Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1907 - Otto Julius Bierbaum
Besuch beim Sultan
Konstantinopel

Zum Sultan kam ich durch Vermittlung des Botschafters der siebenten Großmacht: der Presse. Es ist dies der älteste europäische Zeitungs-Korrespondent am Goldenen Horn, Herr Weitz, der die »Frankfurter Zeitung« vertritt. Ich hoffe sehr, daß dieser gescheite und erlebnisreiche Mann einmal seine Memoiren schreibt. Niemand weiß wie er Bescheid über die Verhältnisse in Konstantinopel unter Abdul Hamid; niemand kennt die Schliche alttürkischer Politik besser aus eigener Erfahrung als er. Daß selbst ihn die jungtürkische Bewegung überrascht hat - denn sonst wäre unser Botschafter von ihr nicht überrascht worden -, beweist am stärksten, wie heimlich und sicher sie gearbeitet hat.
   Ich habe mir während des Diners, das er uns im Perahotel gab, aus anekdotischen Einzelzügen ein gutes Bild alttürkischen Wesens zusammensetzen können und bin wenigstens zu einem annähernden Begriff dessen gekommen, um welche Probleme es sich heute für die okzidentalen Mächte gegenüber der Vormacht des Orients handelt. Die jungtürkischen Erfolge haben diese Probleme wohl nicht wesentlich alteriert, aber die Position Deutschlands scheint durch sie verändert. Der Hebelpunkt, dem wir am nächsten saßen, ist durch einen ersetzt, dem andere näher sind als wir ... Ich glaube, der Freiherr Marschall von Biberstein wird jetzt seltener und nicht mehr mit der gleichen Seelenruhe am Klavier phantasieren wie zu Abdul Hamids Zeiten.
   Herr Weitz war so freundlich, mir bei ihm eine Einladung zum Besuch des Selamliks zu verschaffen, die damals sehr schwer zu erlangen war. Die Attentatsfurcht Abdul Hamids war so groß, daß jeder Botschafter eigentlich nur fünf Angehörige seiner Nation mitbringen durfte. Die Zahl war bereits überschritten, da sich unter den Yankeedoodle-Passagieren eine Anzahl höherer deutscher Beamter befand, die ihren Zylinder schon mitgebracht hatten. Trotzdem erhielt ich die Karte, und, da ich schließlich auch den Zylinder erhalten hatte, so durfte ich mich im deutschen Botschafterpalais einfinden, um mit dem Botschafter zum Selamlik zu fahren.
   Ich hatte nicht nur den weitaus scheußlichsten Röhrenhut, sondern auch den abscheulichsten Wagen der erlauchten Gesellschaft. Zum Portal des Berliner Schlosses wäre ich mit dieser schmierigen Klapperkarrete gewiß nicht gelangt. Zum Pavillon der Botschafter in Yildiz-Kiöschk kam ich indessen unbehindert. Da ich mich nie zuvor im Gefolge eines hohen Würdenträgers befunden habe und da ich auch noch nie meinen Kopf mit dem Zylinderhut eines Hotelportiers bedeckt hatte, dessen Kopfweite der meinen um einige Zentimeter nachstand, so war ich etwas nervös und sehnte aufgeregt den Moment herbei, wo ich wirklich unter Dach und Fach und in der Lage wäre, diese lächerliche Tube abzunehmen. Ich dachte sie schon im Vorraum ablegen zu können, wurde aber bedeutet, daß ich sie bei mir behalten müsse. Der Zylinder galt offenbar als okzidentaler Passepartout. Ich suchte ihn nach Möglichkeit zu verbergen, ließ den Botschafter nicht aus den Augen und gelangte unangefochten in das Staatszimmer des Pavillons. Freiherr von Biberstein ließ sich seine Schutzbefohlenen vorstellen und riet uns, auf eine Terrasse hinauszutreten, um das Ganze besser übersehen zu können. Dort mußte ich mich zu meinem Schmerz auch wieder mit der fremden Röhre schmücken, da dies ausdrücklich verlangt wurde. Auch wurden wir bedeutet, beim Nahen des Sultans jede heftige Bewegung zu vermeiden, insonderheit den Zylinder nicht etwa mit einem heftigen Schwung abzunehmen, da das einen Bombeneindruck machen könnte.
   Ich stand kaum an der Brüstung der Terrasse, als ich fühlte, daß jemand hinter mich getreten war. Ich sah mich um und erblickte einen Herrn, der zwar auch einen Zylinder trug, jedoch zuverlässig kein Okzidentale war. Aber nicht nur ich warf diesen Schatten; auch die höheren Beamten waren nicht frei davon. Und ich merkte, daß wir unter polizeilicher Aufsicht standen.
Das war mir aber nicht unangenehm. Im Gegenteil: Ich freute mich darüber. Denn mein Leibspitzel trug einen Zylinder, neben dem der meine halbwegs normal wirkte.
   Nun entwickelte sich das militärische Bild des Truppenaufmarschs, das schon unzählige Male in allen Zeitungen mit der ganzen Farbigkeit des Stiles abgemalt worden ist, den ein Aufenthalt im Orient eingibt. Ich kann nur sagen, daß mich die türkische Infanterie an den Aufzug der Wachparade in München erinnerte. Dasselbe Blau, dasselbe Rot, derselbe Tritt, derselbe Schmiß; nur statt der Pickelhauben der Troddelfes. Und einige der Offiziere waren rosarot und weiß geschminkt. Das tun die Herren vom Leibregiment in München nicht. Nun, es tun es auch in Konstantinopel nur die kaiserlichen Prinzen. Man zeigte mir den Lieblingssohn des Sultans. Es war ein hübscher Mensch. Jetzt ist er außerdem ein unglücklicher.
   Musik. Bewegung in den Massen. Kommandorufe. Plötzliches Erstarren der Soldateska. Dann, von links her, Gemurmel, Geschrei: Der Padischah wird von seinen treuen Garden begrüßt. Er kommt. Ordenbedeckte Gardeunteroffiziere - Albanesen in mehr orientalischer Tracht - schreiten seinem Wagen voran. Der rollt langsam her. Der Sultan, in einem einfachen Militärmantel, sitzt gebückt und hält seinen Blick immerzu auf uns gerichtet. Wir nahmen vorschriftsmäßig langsam den Hut ab; ein loyaler Deutscher kam nicht umhin, »Hoch!« zu rufen; der Sultan salutierte europäisch. Ich lasse ihn nicht aus den Augen, starre ihn an. Er ist, ungeschminkt, von fast gelber Gesichtsfarbe, hat eine enorme Nase, scharfe Lippen, schütteren, ungefärbten Bart. Aber das ist es nicht, was mich zwingt, ihn so anzustarren. Seine Augen sind's. Ich habe in meinem Leben nicht so furchtbesessene Augen gesehen. »Armer Kerl!« denke ich. »Armer alter Mann!« Aber gleich dahinter: »Du bist der beste Bruder auch nicht!«
   Er fährt, immer zwischen Soldaten, weiter zur Moschee. In einem längeren Abstand folgten geschlossene Wagen mit Damen seines Harems. Es waren üppige Gestalten in hellen Kleidern mit weißen Schleiern, hinter denen junge, hübsche, stark bemalte Gesichter zu sehen waren. »Armer alter Mann!« sagte es in mir zum zweitenmal. Wie mag es ihm jetzt in Saloniki ergehen, wo diese Schönheiten nicht einmal Angst mehr vor ihm haben. Der Bart des Großtürken ist nur so lange heilig, als er den Nachfolger des Propheten schmückt. Wer weiß, ob er noch alle Haare hat. Kein lebender Mensch hat so viel verloren wie er: Macht, Heiligkeit, Freiheit. Und doch bettelte er um sein Leben, als die Abgesandten des Komitees vor ihm erschienen. Es hat mich nicht gewundert, als ich das las. Ich erinnerte mich an die starren Augen, aus denen heilloseste Furcht stierte. Abdul Hamid ist vielleicht ein diplomatischer Kopf gewesen, aber kein Staatsmann; denn ein Staatsmann muß auch ein Staatskerl sein, ein Mensch, der groß unterzugehen versteht. Er war wohl zu wollüstig dazu, ein Held zu sein.
   Während der Sultan in der Moschee betete, hatten wir die Ehre und das Vergnügen, Proben der Sultansküche zu kosten. Exzellenz von Marschall empfahl besonders ein Spezialgericht, das in Weinblättern gekocht war und, wenn ich recht geschmeckt habe, aus Reis mit Hammelfleisch bestand. Die kandierten Pflaumen waren besser. Die größte, die ich ersah, nahm ich, ein Muster für alle Ehemänner, meiner Frau mit. Doch stellte sich ihre Ungenießbarkeit heraus, weil ich mich auf sie gesetzt und sie zu Pflaumenmus gemacht hatte. Immerhin wurde der gute Wille huldvoll anerkannt. Natürlich trank ich auch Sultankaffee und rauchte Sultanzigaretten. Sultansekt aber trank ich nicht. Die hohen türkischen Offiziere dagegen bewährten sich als gänzlich abstinenzfrei. Erst wunderte ich mich darüber, da ich an Mohammeds Abstinenzgebot dachte; dann erinnerte ich mich, daß Sekt den Mohammedanern nicht als Wein gilt; und schließlich erfuhr ich, daß die Herren keineswegs Mohammedaner und Türken, sondern Christen waren.
   Pünktlich nach einer halben Stunde hatte der Sultan sein Gebet vollendet, und wir begaben uns wieder auf die Terrasse. Unsere Leibwache stand schon draußen. Ich sah meinen Wächter kühn und gerade an, um ihm einen Begriff von mitteleuropäischem Stolz zu geben, der es nicht gewöhnt ist, unter Polizeiaufsicht zu stehen. Aber dieser dunkle Herr hatte offenbar keinen Sinn dafür. Er zuckte nicht im mindesten zusammen, sondern sah mich auch kühn und gerade an. Ich entnahm daraus die angenehme Zuversicht, daß die Bewachung gratis und keine Bakschischforderung zu gewärtigen war.
   Nun kam das Interessanteste des Schauspiels, das für mich zu einer feierlichen Posse wurde: Der Sultan erschien, seinen bemalten Lieblingssohn neben sich, in einem anderen Wagen, der mit prachtvollen, vom Padischah gelenkten Schimmeln bespannt war. Er fuhr im Schritt, aber die Schimmel griffen kräftig genug aus. Und so mußten die alten Generäle, die rechts und links des Wagens dem Großtürken das Geleit zu geben hatten, sich in einen sehr drolligen Zuckeltrab setzen. Man kann nun zwar ein großer Kriegsheld und ehrwürdiger Greis sein, über und über mit Orden bedeckt, weißbärtig und überhaupt eine Exzellenz; wenn man aber einen prominenten Bauch hat und mit gut gefütterten Schimmeln Schritt halten muß, dabei noch fortwährend den türkischen Gruß machen muß, bei dem man sich tief zu verbeugen hat, während die Hände bald da-, bald dorthin zu fliegen haben, dabei obendrein gehalten ist, möglichst immer den Padischah anzusehen, ferner immerzu murmelt und flüstert - so ergibt das ein Schauspiel, dem alle seriösen Bestandteile von Feierlichkeit und Würde abgehen. Es kommt ein groteskes Ensemble von wippenden Bäuchen, scheppernden Orden, strampelnden Beinen, schwitzenden roten Gesichtern, hopsenden Säbeln, zuckenden Lippen, verzweifelt umherfliegenden Händen zustande. Dieser Dauerlauf mag eine aus altbyzantinischer Zeit stammende, also durch Tradition geheiligte Loyalitätsgymnastik sein - ich begreife aber doch, daß junge Offiziere aus Angst, einmal diese Generalitätshopser mitmachen zu müssen, lieber eine Verschwörung zur Verwestlichung des Sultanats machten.
   Abdul Hamid hatte, während die Bäuche um ihn sprangen, einen gelangweilt hochmütigen Zug im Gesicht. Er sprach nicht einen der hüpfenden Generäle an; nur ab und zu machte die Linke den Stirn-Herz-Augen-Gruß. Als er aber an uns Zylinderhütlern vorüberkam, salutierte er scheu nach europäischer Militärart. Während der gesamten Rückfahrt hatten die Truppen ihrem Padischah unablässig und sehr laut ein langes Leben gewünscht.
   Später mußte er es sich selber wünschen. Und jetzt sehnt er, lebendig zwischen jungen Weibern begraben, vielleicht manchmal den Tod herbei, den er zuvor anderen brachte.
   Gewissensbisse werden ihn allerdings nicht quälen. Er ließ viele Menschen töten, weil er vom Thron nicht herabsteigen oder herabgestoßen werden wollte. Und so macht er sich sicher kaum Skrupel über Vergangenes. Ich glaube, er fürchtet sich nur weiter. Er kann es nicht fassen, daß, wer die Macht hat, einen anderen leben läßt, der immerhin noch der Schatten einer Gefahr für diese Macht ist. Er stiert sicher immer noch um sich, zuckt immer noch zusammen, wenn sich eine Tür öffnet, wittert immer noch in jeder Suppenterrine, jedem Becher Gift. Vielleicht ist das sein Trost, was wir für seine Pein halten: daß rings um ihn auf das Geheiß des Komitees die Mauern wachsen, die ihn von der Welt abschließen. Das schlimmste für ihn wäre wohl, wenn der Vers Wilhelm Buschs an seinem Lebensende Wirklichkeit würde:
Der Sultan winkt, Suleika schweigt
Und zeigt sich gänzlich abgeneigt.

Bierbaum, Otto Julius
Die Yankeedoodle-Fahrt
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Heinz Weise
Leipzig 1984
Originalausgabe Georg Müller Verlag München 1910, 2. Auflage

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