Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1844 - Evariste Régis Huc
Vom chinesischen Gasthaus in die mongolische Jurte
Innere Mongolei

Man trifft hin und wieder in der Mongolei, in den Gegenden, welche an China grenzen, Herbergen mitten in der Wüste, die eine ganz eigentümliche Einrichtung haben. Gewöhnlich bilden sie ein sehr großes eingehegtes Viereck. In der Mitte erhebt sich ein etwa zehn Fuß hohes Haus, zu dessen Bau weder Holz noch Stein, sondern lediglich Erde benützt wird. Zur rechten und linken Seite findet man einige kleine, sehr armselige Zimmer. Dann gibt es nur noch einen großen Saal, der alles in allem ist: Nämlich Küche, Speisezimmer und Schlafgemach. Die Reisenden werden gleich, nachdem sie abgestiegen sind, in diesen überaus schmutzigen, übel riechenden und von Rauch und Qualm geschwärzten Saal geführt, wo man ihnen einen langen und großen Kang anweist. Ein Kang ist eine Art von Ofen, der ziemlich drei Vierteile des großen Gemaches einnimmt, sich etwa vier Fuß über den Boden erhebt und eine platte Oberfläche hat. Darauf ist eine Matte ausgebreitet. Reiche Leute legen, um es bequemer zu haben, noch Filzteppiche und Pelzwerk darauf. An der Vorderseite sind drei mächtig große Kessel eingemauert, in denen die Reisenden ihre Speisen kochen. Die Öffnungen, durch die man die Feuerung in diesen ungeheuren Ofen bringt, stehen mit dem Inneren des Kang in Verbindung, so dass die Hitze gleichmäßig verteilt wird. Auf diese Weise ist es auch bei strenger Winterkälte sehr warm. Der »Intendant der Kasse« lädt jeden Reisenden, der in den Saal tritt, sogleich ein, auf den Kang zu steigen. Dort nimmt man an einem großen Tisch Platz, dessen Füße fünf bis sechs Fuß hoch sind, und kreuzt die Beine, ganz wie unsere Schneider bei der Arbeit. Im unteren Teil des Saales gehen die Gäste und die zum Wirtshaus gehörenden Leute auf und ab, unterhalten das Feuer, kochen Tee und kneten Mehl. Solch ein Kang in den chinesisch-mongolischen Herbergen bietet einen äußerst lebhaften und in seiner Weise malerischen Anblick. Dort wird gegessen, getrunken, geraucht, gespielt, geschrien, und manchmal fehlen auch Schlägereien nicht. Am Tag ist der Kang Speisezimmer, Zechsaal und Spielhölle, abends verwandelt er sich in ein Schlafgemach. Dann rollen die Reisenden ihre Decken auseinander, vorausgesetzt nämlich, dass sie dergleichen haben, oder sie decken sich mit ihren Kleidern zu. Sind zahlreiche Gäste da, dann legen sie sich in zwei langen Reihen so nieder, dass sie einander die Füße zukehren. Alle haben sich am Boden hingestreckt, aber daraus folgt noch nicht, dass sie schlafen. Allerdings schnarchen manche aus Leibeskräften, andere aber rauchen, trinken Tee oder schwatzen laut. Auf diese phantastische Szene, die einen tiefen und eigentümlichen Eindruck macht, wirft der trübe Schein einer Lampe ein mattes ungewisses Licht, ein grauenhaftes Helldunkel. Man kann nicht sagen, dass die Lampe in diesen Herbergen hübsch und zierlich sei. Sie besteht insgemein aus einer zerbrochenen Tasse, die mit übel riechendem Öl gefüllt ist; darin schwimmt in Schlangen gleichen Windungen ein langer Docht. Solch eine Porzellanscherbe steht in einem Wandloch zwischen zwei Klötzen, die ihr einigen Halt geben.
   Uns hatte der »Intendant der Kasse« sein eigenes Zimmer zugedacht, und wir nahmen in demselben gern unser Abendessen ein. Es wollte uns aber nicht anstehen, darin auch zu schlafen, denn wir waren nun einmal mongolische Reisende, hatten ein hübsches Zelt und wollten ohne weiteres den Versuch machen, wie wir in und mit demselben zurechtkämen. Dagegen konnte niemand etwas einwenden, weil man überzeugt war, dass wir nicht etwa die Herberge verachteten, sondern dem Brauch der Nomaden treu bleiben wollten. Das Zelt wurde demnach aufgeschlagen. Dann breiteten wir unsere Bocksfelle aus und ließen ein lustiges Feuer flackern, denn allgemach begannen die Nächte kalt zu werden. Wir hatten uns eben schlafen gelegt, als der »Inspektor der Finsternis« [Nachtwächter] furchtbar auf eine Kesselpauke losschlug. Die vollen und gewaltigen Töne dieses Tamtam fanden Widerhall in den umliegenden Tälern und schreckten Tiger und Wölfe von dannen.
   Schon vor Tagesanbruch waren wir auf den Beinen, um eine Metamorphose von nicht geringer Wichtigkeit an uns vorzunehmen. Es kam nämlich darauf an, die chinesischen Kleider, die wir bisher getragen hatten, abzulegen und mit anderen zu vertauschen. Alle Missionare, die in China verweilen, tragen sich so, dass sie sich im Äußeren durch nichts von Leuten bürgerlicher Beschäftigung unterscheiden. Das hat für sie allerlei Nachteile, wenigstens soweit ihre amtliche Wirksamkeit in Frage kommt. Unter den Mongolen wird ein »schwarzer Mann«, der sich herausnimmt, über religiöse Angelegenheiten zu reden, ausgelacht und verächtlich behandelt. Die Tataren nennen alle Nichtgeistlichen »schwarze Menschen« (Hara-Humu), vielleicht weil sie das Haar wachsen lassen, im Gegensatz zu dem weißen Kopf der Lamas, die das Haar völlig abscheren müssen. Ein schwarzer Mensch hat sich nur um Angelegenheiten dieser Welt zu kümmern, religiöse Dinge gehen ihn nichts an; diese sind ausschließlich den Lamas zugewiesen. Für uns aber waren jetzt keine Gründe mehr vorhanden, das bürgerliche chinesische Kleid zu tragen. Wir legten es daher ab und wählten eine Tracht, die der Würde unseres geistlichen Standes entsprach. Die Ansichten, welche der apostolische Vikar in den uns erteilten Verhaltungsregeln in dieser Beziehung aussprach, stimmten durchaus mit unseren Wünschen überein. Wir wählten also die bürgerliche Kleidung, welche die tibetischen Lamas gewöhnlich tragen, nicht die geistliche Tracht, mit der sie sich schmücken, wenn sie in den Pagoden beten oder anderen geistlichen Feierlichkeiten beiwohnen. Diese Kleidung schien uns auch deshalb angemessen, weil unser junger neu bekehrter Samdadschiemba [der einheimische Reisebegleiter] sie trug.
   Wir erklärten den Christen in unserer Herberge, dass wir ferner nicht mehr aussehen wollten wie chinesische Kaufleute. Es sei vielmehr unsere Absicht, den Zopf abzuschneiden und das Haupthaar zu scheren. Dieser Entschluss machte sie bestürzt und erregte ihre Empfindlichkeit, ja einige schienen deshalb sogar Tränen zu vergießen. Andere gaben sich Mühe, uns eines Besseren zu belehren und uns umzustimmen. Doch machten ihre pathetischen Vorstellungen keinerlei Eindruck; denn wir nahmen ein Schermesser und gaben es unserem Samdadschiemba in die Hand. Nach einer Minute war der lange Zopf, den wir seit unserer Abreise aus Frankreich hatten wachsen lassen, mit Stumpf und Stiel entfernt. Dann zogen wir einen weiten gelben Rock an, der auf der rechten Seite mit fünf vergoldeten Knöpfen geschlossen wurde, legten einen roten Gürtel um und zogen über den Rock eine rote Jacke mit einem kleinen Kragen aus veilchenfarbenem Samt. Dazu kam dann noch eine gelbe Mütze mit rotem Büschel, und unser Lamaanzug war fertig.
   Dann kam das Frühstück. Aber unsere Freunde waren trüb und missgestimmt und sprachen nur wenig. Als der »Intendant der Kasse« die kleinen Gläser und die Urne brachte, auf welcher der warme chinesische Wein stand, erklärten wir ihm, dass für uns von nun an eine ganz andere Lebensweise beginne. »Nimm Wein und Kohlenbecken fort«, sagten wir, »fortan trinken wir keinen Wein und bedürfen auch der Pfeife nicht mehr. Du weißt«, so fügten wir lächelnd hinzu, »dass ein guter Lama weder Wein trinkt noch Tabak raucht.« Aber die chinesischen Christen waren weit entfernt zu lachen, sie starrten uns an und sagten kein Wort. Wir sahen ihnen an, dass sie uns bedauerten; denn sie waren fest überzeugt, wir würden in den Wüsten der Mongolei vor Hunger und Elend zugrunde gehen. Nach dem Frühstück legten die Leute aus der Herberge die Zelte zusammen, schirrten die Kamele an und machten alles zur Abreise fertig. Wir aber nahmen einige in Wasserdampf gekochte Stücke Brot und suchten uns zum Nachessen am Bache wilde Stachelbeeren. Bald nachher wurde uns gesagt, dass alles bereit sei. Wir bestiegen unsere Tiere und schlugen den Weg nach Dolon Nor ein. Unser einziger Begleiter war Samdadschiemba.

Zuweilen gelangt man in Landstriche, wo die Ebene mannigfaltiger und belebter erscheint als sonst gewöhnlich der Fall ist; namentlich dann, wenn Wasser und Weide der besten Art viele Menschen angezogen haben. Dann erheben sich überall Zelte von verschiedener Größe; sie sehen aus wie Luftballons, die eben vom Gas aufgeschwollen sind und in die Höhe steigen wollen. Die Kinder haben Tragkörbe auf dem Rücken und sammeln Argols [Dung] ein, die sie dann am Zelt in einen Haufen legen. Die Frauen fangen Kälber ein oder kochen Tee in freier Luft oder bereiten die Milchspeisen; die Männer tummeln feurige Rosse umher und treiben die Herden von einem Weideplatz zum anderen. Aber dieses belebte Bild verwandelt sich oft in allerkürzester Zeit, und wo eben noch das lauteste Treiben herrschte, wird plötzlich alles leer und öde; denn Zelte, Menschen und Herden sind auf einmal verschwunden. Man sieht in der Einöde nur noch Aschenhaufen, schwarze Stätten, auf denen ein Herd stand, und dann und wann Knochen, um die die Raubvögel streiten; das ist alles, woraus man entnehmen kann, dass am Abend vorher der wandernde Mongole dort sein Zelt aufgeschlagen hatte. Und weshalb sind sie denn so plötzlich weiter gewandelt? Die Herden hatten Gras und Kräuter abgeweidet, der Führer hat dann das Zeichen zum Aufbruch gegeben, die Hirten haben die Zelte abgebrochen und zusammengelegt, und dann an einer anderen Stelle, gleich wo, Futter für das Vieh gesucht.
   Am anderen Tage ritten wir von früh bis spät abermals durch eine prächtige Wiesengegend, die noch zum Roten Banner gehörte [die chinesische Regierung hatte mongolische Sippenverbände zu Armeeeinheiten, Bannern verschiedener Farben, gruppiert], und machten abends in einem Talgrund Rast. Er schien damals ziemlich stark bewohnt zu sein, denn kaum waren wir abgestiegen, als uns auch schon viele Tataren umringten und hilfreich an die Hand gingen. Sie halfen beim Abladen des Gepäcks, beim Aufschlagen des Zeltes und luden uns ein, bei ihnen Tee zu trinken. Das lehnten wir für heute ab, weil es schon spät war, machten aber am nächsten Morgen unseren Gegenbesuch. Die Einladungen waren so freundlich und dringend, dass wir uns entschlossen, einen Tag bei diesen guten Menschen zu verweilen. Wir mussten ohnehin allerlei ausbessern, und Ort und Wetter waren so günstig, wie wir uns nur wünschen konnten. Alle Zeit, welche die Besorgung unserer eigenen Angelegenheiten und das Lesen des Breviers nicht in Anspruch nahm, verwandten wir auf Besuche in den Zelten der Mongolen. Während Samdadschiemba unser Leinwandhaus bewachte, gingen wir zu unseren Freunden. Dabei mussten wir wohl aufpassen, dass unsere Beine nicht zu Schaden kamen, denn Scharen großer Hunde liefen bellend gegen uns an. Doch genügte ein kleiner Stab, sie abzuwehren. Diesen Beschützer mussten wir an der Türschwelle ablegen, weil die Höflichkeit es erforderte; denn wer mit einem Stock oder einer Peitsche ins Zelt träte, würde der ganzen Familie eine schwere Beleidigung zufügen. Es würde so viel bedeuten, wie wenn er sagte: »Ihr seid Hunde.«
   Wer sich bei den Mongolen einführt, tritt ganz einfach und freimütig auf; von den vielen lästigen Umständlichkeiten und Höflichkeitsformeln der Chinesen ist auch nicht die Spur vorhanden. Man geht ins Zelt und wünscht allen Anwesenden Glück und Frieden, indem man die Worte Amor oder Mendu spricht. Darauf setzt man sich zur Rechten des Familienvaters, der allemal seinen Platz der Tür gerade gegenüber hat. Sogleich nimmt jeder aus dem Gürtel seine kleine Schnupftabaksdose, die herumgereicht wird; dabei wechselt man einige höfliche Worte. Man fragt zum Beispiel, ob die Weide gut sei, die Herden sich wohl befinden, die Mutterpferde gut fohlen, ob Friede ringsum sei und dergleichen mehr, alles in ernster, würdiger Weise. Dann nähert sich die Frau und reicht dem Fremden schweigend die Hand. Darauf zieht man aus der Busentasche das Holznäpfchen hervor, das ein Mongole stets bei sich führt, und reicht es der Frau. Sie bringt es sehr bald mit Tee und Milch gefüllt wieder. In wohlhabenden Familien stellt man den Gästen auch ein Tischchen hin mit Butter, Hafermehl, gerösteter Hirse und Käseschnitten, jedes in einem besonderen lackierten Kästchen. Davon wählt man nach Belieben und wirft es in den Tee. Wer aber außerdem seinen Gästen eine noch größere Güte tun will, stellt auf den Herd in heiße Asche ein mit mongolischem Wein gefülltes Fläschchen aus gebranntem Ton. Dieser »Wein« besteht aus Molke, der man eine Gärung wie Wein gibt, und die man dann, allerdings sehr mangelhaft, destilliert. Man muss wahrhaftig Mongole sein, um ein solches Getränk zu schätzen. Es schmeckt fade und hat einen abscheulichen Geruch.
   Das Zelt der Mongolen hat vom Boden bis etwa zu halber Mannshöhe eine Walzengestalt. Auf diesem Zylinder mit einem Durchmesser von acht bis zehn Fuß erhebt sich ein abgestumpfter Kegel. Das Gezimmer für dieses Zelt besteht im unteren Teil aus einem Gitter von übereinander gekreuzten Stangen, die sich wie ein Netz verengen und erweitern lassen. Von dem kegelförmigen Umkreis laufen Stangen in die Höhe, die oben etwa so zusammenstoßen wie das Fischbein am Gestell eines Regenschirms. Dieses Gerüst wird mit grober Leinwand, und zwar je nach Umständen mit einer Lage oder mit mehreren, überspannt. Die Tür ist eng und niedrig, hat aber doch zwei Flügel. Ein hölzerner, ziemlich hoher Querbalken bildet die Schwelle. Wer ins Zelt tritt, muss zu gleicher Zeit den Fuß hoch heben und sich mit dem Kopf bücken. Oben im Kegel ist gleichfalls eine Öffnung angebracht, durch welche der Rauch abzieht. Man kann sie mit einem Stück Filz nach Belieben schließen, denn es ist ein Seil angebracht, dessen Zugende an der Tür befestigt wird.
   Das Innere des Zeltes zerfällt in zwei Abteilungen. Die Seite links vom Eingang ist den Männern vorbehalten. Dorthin müssen sich auch die Fremden begeben. Ein Mann, der auf die rechte Seite träte, würde eine große Unschicklichkeit begehen. Diese rechte Seite gehört den Frauen, und dort liegt und steht auch alles Zeltgerät, zum Beispiel ein großes Gefäß aus gebranntem Ton, in dem Wasser aufbewahrt wird, ausgehöhlte Holzstämme von verschiedener Größe und Dicke, die als Eimer und Gelten [Kübel] benutzt werden. Man bewahrt in ihnen Milch auf und was aus derselben zubereitet wird. Mitten im Zelt steht ein großer Dreifuß und auf demselben ein sehr großer eiserner Kessel, den man fortnehmen kann. Er hat die Gestalt einer Glocke. Hinter dem Herd und gegenüber der Tür findet man eine Art Kanapee. Es ist das seltsamste Gerät, das uns im Lande der Mongolen vorkam. An seinen beiden Enden sind Lehnen, mit vergoldetem, gut gemeißeltem Kupfer verziert. Ein derartiges kleines Bett findet man, so viel wir wissen, in jedem Zelt. Es scheint ein unumgänglich notwendiges Stück Möbel zu sein. Aber es ist uns immer seltsam und unerklärlich vorgekommen, dass wir während unserer weiten und langen Reise nicht ein einziges gesehen haben, welches in neuerer Zeit verfertigt worden wäre. Wir hatten Gelegenheit, uns in den Wohnungen mancher wohlhabenden und reichen Mongolen umzusehen. Aber auch dort fanden wir immer nur Kanapees, die offenbar schon ein hohes Alter aufweisen konnten. Es wird von einer Generation zur nächsten vererbt. Man kann in den Städten, wo die Mongolen Handel treiben, Warenlager, Trödlerbuden und Leihhäuser durchstöbern und wird doch nie ein solches Kanapee finden, kein altes und kein neues.
   Neben dem Kanapee, nach der Abteilung für die Männer hin, steht insgemein ein kleiner viereckiger Schrank. In ihm werden die vielen Siebensachen aufbewahrt, mit welchen dieses einfache kindliche Volk sich herauszuputzen pflegt. Er dient zugleich als Altar für ein kleines Idol, das den Buddha darstellt. Der Gott ist aus Holz oder vergoldetem Kupfer gebildet, gewöhnlich sitzend, mit übereinander geschlagenen Beinen, und bis an den Hals mit einer gelbseidenen Schärpe umwickelt. Neun kupferne Gefäße von der Größe und Gestalt unserer kleinen Likörgläser sind ebenmäßig der Reihe nach vor dem Buddha aufgestellt. In diesen kleinen Kelchen opfern die Mongolen täglich ihrem Gott Milch, Wasser, Butter und Mehl. Den Schmuck dieser kleinen Pagode vollenden einige gleichfalls mit gelber Seide umwickelte tibetanische Bücher. Diese Gebetbücher darf nur ein Mann mit geschorenem Haupt, der im ehelosen Stande lebt, berühren. Ein »schwarzer Mann«, der sie mit seinen unreinen weltlichen Händen aufschlagen wollte, beginge gewissermaßen eine Tempelschändung. An den verschiedenen Pfählen und Stangen sind Bockshörner angebracht, und damit ist die Möblierung eines Mongolenzeltes vollendet. An diesen Hörnern hängt man Rind- und Hammelfleisch auf, Blasen mit Butter gefüllt, Pfeile, Bogen und Luntengewehre, denn fast jede mongolische Familie besitzt eine Feuerwaffe.
   Die Gerüche, welche man in einem Mongolenzelt einatmet, sind abscheulich und für jeden, der noch nicht daran gewöhnt ist, beinahe unerträglich. Die scharfe Ausdünstung will einem beinahe das Herz aus dem Mund drücken. Sie rührt daher, dass die Kleider und alle Gegenstände, deren sich die Mongolen bedienen, mit Fett und Butter überzogen und davon gleichsam durchdrungen sind. Wegen ihrer Unsauberkeit heißen diese Leute bei den Chinesen Stinktataren, Tsao-ta-dze, und alle Welt weiß, dass doch auch die Chinesen es mit der Sauberkeit überhaupt nicht genau nehmen, dass auch sie übel riechen.
   Das Hauswesen und die Sorge für die Familie gehören bei den Mongolen zu den Obliegenheiten der Frau. Sie melkt die Kühe und besorgt das Milchwesen, holt Wasser, das oft nur weitab vom Zelt zu finden ist, sammelt Argols, trocknet sie und stapelt sie haufenweise beim Zelt auf. Ferner verfertigt sie Kleider, gerbt Felle, kämmt und spinnt Wolle, kurz: Auf ihr liegt alles. Und nur die Kinder helfen ihr, solange sie nämlich klein sind. Der Mann dagegen hat nur wenige Beschäftigungen. Er treibt die Herden auf gute Weideplätze, was für Leute, die von früher Jugend an zu Pferde sitzen, mehr ein Vergnügen als eine Arbeit ist. Er unterzieht sich gar keiner Anstrengung, außer wenn er entlaufenen Tieren nachsetzt. Dann sprengt er fort, fliegt mehr, als er reitet, ist bald auf Berggipfeln, bald in Schluchten und gibt sich nicht zufrieden, ehe er seinen Zweck erreicht hat. Der Mongole reitet manchmal auf die Jagd, aber er tut es niemals zum Vergnügen. Mit Rehen, Hirschen und Fasanen macht er insgemein seinen Königen ein Geschenk. Füchse schießt er niemals, denn er will den Balg nicht verderben, der sehr geschätzt wird. Er lacht über die Chinesen, die dem Meister Reinecke Fallen stellen, in die er bei Nacht geht. Mir sagte ein im Roten Banner sehr berühmter Jäger: »Wir halten uns bei solcher List nicht auf, sondern gehen dem Fuchs gerade auf den Leib. Wenn er sich blicken lässt, springen wir zu Pferd, überholen ihn, und er wird allemal unser!«
   Abgesehen vom Reiten verbringen die Mongolen ihre Tage mit Müßiggang, liegen im Zelt umher, schlafen, trinken Tee mit Milch und rauchen Tabak. Und doch dämmert und bummelt der Mongole auch umher wie ein Pariser, er tut es aber auf seine eigene Weise, und bedarf dabei weder des Spazierstocks noch des Lorgnons. Sobald es ich einfällt, zu erfahren, was in der Welt um ihn her vorgeht, nimmt er seine Peitsche vom Bockshorn über der Zelttür, besteigt ein Pferd, sprengt in die Steppe hinaus, gleich in welche Richtung, reitet dem ersten Besten, dem er ansichtig wird, entgegen, spricht in den Zelten vor und beabsichtigt nichts weiter, als sich ein Weilchen mit den Leuten zu unterhalten.
   Die zwei Tage, die wir auf den schönen Ebenen verweilten, waren für uns nicht ohne Nutzen. Wir konnten unsere Kleidung trocknen, unser Gepäck in Ordnung bringen, und hatten eine sehr günstige Gelegenheit, uns mit den Sitten und Anschauungen der Mongolen näher bekannt zu machen. Als wir Anstalten zur Weiterreise trafen, waren unsere tatarischen Nachbarn uns beim Zusammenlegen des Zeltes und beim Aufpacken behilflich.

Huc und Gabet
Wanderungen durch die Mongolei nach Tibet zur Hauptstadt des Tale-Lama
Leipzig 1855

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in China seit 630
Wien 2006

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