Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1861 - Reinhold Werner
Die Große Mauer am Meer
Shanhaiguan, Qinhuangdao, Provinz Hebei

Wir segelten nach Nordosten. Unser Rendezvous war Ning-hae im Golf von Liantung, ein chinesisches Städtchen 200 km von Peiho entfernt und dadurch merkwürdig, dass eins der Weltwunder, die berühmte chinesische Mauer, hier ihren 3.000 km langen Lauf beginnt. Als wir diese Entdeckung auf der Karte machten, waren wir alle sehr erfreut und unserem Geschwaderchef sehr dankbar, dass er das tödliche Einerlei der letzten Monate durch eine so interessante Abwechslung unterbrach.
    Nach zweitägiger Reise trafen wir morgens früh vor Ning-hae ein. Die berühmte Mauer zeichnete sich bereits meilenweit am Morgenhimmel ab, und wir hatten an ihr ein vortreffliches Merkzeichen für unseren Ankerplatz. Die Stadt Ning-hae selbst blieb dagegen unseren Blicken verborgen, da sie 5 km landeinwärts auf einer flachen Alluvialebene liegt und chinesische Städte selten emporragende Gebäude besitzen.
    Wir lagen etwa 2.000 bis 3.000 Schritt vom Ufer entfernt, gerade dem Anfang der Mauer gegenüber, die sich unmittelbar am Wasser erhebt und in nördlicher Richtung in das Innere erstreckt. Eine zweistöckige Pagode bezeichnet ihren Anfang und hat wahrscheinlich in früheren Jahren als Wachtturm gedient.
    Sobald wir Anker warfen, wurden die verschiedenen Boote bemannt, um an Land zu gehen, allein die Brandung an der ziemlich steil aufwärts gehenden Sandküste war so heftig, dass der Versuch von der Arkona als unausführbar aufgegeben wurde. Wir auf der Elbe versuchten unser Heil mit Hilfe eines kleinen eisernen Francis-Patentbootes, das wie ein Kork auf dem Wasser schwamm und mit dem wir trockenen Fußes durch die Brandung und an Land kamen, sehr bald von den Herren der Arkona gefolgt, denen wir eine Brücke gebaut hatten.
    Eine Menge Chinesen und unter ihnen verschiedene Militärmandarine mit weißen und goldenen Knöpfen, also etwa unseren Hauptleuten und Leutnants entsprechend, waren am Strande versammelt, und aus ihren Mienen und ihrer Haltung war deutlich zu ersehen, dass sie unserer Ankunft eher eine feindliche als freundliche Absicht unterlegten. Dass wir unbewaffnet kamen, schien sie zwar etwas zu beruhigen, aber ihr Vertrauen gewannen wir erst, als wir einen Brocken aus unserem chinesischen Wörtervorrat, die Begrüßungsformel Tsin-tsin, anbrachten, ihnen die Hände schüttelten und sofort jedem Mandarin eine Zigarre anboten sowie auf ihre Fragen, obwohl wir keine Silbe verstanden, stets mit hae-hae (ja, ja) antworteten.
    Namentlich imponierte ihnen das Händeschütteln, obwohl sie im ersten Augenblick nicht zu begreifen schienen, was es vorstellen sollte. Englisch verstand niemand von ihnen auch nur ein Wort, und es ging uns daraus hervor, dass europäische Schiffe hier eine äußerst seltene Erscheinung sein müssen. Unsere Unterhaltung bestand deshalb hauptsächlich in Pantomimen, aber trotzdem ging sie unaufhaltsam vor sich. Wir erhielten zunächst eine Einladung, uns in einem Buddhakloster, das in unmittelbarer Nähe des Strandes lag, zu erfrischen. Ein dicker Mandarin mit blauem Knopf, der höchste im Rang, schritt uns voran und geleitete uns, während die Menge ehrerbietig Platz machte, auf den Hof des Klosters, in dem zwar der Tempel noch ganz gut erhalten, das aber sonst verlassen war und sich in einem sehr desolaten Zustand befand. Augenblicklich schien es in eine Militärstation verwandelt zu sein, einige zwanzig gesattelte Pferde, die im Hof standen, ließen darauf schließen, dass die Mandarine nebst ihren Begleitern unlängst hier eingetroffen und wahrscheinlich nur in Anlass unserer beiden Schiffe von Ning-hae hierher beordert waren. Um einen massiven hölzernen Tisch im Hof wurden ebenso massive Stühle gestellt, wir zum Sitzen genötigt, und man brachte uns Tee sowie eine Schüssel der schönsten Aprikosen, die wir je gegessen.
    Wir hatten Bier und Cognac mit uns genommen und boten unseren Wirten davon an. Sie kosteten beides, aber nur der Cognac mundete ihnen, das Bier sagte keinem zu. Wir hatten gehört, dass vor einigen Jahren ein englisches Kriegsschiff hier gewesen sei, dass man die Offiziere zwar ungehindert an Land gelassen, ihnen aber entschieden das Besteigen der Mauer verwehrt habe. Als wir um die Erlaubnis fragten, wurde sie uns sofort mit der größten Bereitwilligkeit erteilt. Ein Mandarin niedrigen Ranges wurde uns als Begleiter mitgegeben, und wir bestiegen das Riesenwerk ungesäumt. Wahrscheinlich waren die Engländer in ihrer gewöhnlichen arroganten Weise aufgetreten und deshalb von den Chinesen zurückgewiesen worden.
    Über die Entstehungsgeschichte der Mauer und die Dauer ihres Baues gibt es verschiedene Nachrichten, jedoch scheint es ziemlich gewiss, dass sie um das Jahr 250 v. Chr. begonnen und im 5. Jahrhundert n. Chr. vollendet wurde, mithin ihre Konstruktion ungefähr einen Zeitraum von 700 Jahren beanspruchte. Zieht man ihre 2.700 bis 3.000 Kilometer betragende Länge in Betracht, so erscheint die Arbeit von 700 Jahren nicht groß, aber die Zeit ihrer Ausführung dünkt uns wunderbar kurz, wenn wir bei Ning-hae nur einen oberflächlichen Blick auf die gewaltigen Schwierigkeiten werfen, welche die Terrainverhältnisse schon auf die kurze, von hier aus zu übersehende Strecke von einigen Kilometern entgegenstellen mussten.
    Die Mauer beginnt mit einem ehemaligen runden Fort von 150 Schritt Durchmesser, und man betritt es durch ein sehr gut  gemauertes und gewölbtes Tor von einigen 6 m Höhe und 9 m Dicke. Von diesem Fort an führt die Mauer noch fünf Minuten am Meerestrande hin und dann nach einigen Biegungen , deren Notwendigkeit jedoch durch die jetzige Gestaltung des fast ebenen Alluvialterrains nicht bedingt oder erklärt wird, etwa 12 km weit in nördlicher Richtung. Diese Alluvialebene, in der die Stadt Ning-hae gelegen ist, wird von einem dreifachen Gebirgskamm umschlossen, dessen mittlerer Zug sich bis zu einer Höhe von 1.300 m erhebt, während der südliche und parallele Kamm nur etwa 650 m erreicht. Der Höhenrücken erstreckt sich, von Osten kommend, bis etwa 25 km westlich von Ning-hae, wo er allmählich abflacht und schließlich verschwindet. Anstatt aber die Mauer so weit westlich und um das Gebirge zu führen, ist sie in nordwestlicher Richtung über die höchsten Spitzen der drei Bergreihen fortgeleitet, wobei sie stets in gleichmäßiger Höhe den Unebenheiten des Terrains folgt. Die Breite der drei Kämme beträgt ungefähr 15 km, und wenn man die hundertfältigen kleinen und größeren Steigungen berücksichtigt, mindestens das Doppelte. Man kann daher leicht ermessen, welche Riesenarbeit erforderlich war, um allein diese Strecke, den hundertsten Teil ihrer ganzen Ausdehnung, herzustellen, namentlich, da alle Lasten auf diese steilen Höhen lediglich durch Menschenhände geschafft werden mussten. Zugleich aber fragt man sich vergebens, weshalb die chinesischen Herrscher bei Aufführung der Mauer fast unüberwindliche Schwierigkeiten aufsuchten, während sie bei einfacher Herumführung um das Gebirge es sich verhältnismäßig leicht machen konnten.
    Die durchschnittliche Höhe der Mauer beträgt 11 m mit der Mauerkrone von 2 m; an vielen Stellen, wo eine Vertiefung oder ein Abgrund auszufüllen war, steigt sie bis zu 25 m, ja an einem Punkt maßen wir sogar 38 m. Von außen perpendikular, hat sie an der Innenseite eine Böschung von ungefähr 14 m, bei einer Kronenbreite von 8 und einer Basis von 19  m. Die Mauer ist jedoch nicht massiv, sondern nur von innen und außen bekleidet und oben gepflastert. Die Bekleidungen sind 1 m dick und ruhen, aber nicht durchgängig, auf einer 1,3 m hohen Untermauer von sehr schön behauenen, äußerst sorgsam zusammengefügten und ornamentierten Granitquadern, die im Laufe der Jahrtausende äußerst wenig gelitten und fast ein Ansehen haben, als wären sie neu. Das Material der Bekleidung sind Backsteine von grauer Farbe und ungefähr doppelter Größe wie die bei uns gebräuchlichen. Dem Anschein nach sind sie nicht aus Feuer gebrannt, sondern nur an der Sonne getrocknet. Dies scheint mir hauptsächlich aus dem Umstand hervorzugehen, dass aus einem Teil derselben durch den Frost konkave Höhlungen gesprengt sind, die oft die Hälfte des Steins betragen. Dies wäre wohl bei im Feuer gebrannten Steinen nicht gut möglich, da der Frost nur in dieser Weise wirken konnte, wenn der Stein sich vorher bis zur Mitte voll Feuchtigkeit saugte, was eine Porosität voraussetzt, die wohl lufttrockenen, aber nicht gebrannten Steinen eigen sein kann. Auch war der Ton in der Mitte des Steines viel dunkler gefärbt und bröckeliger als an den äußeren Flächen, was ebenfalls auf Trocknung in der Luft schließen lässt; die Frostschäden zeigten sich lediglich an den dem Gebirge zugekehrten Seiten der Mauer. Die dem Meer zugewandte Seite war merkwürdig gut erhalten, und es scheinen sonach die ostwärts über den Golf von Petschili kommenden Winde, weil sie über den japanischen Golfstrom streifen, keine Kälte zu bringen.
    Die innere Bekleidung der Mauer ist bis zum Gebirge auf große Strecken abgetragen und ihr Material zum Bau von Ning-hae und der zahllosen in der Ebene zerstreut liegenden Dörfer verwandt. Die Außenseite ist jedoch merkwürdig vollständig und ward dem Anschein nach noch vor einigen Jahrhunderten sorgfältig repariert. Dagegen liegt die Brüstung teilweise in Ruinen, und bisweilen fehlen Strecken von 10 bis 12 m, die vom Winde herabgestürzt sind, während andere Teile so wacklig stehen, dass ihnen in nächster Zeit ein gleiches Schicksal droht. Die Steine des Mauerwerks schließen nicht wie bei uns um ihre halbe Länge übereinander, sondern sind in parallelen Reihen gelegt, wodurch natürlich die Haltbarkeit des Ganzen beeinträchtigt werden muss.
    Von 120 zu 120 Schritt wird die Außenseite der Mauer durch eine um 6 m vorspringende Bastion flankiert, die in einem viereckigen Turm besteht, während die Innenseite nur jede 500 Schritt eine solche Bestückung besitzt. Diese Türme sind äußerst solid gebaut und durch eine Menge sich rechtwinklig durchschneidender Wände, die dem Horizontaldurchschnitt das Ansehen eines Schachbretts geben, verstärkt. Sie haben wie die Mauer eine mit Schießscharten versehene Brüstung. Die Schießscharten sind 1 m tief, 60 cm breit und in regelmäßigen Zwischenräumen von 2,5 m angebracht. Ihre untere Fläche bildet ohne Ausnahme eine Granitplatte mit einem Loch in der Mitte. Dies hat unstreitig zur Aufnahme für die Gabel der Wurfgeschütze und später der Luntenflinten gedient. Dagegen ist nicht anzunehmen, dass jemals zur Verteidigung der Mauer Kanonen verwendet wurden, da die untere Fläche der Schießscharten für Geschütze viel zu hoch vom Boden steht (1,2 m) und auch die Brüstung von einigen Kanonenkugeln sogleich zerschmettert wäre.
    Der Zweck der Mauer war Schutz und Verteidigung gegen die Einfälle der kriegerischen Tataren, die seit Tausenden von Jahren ihre räuberischen Horden bis in das Herz Chinas sandten und dessen unkriegerische industrielle Bewohner brandschatzten. Der gigantische Bau hat jedoch seinen Zweck keineswegs erreicht. Eine bloße Mauer von 11 m Höhe konnte den Tataren kein Hindernis sein, wenn sie nicht überall gleichmäßig verteidigt war. Wie viel Millionen Soldaten hätten aber dazu gehört, um eine 3.000 km lange Strecke gegen den Einfall von 30.000 bis 40.000 gestählten Kriegern wirksam zu schützen? Dass die Mandschu-Dynastie seit fast 200 Jahren regiert, ist der beste Beweis, dass die Mauer nichts half, und die Tataren haben deshalb auch nichts zu ihrer Unterhaltung getan. Sie lassen sie zerfallen, und Material zum Bau friedlicher Häuser zu liefern ist gewiss das Zweckmäßigste, zu dem ihr unerschöpflicher Steinevorrat verwendet werden kann.
    Immerhin bleibt aber das Werk an und für sich eins der großartigsten der Welt und gibt zugleich Zeugnis von der Energie und Macht der chinesischen Herrscher, die Jahrhunderte lang nicht erlahmte und sich durch keinerlei Schwierigkeiten abschrecken ließ. Wir waren der Mauer bis zum Fuß des Gebirges gefolgt, aber erst hier, wo wir sie in denselben kolossalen Dimensionen bald zu schwindelnder Höhe sich erheben, bald an den steilsten Abhängen hinunterlaufen und jähe Schlünde überbrücken sahen, konnten wir die ganze Großartigkeit dieser Riesenschöpfung erfassen und würdigen und die Willens- und Tatkraft derjenigen Männer bewundern, den die den Mut hatten, einen so gewaltigen Gedanken zu realisieren.
    Es hat jemand berechnet, dass man mit dem Material dieses Baues eine 1 m hohe und ebenso dicke Mauer rings um die Erde ziehen könnte; aber wenn ich nach den 20 km , die ich davon gesehen, urteilen soll, würden außerdem noch sämtliche Städte und Dörfer von ganz China davon aufgebaut werden können. Nach einer ungefähren Berechnung, die wir an Ort und Stelle machten, wobei wir aber nur die Durchschnittshöhe von 11 m zu Grunde legten, kamen wir zu dem Resultat von 50 Millionen Backsteinen auf 7,5 km, was bei 3.000 km 20.000 Millionen Steine ergeben würde, davon jeder 15 Zoll lang, 8 Zoll breit und 4 Zoll hoch ist. Dabei sind die Granitgrundmauern, die Brüstung und die Pflasterung der Krone ganz unberücksichtigt geblieben. Trotzdem gibt schon jene immense Zahl dem Leser einen Begriff von der Arbeit, welche die Herstellung eines solches Werkes erforderte, das mit Recht unter die Wunder der Welt gerechnet werden darf, und gegen das die Pyramiden nur wie schwache Versuche von Pygmäen erscheinen.

Werner, Reinhold
Die preußische Expedition nach China, Japan und Siam in den Jahren 1860, 1861 und 1862
Band 1, Leipzig 1863

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