Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1870 - Richard Brenner
Muscat
Oman

Ptolemäus nennt Maskat den „verborgenen Hafen“ und wir sollten Gelegenheit haben, dem alten Geographen trotz der englischen Küstenkarten auch heute noch Recht zu geben. Obgleich die Stadt nahe sein musste, spähten wir (28. Juni 1870) doch vergebens hinter jeden Vorsprung der Küste und in jeden Einschnitt hinein, nichts verriet die Nähe einer großen Stadt; im Gegenteil war das Ufer wieder unwirtlicher geworden, das Plateau, welches sich bisher am Fusse der Berge hinzog, war verschwunden und steile Felsen traten unmittelbar an das Meer heran. Da zeigte sich plötzlich eine schmale Spalte in der dunklen Gebirgswand mit einem hellen Wasserspiegel im Hintergrund, und im Moment des Vorüberfahrens erkannten wir ein Gewirr von Masten und die Formen mächtiger Schiffe zwischen den Felswänden, während oben am Felshang ein altersgraues Fort darüber thronte! Aber die „Marietta" zog mit vollen Segeln vorüber, denn die schmale Felsenspalte war nur das Fenster der Bucht von Maskat und für Schiffe und grössere Boote unpassierbar. Die wirkliche Einfahrt in den Hafen liegt an der entgegengesetzten Seite eines Vorsprungs der Küste, welche hier eine scharfe Wendung nach Westen macht.
   Zwei feste Halbmondbatterien auf den gegenüberliegenden Höhen beherrschen den 3/8 engl. Meilen breiten Eingang und sie mögen wohl im Stande sein, jedem ungepanzerten Schiffe den Eingang streitig zu machen. Der Hafen erweitert sich nach innen zu kreisförmig - im Grunde öffnet sich nach Osten hin der früher erwähnte Durchblick -, hohe Felswände, an deren Fuß das Meer im Laufe der Zeiten tiefe Höhlungen ausgewaschen hat, fallen zu beiden Seiten steil in die See hinab und die Felsvorsprünge sind ringsum mit festen Batterien gekrönt.
   Im Hintergrunde dieses von der Natur geschaffenen Normal - Kriegshafens liegt das alte Maskat, die einstmals blühende und berühmte Hafenstadt von Oman, welche im Laufe von Jahrhunderten Wandlungen erlebte und Völker kommen und gehen sah wie wenige Städte im Orient.
   Die Stadt gewährt, wenn man sich von der Seeseite nähert, einen frappanten und seltsamen Anblick. Unmittelbar am Fusse der grauen, verbrannten Felsmassen steigen zunächst schlanke Minarets und die Kuppeln der Moscheen empor, dann präsentiert sich eine Reihe einstmals stattlicher Paläste unmittelbar am Meeresstrand; aber die Altane sind zerfallen, die verwitterten Jalousien hängen schief herab und die Fenster blicken wie gebrochene Augen auf die See hinaus. Nur am linken Flügel dieser Häuserfronte hebt sich ein freundliches weisses Gebäude von dem grauen Gemäuer ab, auf dem die Britische Flagge weht. Es ist die Wohnung des englischen Consuls und sie erzählt uns Fremden in deutlicher Weise, wie die Tage alt-arabischer Pracht und Macht geschwunden sind und wie sich langsam und sicher wiederum eine Wandlung im alten Maskat vollzieht, welche diesmal vom Abendland ausgeht. Aber hinter dieser noch immer respektablen Aussenseite sieht es im heutigen Maskat ganz traurig aus; in dem Labyrinth von engen Strassen, Gässchen und Häuserreihen, wo frühere Reisende sich kaum durchzudrängen vermochten, da fanden wir viele stille Partien, leere verfallende Häuser und geschlossene Läden. Maskat ist eine anscheinend rettungslos im Untergang begriffene Stadt!
   Die Häuser werden, nach den Bergen zu ansteigend, immer ärmlicher und das afrikanische Blut wird in den Vorstädten immer dominierender unter der Bevölkerung; hinter den letzten Hütten steigt dann wieder ein Chaos von Felsmassen empor, über welche der 6.000 Fuß hohe Dschebel Teyn majestätisch sein Haupt erhebt.
   Die beiden äußersten Ecken Arabiens, Maskat im Südosten und Aden im Südwesten, haben manche Ähnlichkeit miteinander: beide gleichen gewaltigen, mit schwarzen Felsspitzen, gespaltenen Klüften und steilen Wänden umgebenen Kratern, beide haben eine sehr kraterähnliche Temperatur und wurden in Wirklichkeit auch durch vulkanische Kraft gehoben, beide endlich bieten von der See aus gesehen einen entsetzlich kahlen und trostlosen Anblick, nur ist diese Kahlheit in Aden eine effektive, während sie in Maskat eine scheinbare ist, denn hinter den grauen Felsen liegen, wie ich später sah, die fruchtbarsten Landstriche Arabiens mit Palmenhainen, blühenden Gärten und fliessenden Bächen. Vor Allem haben Aden und Maskat aber darin eine grosse Ähnlichkeit, dass sie ihre Bedeutung ausschliesslich ihrer Lage an der Verkehrsstrasse zwischen grossen produktenreichen Ländern verdanken, während sie selbst nur Entrepots für die Naturprodukte und resp. Waren aus diesen Ländern sind.
   Schon bei einem ersten Gange durch die Stadt mussten wir bemerken, dass wohl wenige Städte in Arabien und dem Orient so viele Spuren von dem Wechsel des Glückes aufzuweisen haben wie Maskat. Da erinnern die Reste einer Kirche an die Tage, als die Portugiesen Herren hier waren; ein anderes verfallenes Gebäude war einst Residenz des portugiesischen. Gouverneurs und die Forts und Batterien rühren aus derselben Zeit her. Der persische Baustil vieler grosser Gebäude deutet auf die Periode der persischen Okkupation, während andere klosterartige Bauwerke mit schweren, eisenbeschlagenen Torwegen indischen Ursprungs sind und einst Banjans, Indianern und Parsis gehörten, welche die von Revolutionen durchwühlte Stadt allmählich verlassen haben.
   Trotz der weiten Seereise, die hinter uns lag, war der erste Eindruck von Maskat kein wohltuender und die düsteren steilen Felswände ringsum machten dies noch fühlbarer. Während man an Bord noch mit Sicherung des Schiffes beschäftigt war, kam ein Araber vom Lande herüber und machte mir die sehr unangenehme Mitteilung, dass man sich in Maskat am Vorabend politischer Ereignisse befinde und in kürzester Frist einer Katastrophe entgegengehe. In der Nacht vernahmen wir von den umliegenden Höhen Gewehrfeuer und die ununterbrochenen Rufe der Wachen. Unter diesen Umständen hielt ich es am nächsten Morgen für meine erste Pflicht, an Bord des britischen Kriegsdampfers zu fahren und mich darüber zu informieren, ob ein längerer Aufenthalt hier mit Gefahr für uns, das Schiff und die Ladung verknüpft sei oder nicht. Ich wurde von dem Kapitän sehr freundlich aufgenommen, fand aber die sämtlichen Herren Offiziere und Kadetten bei der friedlichen Beschäftigung, aus Flaggen eine Bühne herzustellen, da am Abend eine theatralische Vorstellung gegeben werden sollte. Zugleich erhielt ich die beruhigende Versicherung, dass wir in keiner Weise Befürchtungen hegen möchten, es handle sich nur um die Entthronung des jetzigen Usurpators und um die Einnahme der Stadt von Seiten des rechtmässigen Fürsten, wobei es allerdings zu einigen Kämpfen kommen werde.
   Die letzten Jahrzehnte in der Geschichte der Fürsten von Oman enthalten ein so grauenvolles Drama, eine so fortlaufende Kette unerhörter Bluttaten, dass man schaudernd zurückbeben muss.
   Sayid Said, der Vater des jetzigen Regenten, gelangte auf den Thron von Maskat, nachdem er als 14jähriger Knabe seinen eigenen Oheim, den Sultan Beder ben Sef, im Schlosse zu Burka am Meeresstrand ermordet hatte. Durch eine lange, für Oman segensreiche Regierung brachte er diese Untat in Vergessenheit, aber die Blutrache vererbte in der Familie des ermordeten Beder. Said verteilte bekanntlich, als er im Jahre 1856 starb, das mühsam zusammengehaltene Reich in Sansibar und Oman an seine Söhne, so dass Said Medjid die ostafrikanischen Besitzungen erhielt, während der ältere, Said Tsueni, Sultan von Oman wurde. Seit dieser unheilvollen Teilung ist Oman nicht mehr zur Ruhe gekommen und mit schnellen Schritten dem jetzigen Verfall entgegengeeilt. Tsueni wurde von einem jüngeren Bruder Achmed, der einen Teil des Volkes für sich hatte, angegriffen; da rief der erstere die alten Feinde von Oman, die Wahabiten aus dem Inneren Arabiens, zu Hilfe, besiegte seinen Bruder Achmed und warf ihn in das Fort von Maskat, wo er bald darauf starb. Die Wahabiten blieben aber in Oman und bedrückten das Land.
   Die Nachkommen des einstmals in Burka ermordeten Beder lebten als Flüchtlinge unter den Beduinen im Inneren und unterhielten von dort aus geheime Verbindungen mit ihren zahlreichen Verwandten in Maskat und allen denen, die mit Tsuenis Regiment unzufrieden waren. Der Chef dieser feindlichen Partei war Azran ben Gheis, Enkel des Beder, und er verstand, es, den eigenen Sohn des Tsueni in seine Netze zu ziehen und gegen den strengen Vater aufzuwiegeln. Im Juni 1867 wurde Said Tsueni in demselben Schlosse zu Burka, wo einst der Sultan Beder gefallen war, von der Hand des eigenen Sohnes während der Mittagsruhe durch einen Pistolenschuss getötet.
   Die Herrschaft des Vatermörders Said Salem währte nur kurze. Zeit, er fand keine Ruhe auf dem Throne seiner Väter und floh im Frühjahr 1869 mit schnell zusammengerafften Schätzen nach der Insel Kissim im Persischen Golf, wo er seitdem verborgen lebt. Als die „Marietta“ später vor Kissim lag, wurde uns die zweifelhafte Ehre, zuteil, den einstigen Sultan, einen schönen und grossen jungen Mann, einen ganzen Nachmittag an Bord zu haben.
   Nach der Flucht Said Salems zog eines Tages Azran ben Gheis, gefolgt von wilden Beduinenhorden, in Maskat ein, nahm von dem leer gewordenen Throne Besitz und zeigte sich nun als ein finsterer, fanatischer Tyrann. Azran war aber mit den in seinem früheren Beduinen Leben eingesogenen Ansichten von Freiheit und Unabhängigkeit auch ein unbequemer Nachbar für England geworden, er hatte den englischen Konsul in demonstrativer Weise vernachlässigt und sich von dem englischen Einfluss zu emanzipieren gesucht, und dadurch beschleunigte er sein Schicksal.
   Während er scheinbar noch mit voller Macht sein Schreckensregiment in Maskat ausübte, stand England bereits im Geheimen mit einem neuen Kandidaten für den wankenden Thron in Verhandlung; es war dies der nachgelassene jüngste Sohn des verstorbenen Sayid Said, Said Turki, der bisher unter den Augen des britischen Gouvernements in Bombay gelebt hatte.
   Mit englischem Geld ausgerüstet, hatte Said Turki eine kleine Flotte angeworben und diese mit den treuen Anhängern der angestammten Fürstenfamilie bemannt; so kreuzte er während unserer Anwesenheit draussen im Golf, auf den günstigen Moment zum Angriff wartend; das britische Kriegsschiff dampfte dann zuweilen auf einige Stunden hinaus, hatte ein Rendezvous mit dem Thron-Prätendenten und die Offiziere erzählten uns von diesem Zusammentreffen mit Said Turki, „den sie zum König machen wollten“. Noch befand sich die „Marietta“ im Golf von Oman, da vernahmen wir eines Morgens deutlich den Kanonendonner von Maskat her: Azran ben Gneis war von einem Speere durchbohrt vor den Toren Maskats gefallen und Said Turki trat das gefährliche Erbe seiner Väter an und herrscht jetzt in Oman als der treue, dankbare Vasall Englands.
   Um die Umgebung und die Landbevölkerung kennen zu lernen, ritt ich eines Morgens, von einigen Arabern begleitet, zu dem südlichen Thore der Stadt hinaus; anfänglich lief der Weg zwischen Gärten hin und an Brunnen vorüber bis an den Fuss der steilen Gebirgswand. Dort mussten wir absteigen, die Reittiere am Zügel führen und eine Stunde lang in einem schmalen Hohlweg hinaufklettern. Und doch ist dies der einzige Weg, welcher den Verkehr mit dem Hinterlande vermittelt, erst später zweigen sich die Karawanenstrassen nach den verschiedenen Landschaften Dorrha, Batna, Burka und Sur in den von Ost nach West streichenden Tälern ab. Oben auf der Höhe war der Hohlweg befestigt und überbaut; hinter den Felsen lag ein Wachthaus versteckt, in welchem die Soldaten aus Beludschistan wohnen, die diesen Pass besetzt halten. Hie und da auf den Höhen thronten noch einige alte Forts, aus der Zeit der portugiesischen Okkupation stammend; aber in dieser öden Felsenpartie sah man nur Felsblöcke und Steingerölle, ohne Baum und Strauch und ohne jede Spur von Vegetation, die Sonne hatte schon Alles durchglüht, und ich zweifelte bereite, dass mein mühevoller Weg lohnend sein werde. Nach einer kurzen Rast an dem Wachthause traten wir unter dem engen Felsentor hervor, um südwärts in das Land hinabzusteigen. Da lag plötzlich ein Stück des „Glücklichen Arabien“ vor mir ausgebreitet, ein Bild so anheimelnd, so grossartig und überraschend schön, dass sich das Auge, seit Langem an die grauen Felsmassen der Küste gewöhnt, nicht abwenden wollte. Da waren zunächst vor mir zur Rechten und zur Linken dunkle, tief gespaltene Felsmassen, wie die mächtigen Pfeiler eines Tores, deren Spitzen in der Sonne glänzten, und durch dieses Riesentor öffnete sich eine Schlucht auf ein weites grünendes Thal: Palmenhaine, wogende Felder, Gärten, Ortschaften und Hütten lagen da verteilt; überall zeigte sich Leben und Tätigkeit, lange Kamelreihen zogen auf dem Wege nach den Bergen herauf, weissverhüllte Reiter trabten an uns vorüber, in den Feldern standen Gruppen fleissiger Arbeiter und von allen Seiten ertönte der im Orient so bekannte, kreischend singende Ton des Schöpfrades am Brunnen. In der Ferne schimmerte ein hohes weisses Minarett mit einem schlossähnlichen Gebäude und dunklen Häusergruppen zwischen Palmenhainen hervor; es war: El Luri, die Sommerresidenz des Sultans, und dahinter erhob sich majestätisch und gewaltig die Bergkette Dschebel Akhdar, das Grüne Gebirge.
   Während die Bevölkerung der grösseren Städte an der Meeresküste fast ausschliesslich aus Kaufleuten, Schiffsbesitzern, Beamten, Fischern, Matrosen und Lasttägem besteht, haben sich Künste and Manufakturen in diesen gebirgigen Gegenden angesiedelt, da sie mit geringen Ausnahmen besonders für den Export arbeiten. Am zahlreichsten sind die Silberschmiede, welche eine ganz eigentümliche, weit und breit im Orient bekannte Filigranarbeit liefern und es darin zu einer bemerkenswerten Geschicklichkeit gebracht haben. Ein anderes Gewerbe, welches Oman eigentümlich ist und ebenfalls eine bedeutende Menge des Fabrikates für den Export liefert, ist die Töpferei und daneben hat auch die Buntweberei in den Gebirgstälern von Oman schon seit langer Zeit eine Heimat gefunden. In jeder Ortschaft, welche ich passierte, sah ich Buntweber unter dem Vorbau der Häuser oder unter einem Binsendach im Freien bei der Arbeit beschäftigt.
   Der Betrieb der gefertigten bunten Baumwollgewebe geschieht in einer ganz eigentümlichen Weise. Im November, wenn der Nordost - Monsun beginnt, vereinigt sich die Weberkolonie zu einer Export- Gesellschaft für Ost-Afrika; in Sur, Maskat oder einem anderen Platz der Küste wird ein Bedeni von 15 bis 20 Tons Grösse gechartert, die Buntweber, welche in ihrer gebirgigen Heimath 7 Monate lang am Webstuhl gearbeitet haben, bringen das Resultat ihres Fleisses, sorgfältig in zwei oder drei Packen
verschnürt, an Bord, um es eigenhändig in Ost-Afrika zu
verwerten. Wenn ein solches Bedeni in See sticht, hat es höchst selten mehr als einige Ballen dieser wertvollen Ladung an Bord und der Schiffseigentümer geht gewöhnlich erst zwei bis drei Monate in den Baien und Buchten der arabischen und ostafrikanischen Küste auf den Fischfang ans, um mit voller Ladung nach Sansibar zu kommen. Die Fabrikanten aus Oman stehen ihm dabei treulich zur Seite, helfen beim Fangen und Trocknen der Fische und finden dabei Gelegenheit, in den kleineren Plätzen der Küste mit ihren eigenen Waren ein vorteilhaftes Tauschgeschäft zu machen. Auf früheren und auch während der jetzigem Expedition bin ich mehrfach mit solchen Export-Gesellschaften aus Belard Sur zusammengetroffen; diese Leute mit langem wallenden Haar, blitzenden Augen und der Hand am Dolch sehen gerade nicht wie harmlose Weber aus. Aber ehe der Südwest beginnt, sitzen sie in ihrer gebirgigen Heimat
zuverlässig wieder am Webstuhl und wissen dann Vieles von der abenteuerlichen und lohnend gewesenen Fahrt nach dem Gelobten Lande Ost-Afrika zu erzählen.
   
Brenner, Richard
Maskat
In: Petermanns Geographische Nachrichten 19/1873

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