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Geschichten rund um den Globus

1873 - Heinrich Schliemann
Der Schatz des Priamos
Troja
Hissarlik

Troja, 17. Juni 1873
In der neuen, großen Exkavation an der Nordwestseite ... habe ich mich überzeugt, daß die im April 1870 von mir bloßgelegte herrliche Mauer von großen behauenen Steinen zu einem Turm gehört, dessen unterer hervortretender Teil aus der ersten Zeit der griechischen Kolonie stammen muß, während der obere Teil desselben aus der Zeit des Lysimachos zu sein scheint. Zu diesem Turm gehört sowohl die unmittelbar auf die Ringmauer des Lysimachos folgende Mauer, als auch die 15 Meter davon entfernte Mauer von gleichen Dimensionen, die ich ebenfalls durchbrochen habe. Hinter der letzteren legte ich in 8 bis 9 Meter Tiefe die vom Skäischen Tor weitergehende trojanische Ringmauer bloß und stieß beim Weitergraben auf dieser Mauer und unmittelbar neben dem Hause des Priamos auf einen großen kupfernen Gegenstand höchst merkwürdiger Form, der um so mehr meine Aufmerksamkeit auf sich zog, als ich hinter demselben Gold zu bemerken glaubte …
   Um den Schatz der Habsucht meiner Arbeiter zu entziehen und ihn für die Wissenschaft zu retten, war die allergrößte Eile nötig, und, obgleich es noch nicht Frühstückszeit war, so ließ ich doch sogleich »paidos« (ein ins Türkische übergegangenes Wort ungewisser Abkunft, welches hier anstatt Ruhezeit gebraucht wird) ausrufen.
   Während meine Arbeiter aßen und ausruhten, schnitt ich den Schatz mit einem großen Messer heraus, was nicht ohne die allergrößte Kraftanstrengung und die furchtbarste Lebensgefahr möglich war, denn die große Festungsmauer, welche ich zu untergraben hatte, drohte jeden Augenblick auf mich einzustürzen. Aber der Anblick so vieler Gegenstände, von denen jeder einzelne einen unermeßlichen Wert für die Wissenschaft hat, machte mich tollkühn, und ich dachte an keine Gefahr. Die Fortschaffung des Schatzes wäre mir aber unmöglich geworden ohne die Hilfe meiner lieben Frau, die immer bereit stand, die von mir herausgeschnittenen Gegenstände in ihren Schal zu packen und fortzutragen.
   Der zuerst gefundene Gegenstand war ein großes kupfernes Schild (aspis omphalóessa) in Form eines ovalen Präsentiertellers, in dessen Mitte sich ein von einer Rinne (aúlax) umgebener Nabel befindet; dieses Schild hat 501/2 Zentimeter Länge, ist ganz flach und von einem 4 Zentimeter hohen Rande umgeben; der Nabel (omphalós) ist 6 Zentimeter hoch und hat 11 Zentimeter im Durchmesser; die um denselben befindliche Rinne hat 18 Zentimeter im Durchmesser und ist 1 Zentimeter tief.
   Der zweite Gegenstand, den ich herauszog, war ein kupferner Kessel mit zwei horizontalen Henkeln, welcher uns jedenfalls das Bild des homerischen lébes gibt; derselbe hat 42 Zentimeter im Durchmesser und 14 Zentimeter Höhe; der Boden ist flach und hat 20 Zentimeter im Durchmesser.
   Der dritte Gegenstand war eine 1 Zentimeter dicke, 16 Zentimeter breite, 44 Zentimeter lange kupferne Platte, welche einen 2 Millimeter hohen Rand hat; an einem Ende derselben sieht man zwei unbewegliche Räder mit Achsen. Diese Platte ist an zwei Stellen stark gebogen; jedoch glaube ich, daß diese Biegungen durch die Glut geschehen sind, welcher der Gegenstand in der Feuersbrunst ausgesetzt gewesen ist; auf demselben ist eine silberne Vase von 12 Zentimeter Höhe und Breite festgeschmiedet, jedoch vermute ich, daß dies ebenfalls nur durch Zufall in der Feuersbrunst geschehen ist. Der vierte hervorgekommene Gegenstand war eine kupferne Vase von
14 Zentimeter Höhe und 11 Zentimeter im Durchmesser. Darauf folgte eine 15 Zentimeter hohe, 14 Zentimeter im Durchmesser haltende und 403 Gramm wiegende kugelrunde Flasche von reinstem Golde mit einer angefangenen, aber nicht vollendeten Zickzackverzierung am Halse; dann ein 9 Zentimeter hoher, 7 3/4 Zentimeter breiter, 226 Gramm schwerer Becher, ebenfalls von reinstem Golde.
   Sodann ein 9 Zentimeter hoher, 18 3/4 Zentimeter langer, 18 1/4 Zentimeter breiter, genau 600 Gramm wiegender Becher von reinstem Golde in Form eines Schiffes mit zwei großen Henkeln; auf der einen Seite ist ein 7 Zentimeter, auf der andern ein 3 Zentimeter breiter Mund zum Trinken, und mag, wie mein geehrter Freund, der Professor Stephanos Kumanudes aus Athen bemerkt, derjenige, welcher den gefüllten Becher hinreichte, aus dem kleinen Munde vorgetrunken haben, um als Ehrenbezeugung den Gast aus dem großen Munde trinken zu lassen. Dies Gefäß hat einen nur um 2 Millimeter hervorstehenden 3 1/2 Zentimeter langen, 2 Zentimeter breiten Fuß und ist auf jeden Fall das homerische dépas amphikýpellon. Ich bleibe aber fest bei meiner Behauptung, daß auch alle jene hohen, glänzend roten Becher in Form von Champagnergläsern mit zwei gewaltigen Henkeln dépa amphikýpella sind, und es wird auch diese Form von Gold dagewesen sein. Noch muß ich die für die Geschichte der Kunst sehr wichtige Bemerkung machen, daß vorgesagtes goldenes dépas arnphikýpellon gegossen ist und die großen, nicht massiven Henkel darangeschmiedet sind. Dagegen ist der vorerwähnte einfache goldene Becher, sowie die goldene Flasche mit dem Hammer getrieben.
   Der Schatz enthält ferner einen kleinen, 70 Gramm wiegenden, 8 Zentimeter hohen, 6 1/2 Zentimeter breiten Becher aus mit 20% Silber versetztem Golde, dessen Fuß nur 2 Zentimeter hoch und 2 1/2 Zentimeter breit, außerdem nicht ganz gerade ist, so daß der Becher nur zum Hinstellen auf den Mund bestimmt zu sein scheint.
   Ich fand dort ferner sechs mit dem Hammer getriebene Stücke allerreinsten Silbers in Form von großen Klingen, deren eines Ende abgerundet, das andere in Gestalt eines Halbmondes ausgeschnitten ist ...
   Teils auf, teils neben den goldenen und silbernen Sachen fand ich dreizehn kupferne Lanzen von 17 1/2, 21, 21 1/2, 23 und 32 Zentimeter Länge und 4 bis 6 Zentimeter Breite an der breitesten Stelle; in dem untern Ende derselben sieht man ein Loch, worin bei den meisten noch der Nagel oder Stift steckt, womit die Lanze in der hölzernen Stange befestigt war. Die trojanischen Lanzen waren somit ganz verschieden von den griechischen und römischen, denn bei diesen wurde der Lanzenschaft in die Lanze, bei jenen die Lanze in den Schaft gesteckt ...
   Da ich alle vorgenannten Gegenstände, einen viereckigen Haufen bildend, zusammen oder ineinanderverpackt auf der Ringmauer fand, so scheint es gewiß, das sie in einer hölzernen Kiste (phoriamós) lagen, wie solche in der Ilias im Palast des Primos erwähnt werden; dies scheint um so gewisser, als ich unmittelbar neben den Gegenständen einen 10 1/2 Zentimeter langen kupfernen Schlüssel fand, dessen 5 Zentimeter langer und breiter Bart die größte Ähnlichkeit hat mit den großen Kassenschlüsseln in den Banken. Merkwürdigerweise hat dieser Schlüssel einen hölzernen Griff gehabt; das wie bei den Dolchmessern unter rechtem Winkel umgebogene Ende des Schlüsselstiels läßt keinen Zweifel darüber.
   Vermutlich hat jemand aus der Familie des Priamos den Schatz in aller Eile in die Kiste gepackt, diese fortgetragen, ohne Zeit zu haben, den Schlüssel herauszuziehen,ist aber auf der Mauer von Feindeshand oder vom Feuer erreicht worden und hat die Kiste im Stich lassen müssen, die sogleich 1 Meter 50 oder 1 Meter 80 Zentimeter hoch mit der roten Asche und den Steinen des danebenstehenden königlichen Hauses überschüttet wurde. Vielleicht gehörten dem Unglücklichen, welcher den Schatz zu retten versucht hat, die einige Tage früher in einem Raume des königlichen Hauses und unmittelbar neben dem Fundort des Schatzes entdeckten Gegenstände, nämlich ein Helm und eine 18 Zentimeter hohe, 14 Zentimeter breite dicke silberne Vase, in welcher ein eleganter, 11 Zentimeter hoher, 9 Zentimeter breiter Becher von Elektron steckte.  Der Helm wurde zertrümmert, kann jedoch vielleicht wieder zusammengeleimt werden, da ich alle Stücke davon habe ...
   Daß man den Schatz bei furchtbarer Lebensgefahr, in zitternder Angst zusammengepackt hat, davon zeugt unter anderem auch der Inhalt der größten silbernen Vase, in welcher ich ganz unten zwei prachtvolle goldene Diademe (krédemna), ein Stirnband und vier herrliche, höchst kunstvoll gefertigte Ohrgehänge von Gold fand; darauf lagen 56 goldene Ohrringe höchst merkwürdiger Form und 8750 kleine goldene Ringe, durchbohrte Prismen und Würfel, goldene Knöpfe usw., die offenbar von anderen Schmucksachen herrühren; darauf folgten sechs goldene Armbänder, und ganz oben lagen die beiden kleineren goldenen Becher ...
   Derjenige, welcher versucht hat, den Schatz zu retten, hat glücklicherweise die Geistesgegenwart gehabt, die große silberne Vase mit den beschriebenen Kostbarkeiten aufrecht in die Kiste zu stellen, so daß nicht eine Perle herausgefallen und alles unversehrt geblieben ist.

Schliemann, Heinrich
Eine Biographie mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
Hrg. von Leo Deuel
Frankfurt/Main 1981

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