Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Unfreundliche Leute in Kanton
Guangzhou

Die Häuser sind in gewissen Quartieren sehr hoch, oft fünf- und sechsstöckig, mit Gold und Rot - der Lieblingsfarbe der Chinesen - überladen. Zudem hängen überall bis 30 und mehr Fuß lange rote und schwarze, mit goldenen Lettern bemalte Aushängeschilder senkrecht an den Häusern herunter, wodurch die ohnehin schon schmalen Straßen noch mehr verengt werden. Dekorationen anderer Art, welche daneben angebracht sind, plastische Darstellungen von Drachen und anderen Phantasietieren, bunte Gemälde, farbige Laternen jeder Form geben im Verein mit den beschriebenen Schildern den Straßen ein ganz märchenhaft phantastisches Aussehen. Die chinesischen Magazine der besseren Quartiere, deren Herrlichkeit an Gold, Seide, Edelsteinen, Elfenbein, edlen Holzsorten u.s.w. offen ausgebreitet liegen, sind prachtvoll, nahezu feenhaft. Nach oben zu rücken die Häuser mit ihrem goldenen Flitter so nahe zusammen, daß vom Himmel nichts zu sehen ist, und wenn man im Halbdunkel solcher Straßen zwischen der fremdartigen drängenden Menschenmenge, betäubt von deren Lärm und von den Düften der Blumenmärkte, sich seinen Weg sucht, so glaubt man zu träumen oder irgendein Märchen in der Unterwelt zu erleben.
   Wir hatten zu unserer Beförderung fünf Sänften mit je drei Kulis; der lange Zug machte überall Verkehrshemmung und großes Aufsehen, namentlich weil europäische Gesichter aus den Kästen herausguckten. Die Bevölkerung behandelte uns - abgesehen von Händlern, die uns in der Hoffnung auf ein gutes Geschäft zuvorkommend in ihre Magazine einluden - sehr unfreundlich, und ihr Haß gegen die Fremdlinge war durchaus nicht zu verkennen. Daß sie sich über uns lustig machte, ist begreiflich; würde doch ein bezopfter Chinese bei uns auch Gegenstand der öffentlichen Heiterkeit sein. Aber die Bewohner Kantons - die, nebenbei gesagt, abscheulich häßlich sind - führten sich in anderer Weise höchst unangenehm auf, machten nur widerwillig Platz, spuckten ostentativ vor uns aus, stießen und schlugen an die Sänften und riefen uns kleine Freundlichkeiten nach, die mir der Führer nachher mit "roter Hund, roter Teufel" übersetzte und als Spitznamen der Chinesen für Europäer qualifizierte.
   Ich hatte mir die Sache nach mündlichen Berichten von Kantonbesuchern ganz anders vorgestellt und war höchst unangenehm erstaunt über die feindliche Haltung der Bevölkerung, bedauerte auch durchaus nicht, in Gesellschaft zu sein, so gerne ich sonst dergleichen Touren, um ungenierter über meine Zeit zu verfügen und mehr meinen Liebhabereien nachgehen zu können, allein mache. Die Erklärung dazu gab mir abends ein in Kanton lebender europäischer Seidenhändler: Es waren drei Tage zuvor von drei europäischen Zollbeamten, die in betrunkenem Zustand durch die Straßen zogen, ein chinesischer Junge und eine Frau durch Revolverschüsse getötet worden, und dies Ereignis hatte eine furchtbare Erbitterung in den Bevölkerung gebracht.

Haffter, Ernst
Briefe aus dem Fernen Osten
5. Auflage, Frauenfeld 1898

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