Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

25-24 v. Chr. - Strabo
Der Zug des Aelius Gallus in die Arabia Felix

Viele Eigentümlichkeiten des Landes lehrt uns auch der vor kurzem von den Römern gegen die Araber unternommene Feldzug kennen, dessen Anführer Aelius Gallus war. Ihn sandte Cäsar Augustus aus, damit er sowohl die Araber als auch die äthiopischen Völker und Länder erforsche, weil er sah, daß die neben Ägypten liegende Troglodytenküste oder Küste der Höhlenbewohner [das Westufer des Roten Meeres] den Arabern benachbart und der die Araber von den Troglodyten scheidende Arabische Meerbusen [das Rote Meer] sehr schmal sei. Daher beschloß er, diese Völker sich entweder zu Freunden zu machen oder zu unterwerfen. Dazu kam noch, daß diese Völker seit alter Zeit im Rufe großer Schätze standen, da sie ihre Gewürze und kostbarsten Steine gegen Silber und Gold tauschten und von dem Empfangenen nichts an Auswärtige verschwendeten. Er hoffte also, entweder reiche Freunde zu erwerben oder reiche Feinde zu besiegen. Auch ermutigte ihn die Hoffnung auf die Nabatäer, welche seine Freunde waren und ihn in allem zu unterstützen versprachen.
   Mit diesen Zielen also unternahm Gallus den Feldzug; aber der Statthalter der Nabatäer, Sylläus, betrog ihn; er versprach zwar, Gallus des Weges zu führen und alles zu liefern und zu fördern, aber er handelte in allem mit Hinterlist und zeigte ihm weder eine sichere Küstenfahrt noch einen sicheren Landweg, sondern führte ihn auf Umwegen, im Kreis und leere Gegenden oder zu hafenlosen, mit Klippen und Riffen unter Wasser , mit Untiefen gefüllten Brandungsufern; am meisten schadeten jedoch in diesen Gegenden Ebbe und Flut.
   Der erste Fehler aber war bestand darin, daß man große Schiffe baute, obwohl ein Krieg zur See weder im Gange war noch bevorstand; denn die Araber sind nicht einmal zu Lande große Krieger, viel weniger noch zur See, sondern bessere Krämer und Kaufleute. Gallus aber baute bei Kleopatris am alten Nilkanal [in der Nähe des heutigen Suez] nicht weniger als achtzig Zwei- und Dreiruderer und Barken. Als er seinen Irrtum erkannte, baute er hundertunddreißig Frachtfahrzeuge, auf welchen er mit 10.000 Mann römischen Fußsoldaten aus Ägypten und Bundesgenossen, von denen 500 Judäer und 1.000 Nabatäer unter Sylläus waren, hinüberfuhr. Nach vielen Leiden und Beschwerden erreichte er am fünfzehnten Tage nach dem Flecken Leuké Komé, das heißt weißer Flecken, einen großen Handelsplatze im Lande der Nabatäer [möglicherweise Yanbu im heutigen Saudi-Arabien], nachdem er viele seiner Schiffe, einige mitsamt der Mannschaft, durch die unglückliche Fahrt und nicht durch Feinde verloren hatte. Dies Unglück verschuldete die Falschheit des Sylläus, der vorgab, der Landweg sei für Heere bis zum Flecken Leuké ungangbar, wohin und woher doch die zu Kamel reisenden Kaufleute mit einer so großen Menge von Menschen sicher und bequem nach Petra und aus Petra ziehen, daß sie von einem Heere nicht verschieden sind.
   Dies alles erfolgte so, weil sich der König Obodas um die öffentlichen Angelegenheiten und besonders die des Krieges nicht sehr kümmerte, ein allgemeiner Fehler aller Könige der Araber, sondern alles der Willkür des Statthalters Sylläus überließ. Dieser aber leitete alles mit Hinterlist und suchte, wie ich glaube, das Land [für eigene Zwecke] zu erkunden und einige Städte und Völker der Araber mit den Römern zu erobern, sich selbst aber, wenn diese durch Hunger, Drangsale, Krankheiten und anderes Ungemach, das er ihnen durch Hinterlist bereitet hatte, vernichtet wären, zum Oberherrn aller aufzuwerfen.
   Gallus also landete beim Flecken Leuké, als sein Heer schon von Mundfäule und Schenkelschwäche, zwei einheimischen Krankheiten [vermutlich Skorbut], befallen war, indem bei einigen der Mund, bei anderen die Schenkel eine gewisse Lähmung zeigten, eine Wirkung des Wassers und der Kräuter. Daher war er gezwungen, zur Wiederherstellung der Kranken den Sommer und Winter in Leuké zu verweilen. Aus diesem Flecken Leuké nun werden die Waren nach Petra, von da aber nach Rhinokolura im Phönizien neben Ägypten und von dort wieder zu anderen Völkern gebracht, jetzt jedoch größtenteils auf dem Nil nach Alexandria. Aus Arabien und Indien aber werden sie nach Myoshormos geführt, dann gelangen sie über Land auf Kamelen nach der an einem Kanal des Nil in der Thebais gelegenen Stadt Koptos [das heutige Qift in der Nähe von Luxor] und dann nach Alexandria.
   Vom Flecken Leuké nun mit dem Heere wieder aufgebrochen, zog Gallus zufolge der Treulosigkeit der Wegweiser durch so dürre Gegenden, daß sogar Wasser auf Kamelen mitgeführt werden mußte. Daher gelangte er erst nach vielen Tagen in das Land des Aretas, eines Verwandten des Obodas. Zwar nahm Aretas ihn freundlich auf und überreichte ihm Geschenke, aber der Verrat des Sylläus erschwerte auch hier den Durchzug. Denn auf Umwegen durchzog er in dreißig Tagen dieses Land, das nur Spelz, wenige Datteln und Butter statt des Öles lieferte.
   Das nächste Land, in das er kam, war von Wanderhirten bewohnt und in der Tat größtenteils wirklich menschenleer: Es hieß Ararene, und der König war Sabos. Auch dieses Land durchzog er auf Umwegen, fünfzig Tage verschwendend, bis zur Stadt Negrana und ihrem friedlichen und fruchtbaren Lande. Der König entfloh, die Stadt aber wurde mit Ansturm genommen. Von dort kam er nach sechs Tagen an einen Fluß. Als sich hier die Barbaren auf Kampf einließen, fielen von ihnen gegen zehntausend, von den Römern aber zwei Mann; denn diese völlig unkriegerischen Menschen verstanden nichts vom Gebrauch der Waffen, nämlich Bogen, Lanzen, Schwerter und Schleudern, die meisten aber bedienten sich zweischneidiger Äxte. Bald danach eroberte er auch die von ihrem Könige verlassene Stadt Aska. Von hier kam er zur Stadt Athrulla. Nachdem er sie ohne Kampf erobert, eine Besatzung hineingelegt und Getreide und Datteln als Mundvorrat beschafft hatte, gelangte er zur Stadt Marsyaba beim Volk der Rhamaniten, die Ilasaros beherrschte. Sechs Tage lang berannte und belagerte er sie; aber wegen Wassermangels gab er auf. Er war hier, wie er von den Gefangenen hörte, zwei Tagesreisen vom Gewürzlande entfernt.
   Auf diesen Zügen verbrachte er, treulos geführt, eine Zeit von sechs Monaten. Er erkannte es bei der Umkehr, zu spät die Hinterlist durchschauend, und zog auf einem anderen Wege zurück. Am neunten Tage also kam er nach Negrana, wo das Treffen geliefert worden war, und von da am elften zu den nach der Sache selbst benannten Sieben Brunnen. Von hier gelangte er schon durch friedliches Land zu dem Flecken Chaalla und wieder zu einem anderen, an einem Flusse gelegenen, mit Namen Malotha. Dann ging der Weg durch eine wenige Wasserquellen enthaltende Wüste bis zum Flecken Egra, der im Lande des Obodas am Meer liegt. Den ganzen Weg vollendete er auf dem Rückmarsche in sechzig Tagen, während er auf dem Hinweg sechs Monate zugebracht hatte. Von Egra setzte er das Heer in elf Tagen nach Myoshormos [am ägyptischen Ufer des Roten Meeres, südlich von Hurghada] über, von wo er nach Koptos ging und mit den noch Dienstfähigen [auf dem Nil] nach Alexandria hinabfuhr. Die übrigen hatte er verloren, nicht durch Feinde, sondern durch Krankheiten, Drangsale, Hunger und schlechte Wege; denn durch Krieg waren nur sieben umgekommen.
   Aus diesen Gründen brachte auch der Feldzug der Kunde dieser Gegenden keinen großen Nutzen; dennoch hat er sie etwas gefördert. Die Schuld des Misslingens aber fällt auf Sylläus. Jedoch büßte der zu Rom die Strafe, da er, zwar Freundschaft heuchelnd, jedoch außer jener Treulosigkeit noch anderer Verbrechen überführt, enthauptet wurde.

Strabo
Erdbeschreibung in siebzehn Büchern
Übersetzt von C.C. Groskurd
Berlin/Stettin 1831-1834

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Arabien, 25 v. Chr. bis 2000 n. Chr.
Wien 2002

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