Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1453 - Michael Dukas Nepos
Die Hagia Sophia wird Moschee
Konstantinopel / Istanbul

In Folge einer Prophezeiung, nach welcher die Türken in die Stadt bis zur Säule des großen Constantin dringen würden, dann aber ein Engel vom Himmel einem bei dieser Säule stehenden Menschen ein Schwert in die Herrschaft geben würde, um die Türken wieder hinauszutreiben bis an die Grenze Persiens, stürzte gegen 6 Uhr früh die ganze Bevölkerung nach der Aja Sofia, die sich bald von unten bis oben mit einer dichtgedrängten Volksmasse anfüllte, worauf die Pforten der Kirche geschlossen wurden, und die ganze Bevölkerung zitternd und betend den Ausgang erwartete. Bald drangen die Türken bis hierher vor, hieben die Pforten mit Äxten ein und schleppten alle wie wehrlose Schafe in die Gefangenschaft. Ohne Rücksicht auf Alter und Stand wurden sie paarweise, die Männer mit Stricken, die Frauen mit ihren Gürteln zusammen gebunden und fortgetrieben; andere zerschlugen die heiligen Gefäße, die Lampen, die Crucifixe, die Bilder, rissen die Decken von den Altären, auf denen sie aßen und tranken, Knaben und Jungfrauen schändeten, ihre Pferde fütterten: kurz der Gräuel der Verwüstung war vollständig…
   Am Mittag erfuhr der Sultan, dass die Stadt vollständig in den Händen der Sieger sei, worauf er in Begleitung aller seiner Minister und Hofleute seinen Einzug in das Adrianopler Tor hielt und seinen Weg nach der Aja Sofia nahm. Hier stieg er vom Pferde ab und trat hinein. Sein erster Blick fiel auf einen Türken, der in roher Zerstörungssucht den marmornen Fußboden mit einer Axt zerhieb. Der Sultan fragte ihn, weshalb er das Pflaster verdürbe. „Des Glaubens wegen“, erwiderte der Türke. Mit Recht über einen solchen Vandalismus empört, hieb der Sultan mit dem Säbel nach ihm und sagte: „Ihr habt genug an der Beute und an den Gefangenen; die Gebäude der Stadt gehören mir,“ worauf der halbtote Barbar bei den Füssen hinausgeschleppt und auf die Straße geworfen wurde. Dann befahl der Sultan einem der Anwesenden auf die Kanzel zu steigen, um das mohammedanische Glaubensbekenntnis auszusprechen und die Gläubigen zum Nachmittagsgebet einzuladen. Mehemed [Sultan Mehmet II.] selbst sprang auf den Altar, auf welchem er sein Gebet verrichtete. Durch diesen Akt war die Aja Sofia dem christlichen Cultus entzogen und fortan für den Islam bestimmt.

Mordtmann, A: D:
Belagerung und Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453. Nach den Originalquellen bearbeitet
Stuttgart/Augsburg 1858; Nachdruck 2004

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