Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Gefangen in Sif
Jemen

24. August. Vor der Stadt Sif fand ich mehrere Tausende von Beduinen versammelt, die am folgenden Tage der Syara [Versammlung] des Scheich Sayid Ibn Yassa el-Amud in dem ½ Stunde entfernten Qahdun beiwohnen wollten.
   Kaum im Gewühl angelangt, rief man von allen Seiten: »Das ist der Spion der Ferengi!« Und der ganze Haufe stürzte auf mich los, riß mich vom Kamel, entwaffnete mich, band mir unter Mißhandlungen die Hände auf den Rücken und führte mich mit blutendem Gesicht und staubbedeckt vor den daselbst herrschenden Sultan Ali Mohammed Ibn Abd Allah Ibn Noman Ben Sayid Ibn Yssa el-Amud. Alles drängte sich mit mir nach bis in die Stube, wo der Sultan sich befand, und die bald bis zum Ersticken mit Beduinen erfüllt war. Wie rasend schrie diese durcheinander, daß ich von den Ferengi in Aden ins Land geschickt sei, um es zu erforschen, und daß er mich solle hinrichten lassen.
   Der Sultan fing nun an mich auszufragen, und ich beantwortete seine Fragen so ausführlich wie möglich. Jedoch ließ man mich nicht lange reden und der ganze Schwarm übertobte mit seinem Geschrei meine Worte. Meine Lage war im höchsten Grade kritisch; denn obwohl ich bemerkte, daß der Sultan unentschlossen umhersah, wußte ich doch zu gut, daß er am Ende seinen Beschützern nachgeben mußte, und ich erwartete deshalb jeden Augenblick, daß er den Befehl zu meiner Hinrichtung geben würde. In diesem Augenblick voll unbeschreiblich bitterer Gefühle, den ich für alle Schätze der Welt nicht noch einmal durchleben möchte, in dem die Ereignisse meines Lebens und die Gestalten meiner fernen Lieben gleich den immer wechselnden Bildern eines Kaleidoskops an meiner Seele vorüberzogen, in diesem entscheidenden Augenblick drängten sich die Scheichs Habyb und Abed el-Qadir durch die tobenden Beduinen und erklärten laut, daß, da ich unter ihrem Schutz stände, der Weg zu mir nur über Leichen gehen könne, und zu gleicher Zeit löste Habyb die Stricke, mit denen ich gebunden war.
   Gleich darauf kam auch der Scheich des Stammes El Mahfus und erklärte sich als Beschützer der Stadt Meched Ali auch zum Dachayl [Beschützer] des Schützlings Scheich Habybs. Andere Scheichs kamen nun auch herzu und verlangten, daß die Ulema und der Kadi über mein Schicksal entscheiden und ich bis dahin Gefangener sein sollte. Man brachte nun eine kurze eiserne Stange, an deren Enden Fußschellen angebracht waren, schloß meine Füße hinein und brachte mich eine Treppe höher in ein kleines Gemach, wohin mir durch die Fürsorge meiner Beschützer meine Sachen gebracht wurden. Gegen Abend kamen meine beiden Freunde mit dem Scheich der Mahfus und sagten mir, daß die Entscheidung der Ulema erst nach der Syara stattfinden würde; ich sollte daher nur unbesorgt sein, denn sie würden nicht zugeben, daß mir ein Leides geschehe. Übrigens wurde ich mit allem versehen, was ich brauchte.
   Die Stadt Sif zählt ungefähr 3.000 Einwohner und ist mit Feldern umgeben, welche durch zwei Kanäle bewässert werden, deren Lauf ich von meinem Gemach aus deutlich sehen konnte; einer derselben kommt aus dem Wadi Doan, der andere aus dem Wadi Ayssar. So weit mein Blick reichte, sah ich weder Dattelpalmen noch andere Bäume, und das ganze Wadi hatte ein ödes und trauriges Ansehen. Sif gehört schon zum Wadi Hadscharym.
   26. August. Am 26. abends kam Scheich Habyb zu mir und benachrichtigte mich, daß die Ulema und die Scheichs den Ausspruch getan hätten, daß ich unter der Bedingung freigelassen werden solle, alles herauszugeben, was ich während der Reise geschrieben, und direkt nach Mukalla zurückzukehren. Dieser Nachricht zufolge sammelte ich alle die kleinen Heftchen, in die ich während der Reise meine Notizen mit Bleifeder verzeichnet hatte und mir nichts mehr nutzten, da sie immer mit Tinte von mir ins reine geschrieben waren. Zu diesen fügte ich noch zwei Ansichten und einen Bogen, auf welchem Instruktionen zur Anwendung der Medikamente geschrieben standen; von der himyarischen [vorislamischen] Inschrift machte ich eine Abschrift und fügte sie zu den anderen; alles andere versteckte ich in den Körben unter den Arzneien.
   Am 27. früh kamen der Sultan, der Kadi von Sif, drei Ulema, meine Beschützer und die Scheichs von Mahfus und Asswad zu mir ins Zimmer und verlangten, nachdem sie sich niedergelassen hatten, die Auslieferung der Papiere. Nachdem ich ihnen die für sie vorbereiteten Schriften übergeben hatte, fragte mich der Kadi, was das für Schrift sei, worauf ich ihm zur Antwort gab, es sei türkisch. Zum Glück war keiner zugegen, der die türkischen Charaktere kannte oder wußte, daß sie mit den arabischen ein und dieselben sind. Der Kadi verlangte hierauf einen Napf mit Wasser, in welchen er die Papiere, nachdem er sie in kleine Stückchen zerrissen hatte, warf, einige Gebete über sie sprach, sie hierauf zu einem Brei verarbeitete und mit einem »Bismillah (Im Namen Gottes)« zum Fenster hinauswarf. Nun setzte sich der Sultan neben mich und machte sich über meinen Quersack, aus dem er alles hervorzog und betrachtete. Alle Gegenstände, die ihm gefielen, legte er auf die Seite und sagte, daß ich sie ihm zum Andenken schenken möchte; so beschenkte er sich denn mit einer Schere, Rasiermesser, Spiegel und anderen Kleinigkeiten. Endlich fand er auf dem Grund des Quersacks den Beutel, in welchem ich mein Geld verwahrte, und erklärte mir ohne weiteres, daß er mir das nicht zurückgeben könne, indem ich sonst meine Reise wieder fortsetzen würde. Hierin hatte er auch vollkommen recht, denn im Fall, daß er es mir gelassen hätte, hätte ich, einmal aus seiner Gewalt, unter Beduinenschutz meine Reise nach Meschhed Ali und Qabr Hud fortgesetzt. Aus diesem Grund protestierte ich gegen die Fortnahme meines Geldes und fragte ihn, wie ich es denn ohne Geld anfangen solle, seinem Willen gemäß nach Mukalla zu reisen? Worauf er mir erwiderte, daß das seine Sache sei, er würde mir Proviant genug und einen Dachayl bis ans Meer geben. Hiermit stellte ich mich aber nicht zufrieden und bemerkte, daß ich von Mukalla bis Ägypten noch einen weiten Weg habe und ohne Geld nicht dahin gelangen könne. Auf diesen Einwand nahm er aber keine Rücksicht und steckte den Beutel mit den Worten in seinen Gürtel: »Allah ist groß! Er wird dir schon helfen!«
   Den Korb mit den Medikamenten ließ er unbeachtet, als ich ihm sagte, was er enthielt. Man nahm mir nun meine Fesseln ab und übergab mich einem Beduinen des Stammes El Hammam ed-Dynn, einer Abteilung des Stammes Beni Sayban, mit den Auftrag, mich geraden Weges nach Mukalla zu bringen und darauf zu achten, daß ich während der Reise das Land nicht »aufschriebe«. Schon glaubte ich alles berichtigt, als der Sultan mich fragte, wo ich die Dose hätte, in der sich etwas bewege? Ich tat, als ob ich ihn nicht verstünde und erklärte, keine solche Dose zu besitzen. Damit ließ er sich aber nicht abspeisen, sondern öffnete mein Oberhemd und zog mir den Chronometer aus der Tasche, den ich sogleich öffnen mußte. Der Chronometer ging nun von Hand zu Hand und ein jeder stöberte mit dem Finger darin herum. Endlich erklärte der Sultan ihn als sein Eigentum, da er mir dazu diene, das Land »aufzuschreiben«.
   Ungefähr eine Stunde später trat ich, ohne einen Pfennig Geldes zu besitzen, meine Rückreise nach Mukalla an.
   
Wrede, Adolph von
Reise in Hadhramaut
Braunschweig 1870

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Arabien, 25 v. Chr. bis 2000 n. Chr.
Wien 2002

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