Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1507 - Alfonso d’Albuquerque
Die Einnahme von Sohar
Oman

Am Morgen erblickten sie eine große und sehr schöne Stadt. Alfonso d'Albuquerque fragte die maurischen Piloten nach dem Namen des Ortes, und sie sagten, es sei das Fort von Sohar. Sie wagten nicht, ihn dorthin zu führen, denn es sei sehr stark und beherberge viele Männer, Reiterei wie Fußsoldaten, und wenn er dort unterläge, würde er sie dafür verantwortlich machen. Aber Alfonso d'Albuquerque erwiderte, daß er trotz der großen Stärke von Sohar mit diesem Ort genauso umgehen werde wie mit den anderen und daß sie gut daran täten, ihm keine Plätze verheimlichen zu wollen, denn er hätte durch eine vom Lotsen Omar erstellte Karte Kenntnis von allen Orten an der Küste, und wenn sie von jetzt ab ihm auch nur einen verschweigen würden, würde er sie mit einer Kanonenkugel um den Hals ins Meer werfen lassen.
   Dann gab er Befehl, Anker zu lichten, und segelte so nah ans Ufer, wie es mit der ganzen Flotte ging; da es aber felsigen Untergrund gab, ankerten die Schiffe eine halbe Legua [etwa 2,5 km] vor der Stadt. Als die gesamte Flotte vor Anker lag, kam ein Maure aus der Stadt und brachte eine Nachricht für Alfonso d'Albuquerque vom Befehlshaber des Forts. Er erklärte ihm, daß das Fort vor ihm dem König von Hormuz gehöre; deshalb sei es besser, keinen Landungsversuch zu machen und auch nicht zu denken, er könnte hier so verfahren wie an sonstigen Orten, an denen er gewesen sei, denn sie seien in der Lage, sich ganz anders zu verteidigen. Während der Maure diese große Rede hielt, begannen am Ufer Soldaten zu Pferd und zu Fuß zu paradieren, und die Leute bliesen Trompeten und Posaunen ohne Unterlaß.
   Alfonso d'Albuquerques Antwort war, daß der Maure dem Befehlshaber mitteilen möge, daß er seine Taten abwägen solle, denn wenn er den Gehorsam dem König von Portugal, seinem Herrn, verweigere, möge er sicher sein, daß er [Albuquerque] am nächsten Morgen zu ihm an Land käme, ihm sein Fort wegnehmen und ihn selbst in Ketten legen würde.
   Der Maure ging weg, nicht sehr erfreut über diese Antwort; aber auch unsere Leute waren nicht ganz zufrieden angesichts einer so starken Festung mit so vielen Leuten darin; aber eingedenk dessen, was an anderen Orten geschehen war, vertrauten sie auf den Herrgott und seine Hilfe.
   Sobald der Maure sich mit der Botschaft entfernt hatte, schickte Alfonso d'Albuquerque den Kapitänen Nachricht darüber, was mit dem Mauren besprochen worden war, und ersuchte sie, sich bereitzuhalten und Leitern mitzubringen, um die Mauern zu ersteigen. Er befahl auch, zwei Kanonen sowie viele Äxte und Hacken und Forken und all das Gerät bereitzuhalten, das man für die Errichtung eines Walles brauche, von dem aus das Fort angegriffen werden könne; und im Fall, daß der Angriff nicht gleich erfolgreich sei, könnten sie sich gefahrlos in den Booten sammeln. Das alles geschah mit großer Eile, so daß am Mittag des nächsten Tages alles fertig war und in die Boote verladen wurde.
   Als alle Landungsvorbereitungen abgeschlossen waren, kamen drei hohe Vertreter der Mauren mit einer Nachricht vom Befehlshaber der Festung und den Herren des Landes für Alfonso d'Albuquerque, die besagte, sie hätten sich nach eigenem Entschluß von 2.000 Reitern und 5.000 Fußsoldaten getrennt, die die Benjabar [ein Stamm im Landesinneren] für ihre Verteidigung abgestellt hätten. Aber da diese nicht vertrauenswürdig seien, wollten sie sie nicht in die Festung lassen, und da der König von Hormuz ihnen nicht die verlangte Unterstützung geschickt hätte, hätten sie sich entschlossen, Vasallen des Königs von Portugal zu werden; der Festungskommandant sei bereit, Alfonso d'Albuquerque das Fort zu übergeben.
   Alfonso d'Albuquerque erwiderte, sie sollten dem Festungskommandanten und den Landesherren übermitteln, daß er Stadt und Festung im Namen seines Herrn, des Königs von Portugal, annähme und daß er sehr froh sei, daß sie ihre ursprüngliche Meinung geändert hätten, denn es wäre traurig, so einen großartigen Ort zerstören zu müssen. Aber die Übernahme wäre mit der Bedingung verbunden, daß sie angemessenen Tribut leisteten. Die Mauren waren von dem Anblick all der Gerätschaften, die in den Booten für den Angriff bereitlagen, so niedergeschlagen, daß sie die Verhandlungen nicht weiter ausdehnen wollten und sagten, sie müßten nicht erst an Land zurückkehren, er könne ein Abkommen nach seinem Belieben mit ihnen schließen, denn sie seien eine vom Festungskommandanten und den Landesherren bevollmächtigte Abordnung.
   Da nun der große Alfonso d'Albuquerque bestrebt war, die Angelegenheit nicht zu verzögern, entschied er sich für ein endgültiges Abkommen mit den Mauren und sagte ihnen, da sie nun Vasallen des Königs von Portugal werden und sich unter seinen Befehl stellen wollten, würde er ihnen eine Fahne mit seinem königlichen Wappen schicken, die als Zeichen ihrer Gefolgschaft auf dem höchsten Turm zu setzen sei. Deshalb müßten sie nun an Land gehen und dem Festungskommandanten und den Landesherren sagen, daß sie mit der ganzen Bevölkerung zum Strand kommen sollten, um die Fahne in Empfang zu nehmen; er würde sie an Land bringen lassen. Mit dieser Nachricht gingen die Mauren an Land, und Alfonso d'Albuquerque befahl Francisco de Tavora und Afonso Lopez da Costa, ihre Boote mit fröhlich flatternden Bannern zu versehen und ihre Leute die besten vorhandenen Rüstungen anlegen zu lassen, um die Fahne zu eskortieren, die in seinem Boot sein würde, und er befahl Dom Antonio de Noronha, seinem Neffen, sich bereitzumachen, die Fahne an Land zu begleiten. Und er befahl Jorge Barreto de Crasto, Aires de Sousa Chichorro und Duarte de Sousa de Portalegre, sie mit fünf wohlausgesuchten Männern zu tragen, und João Estão, der Schreiber der Flotte, sollte alles notieren, was geschah. Und er instruierte die Kapitäne, die die Flagge tragen sollten, daß sie nicht an Land gehen sollten, bevor nicht gewisse Mauren als Geiseln in die Boote gekommen seien; und niemand dürfe das Fort betreten außer denen, die er für die Inbesitznahme bestimmt habe.
   Als alles gerichtet war, legten die Kapitäne in den Booten ab, und bei der Landung verlangten sie nach sechs Mauren, die auch unverzüglich in die Boote gebracht wurden. Dann stieg Jorge Barreto mit den anderen an Land, und der Festungskommandant und die Landesherren, die mit der ganzen Bevölkerung am Strand waren, nahmen die Fahne mit großer Wonne in Empfang und marschierten los, vorneweg der Festungskommandant in sehr kostbarer Aufmachung mit einem türkischen Schwert im Gürtel und einem Stab in der Hand, mit dem er den Weg freimachte und die Volksmenge nach rechts und links auseinandertrieb.
   Als sie am Tor der Festung ankamen, gingen Duarte de Sousa und alle anderen, wie schon erwähnt, mit der Fahne hinein und setzten sie auf den höchsten Turm. Als das die Männer auf den Schiffen sahen, gaben sie Salut mit der gesamten Artillerie. Und João Estão nahm die Festung für den König von Portugal in Besitz und schloß alle Tore, ohne daß jemand darin blieb, und ein offizielles Dokument über dieses Ereignis wurde aufgesetzt. Als das geschehen war, gingen alle wieder in die Boote, und die maurischen Geiseln wurden freigelassen.
   Am folgenden Morgen schickte der Festungskommandant die Bitte an Alfonso d'Albuquerque, ihm Zugang zur Festung zu gewähren, und versprach, dem König von Portugal gehorsam zu sein und alles zu erfüllen, was man von ihm verlange. Alfonso d'Albuquerque ließ die Kapitäne und einige der Edelleute der Flotte zusammenrufen und wiederholte ihnen diese Botschaft des Festungskommandanten und fragte sie nach ihrem Rat, was in dieser Angelegenheit am besten zu tun sei.
   Der größere Teil war der Ansicht, er solle das Fort halten, denn wenn er einen Kapitän und eine Besatzung dort stationieren würde, wäre ihm die ganze Küste Untertan. Alfonso d'Albuquerque antwortete, daß er, als er das Fort so stark vorgefunden habe, es habe halten wollen. Aber da er entschlossen sei, nach Hormuz zu segeln, und über keine Schiffe oder Mannschaften für einen weiteren Einsatz verfüge, habe er seine Meinung geändert und wolle das Fort dem Festungskommandanten überlassen und weitersegeln und sehen, wie sich der Besuch in Hormuz entwickeln würde. Und da diese Ansicht Alfonso d'Albuquerques von allen gutgeheißen wurde, ließ der dem Festungskommandanten ausrichten, daß er ihm die Festung unter der Bedingung überließe, daß er weiterhin dem König von Portugal Gehorsam leiste und sein Gefolgsmann würde. Der Festungskommandant, dem daran gelegen war, die Angelegenheit abzuschließen und seine Position als Herr des Forts wiederzugewinnen, schickte einen Diener mit der Nachricht an Alfonso d'Albuquerque, daß er den ihm angebotenen Gunstbeweis annähme; da das Fort nun dem König von Portugal gehöre und er gegen den König von Hormuz aufgestanden sei, hoffte er, Alfonso würde die Bezahlung der Leute veranlassen, die Dienst täten. Wenn sie nicht bezahlt würden, würden alle fortlaufen.
   Die Darstellung des Festungskommandanten erschien Alfonso d'Albuquerque sehr vernünftig; er konnte keinesfalls eine Zahlung an die stationierten Männer verweigern, da er nun beschlossen hatte, das Fort nicht mit eigenen Truppen zu besetzen. Also rief er die Landesherren zusammen und teilte ihnen mit, daß ihr jährlicher Tribut in Zukunft für das Einkommen und den Unterhalt der Leute, die der Festungskommandant für die Bemannung des Forts benötigte, eingesetzt würde, gerade so wie sie ihn bisher an den König von Hormuz gezahlt hätten. Und sie hätten dafür Sorge zu tragen, daß ein entsprechendes Dokument in Arabisch aufgesetzt würde, das sie und der Festungskommandant zu unterzeichnen hätten, und er selbst würde ein Gegenstück im Namen des Königs von Portugal anfertigen lassen, mit dem königlichen Siegel versehen; auf diese Art würde er sie in die Gefolgschaft des Königs von Portugal aufnehmen. Dann gingen die Landesherren an Land und riefen das Volk in Stadt und Land zusammen und legten ihm Alfonso d'Albuquerques Forderungen vor; es wurde einmütig beschlossen, ihnen in allem nachzukommen.
   Am Morgen des nächsten Tages wurde Alfonso d'Albuquerque also ein Dokument überreicht und dazu als Geschenk einige Kühe, Schafe und Geflügel; er dagegen schickte ihnen sein Dokument mit dem Siegel des Königs von Portugal und Waren aus Portugal für den Festungskommandanten und die zwei obersten Landesherren.
   Er befahl auch dem Caspar Rodrigues, dem Dolmetscher, den Häuptling der Benjabar aufzusuchen, der mit 30 Reitern zurückgeblieben war - die, die das Fort übergeben hatten, hatten die anderen (Benjabar) fortgeschickt -, damit er käme, um sich die Schiffe und die Portugiesen anzusehen. Er sandte ihm ein silbernes Becken und eine goldene Kette. Als das getan war, trennte man sich vom Festungskommandanten, und die Schiffskapitäne bekamen Befehl, alles für das Auslaufen am folgenden Tag vorzubereiten.
   Die Bevölkerung von Sohar ist sehr zahlreich, die Stadt ist sehr schön und besteht aus sehr guten Häusern. Es gibt dort ein viereckiges Fort mit sechs Türmen und noch zwei sehr großen Türmen über dem Eingangstor. Die Mauer ist von guter Höhe und entsprechend dick und verläuft nahe an der Uferlinie in einer Bucht. Der Hafen hat sehr felsigen Grund. Unsere Schiffe ankerten bei sechs Faden [ca. 11 m] in einer Entfernung von einer halben Legua vom Ufer. Das Fort ist so groß, daß es mehr als 1.000 Mann zu seiner Verteidigung benötigt. Es heißt, man könne es mit Süßwasser umgeben, denn es gibt welches in geringer Entfernung. Das Fort ist sehr günstig gelegen, und bei Flut reicht die See fast bis an die Mauer. Im Fort gibt es nur Unterkunft für die Besatzung. Die Pferde des Festungskommandanten waren wunderschön; er war ein vornehmer Mann aus Hormuz, den der vorherige König ruiniert und der Stadt verwiesen hatte wegen Streitigkeiten, die er mit einem Diener hatte; aber er war trotzdem von den Mauren als Edelmann hochgeschätzt.
    Im Ort gibt es 6.000 oder mehr Bewohner und 500 Edelleute, die meisten mit Rüstungen aus Stahl versehen, die mit wie Dachziegel angeordneten Eisenplatten bedeckt und so stark sind, daß sie dem Schuß einer Armbrust widerstehen können. Pferde werden vorn auch so gepanzert. Die Sättel sind von türkischer Art, ziemlich hoch am Sattelknopf; die Steigbügel ähneln auch den türkischen; die Sporen sind eiserne oder kupferne Dornen auf einer Platte, die an der Stiefelferse angebracht und immer getragen werden.
   Der Ort Sohar hat mehr Edelleute als irgendein anderer Ort an der Küste. Das Land ist hier offener von den Bergen ins Innere als an anderen Orten; das Land ist weit und bebaut mit Weizen, Mais und Roggen, und da es dichte Gehölze gibt, werden eine Menge Großvieh und viele Pferde gezüchtet. Das Landesinnere gehört zum Reich der Benjabar; es lebt mit dem König von Hormuz in Frieden; und wenn es Streitigkeiten gibt und die Benjabar angreifen, zieht sich die Bevölkerung in das Fort zurück. Die Leute im Landesinneren werden Baden (Beduinen) genannt; der größte Teil ihrer Reiter gehört zu den Bogenschützen, aber manche tragen auch Lanzen und türkische Keulen; alle Fußleute sind von der Taille aufwärts nackt. Sie tragen Filzkapuzen, Lanzen und Schilde. Die Pferde sind arabisch, sehr groß, gut gebaut und schnell. Große Mengen an Datteln und Mais werden von hier ausgeführt.

Birch, Walter de Gray
The Commentaries of the Great Afonso Dalboquerque
Band 1, London 1875
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike
Reisende in Arabien, 25 v. Chr. bis 2000 n. Chr.
Wien 2002

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