleine Schanzen decken den südlichen Teil der Stadt gegen chinesische Angriffe. Diese Festungswerke sind in sehr schlechtem Zustand und würden europäischen Truppen nicht lange widerstehen, könnten aber die ganze chinesische Seemacht abhalten. Auch ist noch ein Berg in der Nähe, auf dem die Portugiesen auf den Ruinen einer Schanze eine Kirche erbaut haben und von wo das Ufer beschossen werden kann.
   Die Landseite wird von zwei Forts verteidigt, von denen das eine mit vierzig Kanonen besetzt ist und tausend Mann halten kann. Es hat eine Zisterne, zwei Süßwasserquellen und ansehnliche Kasematten für Kriegs- und Mundvorräte; das andere hat dreißig Kanonen und kann nur 300 Mann fassen. Es hat eine Quelle, die nie versiegt.
   Die Grenze der portugiesischen Kolonie liegt eine knappe Meile vor der Stadt und wird durch eine Mauer begrenzt, die ein Mandarin mit einigen Soldaten bewacht. Dieser Mandarin ist der eigentliche Gouverneur von Macao, dem die Chinesen gehorchen. Denn obwohl er nicht in der Nacht im portugiesischen Bereich bleiben darf, kann er doch die Stadt und sogar die Festungswerke besuchen, das Zollhaus besichtigen u.s.w. Bei diesen Gelegenheiten müssen ihn die Portugiesen mit fünf Kanonenschüssen begrüßen. Kein Europäer aber kann einen Schritt in das chinesische Gebiet jenseits der Mauer tun, ohne sich der Gefahr auszusetzen, von den Chinesen als Gefangener behandelt zu werden. Einige unserer Offiziere wagten es dennoch, ohne daß diese kleine Unvorsichtigkeit üble Folgen für sie hatte.
   Die Bevölkerung von Macao kann auf zwanzigtausend Einwohner geschätzt werden, von denen etwa hundert gebürtige Portugiesen sind. Die übrigen Bewohner sind zweitausend Mestizen oder indische Portugiesen und ebenso viele Kaffern, die als Dienstboten gebraucht werden; die Chinesen machen die größte Anzahl aus; sie leben vom Handel und von verschiedenen Gewerben und machen sich dadurch den Portugiesen unverzichtbar, die jede Handarbeit als schimpflich verschmähen. Sie schämen sich jedoch nicht, mit großem Ungestüm Almosen zu erbetteln …
   Der Anblick der Stadt ist sehr heiter. Einige schöne Häuser, die von ehemaligem Reichtum verkünden, sind an die Supercargos der verschiedenen Handelsgesellschaften vermietet, die den Winter in Macao zubringen, weil die Chinesen sie zwingen, Kanton zu verlassen, sobald das letzte Schiff ihres Landes ausgelaufen ist. Sie erhalten erst die Erlaubnis, nach China zurückzukehren, wenn mit dem nächsten Monsun die ersten Schiffe aus Europa eingetroffen sind. Dieser Umstand macht Macao zu einem sehr angenehmen Aufenthalt im Winter, denn diese Supercargos sind zumeist Leute von Verdienst und Einsicht, und ihre ansehnlichen Bezüge geben ihnen die Möglichkeit, ein offenes Haus zu führen. Ohne ihre freundliche Aufnahme wären wir in Macao ziemlich verwaist gewesen, da unsere Handelskompanie noch niemanden in Macao unterhält. Besonderen Dank schulden wir dem Vorsteher der Schwedisch-Ostindischen Handelsgesellschaft, Herrn Stockenstroem, der uns die Güte eines alten Freundes und den Eifer eines Landsmannes erwies …
   Da die Reede von Typa, auf der unsere Schiffe lagen, nicht mehr zum portugiesischen Gebiet gehört, so stellte der Mandarin von Macao keine weiteren Forderungen an uns, aber wir erfuhren, dass er tausend Piaster von dem Kaufmann verlangt hatte, der uns mit Lebensmitteln versah. Diese Summe war klein im Verhältnis zu den Spitzbübereien dieses Händlers, dessen Rechnung sich in den ersten fünf oder sechs Tagen auf mehr als dreihundert Piaster belief. Da wir überzeugt waren, dass er betrog, ließen wir ihn gehen, und der Proviantmeister schickte von da an jeden Tag auf dem Markt, um das Nötige einzukaufen. Auf diese Weise war die Ausgabe eines ganzen Monats weniger als die der ersten Woche unseres Aufenthalts. Nur für die Handelsartikel, die auf chinesischen Fahrzeugen aus dem Landesinneren gebracht werden oder die man in Macao auf solche umlädt, um sie im Inneren des Reiches zu verkaufen, müssen Zölle entrichtet werden. Was wir aber in Macao kauften und mit unseren eigenen Schaluppen an Bord unserer Fregatten brachten, war keiner Untersuchung unterworfen.
   Das Klima auf der Reede von Typa ist im Winter sehr unbeständig, das Thermometer stieg oder fiel zuweilen um acht Grad an einem einzigen Tag. Wir litten fast alle an heftiger Erkältung und starkem Fieber, aber das schöne gemäßigte Klima von Luzon, das wir am 15. Februar zu Gesicht bekamen, stellt unsere Gesundheit wieder her. Wir waren am 5. Februar von Macao abgegangen.
   Der Nordwind hätte uns erlaubt, zwischen den Inseln hindurchzufahren. Dazu aber war ein Lotse vonnöten, und da wir uns die recht beträchtliche Ausgabe sparen wollten, segelten wir auf dem gewöhnlichen Weg südlich an der großen Ladroneninsel vorbei. Wir hatten auf jeder Fregatte sechs chinesische Matrosen mitgenommen an Stelle derer, die wir bei dem Schiffbruch unseres Kanus im Franzosenhafen verloren hatten. Dieses Volk ist so unglücklich, daß wir trotz des Gesetzes, das Chinesen bei Todesstrafe verbietet, ihr Land zu verlassen, mühelos in einer Woche zweihundert Mann hätten anwerben können, wenn wir sie gebraucht hätten.

La Pérouse, Jean François de Galaup
La Perouse'ns Entdeckungsreise in den Jahren 1785, 1786, 1787 und 1788
Band 1, Berlin, 1800

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