Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1807 - Ulrich Jasper Seetzen
Beduinenleben
Zwischen Totem Meer und Jericho

Phudda, meine Wirtin, trägt selbst jetzt im Winter weiter nichts als ein blaues Hemd, welches bis auf die Erde reicht, aber durch einen Gürtel etwas aufgeschürzt wird. Nur wenn es regnet und sie Brennholz, Wasser und dergleichen holen muß, wirft sie noch einen alten Abbaje über den Kopf. Ihr Kopfputz besteht aus einem blauen Tuch, welches sie mit einem schmalen bunten Tuch um den Kopf befestigt. Mohammed, ihr Sohn, trägt ein zerfetztes Hemd oder ein paar andere Fetzen, die ihn nur halb bekleiden, und draußen bei naßkalter, regnerischer Witterung einen kurzen zerrissenen Pelz von einem Schaffell. Er ist immer draußen, um die beiden Kamele seines Vaters zu hüten, zu welchem Ende er als Provision des Morgens ein Stück Brot erhält. Die kleinen Mädchen werden immer etwas sorgfältiger gekleidet, wenn sie über das achte oder neunte Jahr hinaus sind, und selbst vom vierten oder fünften Jahr gewöhnt man sie, gewisse Teile bedeckt zu halten, welche ein Knabe von zehn bis elf Jahren oft ohne Decke zeigt.
   Achmed arbeitet äußerst wenig, sondern überläßt fast alle häuslichen Geschäfte seinem Weibe. Phudda hat den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend alle Hände voll zu tun, bald fällt und holt sie Holz und macht Feuer an, bald mahlt sie das nötige Mehl auf der Handmühle, siebt es, knetet Teig und bäckt Brot oder bereitet andere Speisen, bald holt sie Wasser in einem großen Schlauch aus der Quelle Ain el Szultan, bringt das Pferd zur Weide und holt es wieder von dort usw. Man sieht also, daß ihr sehr wenig Zeit zur Pflege ihrer Kinder übrigbleibt, wovon das jüngste noch von ihr gesäugt wird. - Achmed versicherte, sein Pferd sei von der edlen Rasse und eine Stute, die er für 1000 Piaster gekauft habe (?). Ein Füllen davon hatte er seinem Neger geschenkt, und jetzt sei sie wieder trächtig.
   Unser Zelt besteht so wie fast alle Beduinenzelte aus dem Harem und der Abteilung für die Mannspersonen oder die Gäste. Auf der inneren Seite des Harems ist ein Lager von Baumzweigen gemacht, worauf des Abends ein besonderes, starkes zottiges Wollenzeug, von Phudda bereitet, ausgebreitet wird und welches alsdann für alle zum Unterbette dient. Alte und Junge schlafen hier nebeneinander, bloß mit einem Abbaje oder sonst einem Zeuge, einem Pelze und dergleichen bedeckt, worunter sie auch ihre Köpfe verbergen. Achmed schläft gewöhnlich unter demselben völlig nackt und ohne Hemd, sein Weib und seine Kinder mit ihrer gewöhnlichen Kleidung. Ich schlief auf einem bloßen ausgebreiteten Sack und bedeckte mich mit meinem Abbaje.
   Bei nächtlicher Kälte wurde neben uns ein Feuer unterhalten, um welches wir uns bisweilen in der Nacht herumsetzten, um uns zu erwärmen, weil oft die Decken dazu nicht hinreichend waren. Fällt ein Regen, so sind selten die Zelte so dicht, daß sie, zumal im Anfange, wenn die härenen Zeuge noch trocken sind, den Regen ganz abhalten. Man sieht daraus, daß man als Beduine geboren sein muß, um eine solche Wohnung erträglich zu finden.
   Aus besonderer Begünstigung schlief ich mit der ganzen Familie im Harem zusammen, indem Fremde sonst immer in der andern Abteilung schlafen, welche jetzt zum Viehstall diente. Diese ist auf der einen Seite völlig offen, statt daß der Harem auf dieser Seite nur des Tages bei milder Witterung offen ist, des Nachts aber durch einen Vorhang verschlossen wird. Der Harem ist immer größer als die andere Abteilung, und in ihm sind alle die wenigen Habseligkeiten, welche den Beduinen unumgänglich notwendig sind, etliche lederne Säcke, Schläuche zum Trinkwasser, zum Öl, zur Butter und zur Milch, der Kaffeemörser nebst übrigem Kaffeegerät, Kochkessel, hölzerne Trinkschale, etliche Kleidungsstücke, Sattel und Zaum, auch das Brennholz. Beide Abteilungen sind durch eine Scheidewand von dem nämlichen Zeuge, woraus das Zelt besteht, voneinander getrennt. Ein solches Zelt kostet 100 bis 300 Piaster und dauert etwa fünf Jahre. Indessen wird immer nacbgebessert, weil einige Teile eher abnutzen als andere. Die Beduinen würden für das nämliche Geld sich ein kleines dauerhaftes steinernes Haus bauen können, welches etliche Generationen hindurch dauern und ihnen weit mehr Bequemlichkeiten darbieten würde als dies härene Haus. Allein, da ihre Lebensart sie nötigt, ihre Wohnung zu versetzen, so ist eine solche Veränderung ihnen nicht möglich.
   …
   Da die Beduinen wenige und selten schwere Arbeiten verrichten, so sind sie unter sich außerordentlich gesellig. Des Abends oder auch des Tages, wenn Gäste da sind, sind sie in dem Gastzelt beisammen, wo sie sich mit allerhand Gesprächen unterhalten, wobei sie viel Lebhaftigkeit bezeigen. Bei Fremden sind sie äußerst neugierig und zudringlich und unterhalten sich sehr lange über den Zweck ihrer Reise. Man wollte mich durchaus für einen Schatzgräber oder Magier halten und verlangte, daß ich Zettel wider Krankheiten und alle möglichen Zufälle schriebe. Man glaubte, ich verstehe die Kunst, mich und andere unsichtbar zu machen, und hatte Achmed den Verdacht eingeflößt, daß ich mich nach beendeter Reise unsichtbar machen und ihn um seinen Lohn bringen werde. Ein kleines arabisch-deutsches Wörterbuch, welches ich während meinem Aufenthalt in Halep [Aleppo] verfertigte und das ich immer mit mir führte, sollte durchaus ein Zauberbuch sein. Da Achmed so wenig wie irgendein anderer seines Stammes lesen konnte, so ersuchte er einst einen Bauern, es durchzusehen. Obgleich derselbe nun ganz etwas anderes fand, als er erwartet hatte, so war dieser Mensch dennoch so sehr dagegen eingenommen, daß er darauf spuckte und es von sich warf. Diese Behandlung seines Gastes nahm indessen Achmed sehr übel, und der Bauer mußte mir bald nachher seine Reue bezeugen.
   Die Beduinen kümmern sich wenig um die Religion, obgleich sie sich alle für Mohammedaner ausgeben und Allah und den Propheten immer im Munde führen. In unserm Dauar war kein einziger, der die vorgeschriebenen Gebete beobachtete, und vielleicht war im ganzen Stamme kein einziger, der dies tat, als der Oberscheich, der, wenn mir recht ist, dieselben bisweilen verrichtete. Bloß des Morgens hörte ich bisweilen, daß Achmed ein kurzes Gebet, aber ohne alle Zeremonie, im Gehen oder Stehen hersagte. Bissm Allah! (in Gottes Namen) hört man häufig beim Anfange eines jeden Geschäfts, sei es auch eine noch so unbedeutende Sache. Um den wöchentlichen Festtag der Mohammedaner, den Freitag, kümmern sie sich ebensowenig als um die übrigen Wochentage, wovon sie den heutigen Tag oftmals nicht anzugeben wissen.
   Da die Weiber und Kinder immer mit nackten Füßen gehen und es hier viele Dornsträucher gibt, so haben sie fast täglich Dornen in den Füßen, welche die Beduinen aber mit vieler Geschicklichkeit herauszuziehen wissen. Die jungen Mannspersonen tragen meistenteils bloße Sohlen, welche sie mit einer dünnen wollenen Schnur unter die Füße befestigen, die Verheirateten tragen eine Art hoher, bis an die Knöchel gehender Schuhe.
   Sehr selten tragen die Beduinen Beinkleider, und auch diejenigen, welche damit versehen sind, bedienen sich derselben nur, wenn sie reiten. Indessen wissen sie sich mit dem bloßen Hemd immer so zu setzen, daß sie nie unanständig werden. Kleine Knaben hingegen wissen von einer solchen Ungeschicklichkeit nichts .

Seetzen, Ulrich Jasper
Reisen durch Syrein, Palästina, Phönicien, die Tansjordan-Länder, Arabia petraea und Unter-Aegypten
Band 2, Weimar 1854; Nachdruck 2004

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