Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1899 - Karl Chun, Leiter der ersten deutschen Tiefsee-Expedition
Die Wundernuss: Coco de mer
Praslin, Seychellen

Es läßt sich schwer der erste Eindruck wiedergeben, den bei einer überraschenden Wendung des Pfades an einer teilweise gelichteten Schlucht die gewaltigen Stämme machen. Die Wucht in der Entfaltung der Laubdächer, die Schönheit und Eleganz der Palme, ihre eigentümliche Beschränkung auf einen eng umgrenzten Distrikt und endlich der Sagenkreis, der sich um dieselbe gewoben hat: dies alles trägt dazu bei, daß derjenige, dem es vergönnt ist, diesen Wunderbaum zu sehen, in enthusiastische Erregung gerät. Man begreift wohl, daß Linné die Palmen als Principes bezeichnete und sie an die Spitze des Systems stellte, weil er, von der Majestät ihrer Erscheinung gepackt, nicht wagte, sie in eine der übrigen Pflanzenklasse einzureihen.
   Kerzengerade erheben sich die mächtigen, hellen Stämme bis zu einer Höhe von 40 m, daneben die jüngeren Palmen, welche anscheinend direkt aus dem Boden ihre gewaltigen, bis zu 7 m hohen und 4 m breiten Blattwedel sprießen lassen. Fast möchte ich diese Letzteren, welche die ganze Wucht der Belaubung recht sinnfällig in Erscheinung treten lassen, den Preis vor den ältesten, hoch über die Kronen der übrigen Bäume ragenden Stämme erteilen. Die mittelgroßen weiblichen Stämme sind über und über bedeckt mit den ungefügen Früchten, welche in allen Entwicklungsstadien, riesigen Eicheln gleichend, dem Fruchtstande ansitzen. Wie der Wedel, so ist auch die Frucht die mächtigste und schwerste, welche das Pflanzenreich erzeugt. In eine dicke Basthülle, wie bei der Kokosfrucht, eingehüllt liegt der eigentliche Kern mit seiner herzförmig eingekerbten Schale, die poliert schwarz wie Elfenbein erscheint.
   Diese wunderlichen, einen halben Zentner schweren Früchte waren es, welche ab und zu von den Strömungen an die Malediven und westlichen Küsten von Indien getrieben wurden und dort seit alter Zeit gerechtfertigtes Erstaunen erregten. Da man über ihre Herkunft im Unklaren war, hielt man sie für Meeresprodukte und gab ihnen den noch heute gebräuchlichen Namen Coco de mer. Man legte ihnen geheimnisvolle Kräfte bei und wog sie fast mit Gold auf: soll doch Rudolf von Habsburg für eine einzige Frucht 4.000 Goldgulden bezahlt haben! Erst im Jahre 1769 wurde gelegentlich der von dem Duc de Praslin angeordneten Untersuchung der Seychellen die Trägerin der Früchte durch den Ingenieur Barré entdeckt. Labillardière gab ihr dann den heute noch zu Recht bestehenden Namen Lodoicea Seychellarum. Barré war so unvorsichtig, eine Korvette mit Coco de mer zu befrachten und nach Indien zu senden, wo schon der bloße Anblick der reichen Ladung dazu beitrug, die Frucht für alle Zeiten im Werte ganz erheblich fallen zu lassen.
   Die Palme ist getrenntgeschlechtlich und dieser Umstand trägt bei ihrer Seltenheit nicht wenig dazu bei, daß die Vermehrung nur langsam fortschreitet. Neben den weiblichen Palmen wurden wir bald auf die männlichen aufmerksam, welche an einem etwa 1 m langen Blütenschaft zahlreiche unscheinbare, gelbliche Blüten tragen, die einen intensiven Geruch nach Copra oder nach Aronswurz erkennen lassen.
   Fesselt die Palme schon durch ihren kraftstrotzenden Wuchs, so sind ihre sonstigen Eigenschaften nicht minder merkwürdig. Die Früchte brauchen zur Reife nicht weniger als 7 Jahre; werden sie in den Boden eingepflanzt, so dauert es 1 Jahr, bis der Keim erscheint, häufig mehrere Meter unter der Oberfläche hinkriechend, bevor er nach außen durchbricht. Erst nach 35 – 40 Jahren werden Blüten entwickelt, und schwer fällt es zu sagen, welches Alter die gewaltigen Stämme erreichen mögen. Wird schon bei der Kokospalme jeder Teil des Baumes verwertet und geschätzt, so gilt dies in noch höherem Grade für die Lodoicea. Das Holz des Stammes ist schwärzlich und scheint wie Eisen den Einwirkungen der Außenwelt  zu widerstehen. In der Wohnung des deutschen Konsuls, Dr. Brooks, sah ich einige Stämme der Lodoicea in den Empfangsrum eingebaut: ein Holz, nicht minder kostbar und widerstandsfähig als dasjenige des Kanarenlorbeers. Die Blattwedel verwenden die Eingeborenen von Praslin zum Decken der Hütten, aus den Blattfasern fertigen sie Flechtwerk und elegant gearbeitete Damenhüte, und die harte Schale der Frucht verarbeiten sie zu mannigfachen Trinkgefäßen. Sie umschließt bei der frischen Frucht ein gallertiges Endosperm, welches zwar erfrischend, aber etwas fade süßlich schmeckt; bei älteren Früchten erstarrt es zu einer harten, weißen Masse. Die Palme wäre vielleicht schon ausgerottet, wenn nicht John Horne, der verdiente Direktor des Botanischen Gartens von Mauritius, 1875 energisch die Regierung aufgefordert hätte, zu ihrem Schutz einzuschreiten. So wurde denn das eine Tal auf Praslin, in dem die schönsten Exemplare stehen, und die Nachbarinsel Curieuse als Kronland erklärt und durch strenge Maßregeln einem Ausrotten auch der übrigen Exemplare vorgebeugt. Die Lodoicea kommt in den beiden Tälern auf Praslin nicht in dichten Beständen, sondern zerstreut zwischen den übrigen Urwaldbäumen vor. Der Urwald selbst ist trocken und wiederum ausgezeichnet an sonstigen Palmen, unter denen namentlich der elegante, endemische Palmist (Deckenea nobilis) auffällt. Wie in Mahé, so kehrt auch hier die Stevensonia mit ihren gewaltigen Blattwedeln und von Laubhölzern das „bois rouge“ (Wormia) wieder. Gegen das Meer zu treten, untermischt mit Lodoicea, Kasuarinen und prächtige Stämme des auf den Seychellen als bois Tatmaka bezeichnete Calophyllulm auf. Vereinzelt war dann auch noch der Pandanus Hornei eingestreut.
   Ein Picknick unter dem mächtigen Laubdach der Lodoicea beschloß den ersten Teil der Wanderung. Geöffnete Früchte der Palme wurden mit begreiflichem Interesse genossen, und hieran schloß sich ein lukullisches Mahl, das dem Sterblichen wohl nur einmal zuteil wird: Palmkohl aus einer männlichen Lodoicea bereitet, der als Salat mit seinem mandelähnlichen Geschmack noch mehrmals an Bord – denn wir erhielten einen solchen Trieb zum Geschenk – wohl die feinste Delikatesse abgab, welche wir überhaupt auf der Reise genossen.

Chun, Karl
Aus den Tiefen der Weltmeere
Jena 1900

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!