Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1516-1521 - João de Barros
Die Portugiesen in China
Guangzhou - Nanjing - Beijing
    
Am 15. August langte Fernão Perez bei der Insel Tamang an, die drei Meilen [1 Meile hier: 5,9 km] vom festen Lande liegt [beim heutigen Hongkong] und wo alle fremden Schiffe, die mit Kanton handeln wollen, vor Anker gehen und ihre Geschäfte betreiben müssen. Ehe wir von den dortigen Verrichtungen des Fernão Perez de Andrade reden, wollen wir einige Nachrichten voranschicken.
    Die Stadt Kanton liegt an einem schiffbaren Fluss. An dessen Mündung sind einige Inseln, die von Bauern bewohnt werden. Der Strom ist 200 Schritt breit und drei bis sieben Klafter tief. Die Stadt liegt in einer ebenen, gut angebauten Gegend. Der Umfang der Stadtmauer wird über drei Meilen betragen. Sie ist mit 90 Türmen besetzt, die als Bastionen dienen. Zwei Hauptstraßen durchschneiden einander in rechten Winkeln und führen nach den vier vornehmsten Toren, von denen Kanton insgesamt sieben hat. Die übrigen Straßen laufen parallel. Vor jedem Tor ist eine steinerne Brücke, unter der die Schiffe mit umgelegten Masten durchfahren können. Niemand darf in der Stadt oder in den Vorstädten wohnen, der nicht über sein Gewerbe Rechenschaft ablagen kann; daher gibt es in Kanton auch keine Bettler.
    Ehe Fernão Perez in den Hafen Tamang einlief, begegnete ihm eine chinesische Flotte, die sich zum Schutz der Handelsschiffe gegen die Seeräuber an der dortigen Küste befand. Da diese Flotte einige Geschütze abfeuerte, ließ der General die portugiesische Flagge aufziehen, um seine friedliche Absicht zu erkennen zu geben; doch hielt er sich zugleich gefechtsbereit für den Fall, dass er angegriffen würde. Er ging im Hafen vor Anker und fand, dass Duarte Coelho schon vor einem Monat dort angekommen war. Er hatte, nachdem er durch Sturm von der Flotte getrennt worden war, in Siam [Thailand] überwintert. Hernach hatte er sich mit 35 chinesischen Piratenschiffen schlagen müssen, denen er mit genauer Not entkommen war.
    Fernão Perez ließ dann dem Befehlshaber der chinesischen Flotte melden, dass er gekommen wäre, um eine friedliche Gesandtschaft des Königs von Portugal an den Kaiser von China gelangen zu lassen. Der Befehlshaber ließ ihn empfangen, ließ ihm aber sagen, dass er sich wegen seiner Angelegenheit an den Pio (Großadmiral) wenden müsse. Der General [Fernão Perez] ließ also dem Pio sagen, dass er einen Gesandten des Königs von Portugal an Bord habe; er bäte um Lotsen, die ihn nach Kanton bringen könnten. Der Pio antwortete, dass dieses nicht von ihm abhinge, sondern von den Befehlshabern in der Stadt, denen er aber Bericht erstatten wolle und deren Antwort er dem General dann mitteilen wolle. Da sich aber diese Antwort von einem zum anderen Tage verzögerte, ließ er einige von seinen Schiffen aus dem Hafen ziehen, um sich durch die Lotsen, die er selbst mitgebracht hatte, nach Kanton führen zu lassen. Der Pio bat ihn, nur noch 24 Stunden auf Antwort aus Kanton zu warten, und wie diese weiter ausblieb, widersetzte er sich der Abreise nicht länger, sondern gab dem General Lotsen mit, die ihn nach Kanton brachten.
    In den letzten Tagen des Septembers kam Fernão Perez dort an und lief mit allen auf See gebräuchlichen Feierlichkeiten in den Hafen ein. Die drei Befehlshaber der Stadt waren nicht anwesend, sondern nur ein Stellvertreter des Tutang [Provinzgouverneur]. Der äußerste sein Befremden darüber, dass der General ohne die Genehmigung der Behörden nach Kanton gekommen und dass er mit Flaggen und Wimpeln unter Abfeuerung seines Geschützes eingelaufen wäre. Fernão Perez rechtfertigte sich wegen Ersterem durch das, was zwischen ihm und dem Pio vorgefallen war, und wegen der anderen Punkte durch den seemännischen Brauch, dem auch die Chinesen folgten, wenn sie nach Malakka kämen. Er bat dann um die Beförderung des Gesandten und der Geschenke, die er mitgebracht hatte.
    Der Stellvertreter war mit seiner Rechtfertigung zufrieden; was aber die Beförderung des Gesandten betraf, so sagte er, dass sie vor der Ankunft der drei Hauptbeamten nicht vor sich gehen könne, dass diese aber bald erwartet würden.
    Nach einigen Tagen kamen sie an und hielten, um sich dem General in ihrer ganzen Pracht und Würde zu zeigen, ihren feierlichen Einzug, und zwar am ersten Tag der Konkang [zuständig für alle Handelsangelegenheiten], am zweiten der Tschumping [der militärische Oberbefehlshaber], und am dritten der Tutang. Sie versammelten sich in ihrem Stadthaus und Joannes Impola wurde mit einem ansehnlichen Gefolge zu ihnen gesandt, um sie zu ersuchen, den portugiesischen Gesandten und die Geschenke, die er für den Kaiser mitgebracht hätte, an den Hof zu befördern, und zugleich die baldige Abfertigung der Flotte zu erbitten. Man antwortete ihm, dass man den Gesandten in Empfang nehmen und ihn an den Hof befördern wolle, sobald man dazu vom Kaiser die Erlaubnis erhielte. Mittlerweile könne der General seine Geschäfte betreiben, sobald der Gesandte an Land käme.
    Fernão Perez ließ darauf den Gesandten Thomé Pirez, der zwar kein Hofmann, sondern ein Apotheker, aber ein feiner, geschickter und gewandter Mann war, mit sechs oder sieben Personen als Begleitung unter Trompetenschall und Abfeuerung des Geschützes an Land setzen. Man räumte ihm nicht nur ein ansehnliches Haus ein, sondern wollte ihm auch seinen Unterhalt anweisen; Fernão Perez bestand aber darauf, dass der Unterhalt des Gesandten auf Kosten des Kaisers erst mit Antritt seiner Reise zum Hof anfangen sollte.
    Nachdem ein Platz für die mitgebrachten Waren angewiesen war, ließ der General den Oberkaufmann Joannes Impola und seine Gehilfen an Land gehen und ließ die Waren nach und nach ausschiffen, um sie gegen chinesische zu tauschen. Doch kaum hatte er alles aufs Beste eingerichtet, da ereigneten sich Umstände, die ihn nötigten, Kanton wieder zu verlassen. Simão d'Alcazova war von einigen räuberischen Dschunken angefallen worden, die aber ihre Absicht verfehlt hatten, weil er auf seiner Hut war. Überdies waren dem General wegen der ungesunden Luft viele Leute krank geworden, so dass ihm vor Ende des Oktobers neun von ihnen an Fieber starben, unter denen sich auch Joannes Impola befand. Fernão Perez beurlaubte sich deshalb bei den Befehlshabern und ging zurück zur Insel Tamang, wohin man ihm alles lieferte, was er zur Ausbesserung seiner Schiffe benötigte. Er war der Erste, der nach dem Beispiel der Chinesen seine Schiffe mit einer Wurmhaut [Abdichtungsmaterial aus Seidenkokons] überziehen und die Galerie der Hütte über den Spiegel hinaus bauen ließ.
    Da Fernão Perez den Befehl hatte, sich so lange wie möglich in China aufzuhalten, um Erkundigungen einzuziehen, und da er wünschte, von den Inseln der Lekier [Taiwan] Nachrichten zu erhalten, so schickte er den Hauptmann Jorge Mascarenhas auf diese Entdeckung aus. Dieser ging mit Genehmigung der Regierung mit einigen Dschunken nach Tschintscheo [Quanzhou] in der Provinz Fokien [Fujian] ab. Weil er aber daselbst etwas zu spät ankam, um nach den nach den Lekischen Inseln hinüber zu gehen, die über 100 Meilen gegen Osten entfernt waren, und von denen die westlichste unter 25° 30' nördlicher Breite liegt, so blieb er auf Anraten seiner Lotsen, wo er war, und handelte mit doppelt so viel Vorteil wie in Kanton, weil der dortige Hafen weniger besucht wird und folglich die einheimischen Waren dort wohlfeiler, die ausländischen aber umso teuer bezahlt werden.
    [Fernão Perez schickt ein Schiff nach Malakka, um mitzuteilen, wie die Flotte aufgenommen worden war, und ruft Mascarenhas nach Kanton zurück.]
    Gleich nach der Ankunft von Jorge Mascarenhas nahm Fernão Perez Abschied von den Befehlshabern in Kanton und vernahm von ihnen, dass der Kaiser Erlaubnis gegeben habe, Thomé Pirez als Gesandten zu ihm zu schicken. Vor seiner Abfahrt ließ er ausrufen, dass ein jeder, der gegen einen Portugiesen etwas vorzubringen hätte, Genugtuung erhalten solle. Dieses Verfahren gab den Chinesen einen hohen Begriff von der Rechtlichkeit der Portugiesen.
    [Fernão Perez verlässt China, 1518 kommt ein weiteres Schiff unter dem Kommando seines Bruders nach Kanton. Dort wartet Thomé Pirez immer noch darauf, zum Kaiser reisen zu dürfen. Erst im Januar 1520 bricht er auf, zunächst nach Nanjing, dann weiter nach Beijing.]
    Im Januar 1521 kam der Kaiser nach Peking und schritt sogleich zur Abfertigung des Gesandten, weil er aus Nanking und Kanton Berichte erhalten hatte, die für die Portugiesen wenig vorteilhaft waren. Man sagte ihm, dass sie unter dem Vorwand, Handel zu treiben, die Länder auskundschafteten um sie hernach zu erobern, und dass sie sich auf diese Weise zu Herren von Indien und Malakka gemacht hätten. Thomé Pirez wurde vorläufig der Hof verboten. Dann wurde der Kaiser krank und starb nach drei Monaten.
    Wie dem neuen Kaiser diese Sachen vorgelegt wurden, waren seine Räte der Meinung, dass man den Pirez und alle seine Begleiter als Kundschafter hinrichten müsse. Der Kaiser urteilte jedoch etwas günstiger. Er befahl, den wirklichen oder angeblichen Gesandten samt den Geschenken, die er mitgebracht hätte, nach Kanton zurückzuschicken, und ihn dort in Verwahrung zu halten, bis Antworten aus Malakka und aus Indien von den dortigen portugiesischen Behörden einliefen. An die solle man schreiben, dass sie dem König von Bintang als einem Schutzgenossen des Kaisers von China sein Reich wieder einräumen müssten. Mittlerweile sollten keine portugiesischen Waren im Reich mehr zugelassen werden. Sobald Nachricht käme, dass Malakka geräumt wäre, solle man den Gesandten auf freien Fuß setzen, jedoch mit der Warnung, dass kein Portugiese sich wieder in China sehen lassen solle, weil der Kaiser solche gierigen und unruhigen Leute in seinem Lande nicht dulden wolle. Käme aber die Nachricht, dass die Portugiesen Malakka nicht räumen wollten, so solle der Gesandte nach den Landesgesetzten hingerichtet werden.
    Da die Beamten in Kanton die Portugiesen als Leute geschildert hatten, die fremde Seefahrer plünderten und ihren Handel störten, die auf ihre Waren keine Zölle entrichten wollten, und die gestohlene Kinder angesehener Leute kauften, um sie zu schlachten, und mehr dergleichen gehässige Dinge, so dürfen wir uns nicht wundern, dass der Kaiser solche Beschuldigungen glaubte.
    Als die Beamten in Kanton erfuhren, wie übel Thomé Pirez am Hofe empfangen worden war, wandten sie alles an, um die Schiffe und Dschunken der Portugiesen in ihre Gewalt zu bekommen, und ließen sie deswegen durch ein zahlreiches Geschwader einschließen. Der Itao kam mit 50 Segeln, um sie anzugreifen. Er wurde aber durch das Feuer der Portugiesen dermaßen zurückgewiesen, dass er sich nicht wieder an sie wagte und sich damit begnügte, sie eingeschlossen zu halten. Die Portugiesen beratschlagten sich über die Mittel, sich durchzuschlagen, und beschlossen, die gesamte Mannschaft an Bord dreier Schiffe zu nehmen und auszulaufen. Am folgenden Morgen wurden sie von dem Itao angegriffen, und es kam zu einem mörderischen Treffen. Zum Glück für die Portugiesen erhob sich ein Donnerwetter mit einem Sturm, der die Flotte des Itao zerstreute, und die Flucht der Portugiesen begünstigte. Dieses geschah am 8. September, und Ende Oktober kamen sie glücklich nach Malakka.
    Da aber der Itao außer seinem Verlust in dem Treffen auch einige Schiffe durch den Sturm eingebüßt und noch dazu den Verdruss hatte, dass ihm die Portugiesen entwischt waren, so waren die Beamten in Kanton so erbost, dass sie Thomé Pirez, welcher eben dort ankam, mit allen seinen Leuten ins Gefängnis warfen. Die Briefe, die zwei oder drei Jahre später von den Gefangenen einliefen, enthielten klägliche Beschreibungen von ihren Drangsalen und von den Räubereien, die die Machthaber an den fremden Schiffen begingen unter dem Vorwand, dass sie Portugiesen an Bord hätten. [Die Gefangenen kamen nie wieder frei.] Die Geschenke, die Pirez mitgebracht hatte, waren geplündert worden, und an Gold, Silber, Moschus und anderen Waren aus Indien waren beträchtliche Schätze verloren gegangen.

Soltau, Dietrich Wilhelm
Geschichte der Entdeckungen und Eroberungen der Portugiesen im Orient vom Jahre 1415 bis 1539; nach Anleitung der Asia des João de Barros
Band 3, Braunschweig 1821

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in China seit 630
Wien 2006

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