Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 629 - Hsüan-tsang (Xuanzang)
Die Schrecken der Wüste
Gobi

Er kam in die Mo-kia-yen Wüste, die sich über etwa 800 Li [ein Li ist in der Regel etwas mehr als ein halber Kilometer] erstreckt. Ihr alter Name ist Sha-ho, »Sandstrom«. Dort gibt es keine Vögel oben und keine Tiere unten und es gibt weder Wasser noch Weide. Immer wieder rief er bei bestimmtem Stand der Sonne in tiefster Andacht den Namen des Bodhisatwas Kwan-shai-yin [des Gottes des Mitgefühls, als Kwan-yin in der weiblichen Form eine der populärsten chinesischen Gottheiten] an und betete eine bestimmte Sutra. Als der Meister des Gesetzes noch in Shuh [in der Provinz Sichuan] lebte, hatte er einen kranken Mann getroffen, dessen Körper mit Schwären bedeckt und dessen Kleidung zerlumpt und schmutzig war. Mit diesem Mann fühlte er Mitleid und nahm ihn in sein Kloster mit. Der Kranke gab dem Meister aus großer Dankbarkeit ein kleines Buch mit geistlichen Sprüchen, und aus dem pflegte er seitdem zu zitieren.
  Bei der Durchquerung der Wüste traf er auf viele Arten von Dämonen verschiedenster Gestalt und auf merkwürdige Kobolde, die sich um ihn scharten. Und obwohl er den Gott des Mitgefühls anrief, konnte er sie nicht alle vertreiben; aber als er wiederum die Sutra aufsagte, verschwanden sie sofort. Wann immer er in Gefahr war, verließ er sich zu seiner Sicherheit und Errettung nur auf diesen Spruch.
  Nachdem er ungefähr 100 Li zurückgelegt hatte, kam er vom Wege ab und konnte den Brunnen Ye-ma nicht finden, um Wasser zu schöpfen. Und als er aus seinem Wasserschlauch trinken wollte, glitt der ihm, weil er schwer war, aus der Hand, und das Wasser verrann – ein Vorrat ausreichend für 1.000 Li war blitzschnell verloren. Und wieder wusste er nicht, wohin er sich richten sollte, denn der Pfad war gewunden. Schließlich kehrte er nach Osten zum vierten Wachtturm um und ritt etwa 10 Li weit, aber dann sagte er zu sich selbst: »Ich habe zu Beginn gelobt, dass ich nicht nach Osten zurückkehre, bevor ich Indien erreicht habe. Und was mache ich nun? Es ist besser, auf dem Weg nach Westen zu sterben als durch die Rückkehr nach Osten zu leben!« Daraufhin ergriff er die Zügel seines Pferdes unter Anrufung des Gottes des Mitgefühls und zog nach Nordwesten weiter.
  Wie er sich nun umsah in alle vier Himmelrichtungen, da war der Anblick endlos. Es gab Spuren weder von Mensch noch Pferd, und in der Nacht entzündeten die Dämonen und Kobolde feurige Lichter, so viele wie die Sterne; während des Tages trieb ein starker Wind den Sand vor sich her wie Regenschleier. Aber trotzdem war sein Herz frei von Furcht. Es litt jedoch so unter dem Mangel an Wasser, dass er nicht mehr weiter konnte. Vier Nächte und fünf Tage hatte er nicht einen Tropfen gehabt, um Kehle oder Mund zu befeuchten; sein Magen wurde von brennender Hitze gepeinigt, und er war völlig erschöpft. Und da er nun nicht mehr weiter konnte, legte er sich in den Sand, um zu rasten, und rief ohne Unterbrechung den Gott des Mitgefühls an, obwohl vor Leid fast verging. Dabei sagte er: »Hsüan-tsang strebt auf dieser Reise nicht nach Reichtum oder weltlichem Gewinn, er will keinen Ruhm ernten, er sucht nur nach dem endgültigen Gesetz, um die  höchste Glaubenswahrheit zu erkennen. Ich weiß, dass der Gott allen Lebewesen Liebe entgegen bringt und sie vom Elend erlösen will. Willst Du nicht mein ach so bitteres Elend anerkennen?«
  So sprach und betete er aus tiefstem Herzen ohne Unterlass bis zur Mitte der fünften Nacht, als plötzlich eine kühle Brise seinen Körper umfächelte, kalt und erfrischend wie ein Bad in eiskaltem Wasser. Seine Augen erhielten ihre Sehkraft zurück und sein Pferd fand Kraft genug, um aufzustehen. Mit erfrischtem Leib lag der Meister still und schlief eine kleine Weile. Während er schlummerte, hatte er einen Traum, und im Schlaf erschien ihm mächtiges geistiges Wesen, mehrere Chang [1 Chang = 3,6 m] groß, mit einer Signalstandarte in der Hand, das sagte: »Warum schläfst Du noch, statt mit aller Kraft voran zu schreiten?»
  Der Meister des Gesetzes erhob sich aus seinem Schlaf und war 10 Li weit geritten, als sein Pferd sich plötzlich umdrehte und nicht auf den vorherigen Weg zurück gebracht werden konnte. Nach einigen Li in der neuen Richtung sah er plötzlich eine größere Fläche mit grüner Weide. Er stieg vom Pferd und ließ es grasen. Als er die Weide wieder verließ, um seine Reise fortzusetzen, kam er nach etwa 10 Schritten an einen Teich mit süßem Wasser, blank wie ein Spiegel. Er stieg wieder vom Pferd und trank reichlich. So wurden sein Leib belebt und seine Kräfte erneuert, und Mensch wie Pferd waren erfrischt und fühlten sich wieder wohl. Wir dürfen wohl annehmen, dass Wasser und Weide nicht natürlichen Ursprungs waren, sondern durch die Barmherzigkeit des Erleuchteten entstanden waren, und das ist ein Beweis für dessen sanften Charakter und seine spirituelle Macht.
  Nachdem er einen Tag bei der Weide und dem Wasser gelagert hatte, füllte er sein Wassergefäß und schnitt Gras und ritt dann weiter. Nach zwei weiteren Tagen ließ er die Wüste hinter sich und erreichte I-gu [Hami]. Die Myriaden von Gefahren und Schwierigkeiten, die er überstehen musste, können im Einzelnen gar nicht beschrieben werden.

Beal, Samuel
The life of Hiuen-Tsiang
London 1911; Nachdruck Delhi 1973
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in China seit 630
Wien 2006

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