Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1763 - Carsten Niebuhr
Sanaa
Jemen

Wir hatten heute früh einen Bedienten mit einem Brief an den Fakih Ahmed vorausgeschickt, um diesen Staatsminister des Imams unsere Ankunft wissen zu lassen. Allein dieser Herr war schon vorher davon unterrichtet, und hatte uns einen von seinen vornehmsten Schreibern eine gute halbe Meile außerhalb Sana entgegengesandt, um uns zu bewillkommnen. Dieser erzählte, daß man uns schon seit langer Zeit erwartet und daß der Imam für uns ein bequemes Gartenhaus zu Bir el-Assab für einen ganzen Monat gemietet hätte. Alles dies waren gute Nachrichten. Wir hörten, daß auch der Fakih ein Gartenhaus zu Bir el-Assab hätte. Sobald wir zu den Gärten gekommen waren, verlangte der Schreiber, daß wir absteigen möchten. Wir meinten daher, daß wir gleich zu dem Fakih Ahmed geführt werden sollten, und daß sein Haus in der Nähe wäre. Allein der Schreiber und alle unsere mohammedanischen Bedienten blieben auf ihren Eseln, und wir mußten noch einen weiten Weg gehen, bis wir zu dem Haus kamen, das zu unserer Wohnung bestimmt war. Dies war ein kairinischer und uns sehr unangenehmer Streich, den wir von den sonst so höflichen Arabern nicht vermuteten. Wir waren überdies heute noch so schlecht dran, als wir nur in irgendeinem Dorf im Jemen gewesen waren. Sonst fanden wir bei einer Karawanserei doch Leute, von denen wir wenigstens Wasser und Brot erhalten konnten. In unserem Gartenhaus aber fanden wir nichts als ledige Zimmer. Weil wir glaubten, daß wir heute in die Hauptstadt des Königreiches kommen sollten, so hatten wir uns gar nicht mit Lebensmitteln versehen, und mußten daher lange warten, ehe wir Erfrischungen aus der Stadt erhalten konnten. Unter diesen schmeckten uns die hiesigen Weintrauben gar vortrefflich. Wir hatten übrigens seit langer Zeit keine so angenehme Wohnung gehabt wie die, die uns der Imam anweisen ließ. Das Haus hatte hübsche Zimmer, und bei ihm gab es einen Garten, voll von allerhand Fruchtbäumen, die alle wild aufgewachsen zu sein schienen. Es war ein Garten nach arabischer Art, in dem man Schatten und keine Spaziergänge sucht.
   Am Tag nach unserer Ankunft bei Bir el-Assab, nämlich am 17. Juli vormittags, schickte der Imam uns ein Geschenk von fünf Schafen, so viel Holz, wie drei Kamele tragen konnten, eine gute Menge Wachslichter, Reis und allerhand Gewürz. Der, der uns diese Geschenk brachte, entschuldigte es, daß der Imam uns weder an diesem noch an den folgenden Tagen sprechen könnte, weil er mit der Bezahlung seiner in Sold genommenen Truppen der Haschid und Bekil beschäftigt wäre. Wir waren dabei sehr gleichgültig, weil wir eigentlich nicht nach Sana gereist waren, um dem Imam unsere untertänigste Aufwartung zu machen, sondern die Stadt und die umliegende Gegend zu sehen und mit solchen Leuten bekannt zu werden, von denen wir Nachrichten über dieses Land erhalten konnten. Es wurde uns aber zugleich auch angezeigt, daß wir nicht aus dem Haus gehen müßten, ehe wir Audienz beim Imam gehabt hätten. Dies Verbot war uns sehr unangenehm, vornehmlich da wir nicht viel Zeit zu verlieren hatten, und nicht sicher waren, daß der Imam uns gewiß nach zwei Tagen fordern lassen würde.
   Man hatte vergessen uns zu sagen, daß es auch wider den schuldigen Respekt gegen den Imam gehandelt wäre, wenn wir Eingeborene zu uns kommen ließen, ehe wir bei Hofe gewesen wären. Wir hatten schon einen Bekannten zu Sana, nämlich einen Juden, der mit uns von Kairo bis Loheia gereist war. Dieser war von einer der vornehmsten und reichsten Familien der hiesigen Juden. Er war aber als Bedienter mit uns gegangen, teils um die Reisekosten zu sparen, denn die arabischen Juden kennen auch den Wert des Geldes ebensogut wie die europäischen; teils, um unter unserem Schutz und in unserer Gesellschaft bequemer zu reisen, weil die Juden von den Türken, die als Pilgrime von Kairo nach Djidda gehen, sehr verachtet und oft mißhandelt werden. Dieser junge Mensch besuchte uns gleich, als er von unserer Ankunft gehört hatte. Er brachte am nächsten Tag einen ihrer größten Astrologen zu uns, der mir einige hebräische Namen von Sternen, die in der Heiligen Schrift genannt sind, erklären sollte. Zu eben dieser Zeit kam der Schreiber des Fakih Ahmed. Die Juden standen gleich auf; allein der Herr Sekretär war damit nicht zufrieden. Er war sehr böse, daß sie sich unterstanden hatten, zu uns zu kommen, bevor wir Audienz bei dem Imam gehabt hätten. Er jagte sie nicht nur gleich aus dem Haus hinaus, sondern befahl auch unseren mohammedanischen Bedienten, keinen Menschen zu uns zu lassen, bis wir bei seinem Herrn gewesen wären. Diese arabische Gewohnheit war uns gar nicht angenehm. Sie wird aber selbst von arabischen Gesandten an fremden Höfen beachtet. Ein Gesandter des Paschas zu Tripolis wollte nach seiner Ankunft zu Kopenhagen auch mit keinem reden, bis er Audienz beim Staatsminister gehabt hätte. Der erwähnte Sekretär glaubte vielleicht noch, daß uns die Gesellschaft der Juden nicht angenehmer sein als ihm und daß er uns also einen Dienst erzeigte, wenn er uns von den Juden befreite.
   Am Morgen des 19. Juli ward uns angesagt, daß wir zu dem Imam kommen sollten. Der Sekretär des Fakih Ahmed führte uns zum Palast im Bustan el-Metwokkel; da wir nichts weiter erwarteten, als daß der Imam uns vielleicht in Gegenwart einiger seiner vornehmsten Bedienten sprechen würde, so erstaunten wir nicht wenig, als wir große Anstalten sahen. Der Hofplatz war so voller Pferde, Bedienter und anderer Araber, daß wir Mühe gehabt hätten, durchzukommen, wenn der Nakib Gheirallah, ein ehemaliger Sklave und jetzt der Oberstallmeister des Imams, nicht mit einem großen Knüppel in der Hand gekommen wäre und uns Platz gemacht hätte. Der Audienzsaal war ein großes viereckiges Gebäude, oben mit einem Gewölbe. In der Mitte waren einige Springbrunnen in einem großen Wasserbehälter; das Wasser ward ungefähr 14 Fuß hinaufgetrieben. Hinter dem Bassin war eine Erhöhung von etwa 1 1/2 Fuß, vier bis fünf Fuß breit, über den ganzen Saal. Hinter dieser noch eine andere kleine Erhöhung, wo gleich bei dem Auftritt der Thron des Imams stand. Der ganze Boden, sowohl um den Thron als um das Bassin, war mit feinen persischen Teppichen belegt. Am Thron selbst sah ich weiter nichts als eine viereckige Erhöhung, mit Seidenzeug bekleidet, und oben, an der Rückseite und zu beiden Seiten, große Polster, sehr kostbar überzogen. Der Imam saß auf dem Thron und zwischen den Polstern, nach morgenländischer Art mit untergeschlagenen Beinen, in einem hellgrünen Oberkleid mit weiten und langen arabischen Ärmeln. Er hatte an jeder Seite auf der Brust, so wie die vornehmen Türken bisweilen auf ihren Reisemänteln, eine große goldene Schleife und einen sehr großen weißen Turban auf dem Kopf. Zu seiner Rechten standen seine Söhne, zur Linken seine Brüder. Vor ihm stand sein Minister, der Fakih Ahmed, und wir auf der ersten Erhöhung, und also niedriger als der Fakih. An beiden Seiten des Saales, von den Söhnen und Brüdern des Imams bis zur Tür, standen eine Menge vornehmer Araber dicht beieinander.
   Wir wurden gleich gerade zum Imam geführt, um ihm die rechte Hand auswendig und inwendig und das Kleid auf dem Knie zu küssen. Das erstere und letztere erlauben die mohammedanischen Prinzen sehr leicht. Es ist aber eine außerordentliche Gnade, wenn sie einem Fremden auch das Innere der Hand zum Küssen reichen. Im ganzen Saal herrschte tiefstes Stillschweigen. Sobald aber einer von uns die Hand des Imams berührte, rief eine Herold einige Worte, die etwa bedeuten sollten "Gott erhalte den Imam", und so fort. Als der Herold aufhörte, wiederholten alle Anwesenden zugleich diese Worte, und wie es mir schien, aus vollen Kräften. Da ich der erste war und nur darauf dachte, wie ich meine Komplimente auf arabisch so gut wie möglich machen, und die große Pracht, wie ich sie in Arabien noch nicht gesehen hatte, betrachten wollte, so kann ich nicht leugnen, daß ich bei dem Lärm etwas bestürzt war, besonders, weil man just anfing zu schreien, als ich die Hand des Imams anrührte. Doch ich faßte mich bald; und als man abermals rief, da meine Reisegefährten die Hand des Imams ergriffen, so fiel mir ein, daß es bei dieser Ceremonie ungefähr ebenso herginge, wie wenn die Studenten auf deutschen Universitäten jemanden hoch, und abermals hoch, und nochmals hoch leben lassen.
   Weil die Hofsprache zu Sana von der allgemeinen Sprache in den bergigen Gegenden, und diese noch sehr viel von der Sprache in der Tihama verschieden ist, wir aber nur die letztere, und noch dazu schlecht, redeten, so machten wir unseren Bedienten aus Mokka, der unsere schlechte Aussprache gewohnt war, zu unserem Dolmetscher. Der Fakih Ahmed, der lange in der Tihama gewesen war und die dort gebräuchliche Sprache gelernt hatte, war gleichsam Dolmetscher des Imams; denn wenn diese beiden untereinander redeten, so konnte ich kaum das vierte Wort verstehen, und unser Bedienter, der doch in Mokka, also in seinem Königreich, geboren war, versicherte, daß er den Imam selten ganz hätte verstehen können.
   Da wir also durch Dolmetscher und in Gegenwart einer so großen Versammlung reden mußten, so war unsere Unterredung nur kurz. Wir hielten es nicht für nötig zu erklären, daß wir einen so weiten Weg nach Jemen gekommen wären, bloß um dieses Land genauer kennenzulernen. Weil wir aber doch eine Ursache unserer Reise angeben mußten, so sagte wir dem Imam, daß wir über den arabischen Meerbusen gekommen wären, weil diese der kürzeste Weg von Europa zu den dänischen Kolonien in Indien sei. Wir unterließen nicht zu rühmen, daß wir allenthalben von der Gerechtigkeit und Sicherheit, die in dem Gebiet des Imam herrschten, gehört, und daß dieses die Ursache sei, warum wir gewünscht hätten, noch vor der Abreise des letzten englischen Schiffes dieses Reich näher kennenzulernen, um es als Augenzeugen in unserem Vaterland rühmen zu können. Der Imam antwortete, daß wir in seinen Ländern willkommen wären und völlige Freiheit hätten, darin so lange zu bleiben, wie es uns selbst gefallen oder unser Geschäft erlauben würde. Nach einigen anderen Fragen und Antworten nahmen wir mit dem Handkuß und unter den Wünschen des Herolds und aller Anwesenden, daß Gott den Imam viele Jahre erhalten möchte, Abschied und gingen den langen Saal hinunter zur Tür hinaus, ohne weitere Komplimente zu machen.
   Nach unserer Rückkehr ?zum Gartenhaus? schickte der Imam uns elf kleine Beutel, einen an unseren Bedienten aus Mokka, der Dolmetscher gewesen war, und einen an die beiden Diener des Dola und des Kadi zu Tais, die uns begleiteten. Jeder Beutel enthielt 99 Komassi, wovon 32 einen Speziestaler ausmachen. Ein Prozent hatte der Saraf (Wechsler), sei es nach Landesbrauch oder ohne Wissen des Imams, für seine Mühen behalten. Es scheint ungereimt, daß der Imam uns ein Geschenk in einer Scheidemünze schickte. Allein da man in diesen Ländern nicht auf Kredit und in einem Gasthof leben kann, sondern alles für Bargeld auf dem Markt kaufen und selbst seine Küche halten muß, so ist es vielmehr eine Aufmerksamkeit der Araber gegenüber Fremden, damit diese bei dem Wechseln der großen Münzsorten nicht hintergangen werden oder deswegen Mühe haben müssen. Wir waren anfangs im Zweifel, ob wir dieses Geschenk annehmen könnten, weil wir nicht auf Kosten der Araber leben wollten, damit sie keine Ursache hätten, uns aus ihrem Land wegzuwünschen. Allein weil es hätte übel genommen werden können, wenn wir es zurückgeschickt hätten, so wurde beschlossen, daß wir es behalten wollten.
   In der Türkei erhält niemand Audienz beim Sultan, der nicht zuvor bei dem Wesir gewesen ist. In Jemen ist die Mode anders. Nachdem wir die Ehre gehabt hatten, den Imam am Vormittag zu sehen, ließ der Fakih Ahmed uns am Nachmittag zu seinem Gartenhaus nach Bir el-Assab kommen, und wir mußten die kuriosen Sachen mitbringen, die wir dem Emir Farhan zu Loheia und den vornehmen Arabern in anderen Städten gezeigt hatten. Diese Raritäten waren nichts weiter als Vergrößerungs-, Wetter- und Ferngläser, arabische gedruckte Bücher, allerhand Kupferstiche, Land- und Seekarten, Magnetnadel und dergleichen, die wir zu unserem eigenen Gebrauch mit uns genommen, den Arabern aber bisweilen gezeigt und den Gebrauch davon erklärt hatten. Ich hielt es nicht für ratsam, meine astronomischen Instrumente zu zeigen; denn obwohl ich sicher war, daß ich heute alles wieder mit mir zurückbringen würde, so fürchtete ich doch, daß die großen Scheichs zu Sana etwas davon durch den Imam verlangen würden. Allein diese Furcht war vermutlich unbegründet. Wir wurden ungemein höflich vom Fakih empfangen, und er war auch über alles, was wir ihm zeigten, sehr vergnügt. Er tat viele Fragen an uns, die zeigten, daß er sich mehr um die Wissenschaften kümmerte als seine Landsleute gemeiniglich zu tun pflegen, und daß er viel Umgang mit Fremden, nämlich mit Türken, Persern und Indern gehabt hatte. Nur dadurch hatte er sich eine ziemliche Kenntnis der Geographie erworben. Die meisten Araber glauben, daß Europa südlich von ihnen liegt, weil die europäischen Schiffe aus dieser Gegend nach Jemen kommen. Der Fakih Ahmed aber wußte sogar die Lage verschiedener europäischer Staaten zueinander, und welche von ihnen am stärksten zu Lande oder zu Wasser sind. Mehr wird wohl von einem arabischen Gelehrten, der niemals Landkarten gesehen hat, nicht erwarten können.
   Da wir mit so großer Höflichkeit empfangen worden waren, vornehmlich aber, weil wir in Büchern gelesen hatten, daß kein Europäer ohne Geschenke vor einem vornehmen Mohammedaner erscheinen dürfe, so glaubten wir, daß es der Gewohnheit des Landes gemäß wäre, wenn wir auch bei dieser Gelegenheit einige europäische Kunstsachen wie Uhren und physikalische Instrumente und dergleichen, die im Jemen selten sind, für den Imam und den Fakih Ahmed letzterem überreichten. Wir hörten bald danach, daß man dergleichen von uns, da wir keine Kaufleute waren, und auch nichts vom Imam zu erreichen suchten, sondern als Derwische reisten, gar nicht erwartet hatte. Indessen wurde alles sehr gnädig aufgenommen. Die Türken sehen die Geschenke der Europäer (so viel mir bekannt ist) als einen Tribut an, und sie glauben uns viel Ehre zu erzeigen, wenn sie für ein großes Geschenk einen schlechten Kaftan (Ehrenkleid) zustellen lassen. Nach dem, was uns zu Sana begegnete, sollte man schließen, daß der Imam und sein Minister von Fremden keine Geschenke umsonst haben wollen.
   Im Garten des Fakih Ahmed waren viele Fruchtbäume. Das Gartenhaus war nur klein und an der Südseite ganz offen, weil die Sonne unter dieser Polhöhe in den heißesten Monaten an der Nordseite des Scheitelpunktes steht. Mitten vor diesem Haus war eine solche Wasserkunst wie die, die wir im Audienzsaal des Imams gesehen hatten. Das Wasser wurde hier ebenso in die Höhe gebracht wie bei der Wasserleitung zu Abb. Es war nämlich an einem Brunnen eine 20 bis 24 Fuß hohe Mauer, und hinter dieser eine abhängige Fläche von 30 bis 36 Grad, auf der ein Esel und sein Treiber immer auf und ab gingen, um das Wasser in die Höhe zu ziehen. Man kann nicht sagen, daß diese Wasserkunst dem Garten eine sonderliche Zierde gab. Aber sie machte die Luft in dem Gartenhaus kühl und war deswegen in dieser heißen Gegend sehr angenehm. Auch in anderen Gärten der Vornehmen zu Sana sahen wir solche Einrichtungen.
   Die Stadt Sana liegt unter der Polhöhe 15°21' am Fuß eines Berges namens Nikkum oder Lokkum, auf welchem man noch die Ruinen eines sehr alten Kastells sieht, das nach Meinung der Araber von Sem, dem ältesten Sohn Noahs, gebaut worden sein soll. An der anderen, nämlich der westlichen Seite der Stadt ist ein kleiner Fluß. In Richtung des Berges Nikkum liegt das Kastell, wie man mir versicherte, auf dem berühmten Hügel Ghomdan. In Richtung auf den Fluß liegt Bustan el-Metwokkel, ein großer Garten, oder vielmehr eine Vorstadt, die von dem Imam Metwokkel angelegt wurde und von dem jetzt regierenden Imam mit einem großen Palast verschönert worden ist. Alles ist von einer Mauer oder vielmehr von einem Wall aus Erde umgeben, der mit ungebrannten Mauersteinen verkleidet ist; darauf sieht man eine Menge kleiner Türme etwa 30 Doppelschritte voneinander entfernt stehen. Die Stadt ist überdies an der einen Seite vom Kastell und an der anderen vom Bustan el-Metwokkel durch Mauern abgetrennt. Der Umfang der Stadt und des Kastells (Bustan el-Metwokkel) nicht mit eingerechnet, ist so groß, daß man darum bequem in einer Stunde und acht Minuten herumgehen kann.
   Ich wünschte, auch von dieser Stadt einen genauen Grundriß entwerfen zu können. Allein wenn ich auf die Straße kam, so ward ich gleich von einer Menge neugieriger Leute umgeben und allenthalben begleitet, und unter diesen Umständen hielt ich es nicht für ratsam, oft auf den Kompaß zu sehen und die Linien und Winkel aufzuschreiben.
   Sana hat vier große Stadttore, nämlich Bab el-Jemen, Bab es-Sabba, Bab Schaub und Bab es-Stran. Letzteres, das zum Kastell führt, ist seit vielen Jahren nicht geöffnet worden. Dann findet man noch drei kleine Stadttore, das Bab Scharara, Bab Hadid und Bab Sogair. Sana scheint ziemlich volkreich zu sein. Aber auch in der Stadt gibt es viele Gärten; daher ist der Platz innerhalb der Stadtmauer bei weitem nicht ganz mit Häusern angefüllt. Ich zählte hier nur 9 bis 10 Türme auf den Moscheen. El Dsjamea oder die Hauptmoschee liegt fast mitten in der Stadt und hat zwei Minaretts. Von den übrigen Moscheen, wovon jede nur ein Minarett hat, nannte man mir El Maddrasse, Saleched Din, El Thuas, El Bekirie und die Moschee in dem Kastell. Einige davon sind von türkischen Paschas erbaut worden. Der jetzt regierende Imam hat auch eine schöne Moschee aufgeführt und sie reichlich mit Wasser sowohl für Menschen wie für Vieh versehen. Dabei hat er ein kleines Gebäude für sein Begräbnis bauen lassen.
   Große öffentliche Bäder sind in dieser Stadt nicht über zwölf. Aber man findet hier nach arabischer Art viele schöne Paläste, wie Bustan es Sultan, Dar el Nasr, und Dar Fatch, die alle von dem jetzt regierenden Imam gebaut wurden. Ferner den Palast des Imams Al Mansour und viele andere große Gebäude, die der zahlreichen Familie des Imams und anderen vornehmen Herren gehören. Alle diese arabischen Paläste sind zwar nicht nach dem jetzigen europäischen Geschmack, aber doch von gebrannten Mauer- oder auch zum Teil aus gehauenen Steinen gebaut, während die geringeren Häuser größtenteils aus ungebrannten Mauersteinen bestehen. Ich glaube, bloß nur in einem Palast nahe bei dem Kastell Glasscheiben in den Fensteröffnungen gesehen zu haben. Die übrigen Häuser haben große Fenstertüren, welche bei gutem Wetter immer offen stehen, bei Regenwetter aber geschlossen werden. Dann fällt ein wenig Licht durch kleine runde Fenster von dickem Marienglas, die man über den Fenstertüren sieht, in das Zimmer. Die vornehmen Araber haben in ihren Gartenhäusern anstatt der Fenster bisweilen gefärbte Glasscheiben, die sie aus Venedig erhalten.
   Übrigens findet man in Sana so wie in allen großen morgenländischen Handelsstädten auch große Karawansereien (Simsera, Oqal) für Kaufleute und Reisende ingleichen besondere Plätze oder Stadtteile, wo Holz, Holzkohle, Eisen, Weintrauben, Korn, Butter, Salz oder Brot verkauft wird. Auf dem Brotmarkt sitzen lauter Weiber. Man findet zu Sana auch einen Markt, wo man seine alten Kleider gegen neue tauschen kann. Diejenigen, welche mit indischen, persischen, türkischen und anderen Waren handeln, also auch die, die mit allerhand Gewürz und Arzneiwaren wie den Kaad-Blättern handeln, allerhand getrocknete und frische Früchte verkaufen wie Birnen, Aprikosen, Pfirsiche, Feigen und dergleichen, sitzen während des Tages in einer bestimmten Gegend der Stadt in ihren kleinen Buden, ebenso die Zimmerleute, Schmiede, Schuster, Sattler, Schneider, Mützennäher, Steinhauer, Goldschmiede, Barbiere, Köche und Buchbinder; ja, auch die Schreiber, die für wenig Geld eine Bittschrift an den Imam oder einen anderen vornehmen Herrn aufsetzen, aber auch Kinder unterrichten und Bücher abschreiben. Das Bauholz ist im Jemen überhaupt kostbar, und in Sana auch das Brennholz; denn weil die Berge in dieser Gegend kahl und unfruchtbar sind, so muß das Brennholz zwei bis drei Tagesreisen weit in die Stadt gebracht werden. Doch wird das Brennholz einigermaßen, wie man mir versicherte, durch Steinkohle ersetzt. Auch habe ich in diesen Gegenden Torf gesehen, er war aber so schlecht, daß Stroh dazwischen gelegt werden mußte, um ihn in Brand zu setzen.
   An allerhand Gartenfrüchten herrscht großer Überfluß. Allein  an Weintrauben zählt man auf dem Markt mehr als 20 verschiedene Sorten. Und weil nicht alle gleichzeitig reif werden, so hat man in der Stadt verschiedenen Monate hindurch frische Weintrauben vom Stock. Nach der Ernte hängen die Araber so wie die Türken in Anatolien die Trauben in einem Keller auf, und so ißt man diese vortreffliche Frucht fast das ganze Jahr hindurch. Die hiesigen Juden pressen aus einigen Trauben Wein, ja sie könnten dies Getränk in einem so großen Überfluß haben, daß sie, wie die Armenier zu Schiras, damit Handel treiben könnten. Allein die Araber scheinen noch größere Feinde von starken Getränken zu sein als die Perser. Deswegen müssen sich die hiesigen Juden in acht nehmen, wenn sie auch nur etwas an ihre Glaubensgenossen in anderen Städten schicken wollen; und wenn jemand dabei ertappt wird, daß er Wein zum Haus eines Arabers bringen will, so wird er dafür scharf bestraft. Dagegen werden hier viele Trauben getrocknet und nach auswärts gesandt. Unter diesen ist auch diejenige Art kleiner weißer Trauben, die keinen Kern zu haben scheinen, in denen man aber statt des harten Kerns einen weichen Samen findet, den man zwar beim Essen nicht bemerkt, wohl aber unterscheiden kann, wenn man die Traube zerschneidet.
   Das Kastell zu Sana liegt auf dem ehemals berühmten Hügel Ghomdan. Man findet dort zwei Paläste, Dar el Dahhab und Dar Ahmer. Ich sah hier zwar Ruinen von alten Gebäuden, konnte aber nicht einmal von kufischen, geschweige denn von himjarischen Inschriften Nachricht erhalten; denn man hat auch zu Sana so wie in anderen alten Städten, die beständig bewohnt gewesen sind, die alten Häuser niedergerissen um neue zu bauen. Der Imam selbst wohnt gemeiniglich in der Stadt, aber  verschiedene seiner Familie wohnen im Kastell. Überdies ist hier die Münze und verschiedene große und kleine Gefängnisse für Personen von vornehmem und geringem Stande. Man führte mich an den höchsten Ort des Kastells zu einer Batterie (Jurbe el Medafa) als einer sehr merkwürdigen Sache, und hier sah ich auch in der Tat etwas Unerwartetes, nämlich eine alte deutsche metallene Haubitze mit der Inschrift IORG SELOS GOS MICH 1513 fand. Auf der Haubitze waren auch noch einige Reihen sogenannter Mönchsschrift, aber durch die Zeit sehr verderbt. Ich sah auf dieser Batterie auch noch sechs bis sieben kleine eiserne Kanonen. Die meisten lagen im Sand und die übrigen auf zerbrochenen Lafetten. Überdies waren noch bei auf jedem der drei Tore Bab el Jemen, Bab es-Sabba und Bab Schaub, zwei Kanonen, die bei Festivitäten gebraucht werden. Dies ist alles grobe Geschütz, das man in der Hauptstadt des Königreichs Jemen findet.
   Westlich von Sana ist das Dorf oder die Vorstadt Bir el Assab mit einer großen Moschee und Minarett. Davon liegen die Häuser meistenteils zerstreut in den Gärten an einem kleinen Fluß. Nach Norden 1 1/2 bis 2 Stunden von Sana ist ein Flecken Rodda, der auch mitten zwischen Gärten und an kleinen Flüssen liegt. die Lage dieses Ortes hat viel Ähnlichkeit mit der von Damaskus. Sana dagegen, das die alten arabischen Geschichtsschreiber mit Damaskus vergleichen, liegt an einer zum Teil dürren Anhöhe. Nur nach einem lang anhaltenden Regen fließt ein kleiner Fluß, der von Tanaim kommt, durch diese Stadt und weiter nördlich nach dem Land Dsjof, und dieser Fluß war jetzt bei Sana ganz trocken. Indessen wird das Wasser vom Berge Nikkum sowohl in die Stadt wie zum Kastell geleitet, so daß man zu allen Jahreszeiten keinen Mangel an gutem, sauberen Wasser hat: eine Bequemlichkeit, die man in allen morgenländischen Städten zu erhalten sucht, weil Wasser bei den Mohammedanern das vornehmste Getränk ist und weil die Anhänger dieser Religion verpflichtet sind, sich fleißig zu waschen.
   Die Juden wohnen nicht in der Stadt Sana, sondern sie haben ein eigenes großes Dorf namens Kaa el-Jhud im Süden und in der Nähe von Bir el-Assab. Man rechnet ihre Zahl auf zweitausend. Man begegnet ihnen in Jemen verächtlicher als in der Türkei. Indessen finden die Araber unter ihnen die besten Goldschmiede, Töpfer und andere Handwerker, die am Tag in ihren Buden in der Stadt arbeiten und am Abend wieder in ihre Wohnungen zurückgehen. Unter den hiesigen Juden sind auch angesehene Kaufleute. Einer mit Namen Oraki hatte sich das Vertrauen zweier Imams erworben. Er hat unter der Regierung des Mansur 13 Jahre, und unter dem jetzt regierenden Mahdi Abbas 15 Jahre lang die Oberaufsicht über alle Zölle, Gebäude und Gärten des Imams, das ist einer der ansehnlichsten Dienste zu Sana. Aber zwei Jahre vor unserer Ankunft in dieser Stadt war er in Ungnade gefallen, und nicht nur ins Gefängnis geworfen, sondern, wie die Juden sagten, auch genötigt worden, 50.000 Speziestaler zu bezahlen. Zu eben dieser Zeit wurden den hiesigen Juden von 14 Synagogen 12 niedergerissen. Viele Häuser in diesem Dorf waren so schön wir die Häuser der vornehmen Mohammedaner in Sana, und von diesen wurden alle, welche über 14 Ellen hoch waren, bis auf diese Höhe abgetragen, und es wurde zugleich befohlen, daß kein Jude sein Haus höher als 14 Ellen bauen solle. Alle starken Getränke werden sowohl hier wie auch in Schiras in Persien in großen steinernen Krügen aufbewahrt. Diese wurden zerschlagen, und ihnen überdies noch mehr Schaden zu gefügt. Der erwähnte Oraki war 14 Tage vor unserer Ankunft zu Sana wieder auf freien Fuß gestellt, und der Imam hatte ihm, wie die Juden sagten, 500 Speziestaler geschenkt. Er war ein alter ehrwürdiger Greis und hatte viele Kenntnisse. Er kleidete sich so wie die übrigen Juden im Jemen, bloß in blauer Leinwand, und hatte keinen Sasch oder Turban um seine Mütze; man versicherte auch, daß er sich niemals anders gekleidet hätte, obwohl es ihm von den Imams, bei denen er in Gnade war, erlaubt war. Weil sein Anverwandter, einer von unseren Bedienten, den wir von Kairo bis Loheia mitgenommen hatten, ihm viel Gutes von uns erzählt hatte, so bezeigte er sich sehr freundlich gegen mich. Aber weil er erst neulich aus dem Gefängnis gekommen war, so durfte ich ihn nicht so fleißig besuchen wie ich wünschte.
   Zu Sana gibt es etwa 125 Banianen. Diese müssen monatlich 300 Speziestaler an den Imam bezahlen, obwohl das große Dorf Kaa el-Jhud nicht mehr als etwa 125 Speziestaler zahlt. Wenn ein Banian in Sana stirbt, so müssen seine Erben dem Imam 10 bis 50 Speziestaler geben, und wenn der Verstorbene keine nahen Anverwandten im Jemen hat, so fällt die ganze Erbschaft an den Imam. Die Banianen erzählten, daß vor einigen Monaten zwei von ihren Glaubensgenossen ins Gefängnis geworfen worden und nicht eher losgekommen wären, bis sie von einer Erbschaft aus Indien, wovon doch gar kein Geld in den Jemen gekommen war, 1.500 Speziestaler an den Imam bezahlt hätten. Vielleicht hatte der Imam dieses Geld aus anderen Ursachen verlangt, wovon die Bamianen mir gegenüber nichts erwähnen wollten; denn in diesen Ländern bekennt man ebenso ungern, daß man es verdient hat, wenn man gestraft worden ist, wie in Europa.
   Es ist bekannt, daß der Sultan zu Konstantinopel alle Freitage die Moschee besucht, wenn seine Gesundheitsumstände es nur einigermaßen erlauben. Eben dieses Gesetz beachtet auch der Imam zu Sana mit großem Gepränge. Wir sahen nur seine Zurückkunft, weil uns diese als das merkwürdigste beschrieben worden war, weil er gemeiniglich einen weiten Umweg nimmt, und weil sich um die Zeit auch erst die meisten Leute, die in den übrigen Moscheen ihr Gebet gehalten haben, versammeln. Nach vollendetem Gottesdienst nahm der Imam an diesem Tag, dem 22. Juli, seinen Weg von der Dsjamea (Hauptmoschee) nach Bab el-Jemen außerhalb der Stadt bis Bab Scharara. Voran gingen einige hundert Mann Soldaten. Der Imam und jeder Prinz seiner zahlreichen Familie ließen sich eine Mdalla oder großen Sonnenschirm vor sich hertragen, ein Vorrecht, das in diesem Gebiet nur den Prinzen von Geblüt gestattet ist, so wie der Sultan in Konstantinopel nur seinen Wesir erlaubt, hinten über seinem Lustboote (Kaik) eine Decke zu haben, um sich gegen die Hitze der Sonne zu schützen. In den anderen Provinzen von Jemen sollen die unabhängigen Herren wie die Scheichs von Jafa, die Scheichs in Hashid und Bekil, der Scherif von Abu Arisch und andere mehr auch diese Mdalla als ein Zeichen ihrer Unabhängigkeit vor sich hertragen lassen. Außer den Prinzen waren noch wenigstens 600 von den vornehmsten Männern in seinem Gefolge, sowohl aus dem geistlichen als weltlichen und Militärstand, zum Teil auf sehr prächtigen Pferden, und eine sehr große Menge begleitete den Imam zu Fuß. An jeder Seite des Imams wurde eine Fahne getragen, die sich von den unsrigen darin unterschieden, daß sie oben eine silberne Kapsel hatten. Hierin sollen Amulette oder Schriften sein, von denen man glaubt, daß sie den Imam unüberwindlich machen. Verschiedene andere Fahnen mit ähnlichen Kapseln schienen keinen besonderen Platz zu haben. Kurz, dieser ganze Aufzug war sehr groß und zum Teil prächtig, aber so weit ich ihn gesehen habe, äußerst unordentlich. Alles ritt und lief durcheinander, ohne die geringste Ordnung zu beachten. Nicht weit von Bab Scharara hielten zwei Paar Kamele mit Sänften, in denen bisweilen bei dergleichen Prozessionen einige von den Frauenzimmern des Imams sein sollen; man sagte aber, daß sie jetzt leer und nur der Gewohnheit wegen aus der Stadt geführt worden wären. Hinter den Sänften standen noch über ein Dutzend ledige Kamele, die nichts weiter als einige kleine Fähnchen zur Zierde auf dem Sattel zu tragen hatten. Vor Bab Scharar mußten die Soldaten einige Male feuern. Das geriet so schlecht, wie ich es nur im Jemen gehört habe. Weil ich mich nun etwas unpäßlich befand, so wollte ich nicht länger in der großen Hitze herumlaufen und ging deswegen wieder nach Bir el-Assab zurück. Die Soldaten mußten später noch einige Kriegsübungen vor dem Palast des Imams machen, und die Vornehmen zeigten ihre Geschicklichkeit im Reiten. Herr Cramer, der dabei war, fand es nicht besser, als wir es schon verschiedene Male in Ämtern gesehen hatten, wenn der Dola von der Moschee zurückgekommen war. Die Stadttore waren während des Gottesdienstes alle geschlossen.
   Es war uns zu Sana viel höflicher und freundschaftlicher begegnet worden, als wir es erwartet hatten, ja manche von den Vornehmsten wollten uns überreden, die englischen Schiffe absegeln zu lassen und noch ein Jahr im Jemen zu bleiben. Wir hätten wahrscheinlich auch nicht viel von den Einwohnern zu befürchten gehabt, wenn wir diesen Rat befolgt hätten; aber da die beiden Professoren schon gestorben waren und wir also keine Anmerkungen mehr über die Sprache und Naturgeschichte machen konnten; weil ich schon den größten Teil der merkwürdigen Städte in diesem kleinen Königreich gesehen, und der Grund zu einer Spezialkarte vom Jemen gelegt hatte; weil wir verschiedene Beispiele vom Geiz des regierenden Imams gehört hatten; weil wir schon zu Mokka und Taiz harte Streitigkeiten mit den Dolas gehabt hatten, und dergleichen noch mehr befürchteten; weil wir überdies von den beständigen Beschwerlichkeiten, von der Veränderlichkeit der Luft und des Wassers auf dem platten Land und im Gebirge einer um den anderen unpäßlich wurden, so beschlossen wir, nach Mokka und Indien zu gehen, um unser Leben mit unsern Papieren in Sicherheit zu bringen. Uns wurde auch erlaubt, bald wieder von Sana zurückzureisen. Aber wir sollten noch eine Abschiedsaudienz haben, und zugleich dem Imam alles, was der Fakih Ahmed gesehen hatte, zeigen, und dies verzögerte unsere Abreise um einige Tage.
   Wir wurden am 23. Juli abermals in den Palast gerufen, und in den eben den Saal im Bustan el-Merwokkel geführt, wo wir die erste Audienz gehabt hatten. Heute aber geschah alles in Stille. Der Imam saß auf der ersten Erhöhung, nicht vor dem Thron, sondern an der einen Seite des Saales auf einem europäischen Lehnstuhl mit geflochtenem Rohr, der von einem Inder in Sana gemacht worden war. Wir küßten ihm nach arabischer Sitte die Hand inwendig und auswendig und das Kleid auf seinem Knie. Nur der Fakih Ahmed und dessen Sekretär, der uns zu der Audienz geholt hatte, sowie sechs oder sieben Sklaven und Bediente waren anwesend. Von unseren Bedienten wurde keiner hineingelassen, weil der Fakih Ahmed glaubte, daß ich selbst mich hinlänglich in der arabischen Sprache würde ausdrücken können. Alles, was wir dem Imam zeigten, schien ihm zu gefallen, und er und sein Minister stellte verschiedene Fragen nach Handel, Künsten und Wissenschaften der Europäer. Dann wurde ein kleiner Kasten voller Arzneien, den der Imam von einem Engländer erhalten hatte, gezeigt. Herr Cramer mußte den Namen jeder Arznei und seinen Nutzen angeben, und der Imam ließ vieles davon auf arabisch aufschreiben.
   Ich war krank aus dem Haus gegangen, und jetzt wurde ich durch das lange Stehen so schwach, daß ich um Erlaubnis bitten mußte, den Saal verlassen zu dürfen. Ich fand vor der Tür einige von den vornehmen Hofbedienten, die alle auf zerstreuten Steinen im Schatten an der Mauer saßen. Darunter war auch der Nakib (General oder vielmehr Oberstallmeister) Gheirallah, den ich schon einige Male gesprochen hatte. Er überließ mir gleich seinen Platz, und schleppte selbst Steine herbei, um sich einen anderen Sitz zu machen. Hier wurde ich aufs Neue mit Fragen zu den Sitten und Gewohnheiten der Europäer überhäuft. Es gefiel den Arabern unter anderem nicht, daß die Europäer sich starker Getränke bedienen. Als ich ihnen aber versicherte, daß den Christen auch die Trunkenheit verboten sei und bestraft werde und daß jeder vernünftige Europäer nicht mehr Wein tränke, als seine Gesundheit fordere und erlaube, so gefiel ihnen dieses Gesetz besser als das ihrige, das ihnen auch den geringsten Genuß der starken Getränke versagt, da sie solche doch im Überfluß haben, und oftmals als Arznei brauchen könnten.
   Ich ging wieder in den Audienzsaal zurück, und nachdem Herr Cramer dem Imam den Nutzen der Arzneien gesagt und wir noch auf verschiedene Fragen geantwortet hatte, nahmen wir mit der gleichen Zeremonie Abschied wie wir gekommen waren. Am Nachmittag verabschiedeten wir uns vom Fakih Ahmed und einigen anderen vornehmen Arabern. Am 25. Juli schickte der Imam an jeden von uns ein arabisches Ober- und Unterkleid und überdies einen Brief an den Dola zu Mokka, der den Befehl enthielt, uns 200 Speziestaler als Abschiedsgeschenk zu zahlen. Als wir diese Anweisung nachher dem Dola zeigten, verwies er uns an seinen Saraf, einen Banianen, der uns auch die ganze Summe, wenn auch ungern, zu verschiedenen Terminen bezahlte.  
   Am 26. Juli reisten wir von Sana ab.

Niebuhr, Carsten
Reisebeschreibung nach Arabien und umliegenden Ländern
Kopenhagen 1774

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!