Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1709 - Jean de la Rocque
Über den Kaffeebaum
Jemen

Der Baum, der den Kaffee hervorbringt, erreicht eine Höhe zwischen sechs und zwölf Fuß. Die Dicke [des Stammes] beträgt 10 oder 12 bis 15 Zoll im Umfang. Wenn der Baum ausgewachsen ist, ähnelt seine Form sehr dem unserer Apfelbäume im Alter von acht oder zehn Jahren. Die unteren Zweige sind in der Regel gebogen, bis der Baum etwas gealtert ist; gleichzeitig erstrecken sie sich in die Runde und bilden eine Art Schirm. Das Holz ist recht weich und so biegsam, daß die Spitze des längsten Zweiges bis auf zwei oder drei Fuß über dem Boden herabgezogen werden kann. Die Rinde ist etwas rauh und weißlich. Die Blätter ähneln stark denen des Zitronenbaums, sie sind aber nicht ganz so dick und spitz. Ihre Farbe ist von einem etwas dunklerem Grün. Der Kaffeebaum ist immer grün und wirft nie alle Blätter auf einmal ab. Die Blätter sitzen zu beiden Seiten der Zweige in mittlerem Abstand voneinander und stehen einander ungefähr gegenüber. Zu jeder Jahreszeit sieht man die Bäume gleichzeitig Blüten und Früchte tragen; die Früchte sind zum Teil noch grün, zum Teil reif oder fast reif. Die Blüten sind weiß und sehen Jasminblüten sehr ähnlich: sie haben auch fünf kleine, kurze Blütenblätter. Ihr Geruch ist angenehm, mit einem Hauch von Balsam, der gar nicht dem bitteren Geschmack [der Früchte] entspricht. Sie sitzen an den Winkeln zwischen Blattstil und Zweig.
   Sobald die Blüte abgefallen ist, wächst an ihrer Stelle eine kleine Frucht, die zuerst grün ist, mit der Reife rot wird und etwa die Form einer großen Kirsche hat. Sie ist sehr gut zu essen, sie ist nahrhaft und erfrischend. Unter ihrem Fleisch findet man an Stelle eines Kerns die Bohne oder Beere, die wir Kaffee nennen, und die in einem sehr zarten Häutchen steckt. Die Bohne ist auch sehr zart, aber der Geschmack nicht angenehm. Aber wie die Kirsche reift, so wird auch die Bohne mit der Zeit fester. Wenn schließlich die Sonne die rote Frucht ganz getrocknet hat, wird das Fleisch, das man vorher essen konnte, zu einer Hülle oder Hülse von kräftig brauner Farbe, die die äußere Schale des Kaffees bildet. Die Bohne ist auch fest und von klarem Grün. Sie schwimmt in einer Art dicker brauner Flüssigkeit, die ausgesprochen bitter ist. Die Schale, die mit einem kurzen dicken Stil am Baum sitzt, ist etwas größer als die Beere des Lorbeerbaums, und jede Frucht enthält nur eine Bohne, die in der Regel in zwei Hälften geteilt ist. Diese Bohne ist ganz von dem sehr dünnen Häutchen umgeben, das die zweite oder innere Schale bildet. Die Araber benutzen Bohnen und Schalen, um das Getränk zu brauen, das sie den Kaffee des Sultans nennen.

Rocque, Jean de la
Voyage de'l Arabie Heureuse
Paris 1716
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Arabien, 25 v. Chr. bis 2000 n. Chr.
Wien 2002

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